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Umgangston im Geddo. Ein Sprachführer

6. Juni 2011

Isch figgdisch! – Muddersprachler versucht, sich zu artikukalkulieren...

„Bei uns, wir Türken“, strahlt mich meine einschlägige Gewährsfrau an, die es wissen sollte, „müssen wir immer schreien. Wir Türken schreien IMMER. Das IST so!“„Das kannst du laut sagen“, wollte ich schon antworten. Aber geschenkt. Nebenbei: Ist das eigentlich so ein Testosteron-Ding wie Brusthaare oder starker Achselschweiß, dass man immer mit quietschenden resp. kreischenden Reifen anfahren muss? Je mickriger der Twingo oder Opel Corsa, desto mehr scheint man vorgeben zu müssen, einen Fluchtwagen zu fahren!

Generell gibt es Leute, ethnischer Hintergrund jetzt mal egal, die sich ihrer eigenen Existenz nur sicher sind, wenn die Welt von ihnen vernehmlich widerhallt. Hat der Nachbar unter mir eheliche Differenzen, wispert er nicht etwa galant: „Verehrte liebe Gattin, wir haben da eventuell einen Dissens“, sondern es brüllt Gefängnishof füllend: „Du blöde Votze, ich knall dir gleich eine!“ – „Herzlichen Dank, dass ich an eurem spannenden Leben teilhaben darf“, sage ich leise, laut aber rufe ich zum Fenster hinaus „Hol dich verdammt noch mal der Teufel, du scheiß Brüllaffe!“ – So geht es bei uns zu, ich schwör, Punk und Pogo den ganzen Tag!

Der Ton ist, soweit ich die Sprachen draußen verstehe, roh, ungehobelt und herzlos. Ich hab schon immer das Volumen afrikanischer Frauenstimmen geschätzt. Nach zwei Jahren im Viertel weiß ich immerhin, wo sie das üben – auf der Straße unter meinem Wohn-Büro nämlich, auf der sie ihren erbarmungswürdigen Männern, die schon hundert Meter weit weg auf der Flucht sind, soulig-barocke Flüche nachröhren, wobei sich das in ihrem Dialekt verblüffend melodisch, erotisch-guttural und eminent stimmig anhören kann.

Die Frauen sind überhaupt im Kommen. Wie? Doch, doch. Zum Beispiel letzten Freitag im Straßen-Café auf dem Brückenplatz: Ein baumlanger, natürlich in keiner Hinsicht verallgemeinerbarer mutmaßlicher Südosteuropäer mit schwarzer Ballonseidenhose (die mit den drei weißen Längsstreifen), ultra-knappem Muskel-T-Shirt und dicht behaartem (!) Schwellkörper-Bizeps, tigert unruhig vor meinen Tisch hin und her. Er muss, was ich persönlich gar nicht wahnsinnig männlich finde, ein geradezu übertrieben winziges Möpschen oder Pinscherchen beaufsichtigen, das sich gerade an meinen Kuchenkrümeln gütlich tun möchte.

Der Finstermann misst mich mit Killer-Blicken, als hätte ich versucht, mir seinen Schoßmops quer aufs Brötchen zu legen. Bedrohlich lässt er diverse Muskeln zucken. Oha! Gleich brüllt er und trommelt sich auf die Brust, denk ich noch, doch in diesem Moment taucht die Freundin des Muskelberges auf; ein betörend hübsches Püppchen, etwas kleiner als Shakira, also etwa 1,52m und 40 Kilo, stemmt die Ärmchen in die Seite und begießt den Riesen mit einem Schwall mutmaßlich südosteuropäischer Flüche und Verwünschungen.

Der Mannomann sinkt getroffen auf ein Stühlchen, während seine Gespielin oder Herzensdame jetzt in fehler- und akzentfreies Hochdeutsch verfällt: „Jetzt hör mal gut zu, du blödes Arschloch“, schmettert sie, fast im Heldinnen-Sopran, „wenn ich soo mache“ (sie schnipst mit den Fingern), „dann hast du gefälligst anzutanzen und nicht hier irgendwo abzuschmieren, ooooh-kay?!“ Der Ballonseide-Gorilla zieht eine Schnute und will was sagen, aber gerät an die Falsche, die jetzt schon wirklich schneidend wird: „Und wenn ICH rede, dann hältst du gefälligst mal dein scheiß blödes Maul, jaah?!“ Aus dem Gorilla entweicht die letzte Luft. Mehr als kleinlaut fingert er ein Tütchen Gras aus der Hosentasche, um eine große Tüte zu drehen. Seine Hände zittern aber dabei so stark, dass er das schöne Gras überall verkrümelt. Dies wiederum scheint sein Minne-Fräulein zu rühren: Jauchzend fällt sie ihm um den Stiernacken, bedeckt ihn mit Küssen und pflückt ihm, schon beinahe unanständig sorgfältig, die kostbaren Gras-Krümel aus dem Schoß. – War also alles vielleicht nicht wörtlich zu nehmen.

Schon eher wortwörtlich gemeint war mein sonores, aus tiefstem Herzen kommendes „Sag mal, geht’s noch, du Arschloch?!!“, eine zugegeben rhetorische Frage, die ich an den Fahrer (mutmaßlich südosteuropäischer Herkunft) eines schwarzen SUVs richtete, der in der Spielstraße mit ca. 60,70kmh auf mich zubretterte und mich beinahe mit letalem Ausgang vom Fahrrad geholt hätte. In Todesnähe kann ich schon mal sehr direkt werden. Die Antwort? Blödes Glotzen und „Isch figgdisch, Alder!“ Nun bin ich als gelernter Sprachmagister auch des lokalen Straßenidioms mächtig und hätte also korrekt antworten müssen: „Unnisch fffigg d’eine Mudder!“ – Die Frau Mutter freilich, eine Matrone oder Fregatte vom Typ anatolischer oder bulgur-türkischer Pinguin mit Kopfputztuch und beigem Bodenfeger-Mantel, saß aber auf dem Beifahrersitz. Also besser nicht. Zuverlässig schlug meine Erziehung zu Buche und ich schwieg höflich, wenn auch grimmig und blitzenden Auges Blicke aussendend, die schon getötet haben.

„Was ist denn mit DIR los“, fragt die Gattin, bei der ich, glücklich angekommen, Möhren schäle, aber auf ungewöhnlich aggressive und brutale Art und Weise. – „Keine Ahnung, weiß auch nicht“, antworte ich sanft zurückhaltend, „irgendwie bin ich heute wohl auf Krawall gebürstet. Ich weiß auch nicht, warum…“ Die Gattin, pragmatisch wie immer, diagnostiziert messerscharf: „Du musst da weg, Mensch!“

Hömma, reetma annstänniches Deutsch!

19. September 2009
Foto 120

"Gee ma nach dä Leerer hin, den Kraska, weisse, der tut dich ma richtichet Deutsch beibring!" (Kraska reloaded, mit Hartzeichner)

Hömma, lezze Tage waretja schomma bisken heabslich, et waa dauernd am fisseln  oda sogaa am pläästern, et wuhrt iarnxwie schon so kühl, weisse, also gezz nich direkt kalt, datt nich, nä, aber doch, womma sagn, bisken usselig, weisse, da konnze aams gut schomma n Jöppchen überziehn, dattatich nich frieat. Aba, kumma, gezz seit heut Moagn isset wieda so, dasse fass denkn kannz, dä Sommer wä nomma am Zurückkommen. Ettis ja auch Altweiba, also gezz nich von Kaanewaal der Donnerstach, wo die Weiber am Saufn unn die Keahle am Anbaggern sinn, oda die ihre Schlipse abschneidn, sondern ehmd dieset wuundaschöne Spätwetter, die Ammis, habbich maa gehört, tun dat angehblich Indiana-Sommer nennen. Mia is dat blooß recht, weisse, weil, Mopped is immanoch inne Werkstatt am repariat wern, schon zwei Taage am Stück, und ich muß donnoch dringt nachm ALDI, Frischbiah holen für Fuußball nachher, verstehsse, da sitz ich mipm Achim und seim Schwager vor dä Fernseher, unn gezz kannisch dat allet zufuuß schleppn, boah weisse, dat ganze Diebels für drei Mann und noch von diese Kaattoffel-Tschips, und, Keahl! die Frau will ja aunoch nach dä Arzt, weil die wieda so Last mittie Beine hat wie vories Jaa, kompt von dat ewige Stehn im Laadn, weisse, und denn tuusse dich als Schuhfachverkäuferin ja au stännich bücken und bis am Kriechn vor die Kunden, dat geht natüalich orntlich int Kreuz, da kannze gaa nix machen. Schuhe verkaufm ist auch nich besser als wie Beeachmann aum Pütt, sacht die Frau immer. Is eintlich wat dran, oda… oh… –

Kumma, da drüüm geht der olle Mufti hia von die Moschee umme Ecke, du, dattis isn ganz dolla, dat sachich dia! Guck dich den sein Baat an, do! und dieset Turban-Gedöns! Nä geh mich wech mit soon Scheiß, du. Verstehsse, ich pasöhnlich hab gezz nix gen die Türken oda so, aba hömma, unta uns, isch trau die Brüda nich! Dieset ganze Reeljonsgedööns, Mensch. Als ich no’ aum Pütt maloocht hab, da waan die Brüder immer einen Monat zu nix zu gebrauchen, weil die da wieda am Hungan waan, wegen der Rammedam, dattis dene ihre Zwanxfasterei, weisse. Da düüafn die ganzn Tach nix essen und trinken, auch sonst praktisch nix, keine Zichten und mit die Alte poppen ist aunich! Gestern habbich noch zu den bekloppten Memmmed vone Bude gesaacht: Na, ihr bescheuerten Ramedanea, machter wieda Hungerkur unn dann die ganzze Nacht wieda am Futtern, ia Bescheuertn! Nä, is aba bloß Spaaß, weisse, dat weiß der Memmmed auch. Ich uutz den manchma bisken, aba wenn die denen ian Zuckertach haam, sach ich schon auch Froo’et Fest zu die Nachbarn, nä?*

Ruhrdeutsch – einige Zeit hat man gerätselt, ob das jetzt ein Dialekt ist, ein Soziolekt oder einfach bloß falsches Deutsch. Jetzt hanben sich die Linguisten darauf geeinigt, daß es sich um einen Regiolekt handelt. Übrigens, ein weiteres Gerücht ist auch falsch: Ruhrdeutsch nicht nicht aus der Kreuzung von Deutsch, Polnisch und Rotwelsch entstanden, sondern es handelt sich um ein Gemisch und Gemenge zweier niederdeutscher Sprachformen – im Westen des Niederheinischen, im Osten des Ruhrgebiets des Westfälischen. – Auf der informellen Hausversammlung bei mir vorm Haus im Viertel hört sich das wie oben.

*Wers braucht, hier die hochdeutsche Übersetzung:

Hör mal , in den letzten Tagen war es ja schon einmal ein wenig herbstlich, dauernd nieselte es oder es regnete sogar stark und es wurde irgendwie schon so kühl, also nicht wirklich kalt, das nicht, nicht wahr, aber doch frösteln machend, weißt du, da konntest du abends schon eine leichte Jacke überziehen, um nicht zu frieren. Aber jetzt, seit heute morgen ist es wieder so, daß man denken könnte, der Sommer sei zurückgekommen. Es handelt sich ja auch um Altweiber, also jetzt nicht den Donnerstag vor Karneval, an dem die Frauen ein Schlückchen trinken, mit den Männern scherzen oder ihnen die Krawatten abschneiden, sondern eben dieses wunderbare Spätsommerwetter, das die Amerikaner, so hörte ich, Indianersommer nennen.

Mir ist das nur recht, weißt du, denn mein Motorroller befindet sich schon seit zwei Tagen zur Reparatur in der Werkstatt, und ich muß doch zum Discounter ALDI, um neues Bier zu einzukaufen für den späteren Fußballabend, verstehst du, denn da werde ich mit dem Achim und seinem Schwager vor dem Fernsehgerät sitzen, und jetzt kann ich das alles zu Fuß besorgen, tatsächlich, weißt du, das ganze Diebels-Altbier für drei Mann und außerdem noch Kartoffel-Chips, und, ach ja! Mann! meine Frau will ja auch zum Arzt, weil sie Probleme mit den Beinen hat wie schon im vorigen Jahr. Es kommt wohl vom langen Stehen im Geschäft,weißt du, denn als Schuhverkäuferin bist du ja gezwungen, dich häufig zu bücken und vor den Kunden auf den Knien herumzurutschen, das geht dann in den Rücken, da kann man nichts dran ändern. Schuhe zu verkaufen, sagt meine Frau, ist auch nicht leichter als die Arbeit des Bergmannes im Kohlebergwerk! Daran ist schon etwas, oder? Oh, schau, da drüben geht der Geistliche der nahegelegen Moschee, du, ich sag dir, das ist ein ganz fundamentalistischer! Schau dir nur dessen Bart an und den Turban, oder wie diese Kopfbedeckung genannt wird. Nein, bleib mir vom Leib mit solchem Unfug, du! Verstehst du, ich persönlich habe nichts gegen die Türken oder dergleichen, aber höre mal, unter uns, ich hege ein gewisses Mißtrauen gegen diese Leute. Dieses ganze religiöse Getue, Mann! Als ich noch im Kohlebergwerk arbeitete, waren unsere muslimischen Arbeitskameraden in der Regel einen Monat lang zu nichts zu gebrauchen,weil sie hungerten, am Ramadan, das ist so ein Zwangsfasten, verstehst du? In jenen Tagen dürfen sie nichts essen, trinken, auch ansonsten eigentlich nichts, auch keine Zigarrette – und selbst der Austausch geschlechtlicher Zärtlichkeiten mit der Ehefrau ist ebenfalls verboten. Gestern noch habe ich (quer über die Straße brüllend) den lustig-originellen Mehmed, den Betreiber des Getränke-Kiosks, angeredet: Nun, ihr etwas fremdartigen, aber selbstverständlich respektierten Ramedaner, befindet ihr euch wieder beim Fasten und holt das Essen überreichlich des Nachts wieder nach, ihr zum Dialog herausfordernden Andersgläubigen? – Nein, aber im Ernst, weißt du, das ist nur freundliche Neckerei, dies ist auch dem Mehmet bewußt. Ich necke ihn halt gelegentlich ein wenig, aber wenn die muslimischen Mitbürger zum Abschluß des Ramadan-Monats das Zuckerfest feiern, entbiete ich diesen Nachbarn selbstverständlich auch einen besonderen Gruß und Glückwunsch, nicht wahr?