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Deutsche Vokabeln (I)

12. Dezember 2011

Aus meinem Vokabelheft

Es gibt Wörter, die einen, sofort wenn man sie liest, umgehend wissen lassen, dass man auf irgendeine sei es offene, sei es heimtückische Weise betrogen werden soll. Ein solches Wort ist: lichtdurchflutet. Kein normaler Mensch, der seine Groschen beieinander hat, benutzt dieses Wort! Es wurde ausschließlich für Makler, Inneneinrichter und anderes Immobiliengelichter hergestellt, um Bauerntölpel hereinzulegen oder wehrlose Witwen mit Feng-Shui-Spleen zu betören, ein Wort, das seinen windigen Charakter mit Lava-Lampen, Lametta und Lavendel-Raum-Deo teilt. Wozu Inneneinrichter da sind, möchte ich ja auch mal wissen. Wer ist denn zu blöd, sich selber ein paar Möbel und etwas Geraffel ins Zimmer zu stellen? Lichtdurchflutet entstammt jedenfalls, glaub ich, der beschränkten Phantasie von ausgebrannten Herstellern von Margarine-Werbefilmen, wo immer diese intakte blonde Familie unter einem Apfelbaum im Garten sitzt und Margarine frühstückt. Manchmal vielleicht zur Abwechslung unter einer Kastanie oder einem Walnussbaum, auf jeden Fall ist es immer das gleiche pausbäckige Gesundheits-Pack, das sich auf Teufel komm raus Brote schmiert, immer bloß Margarinebrote, mit nichts weiter drauf, weil das gute Laune macht. Die Szene ist generell lichtdurchflutet, weil Margarinestullen im Dunklen nicht schmecken und zu sehr an schlechte Zeiten erinnern. Ansonsten sind die Wartezimmer von Psychotherapeuten natürlich zwangsläufig lichtdurchflutet, weil Ikea-Möbel viel Sonne brauchen, um nicht zu Staub zu zerfallen; hinter der Polstertür lauern indes in dunklen Höhlen gescheiterte Freud-Jünger darauf, dass man zu ihnen eine Übertragungsliebe entwickelt. Deprimierend.

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 Ein Wort mit verblüffender Ausstrahlung ist Klemmbrett. Es spiegelt das irgendwie verklemmte, klamme, ängstlich sich anklammernde Bürokratenseelchen perfekt wieder, das mit einem solchen ängstlicherweise ausgerüstet ist, weil es immer in der Furcht lebt, dass seine Zettelwirtschaft durcheinander kommt; beklemmend verklammert damit das dünne, dennoch kaum zu bohrende verholzte, blickdichte Brett, eine ärmliche, eckige, sperrige Existenz, das Laptop des kleinen Mannes, die Wichtigkeitsattrappe einer verbohrt bestirnten Papier-Existenz: Voilà, un Klemmbrett! Wort, Gegendstand und Wichtigmann bilden eine Einheit, derart fulminant und desaströs zu gleich, dass ich schon lachen muss, wenn ich bloß das Wort höre: Klemmbrett. Außerdem klingt es wie ein preußischer Kasernenhof-Imperativ, schnarrend und herrisch: Klemm, Brett! Und Brett klemmt natürlich aufs Wort.

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 Ein Adjektiv, das mich als Kind auf unklare, vage Weise geängstigt, oder doch merklich beunruhigt hat ist fleischfarben. Ein gleißnerisches, listiges, verschlagenes Transen-Wort, das so sinnlich-konkret herausgeputzt ist, in Wahrheit aber gar nichts besagt, denn Fleisch hat ja gar keine Farbe! Bzw. alle möglichen Farben von dunkelbraun über tiefrot bis fast weiß, je nachdem ob rare, durch oder medium. Wie also nun? Unsere Mütter trugen fleischfarbene Hüfthalter. Heute halten Hüften von alleine oder sie werden ratzfatz durch künstliche ersetzt. Wer sich nicht entblödet, ein fleischfarbenes Trikot zu tragen, offenbart seine heuchlerische Gesamtverfassung – er will nackt aussehen, aber nicht nackt sein. Man stelle sich das vor: Fake-FKK! Ein ganzer Strand mit Leuten, die fleischfarbene Badekleidung tragen (und jeden Tag einen Ton dunkler?). Wer möchte denn so etwas? Wer fleischfarben sagt, meint eigentlich mitteleuropäisch-hautfarben, also so ungefähr käsig-beige-rosa. Warum Frauen früher immer Unterwäsche von solcher Farbe trugen, habe ich nie verstanden. Schwarz war verrucht, lila war nuttig, chamois war mondän: fleischfarben war nur Mutti.

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 Wäre letzteres womöglich eine frivole Behauptung? Frivol, wiewohl und obschon ein sittlich motiviertes, anstandsgeschwängertes Wort der Mahnung und Kritik, wird nicht mehr viel verwendet, ja kaum noch verstanden, weil der dem Wort zugrunde liegende Straftatbestand uns irgendwie abhanden gekommen ist. Das Wörtchen grassierte in der Zeit, als Lieder wie „Püppchen, du bist mein Augenstern“ oder „Ich möchte’ dein Badewasser schlürfen“ die Charts stürmten. Sein Strumpfband zeigen, Champagner aus Pumps trinken, sexualitätsbezogene Songs grölen – das galt mal als frivol. Später, nach dem Krieg, wars mal grade noch frivol, wenn man auf Opas Beerdigung eine flotte Polka auf dem Schifferklavier spielte. Und heute? Im Zeitalter des schwülen Digital-Porno, der schwulen Schwundminister und schwadronierenden Schwindeldoktoren schwand uns der Sinn für das schwierige Wort. Nun ist es fast fort. Wie gern wär ich noch ein bisschen frivol!

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Vielleicht, indem ich hartleibig und uneinsichtig weiterhin die bezaubernde Vokabel Friseuse verwendete? Was für eine brausepulverhafte, süß-selig säuselnde, sirrende, sirenenhafte Sehnsuchtsvokabel! Schon das Wort duftete berauschend, erregend, auf Jugendliche sogar beinahe aufpeitschend. Jetzt ist es schnöde verboten wie Negerschnitzel und Zigeunerkuss; wers noch gebraucht, gilt als uncharmant und altbackener Hagestolz. Friseuse – das reimte sich auf nichts, das war sanft, liebenswürdig und schmiegsam wie, äh, wie…Wie liebte ich das Wort einst und die holden Weiblichkeiten, die es mit Würde trugen! – Friseurinnen? Wie hört sich das denn an! Man sagt doch auch nicht Friteurin, Diseurin oder Chanteurin! Für die Kopfmassage bei einer Dame, die ich noch Friseuse nennen dürfte, zahlte ich voll Aufpreis! Und, um mal etwas frivol zu werden, ich sag zu einer Möse auch nicht Möhrin! Ach, die alten Wörter! – Demnächst möchte ich über die famose Interjektion ach etwas schreiben. Ach!

Zu oberflächlich für gute Träume

23. Juli 2011

Ziemlich guter Traum

Mein englisches Lieblingswort ist derzeit „weird“. Das vorab. – Jetzt was anderes: Wie ich aus dem Fernseh (wo auch sonst her?) erfuhr, gibt es in unserem Land ein Bundessortenamt, worin sich hochspezialisierte Spezialexperten unter anderem um die züchterische Sortenreinheit von Schnittblumen kümmern. So löblich und beruhigend ich das finde – wer stellt sich schon gern gengepanschte Blumenplagiate in die Vase! –, so bedauerlich und fragwürdig finde ich, warum es dann nicht auch ein Bundestraumamt gibt, wo man sich man mal beschweren könnte, wenn man fast ausschließlich von phantasielosen, grottenlangweiligen und dramaturgisch stümperhaften Träumen ohne Sinn und Pointe heimgesucht wird.

Meine Träume sind meistenteils derart öde, dass ich dabei einschlafe, worauf der fade Striemel, anders als wenn man vorm Fernseher einschläft, leider unerbittlich von vorne beginnt. Ich hab schon überlegt, ob ich es mal mit Drogen versuche, aber andererseits, wo nichts ist, kann auch Chemie nichts rausholen, oder? Auf mich trifft ein Satz zu, den ich mal in einem Film gehört habe: „Tief im Inneren bin ich wahrscheinlich total oberflächlich“. Sonst würde ich doch von futuristischen finnischen Städten träumen, von einbeinigen Zwergen mit hohem, spitzen Hut, von Barockkantaten singenden Kastratentunten, von Einrad fahrenden Riesenweibern, blutüberströmten Christussen  und allerhand handkolorierter, phantastisch-surrealer Zirzensik!

Stattdessen verdinge ich mich im Traum als Profifußballer in einem Drittligaverein, und zwar als Torhüter, was für einen Traum schon mal ein selten dämlicher Anfang ist, wenn man Fußball nur aus dem Fernsehen kennt und im Leben noch nicht einen einzigen Ball gefangen hat! Schon im Traum wurde mir deswegen bänglich und ich behalf mich nur notdürftig mit der im Wachleben oft praktizierten Einsicht, dass man, wenn man von was keine Ahnung hat, dann halt eben improvisieren muss. Schon stand ich in der Anfangsformation, angetan mit einem kanariengelben Trikot, welches das Verstecken auf dem Rasengrün gründlich verunmöglichte, an den Händen zudem unförmig riesige Handschuhe, in denen ich meine Finger nicht fühlen konnte. Dann ging es schon auf den Platz. Der freilich war, typisch Traum, extrem unübersichtlich und erstreckte sich über mehrere Kilometer unwegsames Gelände. Er begann mit dem gegnerischen Tor auf einem asphaltierten Schulhof und führte quer durch Brachland bis an den Stadtrand, wo ich frierend, hungrig und deplaziert in meinem „Kasten“ auf den Angriff wartete, der aber nicht erfolgte.

Ich kürze ab: Es waren Stunden vergangenen, ehe der feindliche Sturm vor meinem Vororttor auftauchte, und sie semmelten mir, der ich steif gefroren, unterfordert und unbeschäftigt herumstand, umstandslos den Ball ins Tor. Ich hechtete sinnlos in eine große Pfütze kalten Schlamms und erntete von den Rängen Hohn und Spott. Noch im Traum dachte ich: „Mist!“ und „Ich wusste doch, dass ich das nicht kann!“, aber die Schmach war bereits geschehen und ich auf die Knochen blamiert…

Wie gern würde ich mal aus einem Traum künstlerisch inspiriert, emotional gestärkt, metaphysisch getröstet oder wenigstens sexuell befriedigt erwachen, aber nein, meine Träume unterscheiden sich nicht vom realen Leben, das einem unerbittlich die eigene Unzulänglichkeit offenbart. Ich träume bloß, was ich auch sonst bin: Ein Hochstapler, der nicht kann, was er soll und sich für etwas hält, was er nicht ist. Durchschnitt, mit anderen Worten.  Ich meine, ich habe keine persönliche Traumtheorie, aber sind Träume nicht dazu da, das läppische Alltagsleben zu kompensieren, anstatt es zu verdoppeln? Warum soll ich ins Bett gehen, schlafen, träumen, wenn ich nachts genau so ein Alltagsmensch bin wie sonst auch?