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Last call for trolls

6. März 2014
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Trolle: Auslaufmodell mit geringem Abtropfgewicht

Eine meiner Lieblingsfiguren in Jim Jarmuschs Film Dead Man ist der Indianer Nobody, dem sein Volk den prachtvollen Namen He-who-talks-loud-and-says-nothing gab. Klasse Name auch für Trolle! Ein Troll, so haben mir im Internet wohnende Kindeskinder beigebracht, ist ein Mensch, zumeist männlichen Geschlechts, der irgendeine schwer erklärbare Befriedigung darin findet – sei es aufgrund ranzig gewordenen Testosteronüberschusses, sei es, mal ehrlich, weil es für in der Woche doch, zugegeben, ein bisschen viel Alkohol geworden ist –, des Nachts in den Kommentarspalten wildfremder Blogger sein verbales Leergut abzuladen, wobei es nicht unüblich ist, einen Schwall Invektiven, Insinuationen und Injurien darüber zu kübeln, denn der Troll hat ein Scheißleben, findet keine Beachtung und fühlt sich nutzlos und hässlich, und deswegen! Was soll man mit Trollen machen? Wichtigste Regel: Den Troll ignorieren, damit der Blutdruck runterkommt, die Schnappatmung sich legt und der ganze Mann ein wenig abschwillt, am besten auf seine vorherige siebengebirgige Zwergengröße. Das ist ein guter Ratschlag, kollidiert aber bei mir mit der beschämenden, kindisch-kleinlichen Eigenart, immer das letzte Wort behalten zu wollen.

Ich selbst habe persönlich fast nie mit Trollen zu tun: Meine LeserInnen sind sanfte, gütige und nachsichtige Geschöpfe, die gern ein bisschen schmunzeln; halten sie mal einen Text von mir für ausnahmsweise völlig missraten, gehen sie generös und gelassen darüber hinweg, klicken halt dann eben nicht auf gefällt mir und machen sich stattdessen lieber einen Becher heiße Milch mit Honig, weil das fast so gut für das Nervenkostüm ist wie über ein Textlein zu schmunzeln. Schmunzeln ist übrigens nicht nur ein hübsches, anheimelndes Wort, sondern auch eine viel zu selten ausgeübte Praktik mitteleuropäischer Zivilisiertheit, die keinem wehtut und praktisch nichts kostet. Wie schön, kuschelig und wangenzart ist ein leises Schmunzeln – und wie degoutant, ärgerlich und hautunverträglich kratzig dagegen das Genörgel und Gejammer der Trolle!

Wenn ich mir doch einmal einen einfange (vgl. letzten Kommentar zu „Über Geflügel“) wundert mich immer die klinische Eindeutigkeit des Befundes. Trolle sudeln ja nicht in meinem Textgärtchen herum, weil sie anderer Meinung sind – das dürfte auch schwierig sein, da ich entschiedene Meinungen entweder nicht besitze oder doch, aus Höflichkeit und Skrupolösität, nicht zur Äußerung bringe, sondern weil ihnen irgendwie meine ganze unseriöse Art nicht gefällt. Vage fühlen sie sich, nicht immer zu unrecht, ein bisschen auf den Arm genommen; das mögen sie so aber nicht stehen lassen, sondern schlagen im Gegenzug einen aufdringlich impertinenten, höhnischen Ton an, in dem sie mir – was? zunächst Rechtschreibefehler vorzählen! Die meisten Trolle sind ja Angehörige dieser ödesten und fadesten Spezies des Universums: Rechtschreiberechthaber! Darüber muss ich schon wieder schmunzeln, weil, für hungrige Orthographiefehlersammler sind meine Texte hier eine reich gedeckte Tafel: Ich schreibe gern bequem, d. h. etwas schlampig; außerdem bin ich Gelegenheitslegastheniker. Es gibt eine Reihe von Wörtern, die ich aufgrund irgendwelcher mysteriöser Fehlverdrahtungen im Sprachzentrum partout nicht auf Anhieb richtig in die Tastur bekomme: Astmophäre zum Beispiel, Plantane oder Lybien. Manchmal korrigiere ichs, manchmal lasse ichs stehen, damit die Pedanten was zum kauen haben.

In den meisten Fällen missfällt den Trollen vor allem mein Stil, was nur allzu verständlich ist. Merkwürdig nur, dass sie dann allesamt auf die Marotte verfallen, in ihrem Kommentar eben diesen Stil zu imitieren, vermutlich, um zu zeigen, dass sie hinter den sieben Bergen selbst tausendmal wortreicher, digressiver und sprachspielverliebter schreiben können als ich Nichtswürdiger, der das Geschreibsel gefälligst mal unterlassen soll. Oft kommen auch meine Charakterfehler zur Sprache, vor allem meine notorische Selbstverliebtheit oder, wahlweise, Selbsternanntheit, von der mich die aufgeblasenen Volkserzieher gratis und unverlangt kurieren zu müssen glauben. Kurieren zu müssen glauben? Genauso!

Das geistige Abtropfgewicht der Trolle scheint mir, zieht man Metylalkohol und endokrine Sekrete von der Trockenmasse ab, nicht eben beträchtlich, weshalb man ihnen mit einem Schmunzeln (s.o.!) zu begegnen mehr als einen Anlass hat – wenn man nicht sogar Grund und Verpflichtung zum Dank empfindet. Zum Bespiel für ein neues altes Wort. Um seiner Insultationslust freien Lauf zu lassen, schalt mich mein letzter Troll einen Diurnisten. Ich verehre zwar das Österreichische als eminent charmante Version der Muttersprache, beherrsche es aber nicht fließend, sodass ich nachschlagen musste.

Und dies verriet mir mein Chef-Linguist von der Wikipedia-Uni: Im josephinischen Wien waren Diurnisten die subalternen Beamten der zahlreichen Verwaltungsstellen, die zwar ein gewisses Ansehen genossen, aber nur ein bescheidenes Salär bezogen. Es waren Sekretäre, Registranten, Adjunkten, Konzipisten, Protokollisten, Ingrossisten, Kanzlisten, Akzessisten usw., die pünktlich allmorgendlich in den „Tintenburgen“ der Staatskanzlei, Reichskanzlei, Kriegskanzlei, Österreichisch-Böhmischen Kanzlei, Ungarisch-Siebenbürgischen Kanzlei, Niederländischen Kanzlei, Obersten Justizstelle, Münze, Oberst-Rechenkammer, Religionskommission, Studienkommission und im Rathaus verschwanden.“

Potz Blitz! Das nenn ich eine mit Geschmack gewählte Invektive – und schon wieder durfte ich ein neues Wort in den Rückenschlitz meines Thesaurus-Sparschweins werfen. Nächstens, beim Empfang zum 90. Geburtstag meiner schönen Nachbarin eingeladen, werde ich auf die allfällige Frage „Und was machen Sie so beruflich, junger Mann?“ mich verbeugen und preisgeben: „Ich bin ein legasthenischer Diurnist, zwar nur ein selbternannter, aber mit bescheidenem Salär, Madame!“ Auf die erwartbare Nachfrage, ob man davon leben könne, werde ich verlegen errötend antworten: „Man braucht ja nicht viel.. – um die Trolle satt zu bekommen, reichts schon hin.

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Grundfragen der Philosophie: Das Tao der Leergutentsorgung

11. April 2011

Demütigend: Trinksünden nach Farben sortieren...

„Mein lieber Kraska“, verabschiedet mich mein langjähriger Hausarzt, „und vergessen Sie nicht: viel trinken!“ Neben „viel Bewegung“ ist dies auch der Rat der „Apothekerzeitung“ („SeniorenBravo“), die ich dann und wann durchblättere. So weit gut und gerne befolgt. Auch Atomkraftwerke liefern ja zunächst mal viel Wärme. Ähnlich wie bei der Nutzung nuklearer Energie fällt jedoch beim Trinken problematische Materie an, deren Entsorgung eine Herausforderung darstellt. Beim Trinken ist dies das sog. Leergut. In ontologischer Hinsicht zerfällt Leergut rasch in zwei Gruppen: das moralisch wie ästhetisch brisante Glasflaschen-Leergut und die harmlosen, ja unter Umständen kleine Freuden versprechenden PET-Mehrwegbehältnisse. Beide Rückstandsformen lassen sich zunächst in Zwischenlagern (Küchenunterbauschrank, Balkon, Terasse), äh, zwischenlagern.

Die Besichtigung solcher Zwischenlager bei Freunden ist oft eine Quelle persönlichkeitsstruktureller Erkenntnisse. So habe ich einen zur Monomanie neigenden Bekannten, der eine ganze Armada immer gleicher Absinth-Flaschen sein eigen nennt, deren systematische nächtliche Entleerung er durch soldatisch aufgereihtes Leergut gewissenhaft dokumentiert. Irgendwann aber ist das Lager mit Leergut voll überfüllt. Der sentimentale Stolz und die zärtliche Rührung, die Flaschenstapler angesichts ihrer Sammlung empfinden mögen, wird von der Gattin, der Putzfrau usw. möglicherweise nicht geteilt. Dann schreit das gläserne Tagebuch nach Entsorgung.

Wie demütigend und moralisch niederdrückend kann diese empfunden werden! Da trabt oder radelt man dann, mit Reisetaschen und LIDL-Tüten voller grell scheppernder, schrill klirrender Flaschen beladen zum öffentlichen Flaschen-Container-Ensemble und muss in übel beleumdeter Gegend gleichsam coram publico mit hochrotem Kopf die keineswegs stummen Zeugen des eigenen Alkohol-Missbrauchs auch noch in Weiß-, Braun- und Grünglas sortieren und sich wie unbeteiligten Passanten dabei die Ungeheuerlichkeit eigener, in letzter Zeit stattgehabter Enthemmung offen legen. – Selbst die ethnologisch interessante Tatsache, dass es Volksgruppen im Geddo gibt, die auch erblindete Fernseher, Computer-Geraffel und sogar kaputte Toaster (!) taxinomisch dem Flaschen-Leergut zuordnen, kann nicht hinreichend erheitern. – Wie oft kehrt man mit leeren Tüten, aber tränenvollen Augen, mit guten Vorsätzen geschwängert, in sein Heim zurück, wo ein leer geräumter Balkon seinen Besitzer höhnisch mit den Folgen prospektiver Abstinenz vertraut macht!

Beginnende Leergutsammlung beim Magister (mediterran orientierter Genusstyp)

Wie schön, wie gemütserhebend und aufbauend hingegen das entsorgsame Verbringen luftig-leichter PET-Flaschen zum Leergutautomaten! Prall gefüllte Tüten demonstrieren hier nicht Lasterhaftigkeit, sondern vorbildliches Gesundheitstun. Schaut her, ich bin ein enormer Wassertrinker, Saftkonsument oder, in meinem Falle, wenigstens Verbraucher von zig Hektolitern Cola light! Beschwingt betritt man, enorm aufgeplusterte Saftsäcke schwenkend, das liebenswürdige Entsorgungshäuschen beim Discounter. Gern reiht man sich in die Warteschlange und beobachtet schmunzelnd, wie exotisch-esoterische Mitbürger so hartnäckig wie vergeblich versuchen, Eckiges (Tetrapack, Kanister, Toaster) ins Runde zu pfriemeln, weil sie die Betriebsanleitung des eigentlich idiotensicheren Schluckautomaten nicht mitgeschnitten kriegen. Ei, wie erheiternd die Freude, dass man selbst zumindest seine Muttersprache Denglish beherrscht! Kostenlos fühlt man sich erhoben und geborgen im Heimatlichen.

Dann endlich steht man vor dem elektronischen Schluckspecht und füttert ihn gekonnt (Barcode muss immer nach oben zeigen!), immer hinein, Flasche um Flasche in den blinkenden, surrenden und rödelnden Schlund. Der dankt es durch hervorragendes, reibungsloses Funktionieren. Kein Stau, kein „Flasche nicht erkannt“ auf dem Display. Man hat ja daheim vorsortiert! Man bedient sich des Automaten, in dem man ihn bedient, und kann dabei noch über Metaphysisches meditieren, denn was wir sehen, ist nur das Diesseits des Leergutautomaten; das Jenseits bleibt uns wie immer verborgen. Was sind wir? Wo gehen wir hin? Was wird aus uns da? – so mag sich bang auch eine leere Flasche fragen, die, wie der Patient in den Tomographen, in die mysteriöse Röhre geschoben wird. – Nun, das Jenseits ist ein großer Raum, in dem man von seinen individuellen Eigenschaften befreit (ent-etikettiert) wird, dann wird man auf das bisschen Substanz zusammengepresst, das man als Flüssigkeitsbehälter mal darstellte und schließlich wird man neuerlicher Verwendung im kosmischen Kreislauf der Materie zugeführt. Also, als Taoist kann man damit leben. Den anderen Dummies erzählt man halt, die Flasche würde im Jenseits wieder „aufgeweckt“ und somit „auferstehen“, um dann als Flaschengeist- oder Engel im Leeguthimmel herumzuwimmeln…

Auch moralphilosophisch ist die automatische Leergutentsorgung eine mehrwertvolle Übung – bekommt man doch auch noch sündenentlastendes Pfandgeld zugeschrieben und kann dieses sogar, für Christen interessant, die vielleicht was zu büßen haben, per Knopfdruck spenden. Mit leeren Taschen und vollem Herzen trollt man sich, insgleichen gewissensrein und seelenstark im Bewusstsein, nicht nur auf, sondern auch für das öffentliche Wohl getrunken zu haben. Die kleinen Freuden des Alltags – es sind gar nicht wenige, wenn man sie nur zu finden versteht.

Vollautomatischer Schluckspecht: Ein Stück schöner Moderne

Das Jenseits: Zutritt verboten!