Posted tagged ‘Krieg’

Frisch aus da hood…

2. November 2009
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Hochfelder Lichtspiele (Foto: DDP)

Echt wahr: Grad hatte ich mir genügend Mut angespart, mal die Einladung anzunehmen und meine Nachbarn zu besuchen. Was soll schon passieren, dachte ich. Zwar bin ich nur Drahtesel-Biker, aber ich bin andererseits auch weder Bordell-Kunde, noch brauch ich derzeit eine Waffe, und meine Drogen gibt’s legal im Fachhandel. Ich muß also heikle Dinge gar nicht ansprechen und kann in Ruhe die neue, heiße Kaffeemaschine testen, die es im Fat Mexican gibt.

Aber nix ist, bzw. der Himmel über der Hood ist schon wieder blaulicht-beleuchtet und es riecht nach Street Fightin’ Men. Das Fat Mexican hatte bereits „Besuch“ – weniger friedlichen und freundlichen, nämlich die Hell’s Angels. Zwischen dem Großbordell „Laufhaus 26“ und dem Bandido Place  gabs die nächste Runde Rockerkrieg. Baseballschläger, Dachlatten, Totschläger, Tränengas-Kartuschen, Molotow-Cocktails. Das Vereinsheim der Bandidos wurde verwüstet. Wenigstens waren diesmal keine Todesopfer zu beklagen. Trotzdem, die Lage ist angespannt.

Was mich angeht, ich bin nicht Quentin Tarantino, ich bin von Gewalt nicht unbedingt fasziniert, aber entgangen ist mir nicht, daß die Rocker zig mal besser ausgerüstet, effizienter organisiert und rascher vor Ort waren, als die Polizei, deren SEK-Kräfte gerade noch rechtzeitig eintrafen, um sich sagen zu lassen, sie mögen sich heraushalten. Ein Polizeisprecher dazu: „Das haben wir denn auch getan“.

Der Presse entnehme ich, an einem durchschnittlichen Samstagabend hätte man in ganz Duisburg rund 20 Streifenwagen im Einsatz. Die MCs mobilisieren, wenn’s  sein muß, innerhalb von 30 Minuten zwei-, dreihundert motorisierte Kräfte. Mir gibt das zu denken.

Ein stark dramatisierter, alarmistischer Bericht auf SPIEGEL online:

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,658720,00.html

Shoot Out in SIN CITY: Duisburgs Ruf wieder aufpoliert!

11. Oktober 2009
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Bandidos unterwegs

Wer Duisburg nicht kennt, kennt es wahrscheinlich aus den „Schimanski“-Tatort-Machwerken der Achtziger und Neunziger: Verrostete Mega-Montanstadt, leicht verlottert und verwahrlost, mit ruhrpottherzigen Eingeborenen, versoffenen Proll-Komissaren (Paraderolle von Götz George) und ab und zu mal ’nem Deko-Türken. Beilage: Gemütliche Holländer mit süßem Akzent. Schöne Tage in Clichée. Na ja. Das Schlimme, las ich kürzlich in einem Reiseführer über Polen, von einem Polen geschrieben, sei, daß die meisten Vorurteile AUCH stimmen! Aber eben andererseits auch wieder gerade nicht.

Zu meinen ganz unmittelbaren Nachbarn gehören, ich habe ihnen einen Text bei Qype und auf meinem Blog gewidmet, die Motorrad-Rocker vom hiesigen „Chapter“ der „Bandidos“. Je nach Blickwinkel eine super-freundliche (und, bitte nicht übel nehmen, ja? –  etwas … spießige) Orstvereinigung motorradsportbegeisterter, hoch-bodygebuildeter Früh-Senioren – oder aber, wenn man der Presse glauben darf, eine der organisierten Kriminalität zugewandte schlimm-fingrige Konkurrenz-Mafia zu den berüchtigten, noch unsympathischeren „Hell’s Angels“. Hmm. Da ich selbst nur ein Fahrrad-Biker bin, an den Versammlungen „meiner“ Bandidos immer nur vorbeifahre (auf dem Weg zu einer in ihren Augen wahrscheinlich extrem uncoolen Arbeit) und an Gewaltkriminalität ein eher theoretisch kriminologisches Interesse habe, traute ich bislang mich nicht, die auf meinen skeptisch-ironischen Text hin eintrudelnde rau-herzliche Einladung eines gewissen „Mike“ einzugehen, der mir zusicherte, ich dürfte THE FAT MEXICAN, das hiesige, in der Hood unübersehbare Vereinslokal der „Bandidos“, ruhig mal aufsuchen, aufn Kaffe, und müßte dabei keine Angst um meine teuren Kronen hegen.

 Jetzt trau ich mich aber schon wieder nicht, weil es direkt vorm Fat Mexican am Freitag eine tödliche Schießerei gab. (Wenn ich wo wohne, gibt’s anscheinend irgendwann immer irgendwo in der Nähe eine tödliche Schießerei. Beim großen Mafia-Massaker vor drei Jahren wohnte ich auch um die Ecke!) Jedenfalls hat ein arbeitsloser, turkstämmiger Freefighter namens Timur A. den neuen Freund seiner Ex erschossen, auf offner Straße. Das Opfer war Bandido „Ashley“, Anfang dreissig. Schon wenig später sickerte durch, der Mörder stehe mit den „Hell’s Angels“, den Erzrivalen der „Bandidos“ in Verbindung. Au weia. Bzw. ach du Scheiße! Jetzt gibs wohl wieder Krieg. Die Bullen haben schon eine ambulante Wache vor Vereinslokal aufgebaut. High Noon in SIN CITY! Und ich muß mir mit meinem Fahrrad wohl einen anderen Weg zur Arbeit suchen.

Heimsuchung in Birnbaum

8. April 2009
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In Birnbaum sieht es nach Krieg und Pestilenz aus...

Mit wachsender Faszination blättere ich in der Chronik der Stadt meiner Vorväter, was sich heißt heute Międzychód, Woiwodschaft Wielkopolskie, und ist ehemals gewesen unser scheines Birnbaum an der Warthe. Obschon in und um Birnbaum immer wieder der Krieg tobte, besaß man offensichtlich ein hochsensibles Moralbewusstsein. Nicht nur, weil man den halbblinden Schneider Jakob, der seis aus Kurzsichtigkeit, seis, weil ihm eine Hexe dafür die Wiederherstellung des Augenlichts versprochen hatte, mit einem Schwein verkehrte und, dabei erwischt, gleichen Tages noch enthauptet und gemeinsam mit der Sau verbrannt hatte, – nein, wenige Jahre später erhängte sich der Sohn des Dorfschmieds von Birnbaum, der erst 18-jährige Christoph Urbahn im väterlichen Kuhstall, allein weil er beschuldigt worden war, „die Hofmagd beschwängert“ zu haben. Eine Aussage der Magd ist nicht überliefert.

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Mysteriöses "fliegend Gewürmb"!

Im folgenden Jahr aber kam der Horror: ein fliegend Gewürmb, zwei Finger Glied lang“ ergriff die Schreckensherrschaft über Birnbaum und terrorisierte einen Sommer lang Mensch und Tier. Über dreissig Tote waren zu beklagen – allesamt Opfer dieser sonderbaren fliegenden Würmer, die etwa so beschrieben wurden:

„Ihre Gestalt ist gewesen ein Schwartz Rauhes Gesichte, mit zweinen Hörnern, auff dem Rücken gantz gelbstreifficht, vier gelbe Flügel, zwei große und zwo kleine, 9 Beinbe 6 gelb streifigte und 3 Schwartze, mitten unten dem Bauche einen langen Spitzigen Stachel, und eine scheide, worin er (der Wurm, das Insekt) den Stachell geleget, wan er geflogen; die Dicke des Stachels war wie eine Schweines-Crust; und Welche Menschen oder Welches Vieh, eß mocht sein Ochse, oder Pferdt, damitt stach, mußte in 24 Stunden des Todes sein, so ferne Ihme nicht balde gerathen wardt, durch außschneidung der Gifft; Undt sindt auff die 30 Persohnen von diesen Würmern Umbs leben gebracht worden, ohne daß Rindt- und Pferde-Vieh.“

Hm, das ist sonderbar. Abgesehen davon, daß man sich bei den Beinen verzählt haben mag: Auf keine Art von Wespen, Hornissen, Bremsen o. ä. paßt die Beschreibung auch nur annähernd. Was waren das für Tiere? Wo kamen sie her? Volle fünf Monate jedenfalls terrorisierten diese Aliens Birnbaum und die umliegenden Dörfer:

Ihre (der „Würmer“, Kraska) Regierung  War 5 Monath lang, als vom Mart (März) biß auff den letzten July, darnach haben sie sich verlohren, unndt nicht mehr gesehen Worden. Unter andern ist auch einer von unsern Mitbürgern, Nahmens Meister Gottfried Wulffsberger, ein Riemer, … ins Angesicht gestochen worden, Welcher aber durch alßo balde außschneidung der Gifft beim Leben ist erhalten Worden, Wie solches genungsam an Ihme zu ersehen gewesen.“

Wer mir Hinweise auf die Identität des neun-beinigen, vier-flügligen, giftig stechenden „Gewürmbs“ geben kann – ich wäre für jeden entomologischen Fingerzeig dankbar! – Die Birnbaumer konnten nach Abzug des „Gewürmbs“ erstmal kurz verschnaufen. 1680 passierte nur ein vergleichsweise kleines Unglück in Form eines alkoholbedingten „Todesfalles“:

Im folgenden Jahre 1680, (den 16ten August) fiel der hiesige Bürger und Tuchmachermeister Martin Söhn vom Rathhause herunter, indem er in trunkenem Zustande sich auf die Lehne des Umganges gesetzt, darauf eingeschlafen, und so liederlicher Weise herunter gestürzet. Er starb am 3ten Tage.“

Leben und Sterben in Birnbaum! So schnell kann es gehen. Das zu den Gefahren des Alkohomißbrauchs. Schon Ende 1680 kam es aber schon wieder dicke für die geplagten Birnbaumer. Als sie gegen Ende des Weihnachtsfestes den Blick zum Himmel wandten, stand ihnen sperrangelweit das Maul offen vor Schreck und Kümmerniß:

„Am letzten heiligen Weihnachtstage desselben Jahres 1680, Abends zwischen 8 und 9 Uhr, zeigte sich ein überaus großer Comet“. Aus Thorn berichtete man, daß „die Lange des Straußes der Blume, also des Schweifes so er hinter sich stehende gehabt, in sich begriffen 810 Meilen, die Breite aber 30 Meilen.“ Die Chronik vermerkt düster: „Seine Bedeutung soll sein Krieg und Pestilenz. Der Höchste Woll solches in Gnaden von Unß abwenden.“

Aber der Höchste dachte gar nicht daran, ausgerechnet von den Birnbaumern „Krieg und Pestilenz“ abzuwenden. Ganz im Gegenteil, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte…