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Monsignore Kraska – Oberster Religionswächter im Geddo

22. April 2011

Traurig trotz allem...

„Oh Himmel, strahlender Azur!“ (Brecht) – Der Frühlingstag im Geddo so rücksichtlos schön, dass es fast wehtut. Bäume und Sträucher im Festtagsgrün, die Amseln flöten fromme Motetten, blank poliert und seinsfromm ruhen die silbernen Daimler am Straßenrand. Nachbar Özgür ist das wurscht, seit Tagen wütetet er im Nachbarhaus mit Bohrmaschine, Hammer und Meißel, schleppt Steine und Rigipsplatten, kurz, schuftet, dass die ganze Straße etwas davon hat. Soviel arbeitet der sonst im Jahr nicht! Tagelang war ich genervt, heute bin ich verärgert, denn es ist, nun ja … Karfreitag, weswegen ich mich persönlich herunter bemühe, um Nachbar Özgür mordsmäßig zusammenzuscheißen, dergestalt, dass ich ihm in derben Worten donnernd, zum Teil auf Türkisch (ayıp! haram!), vorhalte und verdeutliche, dass heute im Gedenken an den Märtyrertod des Propheten Isa ein hoher christlicher Feiertag begangen werde, an dem ruhestörender Arbeitslärm wahlweise Polizeieinsatz oder Höllenverdammnis nach sich ziehe. Schwer beeindruckt und offenbar eingeschüchtert lässt Häusleumbauer Özgür den Hammer sinken und verspricht eilfertig die Einstellung der Bauarbeiten.

Befriedigt ziehe ich ab. Die Gattin hingegen, zufällige Zeugin meines Einsatzes zur höheren Ehre Gottes, zieht die Brauen hoch und spöttelt: „Oha! Der Magister als oberster Religionswächter im Geddo! Ist ja mal ganz was Neues!

Nun ja, stimmt schon, als gläubiger Christ bin ich seit meiner Konfirmation nicht mehr hervor-, sondern vielmehr definitiv ausgetreten. Und doch. Man kann aus einer Kirche austreten und eine Religion ablehnen und ist ja doch in ihrem Dunstkreis aufgewachsen, von ihren Traditionen kontaminiert und visuell oder musikalisch verstrahlt. Ich hab zu viele öde Kindergottesdienststunden auf Bilder des am Kreuz gemarterten Jesus gestarrt und zu viele barocke Passionsoratorien gehört, als dass mir die wirre, traurige, unfassbare Passions-Poesie nicht irgendwie, sagen wir ruhig: im Herzen, naheginge, was immer diese gequälte, triste Geschichte nun symbolisieren will.

Man erkenne mir meinetwegen deshalb das Goldene Ausrufezeichen am Bande (für fünfzig Jahre linientreuen Atheismus) ab, – es ist halt so. Ich habe auch die immer mal auftauchenden, von eher pubertär geprägtem Humor zeugenden Persiflagen auf das Kruzifix, bei dem da ein Frosch, eine Osterhase oder sonst was gekreuzigt wird, nie besonders lustig gefunden. Und als kürzlich der öde Landeslümmel von den NRW-Grünen die Aufgabe der karfreitäglichen Feiertagsrestriktionen forderte – diese scheiß Generation implodiert halt, wenn sie mal einen Tag nicht „Party machen“ dürfen –, erlitt ich einen knapp einstündigen Anfall mittelalterlichen Glaubenskriegertums und rief nach dem Zorn Gottes, dass er niedergehe oder wahlweise bitte sich ergieße auf die Landeszentrale der Grünen, die mir sowieso immer mehr auf den Sack gehen, diese islamophil-debilen Erzschelme. Damit das auch mal gesagt ist.

So. Was noch? Gestern waren schon wieder die Zeugen Jehovas an der Tür. Haben mich  die Sekten-Ganoven doch tatsächlich notiert, weil ich sie neulich nicht gleich die Treppe herunterwarf, sondern freundlich ihres Weges schickte! Da könnte man ja eventuell noch mal mit dem „Wachturm“ nachbohren, dachten sie sich, in eklatantem Missverständnis dessen, was der dicke Magister sein „Tao der Sanftmut“ nennt. Selbst der sanfte Jesus soll ja gelegentlich recht grobianisch gewesen und mit dem Schwert gedroht haben. Manche Leute verstehen halt keine andere Sprache, wird er sich gedacht haben, und verzichtete daher darauf, soweit wir Leben-Jesu-Forscher wissen, mit doofen Heftchen von Tür zu Tür zu latschen. – 

Im Übrigen tröstete mich als Kind an der Passionsgeschichte immer, dass nach drei Tagen alles wieder gut, heil und in Butter war. Dramaturgisch ist das vielleicht etwas übers Knie gebrochen, aber was schluckt man nicht alles für ein bisschen Hoffnung. In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Osterfest, an dem ihr glauben möget, was ihr wollt – wenn ihr nur die Finger vom Heimwerkern lasst!

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Ostern: Ein Vorschlag zur Güte

9. April 2009
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Ich bin gegen Kreuzigungen!

ICH MÖCHTE DAS BITTE NICHT!

Ich bin, schon von Berufs wegen, eigentlich aufgeschlossen, aber ich fürchte, an mir würden tausend Missionare zu schanden werden, ein Burn-Out-Syndrom, eine Sinnkrise oder das nackte Grausen bekommen. Glasperlen, Rosenkränze, gute Worte und frohe Botschaften scheinen an mir verschwendet. Ich bin da gar nicht stolz drauf. Ich meine, meinen Beruf ergreift man ja nicht, wenn man nicht einen Faible für komplett abgefahrene, spinnerte, irre oder um mehrere Ecken herum gedachte Hirngespinste besitzt. Ich fieberte bei den Abenteuern von Hegels „Weltgeist“ mit, auf seiner langen Reise „zu sich selbst“. Von Leibnitzens irgendwie seifenblasenartigen „fensterlosen Monaden“ hab ich geträumt; mit Descartes’ Captain Cogito hab ich auf der Brücke der Körpermaschine gestanden, mit Husserl das „reine Bewußtsein“ gesucht und mit Heidegger auf „das Sein“ und dessen Raunen gelauscht. Mit Nietzsches „Übermensch“ bin ich um die Häuser gezogen, hab Sartres „Ekel“ verspürt, in Ernst Blochs „Dunkel des gelebten Augenblicks“ einen Filmriss erlitten, ich habe gegen Marcuses „eindimensionalen Menschen“ gekämpft und bin mit Theodor W. Adorno in der Dämmerung dem „Nicht-Identischen“ begegnet.

 Aber es ist Ostern, das mich verwirrt und melancholisch stimmt. Speziell der Karfreitag, weil, Ostersonntag gibt’s ja Lamm, es wird Frühling und alles hat mit Recht gute Laune. Aber Karfreitag? Leute! Ich meine, die Vorstellung von einem gütigen Gott ist ja auf den ersten Blick recht hübsch, aber dann wird der auf eigenen Entschluß hin Mensch und zwar ausgerechnet auch noch als sein eigener Sohn, läßt sich alsbald auf grausamste, viehischste Weise zu Tode foltern, und zwar, wie ich gerade wieder lesen muß, das alles, um mich von meinen Sünden zu erlösen?! Also bitte! Das wäre doch nun nicht nötig gewesen! Ich will gar nicht mit Logik kommen, aber, wenn ich Schuldgefühle möchte, dann halte ich mich an meine Mutter, die es im Erwecken von Schuldgefühlen  mit jeder jüdischen Mamme spielend hat aufnehmen können. Ich möchte nicht, daß wegen meiner Sünden – Ladendiebstahl (verjährt), leichtes Übergewicht, zuviel Alkohol, Eitelkeit und Hoffahrt – jemand zu Tode kommt! Schon gar nicht auf so entsetzliche Weise! Da muß einer gar nicht unbedingt Gottes Sohn sein – ich bin prinzipiell und aus ganzem Herzen gegen Kreuzigungen. Ich will so etwas nicht!

 Und warum sagt Gott beim Jüngsten Gericht angesichts meines im Weltmaßstab eher bescheidenen Sündenkontos nicht einfach „Schwamm drüber!“ und setzt meinetwegen meine Strafe für 500 Jahre zur Bewährung aus, in denen ich auf Erden als Engel herumspuken muß und dabei helfen, Ehen zu kitten, verlorene Geldbörsen wiederzubeschaffen und armen Kindern Fahrräder zu schenken, beispielsweise? Das wäre wenigstens nützlich. Aber so? Ich glaube 50% meiner kindlichen und präpubertären Albträume gehen auf den in Kirchen stundenlang beglotzten zerschundenen Leichnam Jesu Christi am Kreuz zurück. Fürchterlich! Unter dem Einfluß von Kirchen-Liedern wie Paul Gerhardts unvergesslichem Hit „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ wurde ich zum morbiden schwarzen Romantiker, bekam eine schiefe Weltsicht und versäumte, u. a. aus Schuldgefühlen, viel guten, früh-adoleszenten Sex. Ich hätte eventuell sogar die himmlisch süße Angela aus dem Konfirmandenunterricht küssen können, wäre mir Jesu Blut und Wunden nicht dazwischen gefunkt!

 Ich hätte da einen Vorschlag. Zeit scheint ja keine Rolle zu spielen bzw. reversibel zu sein. Wenn Jesus für meine Sünden gestorben ist, die ich erst zweitausend Jahre später werde begangen haben sollen, könnte man das dann nicht auch irgendwie umdrehen? Also ich sündige nicht mehr, mäßige meinen Weinkonsum, treibe mehr Sport und bin charmant zur Gattin – und dafür läßt ER diesen ganzen Geißelungs- und Kreuzigungsscheiß, lebt schön weiter, heiratet seine Maria Magdalena, und Ostern feiern wir ganz einfach wieder Frühling, Fruchtbarkeit und den Beginn der Spargelsaison? Ich finde, damit wäre uns doch allen gedient! – Aber das ist jetzt naiv, oder?