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Neue Rubrik: Integrationsimpressionen (Hier Teil 1)

15. September 2010

Kennt das noch sonst jemand? So Schubladen bis oben hin voll mit … tja, wie soll man das nennen? Krempel? Zeuch? Kram? Geraffel? Jedenfalls so Sachen, die man wahrscheinlich nie im Leben wieder verwendet, die man aber „zu schade zum Wegschmeißen“ findet? Alte Adapterkabel, stumpfe Anspitzer, eingetrocknete Filzer, ungültige Briefmarken, versteinerte Sekundenkleber, trottelig gewordene Solar-Taschenrechner, Bürokram-Sets von Tchibo (Gott! wann hab ich zum letzten Mal eine Büroklammer verwendet?!), längst abgelaufene Grippe-Mittel, verblichene Notizblöckchen, abgebrochene Marker-Stifte, kurzum: Geraffel eben, Krimskrams, Arbeits- und Lebensgeröll von ontologisch spezifischer Eigenart: Weder „zuhanden“ (Heidegger) noch sonst wie menschennützlich; trotzdem klammert und wehrt sich das widerborstig-verknäulte Zeug aus Leibeskräften gegen den Untergang im Müllcontainer, dabei meine Neurose oder Marotte ausnutzend, nichts wegwerfen zu können, „weil man das ja vielleicht noch mal brauchen kann“. Wunderlich auch: Im Schutze der Schubladendunkelheit scheint der Krempel sich auch noch fröhlich zu vermehren. Als gäbs Kindergeld für Kabelsalat! Jedenfalls: Kaum hab ich (dann doch mal!) aufgeräumt, ist der Krempel-Kasten schon wieder voll! Insbesondere, so mein Eindruck, Adapter, Verbindungskabel und unbrauchbare, da verwaiste Ladegeräte erfreuen sich da nachwuchstechnisch enormer Fruchtbarkeit.

Der namenlose Garagenladen mitten „im Geddo“ sieht von weitem exakt aus, als hätte ich meine Kramschublade aufgezogen, weswegen ich mich ein Jahr lang aufs dezente Vorbeiflanieren beschränkte, aus Angst, in diesem Bazar der Hundert Millionen kremplig-kruschligen Kleinteile einen Ding-Schock zu bekommen. Der 15qm-Laden, kaum beleuchtet, ist derart mit krudem, heterogenem Kleinzeug voll gestopft, dass für Kunden zwischen den hauteng gestellten Regalen eh nur minimaler Platz bliebe. Trotzdem. Ich gebe öffentlich zu: Ich hatte mal wieder Vorurteile. Da für mich schon die – ungleich großzügigeren! – Bazare von Dijarbakır, şanlı-Urfa, Gaziantep oder Tatvan nicht gerade als mondäne Shopping-Träume vorkommen  wollen, zog es mich nie wirklich in diese Höhle, die zwar „Kraut & Rüben“ feilbietet, aber trotzdem nicht zum türkischen Obst & Gemüse-Handel gehört. Was es hier gibt, ließe sich mit einem Wort umschreiben: Im Prinzip (non-food) nicht weniger als … ALLES!

Der moderne, vorurteilsfreie Urbanisten-Dandy benötigt mal dringend goldgerahmte Koran-Suren? Teegläser? Imbus-Schlüssel-Sets?  Bilder von der Kaaba? Samoware? Nein? Nicht? Oder vielleicht dann aber Häkelnadeln, Bauchtanzgürtel oder Schaumkellen? Bestickte Brokatkissen, orientalische Puppen, Schraubendreher, Vorhängeschlösser, Batterien, Messer, Nagelscheren, Gefängnisgitter-Feilen, Fahrradpumpen und Blutdruck-Meßgeräte? Wenn das alles nicht, dann vielleicht Woks, Reise-Koffer,  Spitzendeckchen, Zahnstocher oder Mikado-Spiele, oder wenigstens Glühbirnen, Döner-Grill-Schwerter, USB-Sticks oder Ali-Abdul-Adapter-Kopien? Muezzin-CDs, Mekka-DVDs, Gummi-Handschuhe, Waschmittel und Eßstäbchen? Womöglich Helal-Kondome?  Ja, was suchen du denn, Bey-Efendi?

Ich war, als praktizierender Integrationsmagister, mit Serben-Wirt Senko und seinem aufgeweckten Sohn im Viertel unterwegs, Schulsachen einkaufen. Das ist schwieriger, als es sich anhört. Heutige Lehrer bestehen bei Schulheften auf genormte Randbreiten, bei Folienstiften auf garantierte Wasserlöslichkeit und zertifizierte Ungiftigkeit, bei Sachkundeheften auf DIN-genormte Linienfreiheit. Integrationsfreundliche Spezial-Ansprüche, die Billig-Märkte wie Penny-Markt, Netto, KiK, Kodi oder Schlecker nicht bedienen wollen oder können. Ich war genervt und verfluchte im Stillen die deutsche Pädagogik-Bürokratie. In meinem Inneren toste bereits die politisch bestimmt nicht korrekte Empörung: „Manno! Verdammt! Gibt’s in diesem scheiß Geddo nicht EINEN Laden, der ganz simpel verkauft, was tausende kinderreiche Familien hier am Schulanfang benötigen? Schöne Integration das!

Serbo-Bayer Senko ließ sich von meiner Mutlosigkeit anstecken. Trotzdem blieb er zögernd vor der Krempel-Garage stehen, um schüchtern zu fragen: „Woas moanst? – solln ma hier ma schaun?“ – Ich zischschschte, schon recht giftig: „Ach! Verrrgisssses! Die ham doch nur blöde China-Scheiße und keine deutsche Norm-Qualität!“. Widerstrebend ließ ich mich dennoch in die düstere Höhle des Universal-Kram-Ladens hineinziehen. Aber als mich der Inhaber in fließendem Deutsch („Was suchen, Ağabey?“) ansprach, entgegnete ich hochnäselnd: „Ach was! Das haben SIE sowieso nicht! Ich such, äh…“ (ich las vom fotokopierten Lehrerblatt ab:) „…durch hellgrünen Umschlag gekennzeichnete, linienfreie, dennoch aber vierfach gelochte Sachkunde-Hefte vom Typ D II der 2. Grundschule-Klasse! Und zwar, nach deutscher DIN-Norm, ohne Rand!“ Ohne meine Arroganz zu kommentieren, bückte sich der Bazari, um wortlos nickend  aus dem untersten Regalfach gerade genau DIE Hefte hervor zu klauben, die wir stundenlang im ganzen Viertel vergeblich gesucht hatten! Kommentarlos und ohne sichtbare Gemütsbewegung überreichte er uns das begehrte Sonder-Gut und kassierte dafür einen Spottpreis. Falls er gegrinst hat – ich habs nicht gesehen.

Wir verließen die Höhle teils hoch befriedigt (Senko & Sohn), teils etwas beschämt (moi). Still revidierte ich ein weiteres Vorurteil und beschloß, sollte ich jemals aus dem Gefängnis ausbrechen, eine Nähmaschine reparieren oder zum Islam konvertieren wollen, ich jedenfalls zunächst diesen Laden konsultieren würde. “Tja“, knurrte ich mit einigem Widerstreben dem bayrisch-montenegrinischen Muslim Senko gegenüber auf Ruhr-Deutsch, „kannze ma sehn! Wenn WIR der bekloppte Türke nicht hätten!“ Senkos siebenjähriger, in München sozialisierter Sohn, gescheit, aber schüchtern, traute sich in kehligem Bayrisch einzuwerfen: „Mei, dös hätt ma fei net g’ dacht, oda?“

Nö, hätten wir wohl nicht. – Schweigsam juckeln wir drei im alten, klapprigen Opel Astra („Vonnem Freund, 250 Euro, geschenkt, oder?“) heimwärts und hängen unsren Gedanken nach. Senko grübelt über das prekäre Schicksal seiner Multi-Kulti-Kneipe nach, sein serbo-bayrisch sozialisierter Sohn beängstelt indes etwas bang, wie er sich bei den vorlauten, undisziplinierten Türken-Bengels in der Klasse „integrieren“ soll und der Magister, standesgemäß, meditiert über die Tatsache, dass diese ganze Integrationskiste, wenn es konkret wird, in Wahrheit verdammt kompliziert ist. Jedenfalls viel komplizierter, als man in der Zeitung liest.

Unnützes unverzichtbar (sonst: Godzilla!)

25. Januar 2010

UNNÜTZES UNVERZICHTBAR

Wahrlich aber, ich sage euch: Bald werden alle Städte im Zentrum aussehen wie Bitterfeld, Wladiwostok oder Detmold. Überall werden die Innenstädte durch identische Shoppingmalls ersetzt, die so viel Charme haben wie eine feucht gewordene Fototapete von Las Vegas (im Morgengrauen). Die vulgärpompösen Plexiglaskomplexe sind schon bei der Eröffnung Ruinen, nur sieht das keiner, weil der Geldschein so blendet. Hier hält der nackte Kaiser Modenschau. Kettenladenketten, Franchise-Scheiß, Systemgastronomie: Gäähn! Man möchte konvertieren und den Großen Godzilla anbeten: Oh möge das Häuserzerstampfmonster kommen und alles zu Brei stampfen!

Spätestens unsere Enkel werden vergeblich in ihren E-Book-Lexika blättern und den Begriff „Unikat“ nachschlagen. So was werden sie nicht mehr kennen, die armen Nachgeborenen. Das haben wir ihnen versaut! Dinge, die es nur ein einziges, unverwechselbares Mal gibt, wird man nicht mehr finden, und wenn man sich den Arm aus-googelt. Die Serie wird regieren, die Wiederholung, die pur-doofe Redundanz. Kinder, die nicht aussehen wie Heidi Klump oder Karl Lagerhut, werden eingeschläfert, alles hat massenkompatibel konforme Normform und man kaut allenthalben gelangweilt eklig-banale Retortentorten. Um es mit dem Futurindianer und Schwarzseh-Häuptling Dunkle Wolke zu sagen: Spätestens, wenn der letzte kleine Laden, der noch Witz, Charme und Individualität barg, seine Pforten schließt, werdet ihr merken, daß man Langeweile nicht essen kann. – „Der Müll, die Stadt und der Tod“ (Rainer W. Fassbender), diese drei werden dann wohl Synonyme sein, und das wäre gewiß, um wiederum an George Orwells „1984“ zu erinnern, „doppelplusungut“!

Wenn man dann dereinst unzufrieden, genervt und deprimiert durch diese bargeldlose Weltautomatenwelt schnürt, wird man sich fragen: Was ist es nur, was hier fehlt? Was macht denn die Urbanität einer Stadt aus, gleichviel ob Mediokritätsmetropole oder marodes Mittelaltermuseum? Nun, was schmerzlich vermisst werden wird, sind jene kleinen, geheimnisvollen, schrägen, ja, geradezu unwahrscheinlichen und unter betriebswirtschaftlichen Aspekten völlig aberwitzigen Geschäfte, als deren Seele ein wirklicher Mensch wirkt, der seinen sehr persönlichen Träumen nachhängt. Unnütze Abgelegenheitsgeschäfte, heroische Umsatzzwerge, wunderbar taugenichts-tagediebische Phantasmen-Handlungen, in denen man, wie im Traum, nur Dinge bekommt, die noch keinen Namen haben. Ein solches Geschäft, und es gibt es tatsächlich noch, ist beispielsweise das „Chamäleon“: Ein Kontor für „Klamotten, Klunker, Kitsch und Kunst“

Das „Chamäleon“ ist, bei allem Respekt, ein veritabler Kramladen, aber auf hohem Niveau und, bei allem bunten, wüsten, funkelnden Durcheinander, streng durchstrukturiert: Hier gibt es kein einziges Ding, das sich dem Diktat trivialer Nützlichkeit unterwirft. Buddhas aus Messing, Keramik, Holz oder Katzengold, thailändische Puppen, kambodschanische Schrumpfschopfmöpse, indonesische Zaubernussknacker, prahlerisch prächtige Prunkpiratenperlen, schneewitzige Spiegeleien, ornamental-orientalische Ohrgehänge, marionette Nettigkeiten, Funkelzeug und französische Glanzfransen, fiktive Figurinen und Nippon-Nippes, dazu Sektflöten und Süßweinglasharfen, Feuerzeugsalamandersammlungen, schimmernde Dingsbumsgirlanden, archivarische Folianten, kurz, eine ganze hochgestapelte, tief gestaffelte, übervollgestopfte Wunderwelt magisch-kuriosen Krimskrams – wie bei Pipi Langstrumpfs Oma auf dem Dachboden! In dieser kleinen Traumanstalt regiert nicht die Ökonomie oder der Pragmatismus, sondern die schamanische Logik des Hosentascheninhalts achtjähriger Knaben: Bunte Steine, Bindfädenknäuel, Stiftestummel, Fadenkreuze, Froschmumien und perlmutterne Kindsknöpfe klumpen sich in talismanischer Manie zusammen, um auf frei-eigenwillige Weise ihre Unverzichtbarkeit zu behaupten.

Als Herrscherin dieser Zauberhöhle präsidiert eine etwas unwirklich wirkende Grand Dame, Frau Doris Eberlein, eine weißhaarige Glamourettendiva  und gewesene Schönheitskönigin, der man eine nicht unerhebliche Vergangenheit zutraut, als artistische Ausdruckstdiseuse vielleicht, als mondäne Millionärsherzensbrecherin, mütterliche Musikermuse, Mätzchen-Mäzenatin und Salon-Dompteurin. Frau Eberlein, eine gelernte Traumtänzerin, glaub ich, ist eine Legende, die allmählich in Vergessenheit gerät. Wer kennt noch ihren bewundernswert bizarren, in einem aufgelassenen Sarglager eingerichteten Kleinkunst-Salon, in dem sich Schauspieler, Lebenskünstler und entlaufene Philosophen zum  Gedankenaustauschumtrunk trafen? Er ging, zehn Jahre ist das her, in Flammen auf. Zurück blieben Erinnerungen, die nur noch wenige teilen.

Auch wer gerade nichts Unbrauchbares benötigt, sollte das „Chamäleon“ und seine Kramkönigin aufsuchen, denn beides. Laden und Lady, sind Unikate, Originale, Persönlichkeiten, also das, was es bald im Stadtbild nicht mehr geben wird. Ein Phänomen, das an den ursprünglichen Sinn von Kultur erinnert: Überschüssig Unnützes, das unverzichtbar bleibt.