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Integrierte Kopftuchmuttis und von der Sprachpolizei gesuchte Diskriminelle treffen sich bei LIDL

2. Dezember 2009

Vollintegrierte Kopftuchmutti: W. Buschs Witwe Bolte

Kürzlich wurde ausgerechnet ich von einer offenbar stark hysterisierten Sprachhilfspolizistin des „Rassismus“ bezichtigt, weil ich in einem launigen Stimmungsbericht aus der Nachbarschaft u. a. von „watschelnden anatolischen Kopftuchmuttis“ erzählte. Ja, was? Und? Erstens werde ich eher die Verkehrssprache wechseln, als daß ich stattdessen „korpulente, kinderliebe Damen in korrekt konservativ-islamisch-anatolischer Dörflerinnentracht“ sage;  zweitens wimmelt es hier von diesen meines Erachtens ziemlich präzise beschriebenen Erscheinungen, drittens sind weder Anatolier noch Muslime eine „Rasse“, deren Inferiorität man satisfaktionsfähig behaupten könnte, noch würde ich viertens so etwas jemals auch nur im Traum tun. Also, so what!

Blöde Sprachpolizei! Die treibt mich noch in den semantischen Untergrund, wo ich dann, in dunklen Ecken mit Gleichgesinnten um brennende Mülltonnen herumstünde und heiser flüsternd verbotene Wörter austauschte. „Mohrenkopf, Zigeunerschnitzel, Negerkuss, Kümmeltürke, Jubelperser, Russennutte, Kosakenzipfel“, so hörte man mich dort evtl. trotzig murmeln, und nachts wohnte ich in düstren Kellern illegalen Punk-Konzerten der Diskriminellen-Szene bei, auf denen „Zehn kleine Negerlein“ gesungen und performt würde, und zwar von den Drei Chinesen mit dem Kontrabaß!

Ansonsten steh ich zu dieser Art ost- oder südanatolischen Traditionsmuttis nicht anders als zu düsseldorferisch protzreichen, edelbajuwarischen Damen mit eisenhart gesprayter Silberlocke, Trachtenhut und teurem Lodenmantel. Ich nehme Abstand und zeige meine Missbilligung auf die denkbar dezenteste Weise (für zwei Sekunden hochgezogene rechte Augenbraue) . –  Obwohl mich im Straßenbild vieles nervt, bin ich indessen im praktischen Alltag von höflich-gelassener Laissez-faire-Toleranz, – auch wenn ich ja persönlich an der Einschätzung festhalte, daß die Frauen mit Türban, Hijab, Burka oder diesem kleidsam-bodenlangem, beige-braunen Popeline-Mantel nicht zur Speerspitze der Frauenemanzipationsbewegung gehören. Und ich, ich bin halt seit Jugendjahren ein schüchtern am Rande beifallklatschender Sympathisant der Frauen und ihrer Emanzipation.

Ich gehe noch einen dreisten Schritt weiter, als sei ich ein mit Freisprech-Einrichtung ausgestatteter Seiltänzer im Zirkus Sarrazini, und behaupte: Die meisten Klischees, die man so über integrationsunwillige Mitbürger, Hartz4-Opfer und Unterschichtler mit Frühstücksbier und Flachbildzeitung im Kopf bewegen kann, fänden, wenn man es darauf anlegte, in meinem Viertel – das ich auch nicht mehr ironisch „Geddo“ nennen darf, weil das die Judenverfolgung irgendwie leugnet oder verherrlicht oder was –, fänden dort also durchaus gewisse Bestätigung in Form zahlreicher Belegexemplare.

Allerdings eben dann auch wieder gerade nicht bzw. nicht nur! Immer mal wieder unterläuft die Realität das Klischee auch, und das gibt mir oft die kleine Dosis schmunzelnden Tagessüßstoff, die man braucht, um trotz allem bei Laune zu bleiben. Dafür ist die LIDL-Filiale an der Brückenstraße genau der richtige Ort. Personal und Kundschaft „international“ nennen hieße Griechen nach Athen tragen. Hier herrscht Diversität wie beim Turmbau zu Babel. Hier kaufen Kümmeltürken ihren Kümmel, deutsche Süffel ihren Schnaps, Paki-Paschtunen Pasta, Bantus aus Burkina Faso oder Burundi bunkern Buletten, und Roma Sinti neuen Preisvergleichs-Piraten. Preiswerter als bei LIDL geht praktisch kaum, das wär schon geklaut. (Daß die sensationellen Preise dieses Discounters sich u. a. einer ziemlich gnadenlosen, überfordernden Ausbeutung des Personals verdanken könnten, ist ein Gedanke, der mir flüchtig, aber regelmäßig, beim Betreten und Besichtigen der Filiale durch den Kopf schießt. Aber vielleicht ist das ja auch ein Klischee? Ein Vorutrteil, eine rassistische Invektive gegen Discount-Unternehmen?)

Jedenfalls erlebe ich beim dreimal wöchentlich absolvierten LIDL-Besuch manchmal Vorurteilsdurchbrechungen, die ich gut finde, weil sie das Differenzierungsvermögen schulen. Zwei davon zum Schluß. Ich stehe in der kilometerlangen Schlange vor der Kasse, die entsteht, weil LIDL seine Kunden mit der gleichen Hochachtung behandelt wie sein Personal. Vor mir eine „Kopftuchmutti“ mit grossfamilientauglichem Masseneinkauf im Wagen. Na, denke ich gerade noch vorurteilsbeladen, die wird am Ende wieder umständlich mit zusammengekratzten 2-Cent-Münzen bezahlen (die kriegen von ihren Männern nie Papiergeld in die Hand!) und die Kassenfrau zum augenrollenden Wahnsinn treiben und den ganzen Verkehr auf… – da wendet sich die Frau zu mir um, registriert meinen Single-Einkauf und spricht, freundlich und in akzentfreiem Deutsch: „Wenn Sie nur diese zwei Teile haben, lasse ich Sie gerne vor!“ Errötend stecke ich mein Vorurteil wieder in die Brieftasche und danke mit dienernder Höflichkeit.

Noch schöner fand ich freilich einen anderen Vorfall. Warum, kann ich gar nicht erklären, aber er erheitert mich schon seit zwei Wochen. Wir stehen, abermals wartend, im Pulk vor den zusammengeketteten Einkaufswagen. Die sind bei LIDL manchmal defekt und schlecht gewartet. Manchmal kriegt man seinen Pfandeuro nicht wieder, oder das Kettenschloß klemmt. Vor mir ruckelt eine tief verschleierte Ganzkörperorientalin mit nachlassender orientalischer Geduld vergeblich an ihrem festsitzenden Wagen. Zornig funkeln die schönen Augen unter den tiefschwarzen Brauen. Ein Bild rassiger Exotik! Doch dann entfährt der Dame, laut und klar, in perfektem, ungefärbten Deutsch ein tiefempfundes: „Manno! Was ist das denn hier für ein gottverdammtes, verficktes, saublödes Scheißteil!“ DAS ist für mich ein Stück Integration. In einer fremden Sprache spontan, fließend und korrekt fluchen zu können, ist nämlich ein Beweis dafür!  Ich war über diesen Wutausbruch so begeistert, daß ich die Dame spontan hätte umarmen und küssen können. Aber das wäre ja nun doch zuviel des integrativ Distanzlosen.

Ob ich ihren schönen Schimpfwortfluch hier überhaupt im Netz zitieren darf, ist natürlich fraglich. Man darf heute keinesfalls alles sagen, was man will. Womit dieser Besinnungs-Aufsatz wieder von vorne beginnt.

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