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Lob der Knöpfe (Nachlassende Erregungspotenz)

8. März 2012

Die Schweiz der Ding-Welt: Knöpfe. (Foto: Gabi Haneld)

„Es ist bezeichnend für einen Mann von großer und langer Erfahrung, wie ich es bin, dass er nicht gleich weiß, wie er sich benehmen soll, weil ihm bewusst ist, dass ein einziges seiner Worte, eine einzige seiner Handlungen die unvorhergesehensten Folgen haben kann. Man muß nur die Weltgeschichte lesen, um zu sehen, was für ein seltsames Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung bestehen kann.“ (Italo Svevo)

Gestern sann ich über die Zärtlichkeit gewisser Knöpfe nach, nicht ohne Bedenklichkeit. Zwar ist das Gefühl unnachahmlich, wenn glatte, wohlgeformte runde Knöpfe aus Horn, Perlmutt oder purem Imitat so widerstands- wie mühelos und sinnig in die zu ihrer Bestimmung dienenden, sorgfältig umhäkelten Knopflöcher gleiten, um einer Hose, einem Janker oder vielleicht sogar einer selbst verfertigten Strickjoppe kleidsam definierten Halt zu geben – aber ist das auch relevant? Ja wohl sicher nicht. Idyllische Betrachtungen am Rande seniler Sentimentalität sind unvereinbar mit der Weltlage! Ich will das zugeben. Andererseits ist diese gegenwärtig derart deprimierend, dass man weiter fortwährende Realitätsangebote am liebsten dankend ablehnen möchte, weil das akzeptable Konto an Zumutungen und Lebensgemeinheiten schon erhebliche überzogen ist.

Früher war es für ältere Herren eine schöne und passende Beschäftigung, gewissenhaft die Morgenzeitung zu studieren, um tagsüber etwas Interessantes zum Räsonnieren zu haben – heute läuft man Gefahr, sich gleich den Tag zu verekeln, wenn man zum Beispiel erfährt, dass eine Discounter-Kette jetzt Hackfleisch verkauft, das mit 30% „schnittfest gemachtem Wasser“ angereichert ist. Lebensmittelpanscherei hat zwar Tradition, neu scheint mir aber die Dreistigkeit, besagte Pampe, weil sie angeblich der Gesundheit zuträglich sei, auch noch teurer zu verkaufen als ungewässertes Hack! Andererseits registriere ich mit zunehmendem Alter an mir eine um sich greifende Skandal-Indolenz. Ich will es nicht gleich Herzenslähmung nennen, aber die Erregungspotenz lässt nach. Der Kamm schwillt seltener. Was ist schon ein moderater Hackfleischskandal gegen die Tatsache, dass Diktatoren ihr eigenes Volk durch den Fleischwolf drehen?

Knöpfe haben etwas eminent Friedfertiges, Gutsinniges, ja Versöhnendes. Gutmütig lassen sie sich sammeln, sortieren und in illustrierten Alben katalogisieren. Knöpfe verbinden, sichern, schmücken; Skandale sind ihnen wesensfremd. Selbst wenn sie mal irgendwo abspringen, ist das zumeist nicht ihre Schuld – zu eng gewählte Kleidung oder ein schwächlicher Zwirn trug die Verantwortung. Reißverschlüsse dagegen – schon das Wort wirkt aggressiv! – haben unzählige Zähne, sind oft verklemmt oder beißen in empfindliche Körperteile. Ästhetische Qualitäten sagt ihnen selbst der Wohlmeinendste nicht nach.

Die entwaffnende Harmlosigkeit von Geknöpftem ist legendär. Mutter Merkel trägt ihre Großknopfjoppen als politischen Tarnanzug: Seht her, sagen die rundäugigen Joppen-Knöpfe, hinter uns kann kein Falsch wohnen! Tyrannen tragen Ordensspangen oder sind, wie in Nordkorea, komplett in Popeline-Uniformen eingenäht. Knöpfe? Fehlanzeige. Das Reich der Knöpfe ist die Schweiz der Ding-Nationen. Obwohl von unübertroffener Brauchbarkeit, beschränken sie sich nie auf vulgäre Nützlichkeit, sondern erfreuen die Sinne mit einem verschwenderischen Farb- und Formenreichtum, der bis weit ins Spielerische, Rokokohafte, ja Phantasmatische reicht.

Mein Freund Fredi Asperger, der geniale Autist, pflegte immer, wenn er sich mit mir in ein Diskussionsgefecht verstrickte, ohne mir in die Augen zu schauen, manisch an den Knöpfen meines Sakkos zu drehen – es wirkte einfach beruhigend auf ihn und half ihm, sich zu sammeln. Die Welt der Knöpfe unterteilt sich in übrigens Ösenknöpfe, Lochknöpfe, Zwirnknöpfe, Posamenten- und Knebelknöpfe. Aus der Art geschlagen ist lediglich allein der schnöde Druckknopf; ihn erfanden Ingenieure, deren Zwanghaftigkeit sattsam bekannt ist und die notorisch im Dienste menschlicher-unmenschlicher Hast und Ungeduld stehen. Nun wird es aber selbst mir echt zu idyllisch, so etwas hält ja kein Text aus. Ich drücke abrupt den Aus-Knopf.

Aus meinem Phobie-Album

4. August 2011

Wir Phobiker (Bild entliehen vom hübschen stempelfroschsblog.blogspot.com/ 2009/10)

Im Fernsehen habe ich heute eine Dame gesehen, die eine schlimme Phobie vor Knöpfen hatte (Koumpounophobie). Hier scheint mir eine zauberhaft zarte Seele vorzuliegen! Ich würde gern eine Art Salon aufmachen für Menschen mit seltenen Phobien. Ich stelle es mir ziemlich sensibilitätssteigernd und zumindest mild stimmungsaufhellend vor, bei anxiolytischen Getränken still beieinander zu sitzen und bizarre Ängste auszutauschen. Um ein wenig Selbstironie ins Spiel zu bringen, könnten wir uns ein spitzes, buntes Hütchen aufsetzen und verhalten schmunzeln, während Alektorophobiker (Angst vor Hühnern), Anophelophobiker (Angst, Frauen beim Sex zu verletzen), Autodysomophobiker (Angst vor Dingen, die abscheulich riechen) oder, besonders aufwühlend, Hellenologophobiker (Angst vor griechischen Fachausdrücken!) das Wort ergreifen und ihr Leiden schildern.

Es soll, den griechischen Fachausdruck habe ich grad nicht parat, auch die Phobie geben, von einer Ente beobachtet zu werden, – eine der wenigen Ängste, die mich noch nie befallen hat, aber es ist gut zu wissen, dass auch hier potentielle Gefahr lauert. Angst kann man ja nie genug haben. Andererseits könnte es sich als aufbauend fürs Selbstbewusstsein erweisen, zu wissen, dass man notfalls immerhin einer Ente furchtlos ins Auge blicken könnte.

Ein Psycho-Leiden, das, grad erst erfunden, derzeit für viel Furore sorgt, ist die sog. Islamophobie (Angst vor bescheuerten mittelalterlichen Beduinen-Religionen). So etwas kenne ich nicht. Ich habe keine Angst vor dem Islam, ich kann ihn bloß nicht ausstehen, und zwar, eh jetzt die üblichen hobby-theologischen Differenzierungsviolonisten mir einen ’reingeigen, in überhaupt keiner Version. Ein Misogyn-Schnabel, der meint, eine Frau sei halb so viel wert wie ein Mann, der ist m. E. noch gar nicht reif für eine ausgewachsene Religion, der ist schon in Hodschas Klippschule durchs Metaphysicum gefallen.

Das verbreitetste Leiden bei uns im Geddo ist die Xenophobie (Abscheu vor anderen). Wir hassen uns hier alle: Die Serben die Albaner, die Mazedonier die Griechen, die Griechen die Türken, die Weißen die Schwarzen, alle gemeinsam die Roma-Bulgaren und die Deutschen auch noch sich selbst. Wer hier xenophil ist, der ist entweder kommunaler Sozialarbeiter oder von den Grünen, aber, achso, die wohnen ja nicht hier. Die unerträgliche Atmosphäre menschenverachtenden Hasses hindert unsere multi-ethnische Kneipenrunde freilich nicht, einander fortwährend höflich Zigarettchen anzubieten, Bierchen und Kurze auszugeben und später in gelöster Stimmung Volkstänze unklarer Herkunft aufzuführen. Natürlich behandeln wir einander als Menschen zweiter Klasse, aber das liegt daran, dass wir halt alle bloß Menschen zweiter Klasse sind. Premium-Mitglieder der Spezies findet man im Geddo nicht.

Als persönlichen Luxus leiste ich mir eine meta-phobische Spezialanfertigung: die Allodoxophobie-Phobie. Das ist, wenn einen Menschen nerven, die Angst vor fremden Ansichten haben.