Posted tagged ‘Klischee’

Abwesenheitsnotiz, mit guten Zitaten

31. August 2011

Hier geht es evtl. rund! Kraska ist moseln...

Es gilt unter Kennern nicht gerade als untrügliches Zeichen geistigen Überfliegertums, sich über das Wetter zu beklagen, ich weiß. Es wäre so, als wollte man über die Gravitation jammern, was ich aus schwergewichtigen Gründen zwar im Stillen auch manchmal tue, aber es ist halt dieses Allerweltslamento doch von so eklatanter Sinnlosigkeit und ein derart plattes Klischee, dass man gute Erziehung und korrekt gebügelte Lebensart eher dadurch unter Beweis stellt, dass man mit einem mild stoischen Lächeln über die unvermeidlichen Unbill des Erden-Daseins hinweg geht. Vielleicht ist es ein Vorurteil, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein britischer Gentleman jemals über das Wetter spricht. – Freilich gibt es zu jedem einer- auch ein andererseits.

In dem Film „Willkommen Mr. Chance“ (im Original: „Being there“), einem meiner zehn Lieblingsstreifen aus den späten  70ern, die ich  einst in Cihcago, Illinois, im Kino sah oder sehen und entziffern durfte (war ohne Untertitel!), spielt der legendäre Peter Sellers in einer seiner letzten Rollen einen tumben Einfaltspinsel von Gärtner, der nur eine Weisheit beherrscht: „Well, first there is spring, then you’ll have summer, which just follows autum, and after that – winter. Then spring again“. Diese Binsenweisheits-Worte spricht er aber mit solchem Ernst und so großer Emphase, dass alle Welt denkt, er meint das bestimmt irgendwie metaphorisch und als sibyllinische politische Anspielung; man hält es für ein Statement über Ökonomie und Marktzyklen, lädt ihn in TV-Talkshows ein und am Ende wird er damit Präsidentschaftskandidat in den USA. Damals eine super Satire, würde der Film heute nicht mehr funktionieren, weil die Behauptung, dem Frühling folge der bzw. ein Sommer, nicht mehr als Binsenweisheit gilt, sondern als heikle, unsichere und höchst umstrittene Prophezeiung.

Das Blöde ist: Ich bin Sternzeichen Salamander, von der Physiologie also wechselwarm, und hatte eine längere sonnig-warme Phase fest eingeplant, um leichtblütig über die bevorstehende Herbst- und Winterdepression zu kommen. Stattdessen regnete es mir monatelang kühl und herzlos ins Hirn. (Wer sich Sorgen um mich machen will, sollte es JETZT tun, bitte. – Vielen Dank, sehr freundlich.) Die Depression erhebt ihr träges Haupt. Bang deklamiere ich für mich den armen Hölderlin: „Weh mir, wo nehm ich, wenn
/ Es Winter ist, die Blumen, und wo
/ Den Sonnenschein, / Und Schatten der Erde?
/ Die Mauern stehn
/ Sprachlos und kalt, im Winde
| Klirren die Fahnen.“ So sieht es doch aus! Vor lauter Fahnenklirren und Blumenvermissen ist mir schon jetzt ganz blümerant zumute.

Erstaunlicherweise war es der große Elisabethanische Unterhaltungsschriftsteller, theatralische Räuberpistolen-Dichter und Prophet William Shakespeare, der meinen Zustand vorausahnte, als er seinen Narren („Was ihr wollt“) folgenden Singsang anstimmen ließ: „Und als der Wein mir steckt’ im Kopf / Hopheisa, bei Regen und Wind! / Da war ich ein armer betrunkener Tropf; / Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag.“ – Yes, Sir, so kann man es ausdrücken! Hier im Westen regnet in der Tat der Regen jeglichen Tag. Erst war er warm, der Regen, dann fröstelig kühl, jetzt wird er schon empfindlich kalt. Ich will nicht übertreiben, aber – ist schon mal jemand am Wetter gestorben? Darauf ankommen lassen werde ich’s grad nicht, Freunde – weshalb ich zu einem verzweifelten Mittel greife: Obwohl ich diese Tätigkeit perhorresziere: Ich reise! Und zwar ab!

Bloß an die Mosel zwar nur, und lediglich ein paar Tage, weswegen die Gattin schon ätzt: „Das wird bestimmt mehr so’n Rentnerurlaub!“ – Sicher, doch „immerhin“, repliziere ich schlagfertig, „wandern wir noch nicht durch den Harz, du mit blauem Popeline-Blouson und ich in straff gebügelter beiger Anglerweste!“ Kann nichts schaden, der Gattin schon mal die eheliche Zukunft auszumalen; die stillen Tage im Alzheim.

Wenn also hier einige Tage nichts Neues unter der Sonne (Ha!) erscheint, dann, weil ich moseln gefahren bin. Entweder herrscht dort eitel Sonnenschein, oder ich stecke mir enorme Mengen Wein in den Kopf. Vielleicht, begeisterungshalber, auch beides. Danach habe ich mit Sicherheit SAD („seasonal affective disorder“), wofür zumindest die Klassiker noch angemessenes Verständnis hatten. Wenn ich es irgendwie vermeiden kann, werde ich von dem romantischen Moselort keine Fotos machen, keine Klöster und Burgen beschreiben und auf die Belobigung von Restaurants und Weinprobierstuben strikt verzichten. So viel Noblesse muss sein. Indes, falls ich dort, in der Fremde, dem wahren Leben begegne, dann lass ich es von euch grüßen. 

Wenns ihn nur gäbe (Dies irae)

8. März 2010

Als man noch daran glaubte: Dies irae (Hans Memling)

Schlimm genug so schon, das Leben in der Desorientierungstufe: Als pickliger Präpubertätspumpernickel stiefelt man verwirrt, ängstlich und, innerlich extrem zartbesaitet, trotzig durchs Labyrinth der Lebensanforderungsprofile und weiß nicht recht, wohin mit sich. Und wie behält man die Nase im Wind bzw. wenigstens einigermaßen oben, wenn einem zum Heulen ist? Zwischen Dudelfunk, Doubleschule und Dübeldiplom heißt es: Kleiner Mann, was nun? Man hat ja Gefährdungspotential. Und dann die Hormone! Sie sind im Anfluten und machen schon sofort nichts als Ärger! Soll sich der Knirps lebenslang als Mädelknecht verpflichten und den typischen Krampfdamenkampf aufnehmen? Oder sind verdruckste Klosterklo-Kosereien eine Option? Und wenn man ein süßer Knabe ist, – verdammt! Was heißt das denn? Und „süß“ für wen? Was man in dieser prekären Lage, barfuß auf dem Hochdrahtseil, so dringend braucht wie eine Kettensäge an der Kehle, sind als Pädagogen getarnte priesterliche Sadisten, Betatscher und Vergewaltiger. Soviel dürfte außer jeder Frage stehen.

Was uns die Medien derzeit, gut eingespeichelt und vor lustvoller Sensationsgeilheit sabbernd, präsentieren, ist ein wirklich kotztrauriges Bild: Lehrer, Schuldirektoren, Priester, kurz, die üblichen Verdächtigen (Heuchelpfaffen), die sich, offenbar serienweise und systematisch, an den ihnen anvertrauten Kindern vergehen. Haben wir es nicht immer geahnt? Inwändig vor Geilheit kernschmelzende Zölibatszwiebeln toben ihre ranzigen Lüste an Schutzbefohlenen aus. Das paßt in unser Bild, oder? Schon ätzt und hämt die Presse von Hodenwaldschule, Dionysios-Gymnasium und Regensburger Dreckspatzen. Mensch, manno, trägt denn jeder gottverfluchte Pfaffe rosa Spitzenreizwäsche unter der Soutane? Ach, Freunde. Zugegeben, vielleicht ist das Snobismus, aber ich hasse es, und mir wird übel, wenn Gemeinpläze, Klischees, Vorurteile der übelsten Art – … tatsächlich stimmen!

Weil ich massenkompatible Klischees nicht mag, hab ich sogar kurz erwogen, aus purer Lust an der Provokation, die Kirchenmänner zu verteidigen. Da ich, der notorisch leibhaftige Anti-Christ und diplomierte Überzeugungsheide, der Sympathie mit Benedix’s Leuten nun echt unverdächtig bin, dachte ich, – ich, der ich (dreimal „ich“ = 666 = der Satan!), diesmal als Literaturwissenschaftler, sehr wohl weiß, daß das Klischee vom geilen Pfaffen so alt ist wie das vom Ewigen Juden –, es könnte für Kenner hübsch denkanstößig wirken, und wäre eine gute Idee, mal die Selbstgerechtigkeit der Ankläger in Frage zu stellen. Daraus wurde aber nichts.

Ich bin, wie gesagt, und wer mich kennt, weiß und bezeugt es, kein Christ. Im Gegenteil, und das praktiziere ich im wesentlichen auch. Deshalb, genau aus diesem Grunde, bin ich aber ein Jesus-Fan. Meine Lieblingsstelle im Neuen Testament, einem, wie ich finde, ansonsten weithin ziemlich überschätzten Buch, ist diese: Frauen hassende Fanatiker zerren zeternd eine Nutte (Maria Magdalena) vor Jesus. Er soll ein Hinrichtungsurteil absegnen. Der Rabbi Joshua ben Nazareth ist verstört und traurig. Verlegen kritzelt er mit einem Stöckchen Schriftzeichen in den Straßenstaub. Schließlich, nach langem, gedankenvollen Schweigen, stößt er hervor: „Wer von euch ohne jede Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Nun, das Idyllische an der Geschichte: Niemand wirft.

Heute werfen alle, auch die Sünder. Die Heuchler. Die Selbstgerechten. Ich werfe lieber nicht, denn ich weiß aus gerammelt gesammelter Lebenserfahrung, daß die sexuelle Begierde eine ungeheure, kaum zu bändigende, gefährliche Macht darstellt. Ihr zu erliegen widerfuhr schon Großen, Klugen und Frommen. – Da es aber zu jeder Meinung ein „andererseits“ gibt: Was treibt eigentlich das unsäglich uneinsichtige, ignorante, menschenverachtende institutionalisierte Pfaffenpack dazu, derart verstockt auf den Aufklärungswunsch der Öffentlichkeit zu reagieren? Wie üblich, wird heruntergespielt, vertuscht, verharmlost, geleugnet und, in der Logik des erwischten Kriminellen, der Vorwurf an die Kritiker zurückgegeben. Ihre Peinlichkeit, Nichtswürden Bischof Mixa, das Idol aller Hausierer, Kesselflicker und fahrenden Betrüger, äußerste sich dahin gehend, wir, die sog. „68er“ mit unserer Liberalisierung des Sexes, seien Schuld daran, daß zölibatäre Priester die Finger nicht von ihren Schützlingen ließen!

Die Opfer werden mit Ausflüchten und leeren „Entschuldigungen“ abgespeist. Fast neige ich dazu, den Katholischen Kirchenoberen zu wünschen, ihren Gott gäbe es wirklich. Sie scheinen wohl nicht daran zu glauben, sonst müßte ihnen vor Angst schon das nackte Grauen ins Gesicht geschrieben stehen.

Brother Günter macht uns den Neger

23. Oktober 2009
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Undercover-Negerl mit Tarnbaum

Zunächst hab ich nur furchtbar lachen müssen. Ein dermaßen triefigtief-betroffen plierendes, tränentreibend humorloses, um die pawlow-sabbernde Zustimmung des grün-linken Juste Milieu buhlendes Anklagegesicht wie das des zum traurigen Opfer-Negerl geschminkten  Undercover-Checker-Aufdeckers (Black & Decker!) Wallraff hebt mich moralisch sofort um Stufen! Die Dritte Welt schaut dich an! Durch dackelbraune Kontaktlinsen! Oo-ha! Hungrig! Diskriminiert! Von gaaanz unten! Onkel Tom hat Polit-Migräne! Das beschämt mich schwer, mich, den latenten Rassisten, der nämlich auf „schwarz“ geschminkte weiße Wichser für Abschaum hält. Ja, heult doch!

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Krawallraffgieriger Onkel Ogünni (Foto: X Filme)

Ich dachte ja erst, angesichts des mit brauner Schuhcreme „in zweistündiger Arbeit der Maskenbildnerin“ eingewichsten Schwarzclowns: Manno, jetzt muß der arme (verarmte?) Investigator schon am Stadttheater von Kyritz an der Knatter den Knallchargen-Othello geben! Jetzt ist er aber wirklich echt „ganz unten“, weia! Ausgestattet mit einem unsäglich bescheuerten Karnevals-Afro und angetan mit seinem alten Ali-Schnauzbart aus besseren Tagen (beides ist in Somalia heuer extrem in Mode!) spielt der rüstige Rentner, schwarz-braun wie die dumme Haselnuss, den Asyl-Somalier „Kwami Ogonno“ (ein Extra-Preis geht an die Namensbeschaffer! Ja, so heißt er gern, der Mohr! Kwami! Ogonno! Ohgotto!), um endlich mal heroisch-investigativ aufzudecken, zu entlarven und zu demaskieren, daß es in Deutschland noch immer Spießer und Hirnis gibt, die Vorbehalte gegen Schwarze haben. Ach was! Das hätt ich ja nun im Traum nicht gedacht. Das mußte mal unter Lebensgefahr der allgemeinen Verborgenheit entrissen werden! Pfui über dich, Deutschland, bleiche Mutter! Du hochschätzt deine Neger nicht, die sind für dich „Menschen 2. Klasse“, ja, vielleicht sogar bloß Holzklasse.

Kwami Wallraff hat den bösen Deutschen mal wieder unter dem Beifall aller, die es schon immer gewußt haben und sich das gern regelmäßig bestätigen lassen, den inneren Stinkefinger gezeigt: Alles Nazi außer wir, die Guten! Stellt euch vor: Die Deutschen nennen ihren Schäferhund noch immer Blondie, und nicht Tyson, Muhammed Ali, Mobutu oder Kwami! Sie wollen somalische Asylbewerber nicht als Kegelkameraden und Schützenbrüder, nicht in der Wandergruppe und nicht als anderen Spießern gleichgestellten Schreber-Streber!

„Ich will herausfinden, wie es sich als Schwarzer in Deutschland lebt, ob die Vorstellung vom unverbesserlich fremdenfeindlichen deutschen Wesen nur noch ein Klischee ist – oder ob das von der Boulevardpresse gepflegte Schreckbild vom Schwarzen als Dealer, Asylbetrüger und Kriminellen die Stimmung im Lande kennzeichnet.“ Und? Was bei dieser objektiven Untersuchung wohl herausgekommen ist? Herausgekommen ist, daß wer vom Klischee lebt, durchs Klischee umkommt. Oder, na ja, nicht gerade umkommt, sondern zum Beispiel sich selber als der eigentliche Rassist demaskiert.

In Deutschland leben zigtausend Menschen (die Zahl hab ich nicht parat, ich hoffe auch, die wird nicht erfaßt!) schwarzer Hautfarbe. Darunter sind bekanntlich Fußball-Profis, Künstler, Musiker, Ärzte, Wissenschaftler, Schauspieler, Journalisten, Dichter, Diplomaten. Viele sind Deutsche, hier geboren. Andere kommen von irgendwoher hergelaufen, sprechen aber dennoch keineswegs nur Wolof und Xhosa, sondern in aller Regel ganz gut deutsch, englisch oder französisch. Mit anderen Worten, Günter Ogönno: Der Neger kann sprechen! Und zwar für sich selbst. Wenn Sie schon ihr Image als krawallraffgieriger Ausländer-Jesus aufpolieren wollen, warum führen sie keine Interviews mit denen? Sie würden den Schwarzen Mann gewiß in ihre Wandergruppe aufnehmen oder im Schrebergarten in der Laube wohnen lassen, klar, jederzeit, – aber mit ihm sprechen? Seine eigenen Erfahrungen brav mitschreiben, edieren und drucken lassen? So weit wollen wir dann doch nicht gehen, oder? Nachher will der Neger noch mitreden! Und macht womöglich Premieren-Palaver und Tantiemen-Tamtam!

Also muß sich Onkel Günter, der große alte Mann des Undercover-Gekaspers (wenn ich das Wort „Enthüllungsjournalist“ bloß höre, krieg ich Kotzkrämpfe!) und gefeierte Selbstdarsteller für uns alle zum Neger machen, um das „unverbesserlich femdenfeindliche deutsche Wesen“ aufzustöbern und „anzuprangern“.

Tja, Neger, Neger, Schornsteinfeger. Soulbrother Günters (Da good Nigger from the hood!) Schornstein raucht schon wieder ganz gut. Buch und Film kommen strategisch gut platziert parallel auf den Markt. Für den Friedensnobelpreis zwei Wochen zu spät, es sei denn, Obama und Onkel Ogünni sind eh Brüder. Auch Obama war ja, genau wie unser furchtloser Walli, „ein ganzes Jahr lang als Schwarzer unterwegs“! Und wie ich unsre extrem tapfren Widerständler gegen das „unverbesserlich fremdenfeindliche deutsche Wesen“ kenne, werden sie wieder ordentlich TamTam machen. – Ich mach da nicht mit. Da könnt ihr warten, bis ihr schwarz werdet.