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Tragikotzteske

20. Dezember 2011

Kim Jong-Un is lookin' at you!

Tragikotzteske? Aber wie soll man das denn nennen, wenn man etwas irre komisch findet, was einen zugleich total traurig macht und das außerdem im Grunde abgrundtief zum Kotzen ist? Gestern die Nachrichtenbilder aus Nordkorea: Das Volk in Klage-Brigaden angetreten zum Heulen und Haareraufen. Einerseits musste ich lauthals lachen, angesichts der unfaßbar laienhaft, fast schon subversiv schlecht gespielten Pappmaché-Trauer in Reih & Glied, die ungefähr so authentisch wirkte wie die geschminkten Warenprachtattrappen, die der Gesalbte Große Führer so unermüdlich zu besichtigen pflegte. Was muss er verehrt worden sein, dieser kümmerliche bebrillte Nacktmull in seiner durchfallfarbenen Popeline-Uniform! Ein Volksvorbeter warf sich sogar auf die Knie und hämmerte mit den Fäustchen auf den Marmorboden eines Platzes ein, wahrscheinlich um als vorbildliches Klageweib groß rauszukommen!

Andererseits wurde mir ganz schwer ums Herz, dass ein stolzes Volk mit eindrucksvoll alter Hochkultur sich derart verblöden und demütigen lassen muss, um kollektiv den Affen zu machen für diesen miesen Wicht, Mörder und Folterfürsten, dem jeder anderthalbte Mensch auf Erden die Pest an den Hals gewünscht hat. Man fremdschämt sich leise seufzend und gruselt sich. Himmel, strahlender Azur! War das zum Speien!

Dabei, beseligende Dialektik des Irrsinns, es besteht gar kein Anlass zu großer Trauer, denn siehe: Es ward ein Nachfolger geboren! Ein Reichsverweser! Kim Jong Un, der feiste Punk im Mao-Anzug, ein schwer mopsiges Diabetes-Mondgesicht, von dem die Geheimdienste greinen, sie wüssten nichts über ihn. Stimmt doch gar nicht! Wie die amtliche nordkoreanische Nachrichtenagentur vermeldet, wurde diese Made in Eigenspeck „vom Himmel geboren“! – Schade, dass er nicht vom Himmel gefallen ist – ein Fettfleck im Stadtzentrum von Pjöngjang wär doch ein hübsches Befreiungsdenkmal. (Mir ist gerade aufgegangen, wie wahnsinnig politisch Joseph Beuys’ „Fettecke“ damals gewesen ist, und wie prophetisch.)

Man muss sich das Foto von dem Knilch mal richtig anschauen – ein Meditationsbild! Nein,  vielmehr ein Suchbild! Wo nur hat man je eine solche plump arrogante, blickdicht dumpfe, fischkalt fiese, verschlagene Killer-Fresse schon mal gesehen? Ach ja, der Türsteher von der Shanghaier Triaden-Bar „Zur Goldenen Wasserfolter“, stimmt, der sah so ähnlich aus. Ich weiß, Vater Lavaters gute alte Physiognomik steht nicht mehr hoch Kurs. Aber diese Visage? Kommt, Leute, ehrlich, jetzt mal in echt!

Angeblich ist der Mongo-Molch in der Schweiz ausgebildet worden. Fragt sich, in was. In Geld-Verstecken? Tausend Taschenmesser-Torturen? Schoko-Wettfressen? – Ach, ich merke, ich echauffiere mich. Du sollst nicht unflätig werden, heißt es in der Bibel. Schließlich besteht kein Anlass zur Hochmut: Wir Deutsche wissen ja, was es heißt, einem Irren zu folgen. Aber gleich eine Dynastie draus machen? Bei der Himmelssturzgeburt vom Hl. Kim-Vater sollen zwei Regenbogen am Himmel gestanden haben. In Braunau am Inn war es ein riesiges Hakenkreuz. Auf Zeichen des Himmels ist Verlass. Wenn man sie denn zu deuten wüsste.

Aus dem Bauch gedacht (Kleine Hasen)

20. Dezember 2011

Too much of Glühwein tonight (Dancing with de Sade)

Karneval in Absurdistan. Das Herz der Lustigkeit liegt in NRW. Hier werden wir seit irgendwann nur noch von starken Frauen regiert, das heißt von Hühnern, statt von Gockeln. Ist jetzt alles besser? Gewiss, schon irgendwie. Kuschliger, spontaner, vor allem aber noch mal 25% brunzdussliger. Ich weiß gar nicht, wen ich bezaubernder finde, die Ministerpräsidentin, die Bildungsministerin? Oder doch die Gesundheitsministerin? Die will jetzt die Nikotin-Kartuschen für E-Zigaretten verbieten. Oder nee, jetzt nicht gerade verbieten, vielleicht, eventuell, sondern apothekenpflichtig machen wie Nikotin-Pflaster. – Dann gibt es nur am Büdchen noch schädliche Zigaretten. Oder führt man die künftig auch in der Apotheke? „Ich hätte gern eine Dosis Aspirin-Brause und ein Päckchen HB, und, ach, vielleicht bisschen Hustensaft noch…“? Die Volksgesundheit jubelt und tanzt auf dem Ladentisch. Was Frauen evtl. tatsächlich besser können: Symbolischen Politaktivismus, der praktisch nichts kostet. – Apropos Hühner: Die kriegen weiter ihre Antibiotika. Scheiß auf Gesundheit!

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Der ulkige Schurke, der uns jahrelang mit seinem Besichtigungsfimmel begeisterte („Kim Jong Il is looking at things“): not longer available. Looking at grass roots now.  Falls im Kim-kommunistischen Kaiserreich von Nordlummerland denn überhaupt noch Gras wächst. Es ist wie in Serienkiller-Filmen: Kaum ist ein Unhold beseitigt, steht der nächste Irre schon hinterm Vorhang: Kim Jong Un, das neue Un-Wort des Jahres, der mopsgesichtige Mondprinz aus Nirgendstan. Man stelle sich vor, es hätte damals die Alliierten nicht gegeben: Wir würden heute von Adolfs Enkel Gernot-Kevin Hitler beherrscht!

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Wir müssen schon wissen, was wir wollen. Ein Bundespräsident hat die politische Wohlfühlfunktion, mit gütig-verständigem Gesicht Kindergärten zu besuchen, Weihnachtsansprachen zu halten und Staatsgäste zu empfangen. Wie soll er diesen hochbezahlten Job machen, wenn er ständig von der Medien-Meute wie der letzte Lump durchs Dorf getrieben wird? Dass das Politiker-Dasein eine gewisse soziale Devianz mit sich bringt, ist unumgänglicher Effekt der Rolle. Und was denn jetzt? Ich möchte bitte nicht, dass unser Land von einem asketischen Moral-Jakobiner repräsentiert wird! Das wäre dem Durchschnitt der Bevölkerung auch kaum angemessen. Wenn Herr Wulff lieber bei seinem reichen Schrotthändler-Freund in Florida Urlaub macht als in einer ökologisch betriebenen Jugendherberge auf Amrum – was schert mich das? Und wenn er gute, väterliche Freunde hat, die ihm nach der teuren Scheidung Geld leihen, freut mich das für ihn. Nicht, dass mir der Mann sonderlich sympathisch ist, aber im Amt ehren wir ja auch nicht die Person, sondern unsere Verfassung und damit uns selber. Ich muss gestehen, dass mich das allenthalben populär herumschwappende, hysterische Moralgetue ein bisschen langweilt. Schon grad, wenn die SPDler, die Komplizen des ollen Gazproll-Mannes Schröder, dabei die Trommel rühren.

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Ich bin einerseits so demütig, zuzugeben, von Politik nichts zu verstehen, andererseits arrogant genug, zu glauben, dass dies bei Politikern nicht anders ist. Selbstgewissheit ist, um sinngemäß ein Wort von Wolfgang Herrndorf zu zitieren, „das, was in kleinen Hasen wächst, wenn sie nachts allein durch den Wald hoppeln“.

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Heute letzter Seminar-Abend. Irgendwie schlittern wir unbeabsichtigt in die Apokalypse. Man überbietet sich in sinistren Prognosen über kommende Krisen und Katastrophen. Vergebens versuche ich, die Zukunft ins Heitere zu ziehen, aber letztlich ist es Klaus, der uns rettet: „Immerhin“, strahlt er Ruhe aus, „wir werden das alles nicht mehr erleben!“ – Entspannt gehen wir in den Weihnachtsurlaub. – Ah! zwei Wochen nichts denken!

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Apropos Seminar: Klamm hocken wir im abgeranzten, überheizten, dennoch zugigen, trist neon-befunzelten Zumutungsambiente (i. e.VHS-Raum) auf rachitischen 70er-Jahre-Möbeln und genießen die schmucklose Atmosphäre, die irgendwo zwischen nordkoreanischen Verhör-Zimmern und Kafkaeskem Albtraum changiert, und Heike flötet ansteckend fröhlich: „Also, ich weiß nicht, irgendwie find ich das hier schon wieder fast gut!“ Jetzt wussten wir aber einen Moment nicht, ist sie bloß die abgebrühteste Positiv-Denkerin der hiesigen Philosophen-Elite – oder aber schon dermaßen snobistisch, dass wir mit unserem Alltagssarkasmus hoffnungslos hinterher humpeln? Ein Engel durchflog den Raum.

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Ich weiß, ich bin bestimmt der Einzige, der sich diese Frage stellt, weil sie ihn quält, und zwar, weil gerade der „Nussknacker“ auf arte tanzt, ob es eventuell sein könnte, dass Tschaikowski ein unfassbarer Kitsch-Beutel war? Jedenfalls stelle ich hilfsweise die Behauptung in den Raum, dass er der erste Komponist war, dessen Musik man anhören kann, dass ihr Urheber schwul war. Wobei letzteres für mich kein Werturteil darstellt. Ich tanzte auch zu Sarabanden des Marquis de Sade!