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Verdammt: Selbsternannt!

9. Dezember 2011

Messias (selbsternannt)

Zwei ältere Damen im Publikum, kurz vor meinem Kleist-Vortrag, während man noch Stullen, Pastillen und Hustinetten auspackt:

  • „Sinn ja gezz viel mehr Polizei da…“ –
  • „Ja? Wo denn?“ –
  • „Na, anne Demo vorne vor, datt sich da keiner hinsetzt auffe Straße oder so.“ –
  • „Gehss duu denn auf Demo?“ –
  • „Sischer! Haatz4, unn allet, imma Montach! Seit Jaarn schon!“ –
  • „Haatz4? Für meehr gezz, oder? Oder wie?“ –
  • „Auch, ja, für mehr unn gegen Arbeizbedingungn unn so…“ –
  • Unn imma montachs? Is aber doch teuer…?“ –
  • „Nee, hab ja Tickett…“ –
  • „Tickett könntense mia ma schenken. Ich fahr Farrad! Imma! Bisse schnellwech wenn ma watt is, Raubüberfall oder Vergewaltung…“ –
  • „Na. Na ja. Wolln ma gezz hören, watter Haneld uns saagn will…“

Uuuund: Spottlight an! Im Glanze tausender bildungsbürgerlich glühender Augenpaare erstrahlt der dicke, alte Magister. Er lächelt gütig und sagt: „Ahämm. Tja. Also. Kleist.“

 * * *

 Wenn dem Deutschen eines über die lodengrüne Hutschnurkordel geht, dann sind das Leute, die irgendwas machen oder sind, ohne behördlicherseits dazu ermächtigt zu sein, denn da könnte ja jeder kommen und Dinge anstellen, über die man keine Kontrolle hätte, bzw. gar nicht wüsste, ob das überhaupt erlaubt ist oder ob die da oben einen bloß mal wieder verarschen oder was. Deshalb ist die einzige Injurie, die sich im Nachkriegsdeutschen beinhart hält, diese: „selbsternannt“! Wenn ich mich recht erinnere, hat Max Goldt schon vor 8o Jahren darüber sich beömmelt, dass man ihn einen „selbsternannten Kolummnisten“ schimpfte.

Ich hingegen bin, schenkt man dem Kommentarpöbel Glauben, als „selbsternannter Islamkritiker“ unterwegs, weil ich mir vom Großmufti in Saudi-Kuckucksheim nicht die Erlaubnis geholt habe, seinen mittelalterlichen Scheiß für krank zu halten! Dabei kritisiere ich gar nichts. Wer daran glaubt, dass sich Gott einen analphabetischen arabischen Kamelhirten ausgesucht hat, um ihm seine zweifellos goldenen Worte zu diktieren, bitte. Solange er andere mit dem unsäglichen Quatsch in Ruhe lässt, soll mir sein Wahn egal sein.

Als ich früher beim Kinderschutzbund arbeitete, kam mal ein Typ zu mir, der glaubte, Jesus zu sein und den Auftrag zu haben, nach Reinheit in der Welt zu suchen. Ich bestärkte ihn in seinem Glauben, riet aber dazu, fürderhin die Reinheit nicht mehr mit Teleobjektiv unter den Röckchen siebenjähriger Spielplatz-Mädchen zu suchen. Wir schlossen einen Kompromiss. Er durfte weiter Jesus sein, sofern er aber der Pädophilie abschwor. Soweit ich weiß, hat das geklappt.

* * *

Apropos krank. Ich habe an der Wikipedia-Universität Arzt studiert und bin der Meinung, ich litte eventuell, man verzeihe mir solche intimen Wartezimmer-Epen, an dem Dingsbums-Syndrom. Da so etwas leider ziemlich viele Menschen glauben, habe ich, wiewohl Privatpatient, beim einzigen deutschen Koryphäenspezialisten für dieses Syndrom erst im Februar einen Termin bekommen. Bis ich offiziell an der Diagnose erkranke, bin ich also lediglich ein selbsternannter Patient. Mal gut, dass ich nicht befürchte, Krebs zu haben!

* * *

Nach dem Vortrag lasse ich immer die Kinder zu mir kommen. Leutselig antworte ich auf Zuhörer-Fragen. Die eine Dame von vorhin fragt: „Wie jetzt? Kant hat dem Dings, wie der heißt, gesagt, er soll welche ansprechen?“ – „Was, was? Wie jetzt?“ frage ich zurück. „Ja, und woher haben Sie denn überhaupt das, was sie da vorgelesen haben?“ – „Vorgelesen?“ – „Ja, die Blätter da, wo Sie in der Hand hatten!“ – „Die hab ich halt selber geschrieben. Is ja ’n Vortrag.“ Die Dame zweifelt: „Das von Kant auch?“„Nee, das natürlich nicht. Das hab ich zitiert.“ Sie guckt mich an als sei ich der leibhaftige Guttenberg. Mir wird das zu kompliziert. Ich greife in meiner Not zur Konfusionstechnik und trompete: „Genau! Ich wünsch Ihnen auch ein schönes Weihnachten!“ und husche aus dem Vortragssaal. – Manno, bevor ich noch mal behaupte, ich sei in der Erwachsenenbildung tätig, gestehe ich lieber: Ich bin ein selbsternannter Messias. Damit es wenigstens wirklich kracht.

Bin ich „Der Kannibale von Hochfeld“? (Schlechte Bücher)

18. September 2011

Dass zu viel schlechte Lektüre ins Verderben führt, ist heute selbst bei Extrem-Alarmisten ein nur noch selten gehörter Warnruf. Längst stehen Killer-Spiele, Ego-Shooter und überhaupt dieses ganze Internetz aus Porno und Gewalt im Fokus des Verdachtes. Doch vielleicht zu unrecht! Lesen kann noch immer Schäden verursachen! Der Beweis in Bild und Schrift: Es kam so. Heute war so ein mies-kühler Herbsttag, diverser Lebensunbill hatte mich klamm ums Herz werden lassen und ich hatte so Fröstel-Blues, und da dachte ich: Legst Du mal Kant und Hegel beiseite und gönnst dir, schön muggelich im Hausmantel in den Sessel gekuschelt, Kanne Kaffee dabei, einen richtig schönen Serienkiller-Kannibalen-Splatter-Roman. „Blut und Knochen“ von Stuart MacBride schien mir das genau Richtige für einen besinnlichen Sonntag: Jede Menge Sadismus, kannibalischer Horror und Blut bis über die Kachelgrenze – danach würde es mir vielleicht besser gehen.

Während ich mich der blutigen Lektüre hingab, machte ich nebenher immer mal wieder Notizen auf meiner To-Do-Liste für später, wenn ich die Gattin zu Szegediner Gulasch und Münsteraner „Tatort“ besuchen würde. Spät abends heimgekehrt fiel mein Blick auf die liegengebliebene Liste –  und mir gefror das Blut in den Adern. Da stand tatsächlich: „Nicht vergessen: Einmalhandschuhe – Tupperdosen – Reinigung! – Versicherung prüfen!“ Purer Zufall, ich schwör! Und ich kann alles erklären!

Aber nur mal angenommen, gerade wäre per tragischem Zufall meine Nachbarin zerstückelt aufgefunden worden und man entdeckte nun bei einer Hausdurchsuchung diesen Zettel bei mir! Würfe dies nicht ein verdammt schiefes Licht auf mich? Zwar würde die Gattin bestätigen können, die Tupperdosen seien für frischen Apfelkuchen bestimmt gewesen und die Handschuhe ihr schon lange zum Putzen versprochen worden, ferner hätte ich geäußert, die Kosten meiner Krankenversicherung fräßen mich auf und ich müsste mal die Tarife klären und außerdem mein Sakko in die Reinigung bringen  – aber reichte das zur Entlastung? Bloß gut, dass nicht auch noch „Kettensäge“, „Schaufel“ und „Parkanlagen googeln!“ auf meinem Zettel standen – ich hätte mir ja selbst nicht mehr über den Weg getraut!

Paranoia schärft den Blick: Bloß nichts Schriftliches hinterlassen! Geriete ich in den Blick der „in alle Richtungen ermittelnden“ Kripo, würde man bestimmt auch die Reste unseres Gulasch in die forensische Pathologie bringen und dort hochnotpeinlich überprüfen. Und? Man fände Bröckchen von einer blöden Kuh und einem fiesen Schwein! In Chili-Sauerkraut! Iigitt! Ich seh mich schon in der BILD-Zeitung, einen nur äußerst knapp bemessenen schwarzen Balken vor den Schamteilen meines Gesichts, darunter die Schlagzeile: „IST DAS DER KANNIBALE VON HOCHFELD?“ – Würde ich danach jemals wieder Vorlesungen über Kants Kategorischen Imperativ halten können? Iwo! Ich könnte nicht mal öffentlich „Königsberger Klopse“ sagen, ohne dass man mich mit schauderndem Misstrauen scheeläugig examinierte! Vor meinem Haus rottete sich der Mob zusammen und reckte Schilder in die Luft, auf den stünde: „Raus die Sau!“, „Unsere Kinder sind vor Kannibalen nicht sicher!“ und „Keine Gnade für Fleischesser!“

Den Rest meines Lebens müsste ich in einer Höhle im Stadtwald zubringen, getarnt mit einem Klebebart und einer künstlichen Glatze! So gefährlich sind niveaulose Lektüren und fahrlässige To-Do-Listen. Also, Nachbarn: Bedenkt, was ihr tut!

Moment verpennt

13. Juni 2011

 

Mozart mit Kopfhörer (Gemälde von Anna Maria Dusl für "Falter")

Immer wieder gern gehört wird das Stück „4’33“ von John Cage, eine dreisätzige Komposition, bei der alle Instrumente schweigen („tacet“). Das Stück gibt es für Klavier, Kammer- sowie Sinfonieorchester. Ich bevorzuge die machtvoll schweigende („tutti“!) Londoner Orchesterfassung, die ich oft auflege und so laut drehe, dass sie eigentlich alles andere übertönen müsste. Leider funktioniert es nicht – die Straße will einfach nicht, wenn ich das mal so lautstark ausdrücken darf, ihre Fresse halten! Ich beklagte dies schon öfter, in letzter Zeit nicht nur aus rentnerhafter Ruhebedürftigkeit, sondern auch aus richtig gewichtigen Gründen: Ich soll nämlich Texte von mir einsprechen und hab dafür eigens ein teures Profi-Mikrophon-Headset von Sennheiser auf den Kopf geschraubt bekommen. Wenn ich aber meine elaborierten Klügeleien (von Augustinus bis Zoroaster!) später abhöre, klingt es immer, als hätte ich Kiplings Dschungelbuch vertont, sofern man als Dschungel akzeptiert, dass dort türkisch gebellt, Arabesk-Musik oder Gangsta-Rap gespielt und die Rolle kreischender Papageienschwärme von dauerfußballernden Kindern übernommen wird.

Ich meine, wer will schon erklärt bekommen, warum Hegel meinte, das Wirkliche sei das Vernünftige, wenn dann auf der Soundspur ewig das doofe Geddo lärmt? Die Straße ist zwar nie vernünftig, aber immer verdammt wirklich! Man stelle sich vor: Die zart-filigrane Abstraktionsarchitektur von Immanuel Kants „Kritik der“ leisen, quatsch, „reinen Vernunft“, und dann brüllt ständig einer dazwischen: „Du blöde Votze, ich hau dich zu Brei, du Nutte! Ich frag zum letzten Mal: Wo ist das Geld“? Das ist doch weder pädagogisch noch didaktisch als wertvoll einzustufen, Wirklichkeit hin oder her. – „Kinder, so kann ich nicht arbeiten!!!“

Aber jetzt, heute, Pfinxen, Montag. Ich erwache verkatert (hatte Pfinxen mal wieder mit Vatertag verwechselt, passiert mir jedes Jahr) um 6.00 Uhr morgens in meinem Schlaf-Büro und: ……….. es herrscht himmlische, ja göttliche Stille! Mein Hirn spielt alarmierende Musik ein (Eminem: „…the mike is yours and you’ve got only ONE SHOT, ONE OPPORTUNITY“!) und empfiehlt senile Bettflucht. Jetzt oder nie! Ran an den Schreibtisch, Hörbücher produziert, garantiert ohne Nebengeräusche! Negergeräusche? Nein, nein, Nebengeräusche. Natürlich bin ich es gewohnt, spontane Impulse noch mal reflektierend zu überdenken. Als ich zehn Minten später damit fertig bin, ist es 9.30 Uhr. Auf dem Hörbuch-Track nur weißes Rauschen, untermalt mit John Cage. Immerhin. Es war einfach zu ruhig zum Arbeiten.

Aus dem Alltag eines Berufsphilosophen

18. Mai 2011
Imannuel Kraska, als Kant

Mit meinem Beruf bin ich etwas verschämt. Dabei bin ich weder Zuhälter, noch Anwalt oder Immobilienmakler. Schamhaft nuschele ich immer was von „Dozent in der Erwachsenenbildung“. Dabei dürfte ich eigentlich ruhig zugeben, dass ich „Philosoph“ bin, denn das hab ich gelernt und das bin ich ja auch, zertifiziert, diplomiert und behördlicherseits ordnungsgemäß abgestempelt. Aber es klingt immer so blöd komisch, entweder prätentiös anmaßend oder, hm, etwas windbeutelig. Sage ich die Wahrheit, heißt es prompt mit kaum versteckter Häme: „Und was ARBEITET man so, als, ahem, … Philosoph?“  Darauf gibt es diverse Antworten mit unterschiedlichem Wahrheitsgehalt. Zum Beispiel könnte ich sagen:  „Ooch, direkt arbeiten tue ich eigentlich nicht, ich sitz bloß am Schreibtisch und unterstreich so in Büchern…“  Mit etwas mehr Lust zur Mystifikation klänge es vielleicht so:  „Tja, morgens nehm ich halt meine Medikamente, schniefe ein paar lines Koks, trinke Kaffee und dann geht’s zur Matinée mit Düsseldorfer Industriellen-Gattinnen, die mir an den Lippen hängen bzw. zu Füßen liegen und mir verstohlen prall gefüllte Sparbücher zustecken...“ –  Die Wahrheit liegt, leider, noch nicht mal irgendwo dazwischen.

In Wahrheit träume ich vor mich hin, prokrastiniere ziellos ins Blaue, grübele konfus über dieses & jenes – bis plötzlich das Telefon läutet. Ou-ou, jemand Offizielles! Vom ***Museum im Kant-Park! „Herr Magister Kraska!“ trompetet der junge Mann, „entschullien’se die frühe Störung! Wie Sie vielleicht wissen, leite ich das Philosophie-Café im *** Museum!“ –  „Gern“ repliziere ich (wg. der Störung), – „leider nicht“ (wg. dem Wissen) und  „viel Erfolg!“ – (wg. des bestimmt ambitionierten Vorhabens). – „Ich habe da so ein spezielles Konzept…“ verrät der Mann. – „Aha?“ antworte ich, mäßig interessiert. – „Jaha, und zwar möchte ich mal die Philosophie so mehr auf die theatralische Ebene heben, wenn Sie wissen, was ich meine…“ – Nö, keinen Schimmer, weswegen ich erstmal schweige. – „Ja, und in diesem Zusammenhang wäre da oder hätte ich mal die Frage, ob Sie vielleicht einen halbstündigen Vortrag über Kants Drei Kritiken halten möchten, draußen da, im Park, im Rahmen so einer theatralischen Performance, am Donnerstag?

Als ich noch jung und heißblütig war, hätte ich entweder zu lachen begonnen oder spontan etwas sehr Ätzendes formuliert. Reif und gelassen geworden, stelle ich hingegen sachdienliche Fragen: „Mit den drei Kritiken meinen Sie aber doch Immanuel Kants 2500-seitiges Hauptwerk, für das er 25 Jahre gebraucht hat? –  Mit Donnerstag meinen Sie übermorgen? – Und mit einer halben Stunde meinen Sie, äh, so… 30 Minuten? Ach so, und mit ‚theatralisch’, dass ich mich im Park verstecke, beim Auftauchen einer von Ihnen geführten Touristengruppe im Kant-Kostüm hinter einem Baum hervorspringe und ein bisschen was vor-philosophiere?“ – Auf jede Frage erntete ich ein „Ja“, wenn auch mit allmählich abnehmendem Selbstbewusstsein. Es gäbe, so der Anrufer, spürbar sich windend, evtl. als Honorar auch so, na ja, sagen wir vielleicht, hm, so … „hundert Euro?“ 

Kurz habe ich durchkalkuliert, was eine bulgarische Nutte bei mir um die Ecke in „Sin City“ für ’ne halbe Stunde ohne Gummi bekommt, dann habe ich abgelehnt. Erstens könnte ich im Rokoko-Kostüm allerhöchstens den dicken schottischen Bonvivant und Erz-Skeptiker David Hume verkörpern, nie und nimmer aber den bucklicht rachichitischen, asketischen Knochenmann Kant; zweitens sind selbst einem Didaktik-Genie wie mir zwei Tage Vorbereitung zu wenig; drittens könnte ich in 30 Minuten gerade mal „Meine verehrten Damen und Herren“ sagen; viertens sind die Zeiten, wo ich mich zu neckischen Spielchen im Park versteckte, seit einem Vierteljahrhundert vorbei. Außerdem, um ehrlich zu sein, für einen Hunni den Affen zu machen – das findet man mit Zwanzig okay, in meinem Alter aber nicht mehr, weswegen ich fünftens, vor allem leider aus Zeitgründen, die geschätzte Anfrage leider ablehnen müsse.

Hinterher hatte ich Skrupel und Grund zum Grübeln: Bin ich jetzt eine Diva geworden? Habe ich Allüren? Ich zog das Tao der Demut zu Rate. Aber selbst dort stand nicht, der Gelehrte („das alte Langohr“) habe sich prinzipiell zum Idioten zu machen.  Ich fühlte mich gestärkt. Es gab mir die Kraft, den Rest des Tages über die geistesverwahrloste Erlebnis-„Kultur“ der Gegenwart angemessen kulturkritische Gedanken zu wälzen. Beschlossen aber habe ich, zur Veranstaltungsreihe „Warum wir Kulturmanager allesamt verrohte Komplett-Idioten sind“ meinen Beitrag zu leisten. Zur Not im Nietzsche-Kostüm, mit dem Hammer in der Hand. – Als ich mein Erlebnis im Seminar-Kreise zum Besten gab, wurde mir versichert, man wäre aber bestimmt gekommen, mit der Kamera, um mich im Kant-Kostüm abzulichten. – Schön, wenn man Respekt genießt!