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Ich überlebte das Lächeln Enver Hoxhas!

20. Mai 2009
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Kraska und der Diktator versuchen sich gegenseitig niederzugrinsen

 

 

BEIM AUFFINDEN EINES ALTEN FOTOS…

 

Das Fernsehen wiederholt ja auch schon mal was! Deshalb, und weil ich heute wohl Fußball gucke, ein älterer Beitrag aus dem Qype-Kästchen:


Ich schätze, die meisten unter Euch Erwachsenen fühlten sich nicht brüskiert, äußerte ich die Annahme, daß auch Ihr auf eine stattliche Anzahl größerer  oder minderer Dummheiten zurückblicken dürftet: Das Leben erfreut sich zahlreicher Gelegenheiten, Fallgruben und Fettnäpfchen bereitzuhalten, in die hineinzutappen und sich lächerlich zu machen zu den unvermeidlichen Stationen auf dem Weg zur Reife gehört. Manchmal ist das ein langer Weg! Auch ich bin erst durch den Schaden klug geworden, den ich selber angerichtet habe! Kein Grund, vor Scham im Erdboden zu versinken! – 

 

Die Frage ist, habt Ihr von den beschämendsten Momenten Eurer größten Lebensblödheit auch ein … Beweisfoto? (Hochzeitsfotos zählen jetzt mal nicht, und auch nicht die freizügigen Bilder, zu denen Ihr Euch mal in der Nacht nach der Weihnachtsfeier habt überreden lassen…)

 

Ich habe ein solches peinliches Fotodokument von mir gefunden, und weil der Mann, dem ich auf diesem Bild frenetisch grinsend die Hände schüttle, vor wenigen Monaten einhundert Jahre geworden wäre, zeige ichs mal vor:  Der Mann rechts, der voller Freude über meine enthusiastische Bereitschaft zu rückhaltlosem Personenkult wohlwollend und huldvoll zu mir emporstrahlt, ist der albanische Diktator Enver Hoxha [1908-1985], der mit seinem Clan (und seiner Geheimpolizei) das wunderschöne Land an der adriatischen Ostküste vierzig Jahre lang terrorisierte und unter seiner Fuchtel hielt. 

 

Ähnlich wie der nordkoreanische Geistesbruder Kim Il-sung schuf Hoxha eine verführerische Mixtur aus Befreiungskrieg-Mythen, Nationalismus und militantem Linkskommunismus, angereichert mit stalinistisch-maoistischem Personenkult um seine eigene Person. Wer sich nicht verführen ließ, wanderte ins Arbeitslager, wurde erschossen oder zu Tode gefoltert. Orthodoxe Christen und Balkan-Muslime wurden gleichermaßen verfolgt; auf die illegale Einführung von Bibel oder Koran stand die Todesstrafe, und Enver Hoxha war stolz, Herrscher des „ersten atheistischen Staates der Erde“ zu sein. Natürlich war das trotz allen Terrors Quatsch, Propaganda und Selbstbetrug. Die Partei schaffte es nicht einmal, die jahrhundertealte Tradition der Blutrache zu beseitigen, von der die stolzen Shqipetaren, Nachfahren der lllyrer und Besitzer einer einzigartigen Kultur und Sprache, bis heute nicht lassen wollen.

 

Daß Enver Hoxha nicht in gleichem quantitativen Umfang zum Massenmörder wurde wie Stalin, Mao Zedong oder Pol Pot, lag lediglich an der lummerländischen Winzigkeit Albaniens, seiner Isolation am Rande Europas und der überschaubar kleinen Bevölkerung. Dabei war Hoxha, meinem bescheidenen Eindruck nach, der intellektuellste unter den stalinistischen Diktatoren, er war Lehrer gewesen, kein Bauer, und er verfügte durchaus über einen gewissen leutseligen Charme. (Hierüber mag ich mich freilich täuschen: Lloyd Jones schreibt in seinem Roman „Der Mann, der Enver Hoxha war“: „Ich hatte davon gehört, daß Menschen, die ein Lächeln über Envers Gesicht huschen sahen, später zu ihrer Überraschung oft erfuhren, daß er ihre Hinrichtung angeordnet hatte.“

 

Ich darf also mit einem gewissen demütigen Glücksgefühl sagen: Ich habe Enver Hoxhas Lächeln überlebt! Ob das auch der Fall gewesen wäre, hätte ich nicht sehr bald danach die Heimreise angetreten? Den Job als deutscher Sprecher von „Radio Tirana“ bekam ein anderer Genosse, zum Glück. (Meinesgleichen waren damals die ersten und einzigen Deutschen seit dem Sieg über die Nazi-Besatzung, die unsere Heimat in Albanien vertraten).

 

Hoxha starb 1985.   Zwei Jahre später nahm die Bundesrepublik zur (damals noch) Sozialistischen Volksrepublik Albanien diplomatische Beziehungen auf. Der „Sozialismus“ brach bald danach wie ein Kartenhaus zusammen. Als die Deutsche Botschaft 1990 ihr eigenes Gebäude bezog, stürmten tausende Albaner das Gelände, in der Hoffnung, nach Deutschland zu entkommen. Die bronzene Statue Hoxhas auf dem zentralen Skanderbeg-Platz in der Hauptstadt Tirana wurde heruntergerissen, der Leichnam des Diktators aus seinem pompösen „Heldengrab“ exhumiert und zivil bestattet. Trotzdem zeichnen immer noch Spuren Hoxhas das Land: Da sind die zigtausenden von kleinen Betonbunkern, deren Bau Enver befahl und die das Land wie Pickel überziehen; und an manchen Berghängen prangen da noch immer die kilometerlangen monumentalen Steininschriften: „Rrofte Partia e Punës e Shqipërisë me ne shoku Enver Hoxha në krye!

 

Ich blieb damals ratlos zurück. Ich hatte gar nichts von Diktatur und Terror bemerkt! Albanien war ja nicht Nordkorea, sondern ein sonnenverwöhntes mediterranes Land mit einer (scheinbar) entspannten, lebenslustigen jungen Bevölkerung, die, so schien es mir, fröhlich und freiwillig hinter ihrer Führung stand… –  Aber was kapiert man schon mit 23? Und woran erkennt man, daß die trinkfesten Genossen, die einen auf der Reise umsorgen, von der Geheimpolizei sind? Natürlich ist mir aufgefallen, daß das Privilegiertenviertel, in dem ich wohnte, von schwerbewaffneten Elitesoldaten mit gezückten Maschinenpistolen bewacht wurde. Für oder besser:  gegen wen diese Waffen gerichtet waren – das war mit Sicherheit eine der naheliegenden Fragen, die ich mir nicht gestellt habe. Wie auch die nicht wirklich, warum in einem Land, in dem Eselskarren noch immer Luxus waren, die Partei-und Staatsführung grundsätzlich in einer Kolonne schwerer, gepanzerter Mercedes 500-Limousinen über die kaum gepflasterten Straßen bretterten.

 

Lenin, Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot, Kim Il-sung, Enver Hoxha, Saddam Hussein – die Geschichte hat die großen Diktatoren und Menschenfresser des 20. Jahrhunderts verschlungen und auf den berühmten „Müllhaufen der Geschichte“ gespiehen. Ihre Namen, ihre Gesichter kennt man noch. Die Hunderte von Millionen Opfer haben in der Regel weder Namen noch Gesichter. Aber sie sind es, derer wir gedenken sollten: Um ihretwillen müssen wir wach bleiben – und zusehen, daß wir den Enthusiasmus unserer Jugend in bessere Bahnen lenken…

 

 


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