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Coole Schmierage: Vorsicht Leben!

21. Juni 2009
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Die Schablonen-Technik erinnert an Banksy...

Ohne mich in der inner-österreichischen Politik auszukennen, geh ich mal davon aus, die ÖVP-nahe Initiative „Pro Josefstadt“ wollte sich da im letzten Jahr ein bisserl einschleimen bei den Josefstädter Hausbesitzern. „Wenn wir da ein wenig auf den Putz hauen, gegen Schmutz und Schund wettern und nach Ordnung schreien, wählen die uns vielleicht“, hat sich ein junges, aufstrebendes Politik-Genie evtl. gedacht und die eigene Idee für verdammt „leiwand“ (wienerisch für: genial, spitzenmäßig, intelligent) erachtet. Also hat er sich mal hingesetzt, ein altes Schulheft herausgekramt, eine leere Seite gefunden, am Bleistifterl geleckt und dann folgende Anfrage an den Bezirksvorstand formuliert:

 ANFRAGE: Graffiti – Unwesen in der Josefstadt

von: PRO JOSEFSTADT

 1. Ist Ihnen das Problem des Graffiti-Unwesens bereits aufgefallen?

2. Was haben Sie als Bezirksvorsteher bereits dagegen veranlasst oder gedenken Sie dagegen zu veranlassen?

 BEGRÜNDUNG:

Seit geraumer Zeit gehört in der Josefstadt das Beschmieren von Hauswänden, Toren und Geschäftslokalen zur Tagesordnung. Die verschiedenen mehr oder weniger künstlerischen Ergüsse und teilweise provokanten Slogans verunzieren mittlerweile fast jeden Häuserblock in diesem Bezirk. Gleich welchen politischen oder sonstigen Ursprungs sie sind, und gleich welchen künstlerischen Inhalt sie haben mögen, sie sind in jedem Fall eine Beschädigung privaten oder öffentlichen Eigentums. Da sich diese Delikte besonders im letzten Jahr gehäuft haben, können die betroffenen Bürger, die den Schaden bezahlen müssen, sehr wohl Hilfe, aber zumindest eine sofortige Stellungnahme des Bezirksvorstehers, die auf Grund der Dringlichkeit der zahlreichen Beschwerden noch vor der Sommerpause erfolgen sollte, erwarten.“

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Damits nicht zu süßlich wird in der Josefstadt

Der Bezirksvorsteher, ich nehme mal an, ein Sozialdemokrat, blieb gelassen und in seiner Antwort recht kühl und knapp: Antwort des Herrn Bezirksvorstehers: Wenn es auffällt, werden die jeweiligen HV verständigt.“ Ob die rechtspopulistischen Wichtigtuer und Saubermänner diese Antwort befriedigend fanden?

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Grimmiger Kommentar

Mir sind einige neuere Produkte der AerosolArt-Fraktion in der Josefstadt aufgefallen, und ich muß sagen, für meinen Geschmack sind sie sehr kleidsam und verhindern, daß die renovierten Straßenzüge allzu übermäßig geleckt und verstorben anmuten. Welche Aussage die Sprayer intendieren, weiß ich ja nicht, aber auf mich wirken sie wie ein rotziges Gitarrenriff aus einem offenen Fenster – die Message: „Vorsicht! Hier wird noch gelebt!“

Freilich, ich bin auch kein Josefstädter Hausbesitzer. Wäre ich einer, ich glaub, ich tät mich vorerst nicht beschweren. „Fesch!“, würd ich zum Sprayer sagen und „leiwand wie auf Leinwand!“

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"Cool Killer..." (Baudrillard)


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Durch(h)aus freiwillig

20. Juni 2009

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Ich bin ein Freund der Freiheit. Das geht bis zur anarchistischen Tendenz. Verbote, Befehle, Anordnungen – so etwas finde ich irgendwie … unhöflich. „Durchgang verboten!“, „Rasen nicht betreten!“, „Nicht auf den Boden spucken!“ – solche barschen, begründungslosen Autoritätsbrocken, die einem von unbekannten, evtl. sogar kafkaesk gestaltlosen Mächten vor die Füße geworfen werden, reizen dazu, umgangen, unterlaufen oder übersprungen zu werden. So ein Ton macht mich renitent! Da krieg ich grad erst Lust, das Verbotene zu tun! Dabei spucke ich sonst nie auf den Boden – und nun mit Fleiß!

Umso magischer zieht mich da ein Torbogen in der Wiener Josefstadt (Lerchenfelder Straße 13) an, über dem steht die große Inschrift: „Freiwilliger Durchgang“! Ja, so ist es charmant! Enchanté! Ein Durchgang, des es mir in höflicher Unverbindlichkeit anheim stellt, ihn gern zu betreten – der es aber unaufgeregt und gelassen durchaus auch hinnähme, wenn ich sein Angebot für jetzt erst einmal dankend ablehnte – denn es beruht dies alles ja auf reiner Freiwilligkeit! –, DAS ist nach meinem Geschmack, da – Freiwilligkeit adé ! – MUSS ich einfach eintreten!

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Wie sich später herausstellt, war auch gar nicht meine Freiheit gemeint, sondern daß hier zur Biedermeier-Zeit, als Wien immer dichter bebaut wurde, der gnädige Herr Hausbesitzer es „freiwillig“ gestattete, daß man, um ohne Umweg von einer Gasse zur anderen zu kommen, praktisch durch sein Haus hindurchlief, weshalb diese Häuser, auf der Grundlage des sog. „überbauten Wegerechts“, auch „Durchhäuser“ oder eben „Freiwillige Durchgänge“ hießen. Aber beiseite mit dem juristischen Aktenkram! Dahinter verbirgt sich nämlich Zauberhaftes und eine der weniger bekannten, selten in Reiseführern herausgestellten Attraktionen Wiens, das noch mehrere solcher Durchhäuser besitzt.

Im Grunde handelt es sich um eine verbundene Kette von Hinter- bzw. Innenhöfen, durch die hindurch man von einer Straße oder Gasse rasch zu einer parallel verlaufenden gelangt – wenn man das noch will! Denn in den Durchgängen findet man sich urplötzlich in einer anderen, nämlich 150 Jahre zurückliegenden Welt. Cafés, Beisl, Heurige, kleine Manufakturen (handgenähte Schuhe!), Galerien und Lädchen reihen sich aneinander, Efeugrün filtert das goldene Sonnenlicht zu dezent indirekter Beleuchtung, Gewerbefleiß und Wiener Gelassenheit verbinden sich zu dezenter Geschäftigkeit, und als fremder Flaneur findet man sich mitten in der Riesenmetropole allem Stress enthoben, geborgen und behütet, und man ahnt, was Urbanität einmal bedeutet hat und wäre gern freiwilliger Mitbürger einer Zeit, die als „Biedermeier“ zu unrecht einen etwas spießen Ruf besitzt.

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Manche „Durchhäuser“ verbinden drei, vier oder mehr Höfe und umfassen oft sechs oder sieben „Stiegen“ (Hausaufgänge), zumeist sind sie luftig, sanft lichtdurchflutet, immer ein wenig geheimnisvoll und versprechen dem neugierigen Entdecker ein ähnlich erregendes Glücksgefühl wie eine Wundertüte in der Kindheit. Durchhäuser sind architektonische, gastronomische, künstlerische etc. Wundertüten! 

Der „Freiwillige Durchgang“, den ich hier fotographisch dokumentiere, verbindet, am Rand der Josefstadt, Lerchenfelder Straße und Neustiftgasse (Das ist dann schon Neubau, also 7. Bezirk). Im Durchhaus befindet sich u. a. Galerie und Café Kandinsky, das ich aber NOCH nicht besucht habe. Macht nichts, denn hier will ich eh noch mal hin!

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