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Wider den grausen Neckermann! Einladung zur Kaperfahrt

27. November 2011

Wie alles anfing: So weckte ich den NECKERMANN

Von Kindesbeinheit an hatte ich Piratenaffinität. Heimatliche Störtebecker-Legenden sog ich mit der Muttermilch und dem Vaterbier auf. Hätten sie mich auf der Marinade-Akademie in Mürvik genommen, führe ich heute mit Gorch Fock auf Kapernfahrt. Ich versagte jedoch im IQ-Test für Vollmatrosen, wegen seelischer Ressourcenknappheit und mangels räumlichen Vorstellungsvermögens, und fiel somit vorerst aus der Takelage bzw. rasselte durchs Schulschiff. Na gut, dann eben Lokführer.

Die Leidenschaft für maritime Abenteuertumsverwegenheit und libertäres Segeln indes blieb, schwelte und glomm weiter in mir, vor allem als noch Johnny Depp dazukam und diese aufpeitschende Seeräuber-Hymne von Hanns Zimmer („tadadim-tatadamda-damtata-dam-da!“). – Als die letzte Fußball-WM sich am Horizont abzeichnete, erschien es mir daher stylish und angemessen verwegen, über dem Geddo eine Totenkopfflagge zu hissen bzw. als Supplement zum bürgerlichen Schwarz-Rot-Gold aus dem Fenster zu hängen. Dem Türken wollt ich’s zeigen, und den Pfeffersäcken! Rasch warf ich das Internetz aus und bestellte mir so ein Ding, für ca. 5,85 Goldstücke. Pah, dachte ich, das bisschen Muschelgeld ist der Spaß ja wohl wert. – Ich wusste ja nicht, was ich tat!

Ich hatte damit nämlich das unaussprechlich widrig-schleimige Monster der Tiefsee, den Riesenkraken Neckermann geweckt! Wer es nicht weiß – und deswegen noch seine Seelenruhe besitzt! – der Neckermann ist eine Kraken-Monsterqualle mit Oktopustentakeln, ein grauses und schaudervolles Ungeheuer, ein moroser mittelalterlicher Schleimbeutel, miasmatisch, mysteriös und marode, und ein unsagbar fieses,  ekliges, miststückiges Miesmuschelmonstrum überdies, kalt, fischig, widerwärtig, eine gefräßige Muräne, die schnapp! schnapp! die Glieder zerreißt, die Nerven zerfetzt und eventuell oder generell keine Gnade kennt! Verloren, um wen das Untier seine Saugnäpfe schlingt. Niemand, auch der beherzteste Pirat nicht, nimmt es mit dem eklen Neckermann auf!

Seit jenem unseligen Tag, den Neptun verfluchen möge, speit mir dieses Monstrum nun täglich, täglich, ach! elektronische Schleimbatzen in den Ausguck, trompetet markerschütternd „Herr Kraska, wir schenken Ihnen 20 Euro!“ oder säuselt sirenenhaft, ich hätte hier was gewonnen, dort einen versilberten Gutschein ergattert oder würde wenigstens mein Glück machen resp. ausgesorgt haben, wenn ich noch heute, unbedingt noch heute eine brandaktuelle Kittelschürze bestellte, einen sensationell günstigen Fleece-Pulli oder einen beigen Anorak. Lüstern nach meiner Seele zucken die Fangarme, schmatzt das geifernde Maul, rollen die blutunterlaufenen Augen: Neckermann, der Leviathan, die Ausgeburt der nassen Hölle, will mein Schiff auf das Kreditriff ziehen oder auf die Versandbank auflaufen lassen! Alle acht Glasen lasse ich das Deck schrubben, – und am nächsten Tag ist der Schleim wieder da!

Ich brauche Jack Black, ich brauch Captain Sparrow und ein Schiff mit fünf Segeln und pfümzig Kanonen an Bord, dann will ich gegen den Neckermann fahren! Ich werd ihm den Server aus dem Leib reißen, den Saugschlund verkleben, eine Ladung Pulver und Blei ins Spundloch rammen, ich werd Tod und Teufel nicht fürchten, hey-ho, jetzt gilts! Ich habe Männer mit Entenhaken, Säbelsägen und Rabumms-Musketen, und ich werde nicht ruhen, bis die Tinte des Kraken die Weltmeere schwärzt und er die größte Pizza des Königreichs belegt (frutti di mare).

Sollte ich freilich dem untoten Neckermann doch erliegen und bei voller Fahrt untergehen, die Segel streichen und in des Totenmanns Kiste springen, so werde ich noch am letzten Erdentag eine E-mail bekommen: „Herzlichen Glückwunsch, Herr Kraska! Die neue Herbstkollektion ist da!“

Geschichten aus dem Sommerloch (Wir Schauspieler)

17. Juli 2011

Nicht Depp, nicht Pitt: Früher Schauspieler

Klein, ungemein klein haben wir anfangen müssen, wir Schauspieler, galten kaum mehr als die Wanderhure, der Quacksalber, die Trompeter des Scharfrichters. Wir mussten spitze Hüte tragen, mit Schellen dran, und hausten außerhalb der Stadtmauern, wir durften nur auf jede zweite Gehwegplatte treten und hatten ein gelbes Hungertuch um den Leib zu schlagen, damit die ehrbare Jugend gewarnt war. Allenthalben knuffte und bespuckte man uns, zwiebelte uns an den Ohren, haute uns auf den Hinterkopf. Holte einen der unseren des Schlafes großer Bruder, verscharrte man den ruhmlos Verschiedenen schnöde auf dem Schindanger, denn geweihte Erde war tabu, no-go-area. Das war vielleicht ein Hundeleben, als Schauspieler!

Kaum weiß man noch, wie es zuging, dass der Herr uns erhob und erlöste. Hatte wohl mit Elektrifikation zu tun, mit der Erfindung der Schiffsschaukel begonnen oder war vom Aufkommen der Windmühlen begünstigt, jedenfalls durften die ersten Schauspieler per Lizenz vor hohen Herren kaspern, vor dem König sogar, denn das Barock war ausgebrochen und die Fürsten beschlossen, der Landplage Langeweile den Garaus zu machen. Zum Meilenstein wurde die Erfindung des Rampenlichts, zwar aus Ölfunzeln noch, aber immerhin, man konnte uns nun sehen, wie wir, eingezwängt in blecherne Rüstungen, mit schwerem Federpuschel auf dem Kopf, hölzern gereimte Texte knarzten, schnarrten und haspelten, Texte, die man heute schwer verdaulich findet, ja mitunter schon fast grottenöde.

Das Knarzen, Schnarren und Haspeln blieb noch bis ins frühe 20. Jahrhundert state of the art,  bis uns für ein, zwei Jahrzehnte der Stummfilm zum Schweigen brachte. Zwar heulten wir noch immer schaurig „Sein oder Nicht-Sein“ und „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“, aber das Nicht-Sein und die Hohlheit der Gasse mussten nun pantomimisch dargestellt werden, in schwarz-weiß und mit unnatürlich rollenden Augen. Das war auf die Dauer recht bedrückend, aber am rosigen Horizont der Zukunft scharrte bereits ungeduldig der Ton-Film mit den Hufen, dann der Bunt- und der Breitfilm und schließlich Holliwudd. Millionen sentimentalisierter Dienstmädchen und notgeiler Ladenschwengel strömten in die Lichtspielhäuser, um mit Jopi Heesters „ins Maxim“ zu gehen, mit Charlton „Ben Hur“ Heston Pferdewägelchen zu fahren oder an der Seite spitzbrüstiger Heulsusen optimistisch in den Sonnenaufgang zu reiten. Es war die Zeit der ersten Stars: Humpty Bogert, Marion Brando, Ingrid und Ingmar Bergmann.

Jetzt wollten auf einmal alle Schauspieler werden, Traumfabrikarbeiter in der Schaumschmiede, denn dies versprach nicht zu knapp Weltruhm in den Wochenschauen. Männer wie Charlie Chaplin wurden auf der Straße erkannt, Frauen mit sperrhölzernen Namen wie Marlene Dietrich, Gina Lollobrigida oder Liselotte Pulver zu internationalen Männerzermalmerinnen hochgejubelt oder sie heirateten den Schönheitskönig von Monaco. Der Schauspieler wurde zum Idol, zum Trendsetter, zum verbindlichen Volksvorbild. Wie viel junge Leute haben nicht ein Mundharmonika-Studium begonnen wegen Charles („Spiel mir das Lied vom Tod“) Bronson, das Trinken angefangen wegen Dean Martin oder das Turbo-Prügeln geübt wie Bruce Lee! So manches derbe Landmädel presste „ihre Kurven“ wie Marilyn Monroe in zu gerade oder zu enge Kleider und träumte trällernd von der Diamantenen Hochzeit mit irgendwem! Viele Stars und Diven verdienten damals Phantastilliarden Dollar und verstarben dann glamourös frühzeitig an vergoldeten Nasen, erbrochenen Herzen oder zu schnellen Sportautos. Eine fast ungebremst romantische Zeit!

Sie ist vorbei. Auch Onkel Dagoberts Holliwudd muss heute knausern und kniepen. Echte Stars kann sich keiner mehr leisten. Man behilft sich mit Selbstgemachtem. Kaum, dass ein blondes H&M-Boutiken-Aushilfs-Mädel, das tagsüber achtlos ausgezogene Anziehsachen aus den Anprobier-Zellen einsammelt und wieder auf Kante faltet, zwischen den Pappkulissen einer Seifenoper mal zwei Sätze aufgesagt hat, die fast wie in echt klingen, ist sie schon ein Star, wenn nicht sogar ein shooting star (was eigentlich Sternschnuppe heißt und somit eher ephemere Karrieren verheißt). Nach zwei, drei Jahren Lehrzeit als shooting star wird man von der IHK oder wem zum Superstar ernannt, bekommt Preise, riskiert High-heel-staksend Haut und Knöchel auf roten Teppichen und sitzt andauernd in Talkshows, um seine neuen Filme zu promoten, die man mit „wahnsinnig netten Kollegen“ unter einem „tollen, super einfühlsamen Regisseur“ gedreht hat, und zwar über ein „irrsinnig spannendes Thema“. Mit Mitte Dreißig kriegt man dann noch eine goldene Uhr für sein Lebenswerk.

Heute wollen alle so sein und aussehen wie wir Schauspieler. Depp und Pitt sind der Hit. Bekannte Politiker nehmen bei uns Unterricht im Schnöseln, Schnarren und Schleimen. Paparazzi filmen uns beim promiskuitiven Geschlechtsverkehr und nach der Adoption wohltätiger Kinder. Wer schon mal einen Kommissar gespielt hat, wird zu Anne Will oder Frank Plasberg in den Fernseher eingeladen, um über Jugendkriminalität befragt zu werden. Ein blendender Schauspieler zu sein, gehört heute zu den soft skills von Managern, Magnaten und Mafiosi. Wer kein guter Schauspieler, oder wie wir Fachleute sagen, performer ist, der sieht die Sonne nicht, der bleibt käsig im Dunklen, bleibt ein no-name, loser und wannabe, wie wir das in Babelsberg nennen, er muss einen spitzen Hut tragen, ein gelbes Hungertuch und Schellen, er muss außerhalb der Stadtmauern hausen, in Marzahn, Hochfeld oder Eimsbüttel, er kommt nicht im Fernseh vor, hat keinen Artikel bei Wikipedia, ihn kennen nicht Gott noch Google. – Wär er mal lieber Schauspieler geworden!