Posted tagged ‘Jenseits’

Nachtod-Erfahrung (Unter Hirnis)

30. November 2011

Junge Leute auf der Suche nach ihrem Selbst (Foto entliehen von: http://www.yorkchristophriccius.de/)

Bekannte von mir, die religiöse Präferenzen ihr Eigen nennen, machen sich Gedanken über das Jenseits, wo sie, wie sie glauben, später mal hinkommen. Ich kann sie indes beunruhigen: Man befindet sich schon zu Lebzeiten dort! Man führt bereits eine Vielzahl von Existenzen im Jenseits  – in den Köpfen gänzlich wildfremder Menschen nämlich.

* * *

Vor Jahren, als mein schwaches Ego noch nächtlicher Kompensation bedurfte, träumte ich gleich mehrmals hintereinander, irgendwo in einem entlegenen Bergdorf im Kaukasus, vielleicht war’s Aserbeidjan, Armenien oder Tadschikistan, stünde ein überlebensgroßes Bronzedenkmal von mir, da ich unter den derben Berglern dort nämlich quasi-religiöse Verehrung genösse. Die Gründe hierfür ließ der Traum trotz intensiver Nachfrage hartnäckig im Dunklen, sodass ich wochenlang ganz klamm, bang und steifbeinig durch den Alltag schlurchte, immer in der Furcht, ich könne evtl. der in der Fremde genossenen Ehre mich unwürdig erweisen.

* * *

In Wilhem Genazinos wunderlicher Angestellten-Romantrilogie „Abschaffel“ gibt es eine Szene, die sich mir seit Ende der 70er unauslöschlich in die Seele einbrannte: Protagonist Abschaffel wird auf dem Frankfurter Römer von einer japanischen Reisegruppe gebeten, sie zu fotografieren. Nachdem er diesen Dienst freundlich erwiesen, wird er von den Japanern zum Dank ebenfalls geknipst – worauf er in eine träumerische, aber auch metaphysisch-abgründige Meditation darüber verfällt, wie nun demnächst sein Bildnis durch japanische Wohnzimmer zirkulieren und fremdartigen Kommentaren ausgesetzt sein würde, die Abschaffel sich hilfsweise mit einem ad hoc erfundenen Phantasiejapanisch anschaulich macht.

* * *

Kürzlich stieß ich durch Zufall im Netz auf diverse Kommentare, die man unter Zitate von mir geschmiert  gepostet hatte.  Ein meinungsfreudiger Jungspund wusste, unbekannterweise („ich kenne den nicht“) über mich, ich sei „ein unfassbarer Depp“, überdies „ein Vorzeige-Antideutscher“ und „ohne Witz“. Ein anderer Krakeeler Diskussionsteilnehmer, der m. E. für den nächsten Zivilcourage-Bambi nominiert werden sollte, äußerte folgende freie Meinung: „So viel sinnentleerten Müll auf einem Haufen habe ich noch nie zu Gesicht bekommen (ich habe mir 6 Beiträge des sog. Magister Kraska ‘angetan’ um mir ein Urteil bilden zu können und es grenzte an Körperverletzung! ).“ Worauf er, der schwer Körperverletzte, einen heroischen Entschluss fasste: „…wenn ich Schwachsinn erkenne, nehme ich mir die Freiheit, als freier Bürger eines freien Landes meine Meinung dazu frei heraus zu äußern.“ Die Freiheit nimmt er sich! Trotz aller Repressalien, die er als anonymer Pöbelhannes von mir zu gewärtigen hat! Ganz schön mutig!

* * *

Im Ernst: Ich finde solche Freiheiten legitim und billige sie. Es ist ein Vorrecht der Jugend, kurios Opa-Obsoletes wie Höflichkeit für eine negliable Überschätzheit zu halten. Im übrigen ist mir der Verdacht, eventuell ein „unfassbarer Depp“ zu sein, auch schon öfter gekommen, wobei freilich anzumerken wäre, dass ich mich zumindest aus intimem Umgang persönlich ganz gut kenne und sogar fast alle meiner Beiträge selber gelesen habe.

* * *

Mir geht es hier mitnichten darum, Präpotenz, Impertinenz und Ignoranz junger Menschen zu geißeln – so etwas geißelt man doch nicht! Da schmunzelt man gütigst verzeihend – , sondern um die mit so etwas verbundene Nachtod-Erfahrung. Denn Todsein, ich glaube, Jean-Paul Sartre hat das mal ausgeknobelt, heißt, sich nicht mehr wehren können. Man führt ein gespenstisches Eigenleben in den Köpfen von fremden Hirnis, Köpfen, die nicht notwendig zu den aufgeräumtesten gehören, Köpfen von geistigen Hooligan-Pyromanen etwa, kaukasischen Bergbauern oder japanischen Deutschlandtouristen, oder in den Köpfen von jungen Menschen, von denen man hoffen darf, dass sie dereinst sich vor die Stirn schlagen und ausrufen: „Was war ich früher für ein unfassbarer Depp!“

* * *

Diese Köpfe bilden das Jenseits. Dort spukt man in bizarren Gestalten herum und kann absolut nichts machen. Ich persönlich denke, so ist das Bedürfnis nach einem allwissenden Gott entstanden: Man möchte doch wenigstens EINEN Kumpel haben, dem man sagen kann: „Hey, du weißt es, Alter! Du kannst das bezeugen: Ich bin ganz anders!“

 

Grundfragen der Philosophie: Das Tao der Leergutentsorgung

11. April 2011

Demütigend: Trinksünden nach Farben sortieren...

„Mein lieber Kraska“, verabschiedet mich mein langjähriger Hausarzt, „und vergessen Sie nicht: viel trinken!“ Neben „viel Bewegung“ ist dies auch der Rat der „Apothekerzeitung“ („SeniorenBravo“), die ich dann und wann durchblättere. So weit gut und gerne befolgt. Auch Atomkraftwerke liefern ja zunächst mal viel Wärme. Ähnlich wie bei der Nutzung nuklearer Energie fällt jedoch beim Trinken problematische Materie an, deren Entsorgung eine Herausforderung darstellt. Beim Trinken ist dies das sog. Leergut. In ontologischer Hinsicht zerfällt Leergut rasch in zwei Gruppen: das moralisch wie ästhetisch brisante Glasflaschen-Leergut und die harmlosen, ja unter Umständen kleine Freuden versprechenden PET-Mehrwegbehältnisse. Beide Rückstandsformen lassen sich zunächst in Zwischenlagern (Küchenunterbauschrank, Balkon, Terasse), äh, zwischenlagern.

Die Besichtigung solcher Zwischenlager bei Freunden ist oft eine Quelle persönlichkeitsstruktureller Erkenntnisse. So habe ich einen zur Monomanie neigenden Bekannten, der eine ganze Armada immer gleicher Absinth-Flaschen sein eigen nennt, deren systematische nächtliche Entleerung er durch soldatisch aufgereihtes Leergut gewissenhaft dokumentiert. Irgendwann aber ist das Lager mit Leergut voll überfüllt. Der sentimentale Stolz und die zärtliche Rührung, die Flaschenstapler angesichts ihrer Sammlung empfinden mögen, wird von der Gattin, der Putzfrau usw. möglicherweise nicht geteilt. Dann schreit das gläserne Tagebuch nach Entsorgung.

Wie demütigend und moralisch niederdrückend kann diese empfunden werden! Da trabt oder radelt man dann, mit Reisetaschen und LIDL-Tüten voller grell scheppernder, schrill klirrender Flaschen beladen zum öffentlichen Flaschen-Container-Ensemble und muss in übel beleumdeter Gegend gleichsam coram publico mit hochrotem Kopf die keineswegs stummen Zeugen des eigenen Alkohol-Missbrauchs auch noch in Weiß-, Braun- und Grünglas sortieren und sich wie unbeteiligten Passanten dabei die Ungeheuerlichkeit eigener, in letzter Zeit stattgehabter Enthemmung offen legen. – Selbst die ethnologisch interessante Tatsache, dass es Volksgruppen im Geddo gibt, die auch erblindete Fernseher, Computer-Geraffel und sogar kaputte Toaster (!) taxinomisch dem Flaschen-Leergut zuordnen, kann nicht hinreichend erheitern. – Wie oft kehrt man mit leeren Tüten, aber tränenvollen Augen, mit guten Vorsätzen geschwängert, in sein Heim zurück, wo ein leer geräumter Balkon seinen Besitzer höhnisch mit den Folgen prospektiver Abstinenz vertraut macht!

Beginnende Leergutsammlung beim Magister (mediterran orientierter Genusstyp)

Wie schön, wie gemütserhebend und aufbauend hingegen das entsorgsame Verbringen luftig-leichter PET-Flaschen zum Leergutautomaten! Prall gefüllte Tüten demonstrieren hier nicht Lasterhaftigkeit, sondern vorbildliches Gesundheitstun. Schaut her, ich bin ein enormer Wassertrinker, Saftkonsument oder, in meinem Falle, wenigstens Verbraucher von zig Hektolitern Cola light! Beschwingt betritt man, enorm aufgeplusterte Saftsäcke schwenkend, das liebenswürdige Entsorgungshäuschen beim Discounter. Gern reiht man sich in die Warteschlange und beobachtet schmunzelnd, wie exotisch-esoterische Mitbürger so hartnäckig wie vergeblich versuchen, Eckiges (Tetrapack, Kanister, Toaster) ins Runde zu pfriemeln, weil sie die Betriebsanleitung des eigentlich idiotensicheren Schluckautomaten nicht mitgeschnitten kriegen. Ei, wie erheiternd die Freude, dass man selbst zumindest seine Muttersprache Denglish beherrscht! Kostenlos fühlt man sich erhoben und geborgen im Heimatlichen.

Dann endlich steht man vor dem elektronischen Schluckspecht und füttert ihn gekonnt (Barcode muss immer nach oben zeigen!), immer hinein, Flasche um Flasche in den blinkenden, surrenden und rödelnden Schlund. Der dankt es durch hervorragendes, reibungsloses Funktionieren. Kein Stau, kein „Flasche nicht erkannt“ auf dem Display. Man hat ja daheim vorsortiert! Man bedient sich des Automaten, in dem man ihn bedient, und kann dabei noch über Metaphysisches meditieren, denn was wir sehen, ist nur das Diesseits des Leergutautomaten; das Jenseits bleibt uns wie immer verborgen. Was sind wir? Wo gehen wir hin? Was wird aus uns da? – so mag sich bang auch eine leere Flasche fragen, die, wie der Patient in den Tomographen, in die mysteriöse Röhre geschoben wird. – Nun, das Jenseits ist ein großer Raum, in dem man von seinen individuellen Eigenschaften befreit (ent-etikettiert) wird, dann wird man auf das bisschen Substanz zusammengepresst, das man als Flüssigkeitsbehälter mal darstellte und schließlich wird man neuerlicher Verwendung im kosmischen Kreislauf der Materie zugeführt. Also, als Taoist kann man damit leben. Den anderen Dummies erzählt man halt, die Flasche würde im Jenseits wieder „aufgeweckt“ und somit „auferstehen“, um dann als Flaschengeist- oder Engel im Leeguthimmel herumzuwimmeln…

Auch moralphilosophisch ist die automatische Leergutentsorgung eine mehrwertvolle Übung – bekommt man doch auch noch sündenentlastendes Pfandgeld zugeschrieben und kann dieses sogar, für Christen interessant, die vielleicht was zu büßen haben, per Knopfdruck spenden. Mit leeren Taschen und vollem Herzen trollt man sich, insgleichen gewissensrein und seelenstark im Bewusstsein, nicht nur auf, sondern auch für das öffentliche Wohl getrunken zu haben. Die kleinen Freuden des Alltags – es sind gar nicht wenige, wenn man sie nur zu finden versteht.

Vollautomatischer Schluckspecht: Ein Stück schöner Moderne

Das Jenseits: Zutritt verboten!