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Nachtod-Erfahrung (Unter Hirnis)

30. November 2011

Junge Leute auf der Suche nach ihrem Selbst (Foto entliehen von: http://www.yorkchristophriccius.de/)

Bekannte von mir, die religiöse Präferenzen ihr Eigen nennen, machen sich Gedanken über das Jenseits, wo sie, wie sie glauben, später mal hinkommen. Ich kann sie indes beunruhigen: Man befindet sich schon zu Lebzeiten dort! Man führt bereits eine Vielzahl von Existenzen im Jenseits  – in den Köpfen gänzlich wildfremder Menschen nämlich.

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Vor Jahren, als mein schwaches Ego noch nächtlicher Kompensation bedurfte, träumte ich gleich mehrmals hintereinander, irgendwo in einem entlegenen Bergdorf im Kaukasus, vielleicht war’s Aserbeidjan, Armenien oder Tadschikistan, stünde ein überlebensgroßes Bronzedenkmal von mir, da ich unter den derben Berglern dort nämlich quasi-religiöse Verehrung genösse. Die Gründe hierfür ließ der Traum trotz intensiver Nachfrage hartnäckig im Dunklen, sodass ich wochenlang ganz klamm, bang und steifbeinig durch den Alltag schlurchte, immer in der Furcht, ich könne evtl. der in der Fremde genossenen Ehre mich unwürdig erweisen.

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In Wilhem Genazinos wunderlicher Angestellten-Romantrilogie „Abschaffel“ gibt es eine Szene, die sich mir seit Ende der 70er unauslöschlich in die Seele einbrannte: Protagonist Abschaffel wird auf dem Frankfurter Römer von einer japanischen Reisegruppe gebeten, sie zu fotografieren. Nachdem er diesen Dienst freundlich erwiesen, wird er von den Japanern zum Dank ebenfalls geknipst – worauf er in eine träumerische, aber auch metaphysisch-abgründige Meditation darüber verfällt, wie nun demnächst sein Bildnis durch japanische Wohnzimmer zirkulieren und fremdartigen Kommentaren ausgesetzt sein würde, die Abschaffel sich hilfsweise mit einem ad hoc erfundenen Phantasiejapanisch anschaulich macht.

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Kürzlich stieß ich durch Zufall im Netz auf diverse Kommentare, die man unter Zitate von mir geschmiert  gepostet hatte.  Ein meinungsfreudiger Jungspund wusste, unbekannterweise („ich kenne den nicht“) über mich, ich sei „ein unfassbarer Depp“, überdies „ein Vorzeige-Antideutscher“ und „ohne Witz“. Ein anderer Krakeeler Diskussionsteilnehmer, der m. E. für den nächsten Zivilcourage-Bambi nominiert werden sollte, äußerte folgende freie Meinung: „So viel sinnentleerten Müll auf einem Haufen habe ich noch nie zu Gesicht bekommen (ich habe mir 6 Beiträge des sog. Magister Kraska ‘angetan’ um mir ein Urteil bilden zu können und es grenzte an Körperverletzung! ).“ Worauf er, der schwer Körperverletzte, einen heroischen Entschluss fasste: „…wenn ich Schwachsinn erkenne, nehme ich mir die Freiheit, als freier Bürger eines freien Landes meine Meinung dazu frei heraus zu äußern.“ Die Freiheit nimmt er sich! Trotz aller Repressalien, die er als anonymer Pöbelhannes von mir zu gewärtigen hat! Ganz schön mutig!

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Im Ernst: Ich finde solche Freiheiten legitim und billige sie. Es ist ein Vorrecht der Jugend, kurios Opa-Obsoletes wie Höflichkeit für eine negliable Überschätzheit zu halten. Im übrigen ist mir der Verdacht, eventuell ein „unfassbarer Depp“ zu sein, auch schon öfter gekommen, wobei freilich anzumerken wäre, dass ich mich zumindest aus intimem Umgang persönlich ganz gut kenne und sogar fast alle meiner Beiträge selber gelesen habe.

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Mir geht es hier mitnichten darum, Präpotenz, Impertinenz und Ignoranz junger Menschen zu geißeln – so etwas geißelt man doch nicht! Da schmunzelt man gütigst verzeihend – , sondern um die mit so etwas verbundene Nachtod-Erfahrung. Denn Todsein, ich glaube, Jean-Paul Sartre hat das mal ausgeknobelt, heißt, sich nicht mehr wehren können. Man führt ein gespenstisches Eigenleben in den Köpfen von fremden Hirnis, Köpfen, die nicht notwendig zu den aufgeräumtesten gehören, Köpfen von geistigen Hooligan-Pyromanen etwa, kaukasischen Bergbauern oder japanischen Deutschlandtouristen, oder in den Köpfen von jungen Menschen, von denen man hoffen darf, dass sie dereinst sich vor die Stirn schlagen und ausrufen: „Was war ich früher für ein unfassbarer Depp!“

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Diese Köpfe bilden das Jenseits. Dort spukt man in bizarren Gestalten herum und kann absolut nichts machen. Ich persönlich denke, so ist das Bedürfnis nach einem allwissenden Gott entstanden: Man möchte doch wenigstens EINEN Kumpel haben, dem man sagen kann: „Hey, du weißt es, Alter! Du kannst das bezeugen: Ich bin ganz anders!“

 

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Im Geddo: Cherchez le pig (Deutsch nichso gut)

9. Dezember 2010

Rätselhaftes Schweinchen: Was hat man auf der Pfanne?

 

Für Chris & Hella (Gute Besserung, Mensch!)

„Dialog der Kulturen“ im Geddo. Fragt kleiner serbischer Nachhilfe-Schüler mich: „Lehrerr! Ch’abb isch mal Frage – darf ich? – „Hhmmm?“ – „Lehrerr, bist eintlich … Müslim?“ – „Nee! Niemals nich!“ – „Und, ja aber, Herrr Lehrerr, ch’ast du doch Frau! – Deine Frau, ist der denn Müslima?“– „Also erstens heißt es: ‚die’! Und außerdem, nö, schätz ma erst recht nich!“ – „Ach so, denn is der Krist oda was?“ – „’Die’, Blödmann!!! Aber sonsten: nö, wohl auch nicht…“ – „Unn was seit’n ihr denn zusammen?“ – „Na, weißt … eher so … halt … nix!“  – „???“ – „Na, schaust, Kleiner, Deutsche sind oft weder Krist noch Müslima…“ – (Schüler, sich stolz aufrichtend): „Aba binnisch auch Deutscher … –  und ischbinnich Muslim!“ – Ich, etwas jovial: „Ja, und? Was issn das gezz überhaupt so dolles, Muslim?“„Wir essen kein Schweinfleisch!“ kommt die Antwort prompt wie aus dem Bolzenschussgerät geschossen. Aha.

Aber mal andere Frage: Schweine jetzt – sind die, also von sich her, eigentlich „halal“, „koscher“ oder „ungläubig? Kurzum, was frisst’n so’n Schwein denn selbst? Ja klar, die Studis von der Wikipedia-Uni schnipsen eifrig mit den Fingern. Nach ihrem frisch gebackenen Klickwissen sind Schweine nämlich „Allesfresser“. How how! Beißen, schlingen und knuspern also alles Organische, was nicht bei „drei“ auf den Bäumen ist! Toastscheiben, Suppenreste, Kartoffelschalen: Dem Schwein ist alles Wurscht! Notfallls, wie mein Lieblingsfilm „Hannibal“ zeigt, frisst das wilde Waldschwein auch unmenschliche Bösewichter. Verdient hamses ja wohl, oder?!

Weil isch bin gutte Lehrer, ging ich Sache auf Grund. Schwein! Gibssu mir Wahheit! Bist du koscher, halal oder bös schlimmer Finger? Stieß ich auf so rundes Töppchen „Appel-Grieben-Schmalz“ von öko-edlem „Apfelparadies“. Aah! Ha! – Bzw.: Was? Wie? Ob denn lecker? Ja, ja, klar! Aber nicht die Frage. Auf Deckel von Töppchen hatte Chef von Schmalz-Schmiede (wer sonst traut sich so, bitte?) unbeholfen visuelle Graphik appliziert. Siessu drauf eines von den drei kleinen Schweinchen (Oink-oink-oink, aber ohne böse Wolf, wo pustet Häuschen um!), keckes Kochmützchen auffm Schweinskopp druff. Unterm Hals war so dünnes linkes (!) Ärmchen windschief drangemalt, wo hält seinerseits Pfanne in Pfötchen (sieht bisschen aus wie Augsburger Puppenkiste, Serie: „Die Mumins“). In Pfanne aber nun wiederum entweder vielleicht a) boah! ein klein niedlich Hundchen (hä? Is das chinés Schwein? Unn essen süß-saure arme Hundchen mit Soja unn Anananas, wo doch aber niedlich? – Bah!) , – oder doch vielleicht eher b) noch mal’n Schweinchen (also das zweite von den drei kleinen…). Was soll’n das? Grübel-grieben-grübel.

In Kopp von zweitem Schweinchen stecken, schlarraffenlandesk surreal unwirklich bereits verzehrfertig & verbrauchergerecht Messerchen und Gabeline. Geht Hermeneutik auf Grundeis: Wie jetzt? Is Schweinchen denn kannibal? Schwein & Schweinchen im Blickwechsel: Mag ich disch? Fress isch disch? Bissu Koch oder Opfer, du … Sau? Kannibalische Wohlfühlkommunikation! Schwein guckt Schwein guckt Schwein guckt Schwein … und so weiter. Rätselbild! Fiesolophisch gesagt;  „Selbstobjektiviert und entfremdet durch den die Anerkennung verweigernden Blick des Anderen wird das Subjekt, den Fremden er-blickend als subjektiviertes Objekt auf der ent-fernt anderen Seite des Blick-Agons, seinerseits subjektiviert, kurz: wird im dialektischen Blickwechsel das identifizierte Andere seiner selbst im Spiegel des fremden Blicks“ (J.-P. Sartre, „Das Sein und das Nichts“). Jaha! Genau! Resp. Au weh!  Das Schwein ist des Schweinchens böser Wolfi! Das Böse lauert überall. Wer Schwein, wer Wolf, wer Werwolf? Der Apfel der Erkenntnis fällt im Apfelparadies (!) nicht weit vom Schwein. Hirnschmalz siedet, mit Apfel und Zwiebelgemüse, Grieben noch dabei. Dem Reinen ist alles Schwein. Aber wie soll das ausgehen?

Wie schön iss Muslim-Sein. Nix Dialektik, nix kannibal, nur sauber Übersicht und klare Regel: „Wir essen nix Schwein!“ Kann Schwein mal sehen, wo bleibt. Botschaft von Werbung ist schweindeutig: „Wir obergut, wir vorsichtshalber mal nix essen von unübersichtlich Tier! Wie sagt Proffeeht? Kannibalschwein is grundbös das! Genau wie Schnaps und fiese Kippen!“ – So, jetzt klar das. Schwein unrein unn hat Gesicht wie Steckdos! Sogenannt Schi-nitzel ist Essen von Ungläubige Hunde wie mich und dir! Womit geklärt  Ontologie von Schwein, – wir nix essen dies, bah & basta!

Weil gutte Lehrer immer geben Weltwissen, ich erklär: Wir auch nix essen Oile, Meerschawein und Käng-Guru! Aber sind deswegen nicht doll stolz drauf. Gebe kein Distinktionsgewinn. (Wort Schüler nich verstehn. Aach, mache nix, egal!) Weil deutsch, auch nich schlingen Frosche, Spaghetto und Kakerlak. Aber deswegen nich gleich gut, weil andermal wieder knuspere Kroko, Hummere und Auster-Schleim. Stecke in Mund, was kommt. Unsere Gott egal. Will nur nich, dass wir beiße in Goldene Kalb. Goldene Kalb ganz schlecht, auch in Scheibe (Schi-nitzl).

Serbische Freund’ von „Lehrerr“ fressen gern Manne-Essen: Fett mit Fett an Fett in Fett, aber bittscheen mit gut Buttersoße, sowie viel mit dicke Käse bei. Ja, schaust du: Dicke Mann, gutte Mann, unn is auch viel testosterone Mann-Mann! Frauen machen scharf, wenn dicke Mann! Mann muss immer könne, esse Viagra, fette Lamm, Hammelbein und mächtige Huhn mit Fetttauge-Suppen. Geht alles, wenn hinterher Slibo gut viel.  Hauptsach, nix Schwein. Schwein doppelplusungut. Allah unn Proffeht will nich wissen von Schwein. „Ich soll geschöpft haben? Nie, nix, nimmer. Ist doch krass eeklich Geziefer! Sieht aus wie Mensch, schmeckt wie Mensch, rolle blonde Auge wie Mensch, wenn köpfe.“, so sagt Herr Koran.  Allah meine nich gut mit Schwein. Zwar geschöpft, aber Ausschuß von Schöpfung!

So, willzu esse gut Schweinschmalz, gehssu in Paradies von Apfel. Nix 72 Jungfraue, aber gut esse! Mann stark danach! Ganze Runde ruft: „Ey, Wirt, mache Slibo fiehr Lehrerr! Is nich Müslim, aber gutte Mann, derr Magistrevic!! Weiß immer Bescheid!“ Frau aber schittelt Kopf (ohn Tuch). Hat sie wirklich gesagt: „Mann! Du bist zuviel in dieser Serbenkneipe! Du verblödest da noch!“ ?

PS: Chabb ich gehert, Freund von Freund Chris is anne Airport London gestoppt, weil hatte Töppchen Grieben-Schmalz in Gepäck. Musste ausläffeln an Gate zweihunderfuffzich Gramm von die fette Schmier! Hat danach nebbich bisschen explodiert, und war dann alles voll … Schweinesch…malz. – Allah! Wußt ich, dass Schmalz is fettich und schwer im Magen. Aber Sprengstoff? Nich glauben. Schwein harmlos. Und Islamerer-Terrorist geht nie mit Schwein!