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Dringender Aufruf

6. Dezember 2011

Was Robert Walser kaum für möglich hielt: Ein Zarter, Großer! Eine Art Genie...

Demnächst, habe ich mir vorgenommen, werde ich eine krachende Eloge schreiben. Das kann ich zwar nicht so gut wie Verrisse, aber ich werde mir alle Mühe geben. Gott, wann LOBE ich denn schon mal? „Loben“ passt auch gar nicht – wer bin ich denn?! Hier ist pur rückhaltlose Bewunderung angesagt! In die Rubrik „Meine Idole“ passt er zwar nicht, weil er noch (mit knapper Not und ohne große Perspektiven) gerade so noch lebt und ich eigentlich nur bereits gut abgehangene und mindestens lange verstorbene Literaten idolatriesiere, – aber Leute, wahrlich, ich sage Euch: Wer in der tristen, sturzöden und strunzdoofen sog. Gegenwartsliteratur nach lichtvollen, ja erleuchteten Perlen sucht, der lese: Wolfgang Herrndorf, lese seine Bücher („In Plüschgewittern“, „Jenseits des Van-Allen-Gürtels“, „Tschik“ und „Sand“) sowie unbedingt wie seinen Blog „Arbeit und Struktur“!

Wäre er mein Sohn, was altersmäßig gerade so hinkäme, meine Todesart wäre gebucht: Platzen vor Stolz! Wer Herrndorfs Sachen liest, ist hingerissen, verliebt und berauscht, hin und weg, ein bisschen neidisch –  oder aber hoffnungslos blöd. Schon wer bloß sein Blog studiert, und sich nicht an der tragischen Situation dieses gottvollen Mannes festsaugt (Glioblastom, geringe Lebenserwartung usw.), der lernt (fast) alles übers Schreiben, nämlich vor allem mal wieder, dass das ungemein viel Arbeit macht und die hohe, aber auch quälerische Kunst des Weglassens und Wegstreichens voraussetzt. Oder dass man, um komische Sachen zu schreiben, ein verflucht trauriger und ein bisschen autistischer Weltfremdling sein muss.

Ich übe mich – stümperhaft freilich – in der Kunst des Weglassens, indem ich hier auf jegliche Begründung verzichte. Ein Mann, der über meine Heimat Sätze schreibt wie: „Hinter Schleswig wird der Himmel hoch und strahlend wie eine renovierte Altbauwohnung“, der muss schon allein deshalb Beachtung finden. Darüber hinaus ist Wolfgang Herrndorf ein ungemein komischer Tragiker, trauriger Humorist und ein Stilist, der einfach schreiben kann wie eine gesenkte Sau. Seit Salinger (entschuldige, Herr Herrndorf, ich weiß, wie sehr Sie dieser Vergleich nervt), hat niemand derart präzise, einfühlsam, klug und witzig über die Psyche heranwachsender männlicher Jugendlicher von 13 bis 33 geschrieben; beim Lesen kommen mir manchmal echte Tränen: dass es so etwas noch gibt! – jemand, der Herzenstakt und Bildung, Jugendwut, Energie und Elan mit geradezu frappantem Sprachgefühl und weltweiser Einsicht verbindet, das hätte ich von besagter Gegenwartsliteratur nie nicht mehr erwartet. Wie er heißt? Ich sagte es vielleicht schon: Wolfgang Herrndorf.  Wer stirbt, ohne ihn gelesen zu haben, hat, zumindest ab jetzt, selber Schuld!

Lebende Idole? Nun ja, ich schätze Eckhard Henscheid, Max Goldt und Eugen Egner, aber Wolfgang Herrndorf … würde ich gern SEIN! Ach ja? Auch mit Hirntumor? Verflucht, Scheiße, ja, zur Not sogar das! Ich kenne ihn nicht, ich bin nicht mit ihm befreundet, aber, um noch mal Salinger zu bemühen, er gehörte wohl zu der Klasse der Schriftsteller, die man nachts, in schlimmen Stunden, gern mal anrufen würde. Was ich mich natürlich nie trauen würde.

Einem todkranken Genie Blumen ins Krankenhaus schicken, wär ja wohl eher so ein Mädchending. Meins dann wenigstens dies: Der Aufruf an meine ca. 45 LeserInnen, Follower und virtuellen Freunde: Besorgt Euch Bücher von Wolfgang Herrndorf! Er ist, und das sage ich jetzt mit dem vollem Gewicht meines literaturwissenschaftlichen Magistertums: ein Großer! Ein Guter! Einer von uns!

Heiliger des Verschwindens

29. Januar 2010

Nun ist er also doch mal gestorben, vorgestern, mit 91 Jahren. Für die Welt war er ja eh schon lange tot: 1965 das letzte Buch, 1980 das letzte Interview, Lebenszeichen danach entweder obskur oder unfreiwillig. Niemand weiß so genau, was er die letzen Jahrzehnte draußen auf seiner Farm in New Hampshire so getrieben hat. Er wollte es so. Er hielt sich bedeckt. Er haßte jede Form von Rummel, und er wollte nicht begafft werden – wie sein cooler, sensibler, verzweifelt sarkastischer Held Holden Caulfield:

„Es dauerte eine ganze Weile, bis ich einschlief – ich war gar nicht mal müde –, aber schließlich schaffte ich es doch. Aber eigentlich war mir eher danach, mich umzubringen. Mir war danach, aus dem Fenster zu springen. Wahrscheinlich hätte ich es sogar getan, wenn ich sicher gewesen wäre, dass mich jemand gleich nach dem Aufprall zugedeckt hätte. Ich wollte nicht, dass mich ein Haufen Gaffer anglotzte, wenn ich ein einziger Blutklumpen war.“

J. D. Salinger hat mit seinem „Catcher in the rye“ (deutsch: „Der Fänger im Roggen“) mal mein Lebensgefühl über Jahre geprägt; durch ihn habe ich erstmals Sinn für Tonfälle im Amerikanischen (und in der Sprache überhaupt) bekommen, und, am wichtigsten, er war ein Meister im Tao des Verschwindens, er demonstrierte ein halbes Jahrhundert lang, daß man ein großer Schreiber sein kann, und sich dennoch nicht zum Tanzbären der Verlage und zum Sklaven der Eigenreklame machen muß. Das letzte Bild, das von ihm kursiert, zeigt den Eremiten, in seinen Sechzigen, wie er wütend gegen das Autofenster eines Papparazzo schlägt, der auf seine Farm vorgedrungen war. Paradox nur auf den ersten Blick: Dieses Foto hat einen Ehrenplatz in meiner Wohnung.

Nun kreisen wieder die Geier über der Salinger-Farm, denn immerhin ist durchgesickert, daß Jerome D. Salinger all die Jahrzehnte seiner Zurückgezogenheit wohl geschrieben hat, für sich, für die Schublade. In den Augen der Verlagsagenten rotieren blinkend die Dollar-Zeichen….

Was soll man ihm nachrufen, diesem großen, leisen, klugen Mann? Jedenfalls nicht „Viel Glück“:

„Als ich die Tür geschlossen hatte…, schrie er mir etwas hinterher, aber ich konnte ihn nicht genau verstehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er mir „Viel Glück!“ hinterschrie. Bloß das nicht. Ich würde keinem „Viel Glück!“ hinterherschreien. Es klingt furchtbar, wenn man’s sich recht überlegt.“

Sollte man erwähnen, daß wir J. D. Salinger nicht nur einen der ergreifendsten Romane des 20. Jahrhunderts verdanken, sondern ihm und seinen Kameraden auch unsere Freiheit? Er war unter den Soldaten, die 1944 in der Normandie landeten und später in der blutigen Ardennenschlacht die Nazis niederrangen.

So long, Sir.