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Alles neu! Alles gut?

19. April 2009
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Rennen, um wenigstens den Platz zu behaupten: Alice und die Königin

 Reinhard Haneld läßt das Neue alt aussehen:

ÜBER DEN KULT DER INNOVATION

Wer die schlichte Suchwort-Kombi „Jetzt neu“ googelt, bekommt knapp 4 Mio. Seiten geliefert. „Neu“ ist Konsum-Imperativ, aufmerksamkeits-ökonomische Schlüsselqualität und allgemeines Qualitätsversprechen. Neu ist schon mal gut! Betrachtet man Gebiete wie Ökonomie, Politik, Kunst und Kultur, so scheint sich heute Bertolt Brechts lyrische These aus den 20er Jahren zu bewahrheiten: „Alles Neue ist besser als alles Alte“! 

Aber das Neue ist nicht harmlos. Es kommt nicht einfach zum bereits Existierenden hinzu, es verdrängt Bewährtes, macht es zu Altem, Veraltetem. Immer schneller dreht sich heute die Innovationsspirale: Das Neue von heute ist morgen schon seinerseits wieder veraltet. Der ökonomische und wisssenschaftlich-technologische Innovationsdruck ist ungeheuer. Auf vielen Gebieten folgen wir heute der Logik der „roten“ (bei uns: schwarzen) Schach-Königin aus Lewis Carolls „Alice hinter den Spiegeln“: 

Nach einem rasanten Wettlauf mit der Königin, bei dem sie allerdings beide keinen Schritt vorwärtsgekommen sind, japst Alice: „…in unserer Gegend… kommt man im allgemeinen woandershin, wenn man so schnell und lange läuft wie wir eben.“ Die Königin aber versetzt verächtlich: „Behäbige Gegend! Hierzulande mußt du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst. Und um woandershin zu kommen, muß man noch  mindestens doppelt so schnell laufen!“ Darauf weiß die Alice die einzig vernünftige Antwort: „Ich möchte bitte lieber nicht!“

Wir haben allerdings keine Wahl. Laufen wir im Hamsterrad permanenter Innovation nicht mehr mit, dann fliegen wir vom Laufband, gehören zum alten Eisen, geraten in Verdacht, den karriere-kategorischen Imperativ des „lebenslangen Lernens“ nicht mehr zu befolgen, und zur Strafe werden wir bald die einfachsten Dinge nicht mehr bewältigen können: Lesend und schreibend kommunizieren, telefonieren, fotographieren, unseren Fernseher programmieren, unser Auto fahren. Wer treibt wen? Treibt die Erneuerung uns mittlerweile schon vor sich her?

Immer war das nicht so. In vormodernen Epochen stand man dem Neuen mit Distanz und Skepsis gegenüber. In der Antike zum Beispiel, also bei denen, die man früher „die Alten“ nannte: Entweder leugnete man die Existenz des Neuen gleich ganz (Prediger Salomo: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“) oder schätzte es gering wie in der römischen Republik, in der man verächtlich auf den „homo novum“ herab sah, den Emporkömmling ohne die Abstammung aus einer der alten Familien Roms. In jenen Zeiten hatten es neue Bücher und Autoren schwer: Besser, der New-Comer publizierte unter fremdem, bereits etablierten Namen! Und wer reich werden wollte, in dem er eine neue Religion begründete, tat gut daran, den neuen Kult mit Altbekanntem zu verbinden. Das Alte, Bewährte versprach Sicherheit und Gewißheit. Die Ordnung der göttlichen Schöpfung war endgültig festgelegt – was konnte da überhaupt neu sein?

Nur langsam setzte sich die Akzeptanz des Neuen durch – die christliche Religion wirkt dabei paradoxerweise als Bremse und Motor zugleich! Sie brachte hervor, was sie zugleich mit ängstlichem Mißtrauen beäugte: die Neuzeit. Ein Dynamik entsteht, die sich schon bald nicht mehr aufhalten läßt. Das Alte, Hergebrachte verliert seine Ehrwürdigkeit, das Neue an sich wird zum Versprechen auf Besserung, Befreiung, ja, Erlösung…

Am Dienstag, den 21. April 2009 ist es um 20.00 Uhr wieder soweit: Der in Duisburg und Umgebung schon beinahe bekannte Philosophiedidaktiker Reinhard Haneld hält in der hiesigen Volkshochschule einen seiner interessanten Vorträge, bei denen es wie immer viel zu staunen und zu grübeln, manchmal auch etwas zu lachen gibt, sowie einen Sack voll Antworten auf Fragen, von denen man gar nicht wußte, das man sie auf dem Herzen hatte. – Also ich geh da wieder hin!