Posted tagged ‘Hausbesorger’

Here’s to the last working heroes

13. Januar 2011

Als ich vor zwei Jahren ins Geddo emigrierte, war das Hausbesorger-Ehepaar Elly und Pitti L* (*Name geändert). mein erster Kontakt. Nicht, dass wir uns spontan mochten. Die letzten autochthonen Deutschen im Viertel  hatten Schwierigkeiten, den spröde-mysteriösen Magister einzuordnen, der aus einer fremden Welt in die ihre geschneit war, ohne einen nachvollziehbaren Grund – und ich, na ja, mochte gewisse Blockwart-Allüren nicht so. Ich schätze es nicht, wenn man im Altpapier meine Post filzt, gerade weil es sich nur um Mahnungen handelt.

Allmählich lernte ich ihre grunddeutsche Wachsamkeit und nie erlahmende Neugier aber doch zu schätzen: Manchmal ließ ich (mitten im Geddo!) mein Fahrrad versehentlich über Stunden unverschlossen vor der Tür – doch kein Problem: Elly und Pitty hatten ein Auge drauf. Sie wussten, wann ich das Haus verließ, wohin ich ging, und Pitti hatte irgendwann auch keine Bedenken mehr, mich regelmäßig zu fragen, wann ich denn wiederkäme. Wie Mutti!

Pitti ist ein Goldstück in unserer Sekte der USA (Unspezifischer Alkoholiker). Seitdem er, nach 45 Jahren im Job, das LKW-Fahren drangegeben hat, strukturiert er seinen Tag durch drei Gänge zur Trinkhalle. Zwischendurch verkasematuckelt er seine Pilschen, still, sanft, ohne Randale, zumeist schweigsam im Hausflur am Fenster sitzend, auch im Dunklen, in melancholische Meditation versunken. Jedesmal, wenn ich abends zur Arbeit aufbreche, höre ich seine Grabestimme, die aus dem finstren Treppenhaus flüstert: „Erschrick Dich nicht!“ – „Nö, Pitti„, antwortete ich dann regelmäßig, „ich erschreck’ mich höchstens, wenn du mal nicht mehr hier sitzt!“

In letzter Zeit saß er aber schon immer seltener im Flur. Elly, seine hyper-vitale, energie-sprudelnde, ein bisschen furchteinflößende  Frau mit Mutterwitz und Haaren auf den Zähnen, die wieselig fleissige ehemalige Schuhverkäuferin wurde irgendwie krank und bettlägerig. Wenn ich sie, alle paar Wochen, mal im Hausflur traf, schnürte es mir das Herz ab. Sie sah aus wie ein verhungerter KZ-Häftling. Nur ihre Augen glühten noch, aus tiefen Höhlen. – Pitti ist kein Bescheidwisser; er gehört zu den Leuten, denen nie jemand etwas sagt, erklärt oder klarmacht. Dass seine Frau immer weniger wurde, am Ende nur noch 38 Kilo wog, registrierte er mit bekümmerter Ratlosigkeit. Treu und ergeben chauffierte er seine Gattin alle zwei Tage „nach’m Arzt“. Was genau „Chemo“ ist, hat er nie kapiert.

Dafür hat er bei mir den understatement-award 2011 gewonnen. Letzten Sonntag unterhielten wir uns abends im Treppenhaus ausgedenht über häusliche Müll-Angelegenheiten. Ich hatte nämlich Mülldienst, und Pitti ist der Obermüllwart unseres Hauses. Nachdem wir alle Details besprochen und erörtert hatten und ich mich verabschieden und schon abwenden wollte, sagte Pitti mit zittrig- wackliger Stimme nachdenklich: „Reinhard, Hömma! Die Frau geht das nich so gut...“ – „Klar, weiß ich doch…“ wollte ich entgegnen, da fügte Pitti noch etwas leiser und resignierter hinzu: „Wir warten gezz, datt’se einschläft“.

Drei Stunden später, um Mitternacht, so höre ich, war sie dann tot, nach 42 Jahren harter Arbeit und zwei Jahren Rente. Meine Serben-Freunde sagen, sie hätten Pitti gestern auf der Straße gesehen, abgemagert, schlohweiß geworden, und er weinte, oder, wie Milan, der Bosnier sagte: „Er wainte, wainte und wainte…“.

Aach, Leute…