Posted tagged ‘Gurke’

Kein Nobelpreis für deutsche Gurke

28. Mai 2011

Deutsche Gurke, unheimlich spannend (Foto-Quelle: tikonline)

Um mal mit einer Eilmeldung zu prunken: Die deutsche Gurke ist sauber! Wahrscheinlich, denke ich mir bei der morgendlichen Lektüre der Gurken-, quatsch, Tagespresse, weil in diesem Land eine Hand die andere wäscht, oder? – Wenn ich die Zeitung sehr früh lese, mit noch schlaftrunken zerknittertem Kopf, unterlaufen mir häufig Verleser. Meinen heutigen fand ich  nicht gänzlich absurd: Als  Zwischen-Headline der Gurken-Berichterstattung las ich in der Rheinischen Post als Zitat: „Es ist traurig, wenn eine ganze Bande in Verruf gerät“. Wieso denn? frug ich mich irritiert. Ist doch gut! Diese Bande von Panschern, Chemie-Baronen und Schmuddelfinken kann doch gar nicht genug in Verruf geraten! – Aber dann stellte ich fest, dass da gar nicht Bande, sondern Branche stand. Der hiesige Bauer protestiert gegen die Diffamierung der nationalen Gurke! Das wollen wir wohlwollend zur Kenntnis nehmen.

Apropos deutsche Gurken: Eine Schauspielerin, die ich nicht ausstehen kann, ist Katja Riemann. Bislang dachte ich immer, diese Antipathie sei vollkommen subjektiv und  irrational, weil Frau Riemann nämlich auf frappante Weise einer meiner Ex-Geliebten ähnelt, die mir in einer aufwühlenden Phase meiner Biographie mal den letzten Nerv raubte, was man ihr, der Riemann, ja nicht ernstlich zum Vorwurf machen kann. Anlässlich eines frisch erschienenen Interviews keimt in mir nun allerdings der Verdacht, zwischen den zierlichen Ohren der Diva herrschten Verhältnisse wie im Inneren einer Salatgurke. Warum wird eine Salatgurke Schauspielerin? „Weil mich Menschen interessieren … Ich finde es bis heute (?!) unheimlich spannend (!), über Menschen nachzudenken, über Situationen und Geschichten.“

 Aufgrund ihres Nachdenkens hat Frau Rieman herausgefunden, dass „Frauen um die Vierzig“ wie etwa sie – im Jahrganng 1963 wird das „um die Vierzig“ natürlich langsam etwas brenzlig – im Film falsch dargestellt werden: „Im Film tragen diese Frauen … immer Kostümchen, sind frustriert, verbittert, verheiratet, haben sexuelle Probleme, sind nicht nett zu ihren Männern und haben erwachsene Söhne, die Robert heißen.“ – Allein, solche Frauen sind mir im wahren Leben auch schon begegnet; oft habe ich ihnen geholfen, das Kostümchen abzulegen, ihre sexuellen Probleme zu lösen und Robert dazu zu bringen, endlich auszuziehen! Auch habe ich mancher schon ans Herz gelegt, netter „zu ihren Männern“ zu sein, zum Beispiel zu mir.

Frau Riemann (Hobby: „Ausschlafen“) weiß auch Erregendes über sich selbst zu erzählen: „Ich bin gut darin, zu Hause zu sein. Ich mag das, weil ich so selten zu Hause bin“ – eine Dialektik, über die nachzudenken freilich unheimlich spannend ist. Oft war Frau Riemann aber dann doch zu Hause, weil sie keine Rollenangebote bekam, was natürlich am sexistischen deutschen Film liegt, der mit Senta Berger, Iris Berben, Hannelore Elsner, Cornelia Froboes, Christiane Hörbiger u. v. a., chauvinistischweise eher Frauen über sechzig bevorzugt. Und la Riemann? „Die wussten mit mir nichts anzufangen.“ Hierfür ein klitzekleines bisschen Verständnis zu haben kann ich mir leider nicht verkneifen.

Abschließend wird die Frau mit der Sauerkrautfrisur und den eisgekühlten Blauaugen noch nach ihrer „Glücksformel“ gefragt. Zugegeben, keine besonders intelligente Frage, aber muss man deswegen gleich folgendes Geplapper ausstoßen? „Die Formel für Glück, Liebe und Erfolg. Halleluja?! Das wäre toll, dann bekäme ich den Nobelpreis und hätte ausgesorgt.“ Vielleicht ist ja mal jemand so freundlich, der Dame schonend beizubringen, dass für die Entdeckung einer solchen Formel gar kein Nobelpreis ausgelobt ist? Sonst hätte ich nämlich schon „ausgesorgt“! Meine Formel? Zu Hause bleiben, ausschlafen, die doofe Schnute halten.

Ach ja, noch dies: Frau Riemanns eigenes Kind heißt übrigens, um das Klischee mal zu durchbrechen, nicht Robert, sondern … Paula. – Gans schön mutig!

Protestsong mit Hähnchenbezug

29. September 2010

Farblich schon im Niedergang: Das altdeutsche Grill-Hähnchen (Fotoquelle: Wikipedia, Artikel "Grillhähnchen")

Ich wurde durch Liedgut sozialisiert, das man einstmals als „Protestsong“ bezeichnete. „Sag mir, wo die Hähnchen sind, wo sind sie ge-blie-hie-ben?“ – sang das nicht früher diese eine Dissidenten-Diseuse, Marlene Diva? Die Matrosen-Matrone Lale Andersen? Oder war es Joan Baez, die singende Sägeschliff-Sirene? Gleichviel. Ich wenigstens grölte den Protest lauthals und „aufs allerschärfste“ mit, denn irgendwann in den 80er oder 90ern, man weiß nicht recht, wie, verschwanden, Zugvögeln gleich, plötzlich die Grillhähnchen und Brathendl aus dem Fastfood-Angebot der Stadt, vergrämt wohl vom schnöden Öztürk-Döner. Abserviert, kalt gemacht, ausgeflogen, blown in the wind. Und dabei fraß doch ich junger Bursche dieses köstliche Knuspertier von der Stange, akkurat halbiert (das Hähnchen natürlich, nicht ich!) für mein Leben gern! (Appetitzügelnde TV-Berichte über Hühner-KZs waren noch unbekannt.)

Von kulinarischen Kultiviertheiten noch nicht kolonialisiert, hätte ich auf die Frage nach meiner Leibspeise daher ungescheut gekräht: „Einma halbet Hähnchen mit Pommes-Mayo für zum mit“! – Aah, deutsch-leitkulturelles, mördermäßig mittelalterliches, ja geradezu steinzeitliches, indes wahrhaft wollüstig-sinnliches  Schnell-Mahlzeit-Vergnügen: Auswickeln, auftischen, mit Chayenne-Pfeffer und Paprika nachwürzen und dann lustvoll-gierig, mit bloßen Fingern, fettigen Lippen und gefletschten Zähnen, dem Prachtvogel zu Leibe rücken! Kusperhaut knabbern, Flügelchen reißen, Schenkelchen beißen, Knöchelchen zutzeln, Zum Schluß zartes Brüstchen goutieren! Quel plaisir extraordinaire!

Als ich damals zur Erholung oder Erbauung (u.a. von maoistischen KPD/ML-Zellen) ins Ruhrgebiet verschickt wurde, gab es hier noch an jeder Ecke einen urdeutschen Imbiß, zum Beispiel den legendären, geradezu mythischen „Hähnchen-Hans“ in Duisburg-Althamborn, zu dem täglich klassenbewusste proletarische Pilgerströme aus der ganzen westlichen Region wallfahrteten, um geduldig für ein unglaublich schmackhaftes, durchaus schwer unschmächtiges, nahezu poulardenhaftes, außen knuspriges, innen saftiges Grillhähnchen anzustehen und sich mit demselben, zuzüglich einiger Portionen Flaschbier, dann den knochenhart erarbeiteten Feierabend zu krönen. Proletarisch-paradiesische Zeiten, das! – „But all good things come to an end“, wie ein anderes schönes Protest-Lied es zu Recht bittersüß beklagt.

Das gediegene Montan-Proletariat wurde zügig abgewickelt und struktursaniert, wodurch offenbar auch der Markt für dessen Ernährungsbasis kollabierte. Niederste Fremdenfreundlichkeitsinstinkte trieben das dumme Volk der Autochthonen fortan zu Pizza, Gyros und: Döner, Döner, Döner. Drehspieß killed the fried chicken star! Die ruhrdeutschen Gold- bzw. Kohlegräberstädte verödeten; Geier kreisten über den erloschenen Hoch- und Grill-Öfen, durch die öden Leerstandszonen rollten tumbleweeds und alles war vollgemacht von adipös verquollene Tauben, die sich gänzlich schamlos artwidrig die labbrigen Schabefleisch-Batzen aus nachgelassenen pappigen Brottaschen pickten, bis sie vor Übergewicht das Fliegen verlernten!

Jüngst hat indes in der aufgelassenen alten Serben-Spelunke „Novi Pazar“, inmitten der Döner-Hochburg Hochfeld, nun ein brandneuer Hähnchen-Grill eröffnet – mit türkischer Besatzung, türkischem Geld (nicht zu knapp, schätz ich) und, leider, türkischem KnowHow. Erst wollte mein nostalgisch befeuertes Seniorenherz ja jugendfrisch zu hüpfen beginnen, doch die Probe erwies, dieser Laden bestätigt bedauerlicherweise die Regel, von der er leider noch nicht mal  Ausnahme bildet: Das urdeutsche Handwerk des Hähnchen-Grillens bleibt ausgestorben. Definitiv & irreversibel.

Das Hendl war nicht etwa verlockend goldbronzen, sondern camouflage-fleckig dunkelbraun; statt, wie beworben, „knackig und saftig“, bloß vulgär fetttriefend und matschlastig. Es hüllte sich überdies auch nicht in begehrte köstliche Knusprigkeit, sondern in eine extrem betrübliche, abstoßende Art glitschigen, gebratenen Gummimantel, dessen ölige Geschmacksfreiheit man durch überreichliche Hyper-Salzung zu kaschieren suchte. Noch im tot gebratenen Zustand beklagte sich das arme Tier mit Recht über seine Herkunft aus einem industriellen Mastbetrieb.

Der Salatschmuck zur Beerdigung beschränkte sich auf ein lieblos und karg auf den Teller gepatschtes, unter allen Standards operierendes Gurken-und Tomatengefitzel, einen Schlag trübsinnig angesäuerten, unnatürlich blassgrünen Krauts plus einen Esslöffel Bohnen in einem obskuren Joghurt(?)dressing, von denen ich lieber die Finger ließ. Dazu ganz akzeptable, wenn auch mordsfettschwere Pommes mit Mayo, aber wegen der Pommes geh ich ja nicht in eine Hähnchenbraterei; dazu eine Cola (wie zum Hohn „light“), alles zusammen als „Menü 1“ für 4,50 Euro, was natürlich viel zu billig ist, um artgerecht gezüchtetes Geflügel zu bieten.

Der Service ist für eine Imbissbude überaus bemüht und freundlich, was aber die Sehnsuchtstränen über eine untergegangene Köstlichkeit nicht trocknen konnte – sie versalzten das Unglücksgeflügel eher noch zusätzlich, überflüssigerweise. –

Ich wage hier mithin die umstrittene Behauptung, dass der Multikulturalismus nicht in JEDEM Falle eine Bereicherung darstellt. Das leitkulturelle Wappentier der alten Bundesrepublik jedenfalls, das gegrillte Hendl, es kehrt wohl nimmermehr zurück. Wie’s Edgar Allen Poes Rabe („The Raven“) ausdrückt: „Never more, never more“.  Zu Ehren des ausgestorbenen Knusperhähnchens kippte ich, wieder zurück in der Geddo-Klause, gedanken- und magenschwer, einen doppelten Ouzo.

Dann stimmte ich einen Protestsong an: diesen hier.