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Wie immer zu spät (Grass-Debatte)

14. April 2012

Unsere moralische Instanz: Der Butt! (Foto: Wikipedia)

Nachlese. Einmal die dicke Jägersuppe bitte, mit Windhundwurst und Greisenkraut! Und dazu ein Anmaßfass Stammtischbier! Das wird man doch wohl noch bestellen dürfen, oder? Die grinde Horde johlt. Delirium Larum Löffelstiel! Endlich frei und ungebunden. Seht her, der Pfeifenschornstein – jetzt raucht er schon und schmaucht die alten Lieder wieder. Ächzend kracht der Plapperkasten, proppevoll mit Topexpert, und dann und wann ein westenweißer Elefantenzwerg. Hutzelmänner, Runkelrüben, tosender Applaus: Der innre Schweinehund muss jetzt mal raus. – Ey, was jetzt das? Da reimt sich was! Ich glaub es nicht – soeben schrob ich ein Gedicht!

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Keine Pfeife? Oder noch mal anders. Ein Gedicht, heißt es immer, ist wie ein Wickelrock. Warum? Ich weiß es nicht! Vielleicht wegen der haarigen Beine? Ich hab noch einen Koffer im Kabuff mit Germanistenbesteck, da müsst ich mal nachkramen. Hier, ach, sieh mal: Dr. Kaisers klassisches Werk über Nudistenkostüme! Porno-Cord mit Lederflicken, schwarzbraun wie die Faselnuss. Alle, die mit uns auf Kapern-Fahrt wollen, müssen Männer mit Bärten sein. „Dies ist keine Pfeife“ urteilte Magritte harsch über den Dichter. Falsch. Pfeife sehr wohl, bloß eben Dichter nicht. In Möbeln gesprochen: Der Stuhlkreis steht, was nebbich ausfällt, ist die Reise nach Jerusalem.

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Lost in translation. Ich bin schon so sehr an Anglizismen gewöhnt, dass ich heftig schmunzeln musste: Waren die Salafisten-Spinner mit ihrer Koran-Verteilaktion wirklich gut beraten, als sie dafür den Slogan „Lies!“ erdachten?

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Alte Männer, die auf junge starren. Zugegeben, junge Leute können es leicht mit mir verderben. Ich leide altersbedingt unter Toleranzdefizit. Vorlaute, präpotente und unbescheidene junge Männer, die also exakt so sind wie ich früher, kann ich nicht ausstehen. Bei SPIEGELonline gibt es einen Kolumnisten und „Kritiker“, nennen wir ihn mal Georg Dietz, warum nicht, denn so nennt er sich ja selber, nämlich „Der Kritiker“, und „Georg Dietz“, der mir erstmals durch eine brunzdumme Polemik auffiel, in der er mein Idol Heinrich von Kleist mit – wem? Nicht wirklich, oder? Doch! Echt! mit Karl Theodor von Guttenberg auf eine Stufe stellte. Warum? Weil beide von Adel sind oder waren! Dann verriss er den neuen Roman von Kracht, den er ersichtlich nicht gelesen oder zumindest nicht begriffen hatte. So weit, so ärgerlich.

Laut Selbstauskunft schreibt er auch für die FAZ, und zwar „über alles“, was entschieden mehr ist als das, wovon er einen Schimmer hat. Aber Ritter Georg „der Kritiker“ Dietz, der topmodische Hornbrillen-Intellektuelle, gibt halt keine Ruhe, er will partout und gründlich gegen die Wand. Also hat er einen Artikel über Günter Grass geschrieben. Das ist nicht schlimm, alle tun das, und seiner war, seien wir fair, gar nicht mal der blödeste. Nur – wenn einer einen Artikel betitelt mit „Der Dichter, der nicht auf seine Worte achtet“ und darin dann „mit flinker Lippe“ (G. Grass) einen Satz heraushaut, der lautet: „Es ist dieser gerade für einen Romanautor überraschende Mangel an Emphase, der so frustrierend ist“ – dann entbehrt das durchaus der Peinlichkeit nicht, weil, erstens, wenn es dem mediokren Schriftsteller und anti-israelischen Stinkstiefel an einem nun definitiv nicht mangelt, dann wohl an Emphase; zweitens meinte Herr Dietz wahrscheinlich Emphysem? Empyreum? oder, nee, wartet, Quatsch, Empathie!

Das ist das Wort! Und drittens wäre es nicht schlecht, wenn auch „Kritiker“ auf ihre Worte achteten. Mal gut, dass ich nicht der olle Blech-Butt bin, oder noch schlimmer für den bürgerlichen Dietz, der aristokratische Karl Kraus: Prompt wäre ich in diesem Fall mit meinem Aperçu angehoppelt, der Journaille reichte es nicht, keinen Gedanken zu haben, nein, sie müsse auch unfähig sein, denselben auszudrücken. Aber den jungen Leuten ist ja eh alles wurscht.

Disclaimer. Ja, ja, keine Sorge – ich bin auch gegen alte Männer, vor allem die abgefeimten, erloschenen, ausgestopften Pfeifendeckel, die dementen Wichtigtuer, Besserwisser und ausgezehrten, morschknochigen Moralkeulen, die sich für das Gewissen der Welt halten und nicht bemerken, dass sie schon lange rattentot sind, diese unsäglich aufgeblasenen Ochsenfrösche mit erstorbenen Herzen so kalt wie Schweinssülze, deren Namen ich gar nicht nennen will, selbst wenn es Namen wären wie Günter Grass, Martin Walser oder Peter Scholl-Latour. – Ich selbst bin in einem schwierigen Alter – zu alt für einen „tragischen“ Tod, zu jung, um dramatisch abzutreten. Dennoch: Folgende „Dichter, die auf ihre Worte achteten“, vermieden es, im Alter zur Nervensäge zu werden: Heinrich von Kleist, Georg Büchner, Georg Trakl, Georg Heym, Franz Kafka, Robert Walser, Stefan Zweig, Silvia Plath, Paul Celan, Ernest Hemingway. Unter vielen anderen.

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PS. Früher wollte ich Schaffner werden, dann Tierforscher. Jetzt wäre ich gern U-Boot-Bauer, dann würde ich Israel so viel Schießzeug liefern, wie nur geht. Geradezu zuschmeißen würde ich sie mit U-Booten, Abwehrraketen und Sicherheitskram. Das wäre ja wohl das mindeste!

Einfach mal gut finden

9. Oktober 2009
482px-Herta_Müller

Ich freu mich total für Frau Müller! Sie hat ihn wirklich verdient!

Doch. Nicht oft, aber manchmal passiert es, daß selbst ein Dauernörgler und misanthropischer alter Ätz-Texter wie ich reine, unvermischte Freude empfindet, über etwas, was „da draußen“ vor sich geht. Das oft extrem vertrottelt & verkalkt wirkende Komitee in Stockholm hat den Literatur-Nobelpreis an Herta Müller vergeben! Seit gestern Mittag 13.00 Uhr  juble ich still vergnügt vor mich hin. Gibt es also in 0,0001% aller Fälle auch mal Gerechtigkeit? „Der Mensch ist ein grosser Fasan auf der Welt“ war Mitte der Achtziger das erste Buch von ihr, das allein wegen des anmutig-rätselhaften Titels meine Aufmerksamkeit weckte. Danach gehörte sie, und das blieb so, nicht nur zum äußerst exklusiven Kreis noch lebender AutorInnen, die ich reinen Herzens verehre, sondern auch zum noch kleineren Kreis jener wenigen „Gerechten“, aufrechter, tapferer, menschenwürdiger Menschen, die die Existenz unserer Spezies notfalls rechtfertigen.

Herta Müller war für mich seit Mitte der Achtziger immer ein Beleg (wenn Menschen denn ein „Beleg“ sein können) für zwei Dinge: a) daß es Menschen gibt, die äußerlich unscheinbar, weich und verletzlich wirken, aber im  inneren unbeugsam wie der legierte, millionenfach gefaltete Härtestahl eines Samurai-Schwertes sind: Gewalt, Terror, perfider Psycho-Druck, Verleumdungen, Lügen, die bis heute andauern – der ganze widerwärtige Apparat der Securitate, des rumänischen Geheimdienstes der Ceaucescu-Ära, konnte Herta Müller nicht brechen, nicht zum Schweigen bringen, sie nicht vom Schreiben abhalten! – Und b) daß es möglich ist, warmherzig, mitfühlend, menschenfreundlich zu empfinden, ohne auch nur einen Hauch von Falschheit (in der Literatur: Kitsch) zu produzieren.

Herta Müllers Prosa ist poetisch, eigenwillig, metaphernstark, kompromißlos und zart zugleich – all das aber nicht im Sinne von Kritikerliteratur: Ihre Werke sind lesbar, sogar mit Vergnügen und Genuß lesbar! –, vor allem aber ist Herta Müller nicht „wie“. Literaturwissenschaftler wie ich lernen ja immer das Komparative als Einordnungsprinzip zu nutzen. Frau Müller ist … „wie Kafka als Frau“? Wie eine wiedergeborene Achmatova? Wie … nein! Herta Müllers Stimme ist einzigartig und unverwechselbar! Daß sie, die Banater Schwäbin, deutsch schreibt, ist eine Ehre für unsere Sprache.

Die letzten Male, als deutschsprachige Literaten den Nobelpreis bekamen, senkte ich eher so  schamerrötend den Blick (Böll? DER unsägliche, sprachlich absolut unbegabte, hölzerne, linkskatholische Moralin-Kitschier? Und dann noch der bornierte Poltergeist und selbstverknallte Geniedarsteller Grass, der bloß ein einziges gutes Buch zustande brachte? Oder gar, ich bitte um Verzeihung, die bescheuerte Madame E. Jelinek mit ihren neurotischen Obsessionen? Gott! Wirf Hirn ab über Stockholm! – Tut mir Leid, so empfand ich…); nun aber bin ich versöhnt und froh. Schon als Oskar Pastior den Büchner-Preis bekam, freute ich mich. Und jetzt: Herta Müller! Ich persönlich hatte zwar einen anderen Favoriten auf der Stockholmer Shortlist: Bob Dylan, mein Groß- und Jugendidol. – Aber die Entscheidung von gestern beglückt mich noch mehr.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Müller. – Für die, die ihr Werk noch nicht kennen: Müller ist ein Name, den man sich merken muß. Müller. Herta Müller. Literatur-Nobelpreis 2009!