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Wider die Orthopädographie

15. Mai 2012

Korrektur-Programm im Alten Ägypten: Jedes zweite Wort unterkringelt!

Warumb nuhr, theuere Genoßsen, seyd Ier unter die be-schämickt Sklaverey der RechtSSchreibunck gerahten, Ier armen Thoren? Wass lasset Ier, zu Gnaden, Euch denne vom großmechtigen Leviathan vulgo Satan oder so genannter Staat, in Euere partes privatissimae was ist die hochmögende Orthographia hineyngrappschen und herrumm pfuschen? Sünd nicht die Herren Grafen von Dudenn eyne veritabul Pestilenßz und Lantplahk, eyn beßerwisserisch Volck und Heerbann von lauther verderbtenn ehrloßen Kannegießern, krumben Pedannten der scola unt vor die Freyheit böß gesatzten Lummppenpack? Iie! deß Schröckenn und fauliges Gyfft vorspreizenden Natterngezücht, wo muthwillig cujonieren thut, was Freyheit der Scribenten seyn mußs & seyn soll, vor immerdahr und vuon unsrem HErrn GOtt geben! Mir ist die aerwig Schulmeysterei der orthopädaeisch Schwetzer und Wortdrexler ein Gräuel und wahrchafft Eckel! Sie solln ablassen von denen ierer elennt Beßsrungswuth, Thugend-Terreur und Gängelband-Binden! Ich schrob von Geburth an nemlich nach dehm eygen Schnabel und fuhr gutt nach dem Gefüel und Geschmakk deß puren Odems in meyne Brust! Hab ich nicht ius, nach dero Sitten der ehrwürdigen Aeltern zu faren? Meyn Hertz ersehned zuweylen eyn ächte Schweyzer Gard zu miehten, dem Thun der forfluchten, führwitzigen Correctores eyn End zu settzen und seys mit Schrecken, Bluth und Brannt!

– Also, zur Erklärung, es war so: Heute im medientheoretischen Seminar über Schrift und Schriftlichkeit, kamen wir, einem Textchen von Roland Barthes folgend, methodisch, dialektisch und systematisch ordentlich vom Hölzchen aufs Stöckchen, will sagen am Ende auf den beinahe staatlichen orthopädographischen Terror der sog. Rechtschreibung bzw. die Diskriminierung der kreativen Heterographen. Kaum schreibt einer, von der Macht der Begeisterung hingerissen, in seiner Bewerbung z. B. bei der Fa. Fielmann, er hätte „fielerlei Interessen“, wird er schon aussortiert und kommt auf den Lehrlings-Kompost! Ist das gerecht? Ehre den Helden der kreativen Schreibung, wie zum Beispiel James Joyce und Arno Schmidt! Und den barocken Anarchen! Kürzlich entschuldigte sich eine werte Kollegin dafür, versehentlich „Liedschatten“ geschrieben zu haben. Dabei! was für ein herrliches Wort! „Ich bin im Liedschatten der Beatles aufgewachsen!“ – ist das denn unklar, missverständlich oder verwerflich? Nicht im mindesten! Das ist wahr, das ist gut, das ist schön. Was verschlägt denn die unmaßgebliche Meinung der Duden-Terroristen?

Ich weiß ja nicht, wie das zugeht, aber hinter jedem Word-Dokument, das ich öffne, sitzen heute hundert unsichtbare, anonyme kleine Chinesen und unterkringeln mir jedes zweite Wort, das ich schreibe, blutrot mit Droh-Verbesserungen. Bitte, ich möchte das nicht! Gezeugt, gestillt und genährt noch in der Griechischen Antike, wuchs ich gymnasial in der frühen Goethe-Zeit auf und das war eine herrlich freie (freye) Ära! Ein jeder, zuvörderst Goethen, schrieb, wie er’s sich dachte, wie er fühlte und klingen mochte, und kein absolutistischer Sprachpolizey-Kommandant namens Literalhauptkommissar Duden verwies ihm diese Freiheit des persönlichen Ausdrucks. Der Staat hatte andere Sorgen, als seynen Unterthanen vorzuschreiben, wo sie das Komma hinklecksen sollten. Kommata setzte man dort, wo man mal Luft holen musste, und gut wars! Wo bitte gibt es denn allgemeine Regeln zum Luftholen? Ein Engbrüstiger, ein Asthmatiker oder luftknapper Adept der Schwindsucht setzte viele dieser Beistriche, ein weitbrüstiger Rhapsode, Musikal-Kastrat oder Opern-Arier deren halt weniger. Ja, na und? Gab es deswegen etwa babylonische Verwirrung, gegenseitiges Missverständnis und Zungenverwirrung? I wo!

Dass Werthern sich in Lotten verliebte, als er sie beim Brothschneiden beobachtete; dass er, da er sie nicht haben konnte, sich am Ende zwangsgerecht selbst entleibte – haben wir das etwa deshalben nicht verstanden, weil im Original Seyn statt sein, Muthwillen statt Mutwillen stand? Ob was mit „ß“ oder „sz“ oder „ss“ geschrieben wird – macht uns das das Ausgedrückte etwa undurchsichtig? Ach was! – Ich weiß, der staatliche Rechtsschreibungsterror wird nicht leicht zum ersten Motiv einer Revolution werden,  aber dennoch, wenn dereinst, nach den „Piraten“, den „Halunken“ und den „Ganoven“ endlich  als achte Partei die „Barbaren“ kommen – ich wünschte, sie gäben, im Zuge einer erweiterten Aufklärung, nicht nur frei, was man glauben, sondern auch, wie man schreiben dürfte! Das wäre ein Fest! Der grammatische und orthographische Frühling! Wir strömten auf die Straße, auf den Dudenplatz, unsere Fahnen schwingend, auf denen, als Logo und Freiheitsfanal, ein „y“ prangte, ein „ß“ und ein „th“, sowie das Symbol einer Gießkanne, andeutend, dass wir unsere Kommata nach anderen Prinzipien vergössen als die Pedanten. – Ah, Freyheit!

Esstischnippes. Aufsatz über das Marx-Haus

7. September 2011

Keine Ode an den Pfirsichmond: Eingangstür zum Karl-Marx-Haus in Trier

Lange Zeit bin ich in die Irre gefahren, von allzu schüchternen Schildchen missleitet. Dabei hätte ich bloß den Chinesen folgen müssen. Der Chineser findet sich ja überall zurecht. Schwarmintelligenz halt. Ihm wird es freundlicher Weise in seiner Landessprache untersagt, Eis zu lutschen oder Zigarettchen zu rauchen. Darüber lächelt er großzügig. Das aus der Heimat vertraute Auf-den-Boden-Spucken unterlässt er unaufgefordert. Ich kannte einmal eine blonde Bonnerin, die sich „Rauchen verboten“ in chinesischen Schriftzeichen auf den Nacken tätowieren ließ, in der verzeihlichen Meinung, es handele sich um ein romantisches Gedicht an den zarten Pfirsichmond.

Den zierlichen Fern-Ossis nachspürend fand ich es jedenfalls schließlich: das Karl-Marx-Haus in Trier.

Es heißt so, weil darinnen Karl Marx geboren wurde. Marx war also eine Hausgeburt. Das wusste ich gar nicht. Aber wahrscheinlich ist das der Lauf der Geschichte: Jesus war ja noch Stallgeburt, ich hingegen schon ein Entbindungsheimkind. Im Entbindungsheim, das hieß wirklich so, bin ich wahrscheinlich vertauscht worden. Ich bin Generation Tauschkind! Kinder wurden damals in rauen Mengen verwechselt, vertauscht oder gebraucht verkauft, weswegen große Unzufriedenheit mit denen herrschte, die sich dann als unsere Eltern ausgaben. Man nannte uns deshalb summarisch „die Kinder von Marx und Coca Cola“. 

Eine besondere Aura hat das Marx-Haus eigentlich nicht. Weil die SPD es gekauft hat? Auch, sicher, vor allem aber, weil der kleine Kerl Karl hier nur als bettlägriger Säugling tätig wurde. Bevor er laufen konnte, zog man schon weg. Anders als in der Berggasse in Wien, wo der spießige Mief von Sigmund Freuds psychoanalytischen Quacksalberkuren noch immer irgendwie in den Möbeln hängt und Atmosphäre verbreitet, spürt man hier keinerlei marxistischen Brausewind, sondern nur den stickigen Mulm der sozialbürokratischen Partei. An einer Wand hängen „Intellektuelle“, die „vom Marxismus beeinflusst“ waren. Gut, dass man mich nicht auch da hingehängt hat!

Ich habe am Ausgang noch den Gipskopf von Marx in klein gekauft, weil ich so etwas nämlich passioniert sammele. In Weimar erstand ich einst sogar Goethe und Schiller als Salzstreuer. So etwas dient mir zur Mahnung, mich jeder Ruhmsucht zu enthalten. Nachruhm in Form idiotischen Esstischnippes kann mir ganz gut gestohlen bleiben. Auch wäre mir die Vorstellung unangenehm, dass täglich hundert rauchende Chinesen Eis schlürfend durch den Schuhkarton stoffeln, in dem ich einst verzweifelt versuchte aufzuwachsen, nur um sich dann grinsend vor meinem in Mandarin-Schrift erläuterten Gitterbettchen photographieren zu lassen.

Unter Moselmanen

6. September 2011

"Wir nehmen mal die Nr. 2" – Auf dem Seniorenweg

Reise-Notiz. An der Mittelmosel. Es ist ordentlich schön gewesen. – Erste Erkenntnis: Die Mosel gibt es wirklich! Als Kind hab ich immer gedacht, das sei ein Code-Ausdruck meiner Eltern für sauren Wein und familiäre Krisen. Fünkchen Wahrheit dabei: Mosel ist komplett jugendfreie Zone. Wer hier unter 60 ist, gehört zum Service-Personal (vgl. Saaltöchter in der Straußwirtschaft – optisch oft entzückend, kognitives Begreiftempo aber zum Verzweifeln retardiert). Der Rest: Zähe Sportrentner.

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Merkwürdiger Zeitknoten: Ich sehe Leute, die fünf Jahre älter sind als ich, und denke: Die sind ja wie meine Großeltern! – Rotwangige Greise, krachlederne Greisinnen:  Topfit, aber weitgehend gemütserloschen. Wenn Ehepaare jenseits der Goldenen Hochzeit stur nebeneinander (!) sitzen und dich wortlos parallel anstarren, fühlst du dich wie im Inneren des Fernsehers. Aquariumsstimmung. Mache Karpfengesicht.

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Zweite Einsicht also: Mittelmosel ist Deutschlands Florida. Rentnerparadies. Silberhaariges memento mori in allen Gassen. – Haben uns aber nun mal im Mittelalter eingemietet. Werden schon früh morgens besichtigt. (Seufzend-resignativer O-Ton Opa zur diamantenen Gattin, bei uns um die Ecke biegend: „Ächz, hach, gugg, ooch wieder Fachwerk!“)Ansonsten oft Sprachlosigkeit zwischen den Generationen: Ich zur hübsch blond pferdegeschwänzten Saaltochter: „Ich würde gern bezahlen!“ Moselmädchen guckt wie Auto, grübelt stumm, sinnt, verschwimmt mimisch im Ungefähren, fragt dann aber irgendwann nach bangen Minuten: „Zahlen?“ Ja, das dann auch.

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Die Mosel. Die Mosel ist, was man ihr zunächst gar nicht ansieht, ein Nebenfluss. Wer bestimmt das eigentlich? Egal, sie kurvt halsbrecherisch haarnadelhaft in scharfen Kurven durch eine weintrunkene, dementsprechend auch sonnengetränkte Landschaft. Die Mosel eignet sich, um an ihrem Ufer besinnlich Fahrrad zu fahren. Wer dabei ständig „ooh!“ und „aah!“ ruft, ist für den Reiz traulicher Landschaft empfänglich, läuft aber Gefahr, kleine, zumeist indes einigermaßen ungefährliche Insekten in den Mundraum zu atmen. Besser man radelt schweigend, verkniffenen Greisenmundes. – Die Jahreszeiten wirken italienisch-französisch und heißen Frühling, Sommerhitze, Riesling, Flaute. Der Wein ist in der Moderne angekommen, also nicht mehr sauer, sondern sturztrocken. Mit mineralischen Noten. – Aber zurück zur Mosel. Die Moselmanen sind meistens Ossis. Das nervt oft. Ausnahme: Thüringer. Bus-Rentner aus Thüringen werden zu ihrem Leidwesen oft mit Sachsen verwechselt, rezitieren jedoch im volltrunkenen Zustand (Thürieslinger) noch immer und offenbar gerne fehlerfrei Goethe. Bei Sachsen wird das nur selten beobachtet.

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 Die Gattin gesteht ungefragt, bevor wir nun moseln waren, hätte sie mir beim Scrabbeln das Wort „Wein-Café“ nicht durchgehen lassen.

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Theoretisch könnte ich übrigens von Wein leben, aber die Chefin findet, es ist besser, man isst auch etwas dazu. Höhepunkt mosellanischer Kulinarik: Bratkartoffeln. Man bestelle unbedingt Bratkartoffeln! Das kriegt man sonst nirgendwo! Wahlweise mit Weinsülze, Blut- oder Leberwoarscht. Rustikal, grundehrlich, mit ausreichend Speck für Monate. – Fleisch wird übrigens grundsätzlich durchgebraten. O-Ton Wirt zu mir: „Schmeckts? Alles in Ordnung?“ Ich weise wehleidig aufs Lammfilet und nörgele leise: „Ist aber total durch, da! Schon ganz grau!“ Wirt inspiziert bedächtig das inkriminierte Bratgut. Kommt nach einer halben Stunde wieder: „Hab den Koch gefragt. Das geht in Ordnung. Die meisten Gäste wollen das so.“ Verständnisvoll blecke ich die Dritten Zähne.

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Sitzen auf der Gasthof-Terrasse und essen durchgebratenes Fleisch zum Liter Riesling. Am Nebentisch zückt einer, der aussieht wie Heini Himmler mit Hundert, eine porno-mässig monströse Zigarre, entzündet dieselbe, zutzelt obszön daran herum und verstinkt den gesamten germanischen Lebensraum. „Zigarrennazi“ zische ich hasserfüllt und durchbohre denselben mit tötenden Blicken. Den untoten Luftpest-Krieger ficht das nicht an. „Gott!“ rufe ich laut, „wo leben wir denn!“ Die Gattin mahnt – typisch! wie immer! – zur Mäßigung, findet den Ausdruck „Zigarrennazi“ aber leise schmunzelnd angemessen.

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Bizarr: In Restaurant ein dreigängiges Menü (Blutwurst, Leberwurst, Sülze, mit na? Bratkartoffeln!), bei dem im Preis ausdrücklich die Vorführung eines zittrigen Schwarzweißfilmes inbegriffen ist, der die Geschichte des mittel-mosellanischen Weinanbaus in den 1930ern zeigt. Wir verzichten und ordern stattdessen Rieslingbrand, so alt wie der Film, aber ästhetisch befriedigender. Wenn man die Nazis schon kennt, sollte man für den Schnaps optieren. Der Nachgeschmack ist angenehmer. Statt zu fragen, ob der alte Himmler-Michel noch lebt, erkundigen wir uns nach der Adresse des Brenners. Auch dies eine kluge Entscheidung.

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Wenn man bei einem bäuerlichen Trester-Brenner morgens am Montag für eine lächerlich geringe Summe einen jahrzehntealten köstlichen Marc de Riesling ersteht, sollte man sich nicht schämen: Im Preis einbegriffen ist eine mehrstündige herzliche Unterhaltung über Zollbehörden, Schwarzbrennerei, das Wetter, lebensphilosophische Fragen und allerhand Technisches zur Schnapsherstellung. Am Ende geht das preislich in Ordnung.

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 Das finale Purgatorium ist nebenbei nicht die Mosel, sondern der Harz. Er steht noch bevor.

Schöner Sterben: Operntod mit Kuschelrock

30. Januar 2010

Gestern am späten Abend habe ich arte eingeschaltet. Gar nicht mal, um mich hochkulturellen Bedürfnissen hinzugeben, sondern weil ich eigentlich die dritte Staffel der von mir geschätzten Krimi-Serie „KDD“ sehen wollte, die man ins arte-Nachtprogramm verbannt hat, damit das nur Spezialisten gucken und die Quote hübsch niedrig bleibt. Man will die Serie nämlich wegen Intellligenzüberschuß einstellen. Egal – es lief aber jedenfalls noch eine Übertragung aus der Pariser Bastille-Oper, und weil Oper eine so schön bizarre Kunstform ist, blieb ich daran hängen. Es gab „Werther“ von Jules Massenet.

Man befand sich bereits im III. Akt, also, wie es im Sport heißt, „in der Schlussphase“. Titelheld Werther, von der Unerfüllbarkeit seines Liebesleidenschaftsbegehren, das schöne, aber vergebene Fräulein Charlotte betreffend, gründlich erbittert, hatte bereits die Selbstentleibung erwogen und sich zu diesem Zweck mit Pistolen totgeschossen. Der neue deutsche Star-Tenor Jonas Kaufmann brachte diesen beklagenswerten Zustand vollendeten Suizids nicht zuletzt durch die angemessene Blutüberströmtheit seines weißen Hemdes hervorragend zum Ausdruck! Auch die billigen Plätze hinten oben, und selbst wir Fernsehzugeschaltete im Ausland konnten uns von der irreversiblen Vergossenheit des Wertherschen Herzblutes zweifelsfrei überzeugen.

Doch anders als in Goethes Romanvorlage ist dieser Werther hier offenbar kein Sensibelius und Weichei, sondern ein harter Hund. Gescheitert, ungeliebt und totgeschossen läuft er erst zu richtiger Form auf, schüttelt die jungdunkelblonden, Frauen zum Schmachten bringenden Locken und es ist ihm – im Grunde gewissermaßen post mortem! – nach Singen zumute! Das ist erstmal nichts sooo Ungewöhnliches. In Opern wird beim Sterben meistens und gern noch ein wenig gesungen, allein oder mit anderen. Die edelmütige Nobel-Kurtisane Violetta Valéry (Diagnose Lungen-TBC im Endstadium) singt beim Hinscheiden, nachdem sie einen schweren Hustenanfall absolviert hat, im III. Akt von Verdis „La Traviata“ noch eine üppig herzbetörende Arie resp. ein finales Trio mit Alfredo und Vater Germont. Bon. – Bei Massenets „Werther“ wird’s aber selbst mir ein bißchen zu bunt: Der so gut wie schon lange tote Werther, man faßt es nicht und muß beinahe lachen irgendwann, singt und singt und singt, bis endlich, von der Sterbesingerei alarmiert, Charlotten hinzukommt, Werthern gesteht der Verstörten singend seine grenzenlose Hingegebenheit, das Fräulein beginnt daraufhin nachdenklichkeitshalber ebenfalls zu singen, es kommt, nach einigem motivischen Hin und Her, zum innig-sinnlichen Singe-Duett stimmlicher und sozusagen nachträglichtragischer Liebesverschmelzung, die hinwiederum singend und sterbend gefeiert wird, wobei das musikalische Liebessspiel nach Beendigung der Schlussphase, um mit dem Sport zu sprechen, nun aber doch schon deutlich in die Verlängerung geht.

Überschlägig dauert es bei Werther und seiner nun reumütig doch rückhaltlos zurückliebenden Lotte eine geschlagene Viertelstunde vom Todesschuß bis zur Einsicht, daß nun mit dem Gesang aber auch mal gut sein muß!

Jemand, der mein Interesse teilt, aber mehr Zeit hat, sollte mal ein Ranking entwickeln, meinetwegen fürs Fernsehen mit Jörg Pilawa oder Günter Jauch aufbereiten, in dem die bekanntesten Opern mal nach der jeweiligen schieren Länge ihrer vokalmusikalisch begleiteten Sterbeszenen geordnet werden. Gern erstünde ich dann einen Zusammenschnitt: Sterbeoper statt Kuschelrock. Soviel Morbidität muß sein, und man hat gleich den passenden Soundtrack parat für verschiedene ausgefallene Lebenssituationen.

Zum Beispiel könnte die Platte mit dem Sterbegesinge laufen, während man am Küchentisch vom Laptop seine E-mails liest, in deren einer man, wie ich kürzlich, aufgefordert wird, in Doktor Roger Kuschs Sterbeverein „SterbeHilfeDeutschland e.V.“einzutreten. Das soll 100,00 Euro im Jahr kosten oder, für Kurzentschlossene, „einmalig 1000,00 Euro bis zum Lebensende“, was dann, hihi, händereib, wahrscheinlich ja schon recht bald eintritt. Was man für dieses Geld genau bekommt, wird nicht recht deutlich, auch nicht auf der Homepage der Sterbe-Freunde&Helfer. Die Website www.kuschsterbehilfe.de (ich hatte erst „Kuschelbeihilfe“ gelesen!) wird auch nicht konkreter.

Feststeht, der Herr Dr. Roger Kusch, ehedem Justizsenator in Hamburg und nachmaliger semiprofessioneller Sterbehelfer, hat in der Öffentlichkeit einen Ruf, der, hm, sagen wir: verbesserungswürdig erscheint. Andererseits wird in den Medien natürlich gegen jeden gehetzt, der nicht der perfiden christlichen Ideologie vom Freitodverbot anhängt.

Bleibt vorerst festzustellen: Die Geschäfte des Herrn Kusch sind nach Verbraucherschutz-Kriterien schwer zu bewerten: Kunden, die damit positive, befriedigende Erfahrungen gemacht haben, werden naturgemäß aus eigenem Erleben keine Sternchen mehr vergeben können. Ohne dem Dr. Kuscheltod etwas Explizites anhängen zu wollen: Mir wäre es lieber, es müßte solche obskuren Vereine bzw. Geschäfte gar nicht geben. Ich persönlich lebte (und stürbe) am liebsten in einem freien, laizistischen Staat, in dem es freundlicherweise mir selbst überlassen bliebe, wie und wann ich abtreten möchte, ob nun versehentlich („natürlich“), mit einer Plastiktüte über dem Kopf, einem Opiumpfeifchen zwischen den blauen Lippen, oder, im Extremfalle, blutüberströmt, unter Absingen einer eindringlichen, mit einem Pistolenschuß eingeleiteten Opernarie.

Profane Propangaspropaganda

18. Januar 2010

Frühes Fernsehgerät (Telefunken 1936). Foto: Wikipedia / Eirik Newths

Unter der Woche ohne eheliche Aufsicht, unterläuft es mir ab und zu, daß ich spät abends vor laufendem Fernseher einschlafe. Nicht weiter schlimm eigentlich, obschon es mich stört, daß ein unbekannter Besucher meine vorübergehenden Absenzen regelmäßig ausnutzt, um mir die Weinflasche leerzutrinken. Irritierend ist es außerdem, wenn man in dem einen Spielfilm einschläft und mitten in der Nacht in einem ganz anderen Film wieder aufwacht. Man dämmert beispielsweise in einem tiefsinnsblauen, bedächtigen Unterwasserfilm weg und schreckt Stunden später in einem hektischen, schwarzweißen US-Musical wieder hoch, in dem karierte Männer zu kurze und zu enge Anzughosen tragen und ihr alltägliches Handeln mit Duett-Gesang und Steptanz würzen. Hier die fehlende „continuity“ (so nennt es der Fachmann) herzustellen fällt dann im Halbschlaf nicht leicht, Sinnzusammenhänge geraten ins Wanken und am Ende wundert man sich, was man wieder für schnöden Galimathias geträumt hat.

Vor dem Beruf des Filmregisseurs habe ich daher einen Heidenrespekt. Manchmal wäre ich selbst gern einer, weil ich nämlich schon lange die Idee mit mir herumtrage, einmal einen Film zu drehen, indem ein ganz bestimmter, magisch-enigmatischer Dialogsatz vorkommt, den ich ebenfalls mal geträumt habe. Er lautet: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“ – Aber was könnte das für ein Film sein?

Ich könnte mir etwas Biographisches vorstellen, etwa die Verfilmung des Lebensweges eines berühmten Dichters wie Goethe oder Erich Kästner. Am Anfang weiß der dünnhäutige Dichter (im Film gespielt von Matthias Schweighöfer) noch gar nichts von seiner ruhmvollen Geistes-Berufung, sondern schuftet noch als ahnungsloser Palaversklave im Textbergwerk einer Werbeagentur, die Reklamesprüche sagenwirmal für EON oder RWE schmiedet. Bleistiftkauend und mit blutigen Fingernägeln hockt der latent talentierte Laberlaborant in seiner Wörterbucht und quält sich leidenschaftlich mit einer „Ode an den himmlischen Äther, Fluidum des Glücks“ ab. Da tritt federnd, in weißem Smoking und mit schwarzem Zylinder, der Chef ins Kontor. Er ist Milliardär und hat das Seminar„Innerbetriebliche Kommunikation in flachen Hierarchien“ nicht belegt. Hat er ja nicht nötig, der Herr!

Dem schüchternen Subjekt und Sensibelius, wo einst ein berühmter Dichter werden und sogar den Nobelpreis ergattern wird, verbietet die fiese Führungspersönlichkeit in dieser Schlüsselszene nun zunächst mal kategorisch, weitere Hoffnung in ein sich anbahnendes Liebestechtelmechtelchen mit seiner, des Bosses, blauäugig blondierter Tochter zu setzen. „Nicht mal planktonisch!“ brüllt der grobianische Herrenmensch, was nebenher nicht nur seinen Mangel an Herzenstakt, sondern auch seine schmachvolle Unbildung unterstreichen soll. Herzzerreissende und bedeutungsschwangere Musik von André Richelieu wird eingespielt. Weinende Geigen greinen geisterhaft geile Galanterien. Im weiteren, immer mehr eskalierenden Verlauf seiner unmäßigen Echauffierung entreißt Häuptling Weißer Smoking seinem schweißgebadeten Texteknecht das mit Herzblut geschriebene Odenbruchstück, schaut kurz höhnend schmiergrinsig darauf herab und dann fällt eben dieser besagte schauerliche Satz: „Seien Sie nicht prätentiös! Hier handelt es sich bloß um profane Propangaspropagandaprospekte!“

Der weitere Fortgang des Streifens interessiert mich eigentlich nicht mehr so sehr. Matthias Schweighöfers Odenbruch kommt irgendwie am Stadttheater von Detmold groß heraus und wird der literarische Überraschungserfolg des Jahres, der junge Dichter wird auf Debütantenbällen, Talentshops und Stalkshows herumgereicht, er kriegt die Tochter vom ehemaligen Chef, der sich nun natürlich verbittert und rumpelstilzchenmäßig irgendwohin beißt, alles wird blau, tief blau, schemenhaft schweben schweigende Mantelrochen und Degenhaie durchs Geflimmer, elektro-blubbernde Unterwassermusik brandet auf und…manno! Jetzt bin ich bei meinem eigenen Film eingeschlafen! Es ist halt schwer, mich kinematographisch zu fesseln.

Eine zusätzliche Würze erhält mein feierabendlicher Fernsehgenuß, vom periodischen Wegdriften mal abgesehen, dadurch, daß ich weder verkabelt bin noch eine Schüssel habe, mit anderen Worten, ich gehöre zu jenen Verdammten, die über DVBT gucken. Ich vergeß immer, was das heißt. Irgendwas Anglotechnisches, was dann aber trotzdem nicht funktioniert. Praktisch jedenfalls heißt DVBT, daß immer dann, wenn ein Tatort-Kriminalstück ausnahmsweise mal spannend wird, und das ist schon selten genug, das Bild einfriert und der attraktiven Hauptdarstellerin der Sprechton im seidentuchumschlungenen Halse stecken bleibt. Funklochbedingt schockgefrostet! Nun muß man wie ein würdeloser Deppenderwisch vom Sofa hochschießen, quer durch seine Gemächer zur Fensterbank rennen und die Zimmerantenne neu ausrichten, damit man hoffentlich gerade noch mitkriegt, wer jetzt Mörder war und wer der Kommissar. Man kommt sich echt vor wie in den späten 50ern, als die Fernsehpioniere noch, in karierten Romika-Puschen und Filzwesten, verzweifelt mit den Fäusten auf ihren konzertflügelgroßen TV-Apparaten herumhämmerten, um „das scheiß Gekrissel wegzukriegen“. Der frühe Herztod meines Vaters geht vermutlich nicht zuletzt auf das Konto solchen schlechten Fernsehempfangs. Zum Glück bin ich nicht, wie er einst, sportschauabhängig.

Wenn man früher vor dem Fernseher einschlief und dann wieder erwachte, war Testbild. So wusste man, es ist Schlafenszeit, und man schlüpfte erleichtert in seinen flanellenen Schlafanzug mit fröhlichem Bärchenmuster. Damit ist es vorbei. In der heutigen Zeit folgt rastlos Film auf Film, rund um die Uhr. Es sei denn, man hat DVBT.