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Die Mädchen, der Hurensohn

23. März 2011

Definitiv KEIN Hurensohn

Gestern in meinem Geddo, Besuch in der hiesigen Grundschule. „Wir sind eine Auffangschule“ sagt der taffe, coole und verblüffend kluge Lehrer. Das klingt ein bißchen nach Auffanglager, aber darum handelt es sich letztlich ja auch. Mein Freund Branko, bayrischer Exil-Serbe und Kneipenwirt, mustert nachdenklich die nach Ertönen der Schulglocke herausströmenden Zweit-, Dritt- Und Dritte-Welt-Klässler, die überwiegend aus Albanien, Bulgarien, Bosnien, Ghana, Jordanien, Montenegro, Pakistan, Indien, Rumänien, Serbien, der Türkei und dem Libanon kommen (der taffe Lehrer sagt: „Wir haben auch zwei deutsche Kinder in der Klasse! Den Kevin und die Jackeline!“), Branko also, der bärengestaltige Ruhepol im Viertel, mustert die Kinderschar, die, kaum aus dem Schulgebäude, auf babylonische Art durcheinander kreischt, brüllt und jubelt, mit melancholisch-skeptischem Blick und sagt bedächtig: „Schau mal, Kraska, woaßt, dös is fei nu unser Zukunft. Die solln mal unser Rente bezahlen…“ Ich verkneif mir die spitzige Bemerkung, sein Sohnemann, der nicht unbedingt zur Spitzengruppe vulgo Elite der Leistungsstars zählt, und wegen dessen Verfehlungen wir zur Sprechstunde antreten, auch nicht gerade zu den Hoffnungsträgern gehört. Er weiß es ja.

Ich hab irgendwie ein UNO-Gefühl, nur dass die Nationen-Vertreter noch klein und putzig sind. Kinder haben ja im Grunde noch keine Nationalität, oder? Nur Haut- und Haarfarben sowie sprachlich ungeklärte Hintergründe.  Im Foyer (nennt man das bei Schulen so?) hängt ein riesiges Anti-Gewalt-Poster (könnte die UNO auch mal machen!), auf dem feierlich pazifistische Höflichkeit geschworen wird („Wir schubsen, hauen, treten, spucken und beleidigen nicht! Niemals nicht!“), wobei dieser Eid noch auf recht wackligen Kinderbeinen steht. Milan zum Beispiel, Brankos Stammhalter, hat eine Verwarnung eingefangen.

Im traulichen Vier-Augen-Gespräch erschloss sich die Sache folgendermaßen. Ich zu meinem Nachhilfe-Zögling: „Milan, komm, mir kannstu sagen! Warum Verwarnung?“ Er: „Bin ich abgepetzt worden! Mädchen sagen, ich sie Beleidigung machen…“ Ich verzichte zugunsten der Wahrheitsfindung zunächst auf grammatikalische Korrekturen und bohre nach: „Wie jetzt Beleidigung? Was hast du gesagt?“ Er: „Hab ich bloß gesagt verschwinde!“ Ich: „Milan verarsch mich nicht! Wegen verschwinde kriegstu nicht Verwarnung!“ Er (nach einigem Zögern und Sich-Winden): „Na ja hab ich gesagt bei die Mädchen Du Hurensohn!“

Ich sortiere grammatische, semantische und ethische Problematiken, fange der Reihe nach an und erkläre, dass man erstens nicht zu mehreren Mädchen „Du Hurensohn“ sagen könne, von wegen Singular und Plural, dass dies außerdem zweitens generell wegen Beleidigungsverbot überhaupt unangemessen sei und drittens, wenn denn schon, streng genommen „Hurentochter“ heißen müsse. Er (nach langem Grübeln und Fragen-Wälzen): „Lärrerr, hab ich Frage. Was … was heißt eintlich Hurensohn?“ Ich erläutere gütig und mit forsch betonter Sachlichkeit: „Eine Hure ist eine Frau, die Sex…“ – Milans eh schon riesige braune Dackelaugen weiten sich angstlust-entsetzt – „… für Geld verkauft. Jemand einen Hurensohn nennen, heißt, dessen Mutter in den Schmutz ziehen …“ – Milans Wangen röten sich krebsartig – „… und zu behaupten, man wüsste nicht, wer sein Vater sei.“ Milans Augen quellen über und er schlägt sich die Hand vor den Mund. Wenn er schon sonst bei mir nichts lernt – die Ungeheuerlichkeit seiner Verbaltätlichkeit hat sein Herz getroffen. Unglücklich, mit brennenden Ohren, starrt er zu Boden. Ich schätze mal, so schnell wird er kein Mädchen mehr „Hurensohn“ nennen, sei es nun aus semantischen oder ethischen Gründen, denn Milan ist ein braver und überaus ehrpusseliger Knabe.

Um seine lebenswichtige Ehre zu retten, mault er jedoch: „Aber die haben mich abgepetzt! Und die schminken sich immer!“ Die Mädchen nämlich, in der zweiten Klasse, die  Hurensohn.

 

 

 

Gewalt geschrien! (I prefer not to)

19. Februar 2010

Ein bißchen Friedens-Aufrüstung schadet nicht (Verfasser im Stadtpark)

Wartet mal bitte kurz! Eine Umfrage erreicht mich gerade aus den unergründlich seichten Weiten meiner Hirnwindungen: Sollte ein älterer Herr, der nach Einbruch der Dunkelheit noch auf die Straße geht, sagen wir, um Homies in seiner Hood zu treffen, oder weil noch ein Fläschchen Kräuterbitter einzuholen ist, oder meinetwegen auch, weil er spät abends noch einen – handschriftlich mit Pelikan-Füller auf vanille-patschuli-aromatisiertem Büttenpapier verfassten – Amouröschenstrauß zum analog-verschnarchten Schnecken-Postkasten bringen möchte, um seine anbetungswürdige Herzensdame bzw. seinen heute (vgl. Wowereit, Westerwelle u. dgl.) ja auch durchaus akzeptierten Herzensherrn mit einem altmodischen Gruß zu beglücken, – sollte ein solcher der Bürgerlichkeit vulgo Zivilisiertheit zugetaner, gesetzter, eher uncooler Herr also – eigentlich bewaffnet sein? Ich lasse diese Frage hier im Raum stehen und erstmal wirken…

So. Die Wirkung wird allmählich eingetreten sein, oder? – Obwohl ich nicht in einem der einschlägig schlägerverseuchten Münchner S-Bahnhöfe, sondern einem von Sozialpädagogen betreuten Hundert-Nationen-Quartier wohne, möchte ich die brisante Frage, als Kontroverseschmied, der ich nun mal bin, mit einem herzlichen „Ja! Unbedingt!“ beantworten. Uijuijuiii! Schon sehe ich mich hart, aber unfair an den von Gutmenschen handgezimmerten Pranger (Holz aus gar. ökolog. Anb.!) gezerrt. „Oi weh, Gewalt jeschrien!“ jammert mein Lieblingsrabbiner Weinstock; Landesbischöffin Käßmann verlangt meinen sofortigen Abzug aus Abhängisthan, und Horst-Eberhard Richter drängt mich sanft, aber pädo-gogisch wohlmeinend auf seine Analyriker-Couch. (Nur Onkel Hodscha Kavrayış Kıt Efendi schweigt düster; in seiner Gemeinde wird die Gewaltfrage halt noch diskutiert…)

„Mönsch, komm’ma donnich mit diese Macho-Scheiße!“ schreiben mir, ohne süßliches Patschuli-Aroma, meine säuerlich-feministischen Leserinnen. „Gewalt, Gewalt, Gewalt! / ist doch  keine! / Löö-öö! – sunkk!“ skandieren sie unter auf der Straße, unter meinem Fenster. Mit Sprechchören kann man schlecht diskutieren, sonst würde ich wohl einwenden: „Doch, doch, aux contraire, mes chères, Gewalt ist sehr wohl eine Lösung, vielleicht nicht die beliebteste, sehr oft aber die effizienteste!

Gesetzt den Fall, ich absolvierte im Park gerade meine Tai-Chi-Übungen oder trainierte dort Zen-Bauch-Atmung mit Tiefenentspannungseffekt, und plötzlich stünde eine stattliches Grüppchen Jungspunte um mich herum, um mich „abzuziehen“: Handy, Bargeld, Kreditkarte, „oda isch mach disch kald, Alda!“. Welche Optionen habe ich? Ich könnte mich auf mein Sprachtalent verlassen und etwa, den Anführer scharf ins Auge fassend, fauchen: „Bana rahat birak, budala kafir! Defol savuş git, orospu coçuğu!!!“ Wenn ich die Kehl- und Rachenlaute etwas arabisch gefärbt aspiriere, etwa so, wie man das in der Gegend von ŞanlıUrfa spricht, kommt das schon ganz gut. (Wirkt aber  trotzdem nicht so durchschlagend wie Pfefferspray oder High-Voltage-Shocker-Taser.) Klar könnte ich auch spontan auf deutsch sagen: „Wenn ihr euch nicht sofort zu Mutti verpisst, ihr kleinen Wichser, kriegt ihr eine geschallert, daß euch die Ohren bluten!“ Auch nicht schlecht, so ein patziger Platzpatronensatz, oder? Ist aber sprachlich gesehen möglicherweise zu anspruchsvoll und benachteiligt jugendliche Straftäter aus dem Migrantenmilieu. Und die haben’s ja schon schwer genug.

Andere Option: Ich wäre, was man mir nicht ansieht, weil man vielleicht denkt, ich sei bloß eine armselig berentete, diabetesbedingt übergewichtige (vgl. Alkohol!) Bandscheiben-Scheiblette, in Wahrheit ein praktizierender Teilzeitasiate: Mit den Fäusten zwar nicht schneller als der Schall (vgl. Bruce Lee!), aber immerhin doch schneller, als man denkt. Bei dieser Option können die jungen Deutschländer-Lehrlinge jetzt Glück oder Pech haben. Glück: Ich bin ein sanfter Aikido-Mann: Aikido ist eine Art japanischer Konflikt-Tango, bei dem der Angreifer, was immer er tut, nach kurzem Tanz bedeppert auf dem Boden sitzt und grübelt, wie ihm geschehen ist. Pech: Ich wäre evtl. ein böser, zorniger alter Mann, ohne Skrupel, aber sehr, sehr aufgebracht und zudem ein Gegner von Straßenkriminalität; außerdem beherrschte ich nach jahrzehntelange Übung die Künste des Dim Mak. Dies mit chinesischen Frühstücksköstlichkeiten zu verwechseln („Dim Sum“), wäre fatal, eventuell tödlich. Dim Mak nutzt die asiatischen Kenntnisse der Akupressur, um Menschen mit bloßen Händen zu lähmen oder zu töten bzw., in leichteren Fällen, ihnen unfassbare Schmerzen zuzufügen. Dim Mak. (Mit dieser Technik killt die „Braut“ in Tarantinos „Kill Bill II“ im final showdown den Killer Bill).

Während ich euch mit solchem wertvollen Wissen ausstaffiere und voll ballere, steht der versammelte Leistungskurs „Jugendkriminalität“ immer noch nervös um mich herum und wartet, welche Option ich denn nun wohl wähle, den verbalen Tiefschlag, den Defensiv-Tango oder die koreanische Naturheilpraxis mit Todesfolge. Ich denke, ich würde das von Fall zu Fall entscheiden. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel will ja bedacht werden, auch das Staatliche Gewaltmonopol. Doch, doch, kurz bedacht muß es schon werden – es in Anspruch zu nehmen, würde allerdings leider in den meisten Fällen zu viel Zeit kosten.

Bevor ihr euch jetzt mit mir begeistert auf den street-fighter-Kriegspfad der kriminalitätspräventiven Friedensmission  begebt, muß ich noch eines klarstellen: Um präventive und defensive Gewalt effektiv, zielführend und ästhetisch befriedigend anwenden zu können, heißt es erstmal üben, üben, üben! Ich kenne Menschen, die mussten erst drei Jahre lang bei ihrem Meister die Stube fegen und Miso-Suppe kochen, bevor sie trainingshalber das erste Mal mit den Fingerknöcheln gegen Betonwände donnern durften! Um ein gefährlich böser alter Mann zu werden, bedarf es also, wie der Begriff schon sagt, langer Zeit, viel Bosheit, Männlichkeit (auch bei Frauen!) sowie prinzipielle Gefährlichkeit (siehe auch unter: Gewaltbereitschaft).

So, und wenn ich euch das Üben schmackhaft gemacht habe, wendet euch bitte an den Budoten Limited Kampfsport Versand. Dort bekommt ihr sämtlichen Kampfsportbedarf, von Aikido bis zur Ninja-Attentatslehre, vom Kampfanzug bis zum Wurfstern, vom Aikido-Hakama bis zur Zwille alles, was der Kampfkünstler braucht, schnell, zuverlässig, preiswert. Ein kompetenter Fachhandel ist das! Deckt euch dort ein, übt schön, und genießt es, wenn ihr dereinst, aufgefordert, euer Handy abzugeben, seelenruhig mit Melvilles Schreiber Bartleby entgegnen könnt: „I prefer not to“ – „Ich möchte lieber nicht.“