Posted tagged ‘Gentrification’

Kultur im Geddo. Vorm Fernseh Amok laufen (Jahresrückblicke)

30. Dezember 2010

Little pic, big deal: Duisburgs "Broadway"...

KILLING ME SOFTLY

Für mike-o-rama, anlässlich eines freudigen Ereignisses (Geschenktext)

Als Terrorist und Amokläufer bin ich ungewöhnlich sozialverträglich. Wenn ich hyperventiliere, Schaum vorm Mund habe und mit fahrigen Fingern nach meiner Waffensammlung taste, kriegt das gottlob selten jemand mit, denn das mach ich meist in meiner stillen Mönchsklause vor dem Fernseher aus, mit mir ganz allein. Und wegen ihm. Tosende Weltverachtung und würgender Menschenhass ereilt mich praktisch nie in der Realität, die ja ungefähr so interessant ist wie nass gewordenes Mischkorntoastbrot, sondern vorwiegend vor der seifenblasenbunten, hirnzerschmeißenden, unentwegt logorrhoe-haft vor sich labernden Idiotenmaschine, von der ich als süchtiger Rentnerkrüppel und Freund herostratischer geistiger Selbstmordkommandos halt nicht loskomme.

Ja, ja, Freunde, lasst Eure sedativen Beschwichtigungsspritzen ruhig stecken: Dass es auch Arte, 3sat und Phoenix gibt, weiß ich selber, und ich bin schon bis zum Rand vollgebildet mit kulturell wertvollen Reiseberichten, Tierfilmen und Kultur-Features (rülps!). Aber leider guck ich, süchtig und verblödet, wie ich bin, zudem unter Insomnia leidend, auch noch wie geisteskrank in den sumpfigen Abgrund bodenloser Nichtigkeit, dessen Anrainer teils die privaten, teils die öffentlich-rechtlichen Hirnwegsauger darstellen.

Was mich derzeit in die Raserei treibt, wie eigentlich vorhersehbar jedes Jahr, sind Jahresrückblicke. Teufel noch mal und tausend jaulende Höllenhunde:„Jahresrückblicke“! Man reiche mir rasch ein Anti-Emetikum! Was für ein absolut geistfernes, redundantes, dumdum-hohlgeschossiges und zutiefst viszeral ennuyierendes Genre! Am bewusstlosesten, toxischsten, übelkeitserregendsten und fauligsten: Satirische Jahresrückblicke! Und ich muss mir diesen niederschmetternden, grundstürzend saublöden Mist auch noch angucken wie ein sabbernder Katatoniker! Ich wühle in gebührenfinanzierten Mediatheken wie andere Leute in der Nase bohren – krank- und zwanghaft, obsessiv und wie vom Gottseibeiuns hypnotisiert.

Auf dieser Spur in den Untergang stieß ich gestern in der ZDF-Mediathek auf einen Nichtigkeitswichtelschwulen und Tiefflieger-Klamaukclown namens „Dieter Nuhr“, und zugleich damit auch auf die Tatsache, dass wir, was ich ganz vergessen hatte, obschon ich täglich dran vorbeiradle, hier im Geddo, gleich visavis vom Großpuff, ja auch einen schick verwahrlosten Kulturverhöhnungstempel besitzen, das „Theater am Marientor“. Dieses „Theater“ hat freilich mit Kultur so viel zu tun wie das kasernenartige Mega-Bordell für notgeile Migranten-Machos, das gleich schräg gegenüber in Steinwurfweite (würfe nur mal jemand einen Stein!) einen gesamten veritablen Straßenblock einnimmt, mit nervenzersplitternder Erotik und romantisch aufwühlender Herzensglut.

Vor reichlich gut einem Jahrzehnt wurde der Kulturhurentempel mit einem Riesenaplomp und medien-nuttig hinreißend gespieltem Print-Orgasmus eröffnet, wobei sich die regionale Presse die opportunistisch-wohlfeilgeilen Wichshände geradezu wundklatschte, weil der Muschi-Musen-Tempel angeblich unser gesamtes Drecksgeddo wie durch ein Wunder in eine blühende Hotel-und Gastrolandschaft verwandeln würde. Die ganze Welt nämlich würde nun, so prophezeite die allzeit für ein paar Euro (ohne Gummi!) käufliche Lokalpresse noch vorgestern, nach Duisburg-Hochfeld (!) strömen, um dort sog. „Musicals“ zu bestaunen! Ja, klar, sowieso! Wie gut, dass unser Alzheimer-Volk so gut wie kein Kurzzeitgedächtnis besitzt! Schrill lachend würde man andernfalls die erwähnte Lokalpresse (WAZ, NRZ etc.) auf Papier … nurmehr zu hygienischen Zwecken benutzen!

„Musical“-Produktionen starben, als Geldanlage, bereits und bekanntlich bereits in den 90ern, als man den künstlichen Kleinkunsttempel gerade erst rendite-geil ins Geddo pflanzte. Hochfeld wurde, surprise!, weder zu einem zweiten Broadway noch auch nur zu einem dritten St. Pauli inkl. Spielbudenplatz. Selbst in puncto Verkommenheit ist Duisburg nur zweite Wahl und Möchte-gern. Es verweste einfach, von einer Insolvenz zur nächsten taumelnd, als fade Erinnerung an feuchte Stadtväterträume, des Inhalts, man könne mit ein paar ergaunerten und extrem windigen Investitionen aus einem Höllenpfuhl ein In-Viertel machen.

Über Wasser hält man sich daher jetzt, schlecht & recht, mit Dritt-Verwertungen oder, wahlweise, Auftritten sog. „Comedians“, deren erbärmlich sinistre Fehlbemühungen man dann, wenn man genügend Zuschauer gekauft oder gekobert hat, vom ZDF (!) abfilmen und „zwischen den Jahren“ skrupellos wegsenden lässt. So also kürzlich diesen peinlichen, peinvollen, fremdschamschwitzenden, definitiv nichtswürdigen Kommunalclown „Dieter Nuhr“.

Ich schreibe keine Event-Kritik – diese Figur ist lediglich exemplarisch für das, was das„Theater am Marientor“ darbietet, schamfrei offeriert und rückhaltlos für sein Aushängeschild hält. – Ich meine, richtig BEGRIFFEN habe ich es nie, dass bummlig vier- oder fünfhundert Leute jeweilen rund 35 Euro zahlen, um dann anderthalb qualvolle Stunden einem ameisengroßen Hansel zuzuschauen und brav zu applaudieren, der auf einer statisch-langweiligen Bühne gefühlte Ewigkeiten lang unglaublich fade, platte, flache, beschämend unlustige Witzeleien absondert, die in ihrer öden, vorsichtigen Geschmack- und kalkulierten Harmlosigkeit dermaßen langweilig, uninspiriert und deprimierend daherkommen, dass außer meiner schwer dementen Oma kein Anwesender auch nur zu kichern vermochte. Auch ich, am Bildschirm, verspürte noch nicht einmal das anflughafte Zucken eines Schmunzelansatzes, verzog nur zwei-, dreimal vor Fremdscham qualvoll die Wangenmuskulatur. Meine Daamunnherrn, „Dieter Nuhr“!

Dieser unsägliche Typ, diese schmerz-kommödiantische Erbärmlichkeit sui generis, besetzt dabei auch noch die intellektuelle Oberklasse, weil er glaubhaft machen kann, nicht ganz so granatenbrunzdoof wie Mario Barth zu sein, – und das war es auch schon, das ist hinreichend wie Abitur und Führerschein! . – Schlugen sich die zahlenden Zuschauermassen in dem großen, übrigens hübsch gebauten und technisch ganz gut ausgestatteten „Theater“ vor Brüllvergnügen auf die abgehärteten Schenkel? Nein, keineswegs, wie man im Großtanten-Fernseh ZDF bewundern konnte und wofür ich die Duisburger, meine Mitbürger, fast schon wieder zu mögen bereit bin, nein, man beschränkte sich darauf, dem albernen Hampelmann da unten auf der Bühne gelegentlich höflichen, wenngleich hörbar matten Beifall zu spenden; einen Beifall so generös und demütigend herablassend, als hätte eine Versammlung von Studienräten einer Shakspeare-Aufführung beigewohnt, die von engagierten Downsyndrom-Akteuren auf die wackligen Beine gestellt wurde. Wäre ich dieser „Dieter Nuhr“, und mit etwas mehr Ehre im Leib, ich hätte mich selbigen Abends noch erschossen. Aber okay, das ist Geschmacksache. Und ich verstehe, dass man in Duisburg nicht begraben sein möchte, selbst als … hm, … „Comedian“ nicht.

Das Hochfelder Geddo hat jedenfalls, zwischen Großpuff und Bandido’s Place, ein „Theater“. Und zwar, um ein superlustiges Wortspiel der bevorzugten Protagonisten zu verwenden, „nuhr“ ein Theater. Sollte, was ich nicht glaube, das Publikum irgendwann zur Vernunft kommen und nicht mehr zu hirnlosen Knalltüten pilgern, die keine anderen Vorzug aufweisen,als dass man sie aus dem Fernseh kennt – dann, aber auch nur dann, wird das „Theater am Marientor“ seinem wohlverdienten Schicksal begegnen … und – gesprengt werden.

Aah, wie ich den Geruch von Semtex liebe (alles weitere vgl. unter „Amok“…)

 

Ich bin ein Pionier der Gentrification, denn ich finde mein abwrackreifes Ghetto „sexy“

16. August 2009

386x452.pm1.bgFFFFFF

SPÄTSOMMERBLUES NACHTS IM VIERTEL…

Manchmal, ich weiß auch nicht, sticht mich der Hafer, dann tu ich ignoranter, als ich eigentlich bin. Nur so „aus Daffke“, wie der Berliner früher sagte. Auch ich habe schroffe Seiten. Also nenne ich Aphrodite, den Hund der Alk-Fraktion im Erdgeschoß, einen Mops. „Na?“, sage ich beispielsweise sarkastisch zu Elli, der Hausbesorgerin, „watt machsn fürn Gesicht? Hat die Alk-Fraktion ihren Mops wieder erschöpfungshalber zum Scheißen bloß in den Garten geschickt?“ Der Ton in meinem neuen Ghetto ist halt rau, aber warmherzlich, ich kann nix dafür. Und natürlich weiß ich in Wirklichkeit sehr gut, daß Aphrodite kein Mops ist, sondern eine schwarz-weiß gescheckte französische Bulldogge, mit arttypischen Fledermausohren und dem wissenden, abgründig dunklen, unendlich todtraurigen Blick eines schwarzen, baumwollpflückenden Blues-Sängers. Ich nenne sie aber solange einen Mops, bis die Alk-Fraktion aufhört, mich durch nächtliche Gesänge oder Krakeelereien zu ängstigen! Man kann sich doch, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, auch mal still betrinken!

Tja, was soll ich sonst über mein Viertel sagen? Verkehrssprache ist hier ein basales Pidgin-Turk-Deutsch. Jungmännerdialog zwischen Osman und Tolgan (gestern im Rheinpark mitgehört) geht hier in etwa so: „Oh, Alter, Bruder, Weiber ey, isch sach dir! War Tussi an Händi!“ – „Escht? Scheise, Mann. Unnn? Haddse gestreitet?“ „Nee, war’m Heuln! Schwör! Die willmisch! Die Alde steht voll auf misch!“ „Schwör? Öylemi? Escht am Heuln, Ağabey?“ „Ja, Bruder, schwör! Ferttich war die, Mann, voll datt Opfer, eh, vallahi!“ „Boah, voll Missgeburt, Mann, äy! Issie scheis Jude, oder was?“ „Näh, die is auch Duisburger!“ „Abba Madonna is Jude, und, ey, die Alte da, in dem Film, wie heiß noch, Halle Berry…“

Thema der Woche bei der allabendlichen Hausgemeinschaftsbesprechung war, neben dem Dauerbrenner, daß die Alk-Fraktion immer das Treppenhaus versaut, das alljährliche Fest der Stadtwerke hier im Viertel, an diesem Wochenende. Wie früher die römischen Kaiser mit ihrem Zirkus, spendiert man fürs Volk Belustigungen. Hausbesorgerin Ellis Ehemann Pitti hat sichs schriftlich geben lassen und säuberlich aus dem Anzeigenblättchen ausgeschnitten: Costa Cordalis kommt! Und Olaf Hennig! Nach dieser Nachricht muß Pitti erstmal zur Bude, Frischbier holen, was mir Gelegenheit gibt, mich unauffällig zu erkundigen, wer die genannten Gaststars denn seien und welcher Lebensleistung sich ihr Ruhm verdanke. (Es handelt sich um einen ur- und einen mittelalten Schlagerheini mit Appeal zum Schlichtpublikum!) „Aber auch Sweet!“ trumpft Anneliese, der 60er-Spätlese-Teenager aus dem Nachbarhaus auf, „Sweet kommt auch! Die aus den 70ern! Fox on the run und so! Damdam dadada-damdam!“ Das Stadtwerkefest heißt übrigens „Energiespaßtage“, und ich bin ganz froh, nicht der herzlose Diktator von Deutschland zu sein, weil ich dann bestimmt zur Abschreckung ein paar Werbefuzzis für ihre scheiß Wortspiele ins Arbeitslager schicken würde.

Das friedliche Zusammenleben der Ethnien und Nationen wird bei uns nicht zuletzt durch sorgfältig getaktete Zeitkorridore geregelt. Alle haben ihre Zeit, die bulgarischen Menschen- und die serbischen Waffenhändler, die breit watschelnden, schnatternden anatolischen Kopftuchmuttis, die pakistanischen oder srilankesischen Krickett-Spieler, die verkniffenen altdeutschen Blockwarte, die beinharten russischen Putin-Doppelgänger und BMW-Kabrio fahrenden Bodybuilder vom Großpuff. An einem warmen Spätsommerabend wie gestern gehört seltsamerweise das Viertel ab 22.00 Uhr dem schwarzen Mann. Ich muß das leider so pauschal sagen, denn von außen sieht man ja nicht, ob einer jetzt Afro-Deutscher, Afroamerikaner oder Originalneger aus Mother Africa ist. Das hat mit Rassismus nichts zu tun! Ich kann von weitem sehen, ob einer Pole, Ukrainer, Kroate oder Slowenier ist, aber Hutu, Tutsi, Bantu oder Xhosa kann ich kaum unterscheiden! Ist hier aber auch nicht wichtig, nehm ich an.

Auf meiner Spätpatrouille entdecke ich vor „Gino’s Nachtcafé-Bistro“ die dicke Mandy, die, glaub ich, in Wirklichkeit Magdalena heißt und aus Kiew stammt. Es heißt, sie habe Architektur studiert oder Pharmazie. Auf jeden Fall macht ihr in Sachen Superblondheit keiner was vor. Ihr himmlisch weißbrotfarben schimmerndes Dekolletée erleuchtet die Straße wie ein dreidimensionaler Doppel(fast)vollmond; sie verhandelt auf der Straße mit zwei bejammernswert dürren, langen Schwarzen, und es sieht aus, als käme man ins Geschäft. Überhaupt kapier ich Naivling allmählich, daß die nachts überall an den Ecken herumstehenden, oft überraschend hübschen Mädchen gar nicht auf den Bus warten. Ich hab mich schon gewundert, weil hier nämlich gar keiner fährt!

Am Brückenplatz, der tagsüber der internationalen Alk-Fraktion gehört, sind in der Nacht alle Männer schwarz. Es müssen Afrikaner sein, denn sie frönen überwiegend ihrer, wie es aussieht, in der Fremde einzig kultivierten Obsession: Nach Hause telefonieren! „Hello?! Helloo?! Can you hear me?“ schallt es aus Rostlauben, Billigkneipen und Telefonierkabinen. Yes, we can! Die Dorfgemeinschaft daheim will schließlich informiert werden, was im deutschen Paradies so läuft. Ob man auch von Mandy erzählen wird?

Am Brückenplatz befindet sich die m. W. einzige Trinkhalle (für Nicht-Ruhris: Das ist ein Kiosk für Trinker- und Raucherbedarf mit extrem dehnbaren Öffnungszeiten) Duisburgs, die, ausweislich einer Reklameinschrift, auch jederzeit Zahngold und Unterhaltungselektronik ankauft.

Den südlichen Teil des Platzes beherrscht die bei mir hochrespektierte Duisburger Bäckereikette Bolten, die hier einen Brötchenladen mit angeschlossenem Café betreibt. Bolten ist gut: Deren Baguette z. B. kann ich warm empfehlen! Warm schmeckts jedenfalls am besten. Im Café sitzt die Bevölkerung der Postmoderne. Kaftan-Islamisten geben hier ihre zwei, drei Burkassen zur Aufbewahrung ab, wenn sie Koranlesen gehen; blasse, dünne Frauen aus Osteuropa ruhen sich hier aus, die all night long vergeblich auf den Bus gewartet haben; Herren aus aller Männer Ländern buchstabieren stirnrunzelnd ihre Zeitung, und manchmal trifft man auch mich hier, über esoterische Fragen nachgrübelnd, wie die, warum Konditoreimädel oft wirklich wahnsinnig und kinofilmreif süß sind, Fleischereifachverkäuferinnen hingegen überdurchschnittlich oft einen Hang zum Wurstigen und Grobfleischernen zeigen. Bei Bolten im Café sitzend und das Treiben im Viertel betrachtend, hat man die Wahl: Wahnsinnig werden, Amok laufen, oder still, bescheiden und konzentriert einer milden, wohlwollenden Melancholie verfallen.

Vielleicht bring ich Aphrodite mal ein Zipfelchen Wurst mit?