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Theologie im Kinderzimmer (Frag den Hodscha)

23. Juni 2011

Schmeißt Allah mit Büchern? (Foto-Quelle: Wikimedia Commons)

Freitags, da mach ich immer allgemeine Fragestunde. Mirko, mein serbo-deutscher Nachhilfeschüler darf fragen, was er will. „Auch über dich, Lehrrärr?“„Klar!“ – „Also ch’ab ich Frage: Warum bistu nich Muslim, Lehrrärr?“ Darüber haben wir nun schon tausendundeinmal gesprochen, aber es will einfach nicht in den kleinen kurz geschorenen Quadratschädel, weil, der Hodscha hat gesagt, ein Muslim weiß alles, was man wissen muss, und da ich in Mirkos Augen jemand bin, der nahezu alles weiß (sogar die Geheimnisse achtjähriger Knaben), muss ich in seinen Augen logischerweise auch Muslim sein. Eigentlich spreche ich nicht gern über Religion, um keine Verwirrung zu stiften, aber Mirko hat einen ähnlichen theologischen Forscherdrang wie ich mit acht Jahren. Er lässt nicht locker, denn er sorgt sich um mich: „Aberr wie kannstu nich an Allah glauben! Denn tuter dich mit Blitze verschmettern!“ Ich erkläre ihm, dass der Hodscha, von dem er das hat, vielleicht was falsch verstanden haben müsse, denn da hätte Allah ja wohl allerhand zu gewittern, weil nämlich ein paar Milliarden Menschen nicht an ihn glauben.

Mirko lässt sich erstmal aufmalen, wie viel Nullen eine Milliarde hat und macht große Augen. Da der Hodscha anscheinend nicht viel auf dem Kasten hat, übernehme ich widerstrebend den Religionsunterricht. „Weißt du denn überhaupt“, fragt also der jovial-liberale Toleranz-Onkel Kraska, „wie der Koran entstanden ist?“ Mirko nickt selbstgewiss: „Is von Himmel geregnet auf ersten Mann, wo geboren wurde, wie heißt noch?“ „Adam“, souffliere ich und bohre nach: „Wie jetzt? Allah hat den ersten Menschen mit Büchern beschmissen?“ Mirko muss  grinsen, weil er die Vorstellung auch ein bisschen lustig findet, nickt dann aber ernsthaft: „Hmm, aber nur mit die gelb-roten!“ (Beim ihm zuhause steht die „offizielle“ Koran-Prachtausgabe in Rot und Gold auf dem Wohnzimmerbuffet.) – Also gut, erzähle ich dem jungen Mann mal vom Propheten Mohammed (hat er noch nie gehört – in der Sonntagsschule von diesem Hodscha möchte ich ja mal Mäuschen spielen!), von Mekka und Medina, vom Erzengel Gabriel und von der Entstehung des Koran. (Im Stillen schüttle ich über mich selbst den Kopf: Hab ich jetzt hier Koran-Schule, oder was?)

Mirko möchte wissen, ob Mohammed in Serbien wohnt. „Eher nicht“, erkläre ich, „der ist seit mehr als dreizehnhundert Jahren tot.“ – „Der hats gut!“ murmelt mein Koran-Schüler. „Wie bitte?“, ich fasse es nicht. „Möcht ich auch gern, gestorben haben...“ träumt Mirko weiter, der momentan nämlich lieber tot wäre, weil er ewig Stress mit Papa und Mama hat, die Geschwister doof sind und die Mitschüler ihn immer schubsen. Doch dann gewinnt sein theologisches Interesse wieder oberhand: „Lehrrärr, ch’ab ich noch Frage: Kann Gott auch sterben?“ Ich wechsle einen kurzen Blick mit dem Nietzsche-Porträt bei mir an der Wand und antworte ausweichend: „Na, das darfst du gerade MICH nicht fragen…“„Aber Lehrrärr, du hast gesagt, ich darf ALLES fragen!“ protestiert er empört. – „Schon, sicher, aber da ich nicht an Gott glaube, kann er für mich doch auch nicht sterben…

Mirko ist kreuzunglücklich und insistiert: „Lehrrärr, wie kannstu nich an Gott glauben, wo hat dich doch gemacht!?“ Ich bestreite das: „Also, mich haben meine Eltern gemacht…“ Mirko weiß zwar noch nicht genau, wie Kinder entstehen, aber dass es etwas mit Vater und Mutter zu tun hat, scheint ihm plausibel. Ich setze nach, weil ich der Versuchung nun doch nicht widerstehen kann, einen zarten Keim des Zweifels ins fromme Kinderherz zu pflanzen: „Schau, du hast gesagt, Adam war der erste Mensch, wo, äh, ich meine, DER geboren wurde?“ Er nickt. „Und wer hat ihn geboren?“ „Is von seine Mutter geboren“ läuft mein Disputpartner prompt in die Falle. „Aha!“ triumphiere ich.

Miko grübelt, aber dann fällt ihm ein, dass es noch ein anderes Gebiet gibt, das ihn brennend interessiert: „Lehrrärr, wie kriegt man Babies?“ – Da ich mir nicht sicher bin, ob sich mein Lehrauftrag auch auf Sexualkunde erstreckt, antworte ich knapp: „Indem man grüne Erbsen isst.“ Mirko ist begeistert. „Stimmt nicht!“ jubelt er, „Gar nicht! Ch’ab ich gleich gemerkt! Du willst mich Scherz machen!“ –  Ich zuck die Schultern: „Dann frag doch deinen Hodscha!“ – Jetzt bin ich mal gespannt…

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