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Durch(h)aus freiwillig

20. Juni 2009

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Ich bin ein Freund der Freiheit. Das geht bis zur anarchistischen Tendenz. Verbote, Befehle, Anordnungen – so etwas finde ich irgendwie … unhöflich. „Durchgang verboten!“, „Rasen nicht betreten!“, „Nicht auf den Boden spucken!“ – solche barschen, begründungslosen Autoritätsbrocken, die einem von unbekannten, evtl. sogar kafkaesk gestaltlosen Mächten vor die Füße geworfen werden, reizen dazu, umgangen, unterlaufen oder übersprungen zu werden. So ein Ton macht mich renitent! Da krieg ich grad erst Lust, das Verbotene zu tun! Dabei spucke ich sonst nie auf den Boden – und nun mit Fleiß!

Umso magischer zieht mich da ein Torbogen in der Wiener Josefstadt (Lerchenfelder Straße 13) an, über dem steht die große Inschrift: „Freiwilliger Durchgang“! Ja, so ist es charmant! Enchanté! Ein Durchgang, des es mir in höflicher Unverbindlichkeit anheim stellt, ihn gern zu betreten – der es aber unaufgeregt und gelassen durchaus auch hinnähme, wenn ich sein Angebot für jetzt erst einmal dankend ablehnte – denn es beruht dies alles ja auf reiner Freiwilligkeit! –, DAS ist nach meinem Geschmack, da – Freiwilligkeit adé ! – MUSS ich einfach eintreten!

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Wie sich später herausstellt, war auch gar nicht meine Freiheit gemeint, sondern daß hier zur Biedermeier-Zeit, als Wien immer dichter bebaut wurde, der gnädige Herr Hausbesitzer es „freiwillig“ gestattete, daß man, um ohne Umweg von einer Gasse zur anderen zu kommen, praktisch durch sein Haus hindurchlief, weshalb diese Häuser, auf der Grundlage des sog. „überbauten Wegerechts“, auch „Durchhäuser“ oder eben „Freiwillige Durchgänge“ hießen. Aber beiseite mit dem juristischen Aktenkram! Dahinter verbirgt sich nämlich Zauberhaftes und eine der weniger bekannten, selten in Reiseführern herausgestellten Attraktionen Wiens, das noch mehrere solcher Durchhäuser besitzt.

Im Grunde handelt es sich um eine verbundene Kette von Hinter- bzw. Innenhöfen, durch die hindurch man von einer Straße oder Gasse rasch zu einer parallel verlaufenden gelangt – wenn man das noch will! Denn in den Durchgängen findet man sich urplötzlich in einer anderen, nämlich 150 Jahre zurückliegenden Welt. Cafés, Beisl, Heurige, kleine Manufakturen (handgenähte Schuhe!), Galerien und Lädchen reihen sich aneinander, Efeugrün filtert das goldene Sonnenlicht zu dezent indirekter Beleuchtung, Gewerbefleiß und Wiener Gelassenheit verbinden sich zu dezenter Geschäftigkeit, und als fremder Flaneur findet man sich mitten in der Riesenmetropole allem Stress enthoben, geborgen und behütet, und man ahnt, was Urbanität einmal bedeutet hat und wäre gern freiwilliger Mitbürger einer Zeit, die als „Biedermeier“ zu unrecht einen etwas spießen Ruf besitzt.

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Manche „Durchhäuser“ verbinden drei, vier oder mehr Höfe und umfassen oft sechs oder sieben „Stiegen“ (Hausaufgänge), zumeist sind sie luftig, sanft lichtdurchflutet, immer ein wenig geheimnisvoll und versprechen dem neugierigen Entdecker ein ähnlich erregendes Glücksgefühl wie eine Wundertüte in der Kindheit. Durchhäuser sind architektonische, gastronomische, künstlerische etc. Wundertüten! 

Der „Freiwillige Durchgang“, den ich hier fotographisch dokumentiere, verbindet, am Rand der Josefstadt, Lerchenfelder Straße und Neustiftgasse (Das ist dann schon Neubau, also 7. Bezirk). Im Durchhaus befindet sich u. a. Galerie und Café Kandinsky, das ich aber NOCH nicht besucht habe. Macht nichts, denn hier will ich eh noch mal hin!

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