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Tragik/Heroik der armen Schweine: Ein Wintermärchen

2. Dezember 2010

Schweine im Existenz-Notstand! (Quelle, möglichewrweise urheberrechtl. geschützt: jpg - http://www.muensterlandzeitung.de/ storage/pic/mdhl/a...

Vorgestern, pünktlich zur Eröffnung des Jahrhundertwinters“ mit seinem üblichen „Schnee-Chaos“ konfrontierte mich das Zweite Deutsche Verkehrsunfall-Fernsehen mit Bildern, die mich zutiefst erschütterten und aufwühlten, ja, mich seither verfolgen wie ein richtig krasser Albtraum. Es begab sich nämlich irgendwo nächtens in Niedersächsisch-Sibirien ein (selbstredend „tragischer“) Verkehrsunfall, dergestalt, daß ein Schlachtvieh-Transporter mit lebenden Schweinen auf die schiefe Eisbahn geriet, sich quer stellte und schief legte, schlussendlich schleudernd niederbrach und circum 25 Stücker Haus-Schwein in die von Schneetreiben und Frost nebst kaum durchdringlicher Dunkelheit komplett unwirtlich gemachte Horror-Nacht katapultierte. Man imaginiere mit mir die bestürzenden Filmaufnahmen:

In flackerndem Blaulicht tapperten spitzfüßig frierende 20 Schweinchen-Exemplare, grau-rosig frostbibbernd, ohne Strickpullover und Mützchen dem Wetter-Unbill schutzlos nackig preisgegeben, orientierungslos über den Seitenstreifen der Autobahn! Vom Verlust jedweden Weltvertrauens gepeinigt, tippelte das arme, ansonsten ja hochintelligente und sensible Vieh bedrückend ratlos im Schneesturm herum, machte fahrig-unkonzentrierte Äsungsversuche, drängte sich suppenküchenhaft Wärme suchend aneinander und rollte berechtigterweise entnervt mit den blondbewimperten Augen und bot somit insgesamt ein schier niederschmetterndes Bild namenlosen Jammers der Kreatur, das einem mal wieder für Monate den Appetit auf Filet-Medaillons und Kotellets raubte.

Ich bin ein entschiedener Gegner des inflationären Gebrauchs von„tragisch“. Aber wo, wenn nicht hier, muß von echter Tragik die Rede sein: Auf dem deprimierenden und ängstigenden Weg in den Schlachthof-Tod so brutal zurück „ins Leben“ geschleudert zu werden, von dem man aber dann höhnischerweise wiederum nichts anderes hat als pures Entsetzen und durchlebte Gottesferne – was für ein schweinisches Schicksal! Nennt mich einen weichherzigen Sensibling, aber mir zerriss dieses Bild das Herz. Und das ganze noch im kosmologisch eiseskalten intergalaktischen Niemandsland zwischen Südost-Niedersachen und Nordwest-Hessen! Die heroischen Schweine versuchten, so gut es ging, Haltung zu zeigen, – aber bewahre mal Deine Würde, wenn Du splitternackt und kältegeschockt auf dem Seitenstreifen der A4 stehst und nicht weißt, wie Dir geschieht!

Gleich nach den sympathischen Allesfressern galt meine spontane Sympathie dann in zweiter Linie sogleich den armen Schweinen, die als Mitglieder der Berufsfeuerwehr oder als Angestellte der regionalen Autobahnmeisterei heuer wieder in die Glatteis-Nacht geschickt wurden, um umgekippte LKWs flott zu machen, eisglatte Trassen zu salzen und verirrte Schweine zu bergen, oder, noch schlimmer, in all dem Stress & Chaos auch noch dem gemütlich im warmen Bett residierenden Schnarchsender ZDF „Interviews“ zu geben, die sich dann Nachrichten-Schmarotzer wie ich im Frühstücksmagazin wohlig gruselnd reinziehen. –

Immerhin inspirierte mich das Gesehene zu einer zutiefst moralisch-melancholischen Meditation: Während wir uns bei Tagesanbruch unterm wärmenden Daunen-Plumeau noch mal umdrehen, träumen und seufzend unsere biedermeierliche Geborgenheit genießen, tobt da draußen, in der gnadenlosen Nacht, auf der Autobahn, bereits das Leben in seiner vollen Härte: Arme Schweine geben alles, damit wir es es satt, bequem und ordentlich haben!

Kurzum: Dies ist für Euch, ihr tapferen Schweine und armen Männer, die ihr mit dem Einsatz Eures Lebens und dem Verlust Eurer Bequemlichkeit dafür sorgt, daß wir zu ziviler Zeit ins Büro kommen und ohne größere Unbill, ganz ohne „Tragik“, unser Leben abspulen können wie ein ordentliches Schlachtschwein. Was wären wir ohne Euren nächtlichen Einsatz in dieser menschen- wie schweinefeindlichen Jahreszeit!

The party goes on („selber schuld“)

24. Juli 2010

Das Ende der Party - der Ort des Todes (Foto: SPIEGEL online)

Duisburg am 24. Juli, 19.00 Uhr: Immer wieder knattern Helikopter im Tiefflug, landen im 15-Minutentakt; Sirenen durchschneiden die Abendluft. Blaulicht zuckt. Rettungssanitäter, Feuerwehrzüge, Bundesspolizei, Streifenwagen. Unverständliche Lautsprecherdurchsagen. Bereitschaftspolizei in Kampfmontur ist aufgezogen. Die Stadt ist faktisch von der Außenwelt abgeschnitten, die Autobahn gesperrt, der Zugverkehr eingestellt, das Handy-Netz zusammengebrochen. Stromausfall im WDR-Studio. Die Notaufnahmen der Kliniken haben Hochbetrieb

Es herrscht Chaos und Fassungslosigkeit. Vor dem Bahnhof drängen sich Menschen, teilweise alkoholisiert, unter Drogen und aggressiv – sie wissen nicht, wohin. Wohl neunzehn Menschen sind gerade im Gedränge zu Tode getrampelt worden oder von einer schmalen Beton-Treppe in den Tod gestürzt, achtzig Schwer-, ungezählte Leichtverletzte. Währenddessen geht, unfassbar, die Techno-Party unentwegt weiter, die Bässe donnern, als solle der brüllende Lärm die Katastrophe übertönen – angeblich hat man Angst, Massenhysterien auszulösen, wenn man den Rummel abbricht. Die Gefahr von Ausschreitungen ist noch nicht gebannt. Die stillgelegte Stadtautobahn füllt sich mit Sanitätszelten.

Per Webcam und Video-Stream verfolge ich „live“ und fassungslos das Desaster, eine Katastrophe, in welche die Verantwortlichen nahezu wissentlich und sehenden Auges hineinsteuerten. Eine groteske, nahezu unbegreifliche Kombination von Unfähigkeit, Fehlplanung, Verantwortungslosigkeit, Schlamperei und Dummheit. Seit Tagen habe ich mich, Zeitung lesend, gefragt, was den Loveparade-Veranstaltern, der Bundespolizei, der Deutschen Bahn und der Stadt denn eigentlich als Lösung vorschwebte, wenn die offiziell erwarteten (!) anderthalb Millionen Party-Besucher durch einen einzigen (!) Eingang auf einen abgesperrten Platz drängen, der für gerade 500.000 Menschen ausgelegt ist. Wie um Himmels Willen hatte man sich das gedacht? Was hatte man geplant, wenn Hunderttausende frustrierter, überhitzter, alkoholisierter, mit Drogen aufgeputschter, erschöpfter, enttäuschter junger Leute nach stundenlanger, strapaziöser Anreise auf das bereits überfüllte Party-Gelände drängen würden und dann zwischen den Gittern und Absperrungen nicht mehr ein noch aus, bzw. nicht mehr vor- und nicht mehr zurück wüßten? Wie soll man das anders nennen als ein programmiertes Chaos? Eine willentlich in Kauf genommene Katastrophe?

Kann man das irgendwie erklären? Vielleicht durch besinnungslose Profit-Gier, Kommerz-Verblödung, Geltungssucht, allgemeine voluntaristische Schönrednerei im Vorfeld, durch kollektive Borniertheit und verantwortungslosen Leichtsinn, durch die banale Selbstbeweihräucherungssucht der sog. Event-Manager oder den Dilettantismus inkompetenter „Stadtväter“? Durch die selbstzufriedene Sturheit einer völlig überforderten Polizei? Hat man gedacht, es würde schon, gegen alle Prognosen, irgendwie gutgehen? Wie hat man das allen Ernstes glauben können?

Es gab viele Stimmen, die Zweifel daran äußerten, dass eine arme, unterorganisierte, schlecht ausgerüstete, logistisch überforderte und überdies in solchen Veranstaltungen unerfahrene Halbmillionenstadt wie Duisburg ein Ereignis mit 1,5 Mio. Menschen organisieren und sichern könnten. Sie wurden als Miesmacher und Stimmungskiller zum Schweigen gebracht. Die Kritiker und Skeptiker störten die Selbstbesoffenheit der Kulturhauptstadt-„Macher“. Ein junger Mann, der der tödlichen Massenpanik um ein Haar entging, hatte die Polizei schon vor dem Desaster dringlichst gewarnt. Die Antwort der Polizei: „Willst DU das hier organisieren, oder was?“

20.30 Uhr. Die medialen Gebetsmühlen sind angeworfen, die offiziösen Krokodilstränenwerfer arbeiten voll Rohr. Mechanisch wird wieder von „Tragödie“ und „Tragik“ gelabert. Aber „tragisch“ nennt man unausweichliche Unglücksfälle. Das Desaster von Duisburg war keineswegs unausweichlich. Es war, wie gesagt, mehr als voraussehbar. Die Krokodilstränen werden bald wieder trocknen. Noch immer wummert die Parade der Floats aus 300.000 Watt-Anlagen.

20.45 Uhr: Die Schuldfrage ist schon geklärt. Die Verantwortlichen haben nicht die Verantwortung. Der frischgebackene (bislang in Duisburg wirkende) NRW-Innenminister Jäger findet in einem ersten Interview, die „Polizei“ habe „gute Arbeit gemacht“. Die Pressekonferenz der Stadt Duisburg findet, sie, die Stadt, die Behörden und die Planer  trügen keine Schuld; schuld seien vielmehr eindeutig die Opfer selbst, die sich nämlich „nicht an die Spielregeln gehalten“ hätten.

22.10 Uhr: Der Duisburger „Krisenstab„, namentlich der ganz offenbar Hauptverantwortliche, „Sicherheitsdezernent“ Wolfgang Rabe, schießt sich darauf ein, auf übelst demagogische Tour übrigens und mit steinern-zynischer Fresse, den jungen Todes-Opfern selbst die Schuld zu geben. Die hätten sich nämlich „irrational verhalten“. – Als hätte man nicht GENAU DAS zuvor einkalkulieren müssen! Als wäre es nicht die eindeutige Aufgabe der Sicherheitsbehörden, solch irrationales Massenverhalten – was bei Loveparade-Veranstaltungen ja vorkommen soll – eben vorauszusehen und im vorhinein (!) unmöglich zu machen! Was für eine ungeheuerliche Dreistigkeit den Opfern und ihren Familien gegenüber! Nebenbei: Immerhin sitzt in Duisburg z. B. das weltweit anerkannte und renommierte Fraunhofer Institut, das mit seinen Forschungen und Konzepten zur Steuerung und Sicherheit von Menschenmassen-Ansammlungen, bereits geholfen hat, etwa in Mekka die berüchtigten und gefürchteten Massenpaniken unter Pilgern fortan zu verhindern. Dort wird man das Wort „Risikoanalyse“ ja wohl eigentlich kennen. – Hat der Herr „Sicherheitsdezernent“  da nicht mal nachgefragt,vorher? Hatte er das nicht nötig, weil Massen ja bekanntlich immer  „den Spielregeln folgen“? *

(Nachtrag 26. 07. 2010: Inzwischen ist bekannt, daß der Professor für Physik des Transports, Prof. Michael Schreckenberg, sehr wohl in den Planungsstab „eingebunden“ war – was immer das konkret heißen mag. Seine nachträglichen Einlassungen wirken merkwürdig fahrig und unkonkret. Die spätere Todesfalle hatte er zumindest „im Vorfeld“ nie gesehen oder betreten. Welche Rolle die „Experten“ gespielt haben, ob man auf ihre Expertisen oder gar Warnungen gehört oder sie in den Wind geschlagen hat, wird erst noch zu klären sein. Immerhin war Prof. Schreckenberger der m. W. EINZIGE, der sich „von Schuld nicht freisprechen“ wollte…)

22.50 Uhr: Noch immer kreisen Kampfhubschrauber der Bundespolizei über Duisburg. Im Fernsehen verbreiten die unmittelbar oder politisch Verantwortlichen – schier unfaßbar kaltschnäuzig und arrogant der Herr Ex-WDR-Indentant und Kulturhauptstadt-Chef Fritz Pleitgen – geradezu haarsträubende Lügen bzw. Halbwahrheiten, um jede Verantwortung von sich zu wälzen Es ist wirklich unsagbar widerlich.  Ich glaube, ich war von dieser Politiker-Kaste schon lange nicht mehr derart angewidert und abgestoßen. Ein wahrhaft unsägliches, erbärmliches Schauspiel. Zum Speien.

23.03 Uhr: Plötzlich und noch immer ohne jede Erklärung (!) stoppt in der Party-Zone nun endlich, endlich, fünf Stunden nach dem Horror-Desaster, das Gewummer. Man spielt nun Meeresrauschen (!) ein und schickt die Leute sang- und klanglos nach Hause. Bis zu Stunde wissen noch immer Zigtausende junger Party-Gänger nicht, was überhaupt geschehen ist. So will es das sich selbst ohne Scham so nennende „Krisenmanagement„. Ich wußte gar nicht, daß die Richter-Skala des Zynismus nach oben dermaßen offen ist.

Für neunzehn junge Frauen und Männer ist die Party jedenfalls vorbei. Für immer.  – Selbst schuld, ja?

PS: Krododilstränenwerfer und erste kritsche Fragen hier:

http://www.derwesten.de/staedte/duisburg/Das-toedliche-Unglueck-wirft-Fragen-auf-id3279049.html

Hier noch eine Zuschrift aus Maidenhead, London, UK:

Chris Irwin schreibt auf facebook

„It’s not over until the fat bastard(s) owns up.

By strange coincidence on Saturday evening, I was sat at the PC bellowing with laughter at a blog posting made by good mate, philosophy lecturer and scribe extraordinaire: Duisburg resident Reinhard Haneld (aka 6kraska6). A while later, I was prompted from my semi-slumbers during the evening TV news upon hearing the word ‚Duisburg‘ and began to see initial reports of this appalling state of affairs.
Knowing from his blog that he is not shy of attending the occasional odd venue/locale in the eternal pursuit of satisfying his curiosity and that of his ardent readers, I hasten computerwards to establish contact. I was relieved to learn pretty quickly that at least all is well in his household. His daughter set out to attend the party, but could not get in. His wife – a TV reporter – is out there at ground zero covering the carnage.
The following morning, I receive further news and see that he has posted a report listing the events and posing some very heavy questions about responsibility.
The report is available in German on the link (I might translate it later). It seems that person or persons hitherto unknown fucked up big time. The whys and wherefores will doubtless/possibly emerge eventually, not that this will be any consolation to those who are mourning young loved ones.“