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Das Geddo erwacht (Aldisierung)

16. September 2011

Roma-Logistik, nachts am Brückenplatz

Leute fragen: Gibs denn eigentlich nichts Neues aussem Geddo? Jetzt, wo Ramadan, Ferien und Unser-Dorf-in-Türkei endlich vorbei sind? – Nö, nicht wirklich. Nachbar Özgür hat sein Haus in Eigenbau fertig „grunzsaniert“. Ergebnis: Bei mir läuft stickum Wasser in die Klause und lässt das Eichenparkett quellen. Toll. Muss gucken, was Hausratsversicherung auf türkisch heißt, sowie der Satz: „Ey Mann, kannze vielleicht verdammte Scheiße noch eins mal pronto deine super selbst geschweißten scheiß Rohre checken, Kollege? Nur so für Sicherheit?“

Yavuz, der kleine fette Prinz und Nachwuchspascha von gegenüber, ist noch dicker aus den Ferien gekommen. „Isch bin gezz gleisch Fußball!“ kräht er, und das kann auch ziemlich gut   hinkommen.

Bloß weil ich paar Minuten auf der Parkbank sitze und in der Sonne sinne, kommt gleich Ghana-Aki mit seiner neuen grün-gelb-roten Rastafari-Häkelwollmütze angetanzt und fragt: „Ey, Br’ruder, brauchsch Ganja?“ Er schi-pricht das: „Gannnnd’jschaáh“ aus. Gott, ja, voice of mozza Affrica. –  Ich lege höflich die Hand aufs Herz, nur versehentlich rechts, und sag: „Danke, Bruder, ich vertrag doch kein Ganja nich, leider… Weissu doch! Ain’t nuthin no good stuff for me… “ Er schiebt ab, schnief-schnuffelt aber noch, vorsichtshalber, falls ich doch Bulle bin, „hab sowieso nix bei“.

Was sonst noch: Hede Marciniak feiert heute Geburtstag, 50, 60, 65 – schwer zu sagen. Hede ist wurzeldeutsch-polnisch, hat nur Minimum Tassen im Schrank, und ist hässlich wie die Neumondnacht, dabei immer scharf auf Männer. Schlechte skills letztlich. Sie macht heute Tach der offenen Tür, beschallt die Hood den ganzen Tag mit Leierkasten- und Akkordeon-Walzern aus den 50ern und guckt alle drei Minuten, ob jemand zum Schwofen oder Gratulieren kommt. Schorschi, ihr Mann, hat Wasser in den Beinen und Altzheim im Kopf. Legt Puzzle, Schwarzwaldlandschaft, sei drei Jahren dasselbe. Demenzkompetenz. Kommt aus dem Polstersessel nicht mehr hoch: siamesische Schwellkörpersymbiose.

Robbi, der Ober-Alk, ist mit dem Hund raus und beim Süffel-Symposium am Brückenplatz hängen geblieben. Als ich vorbei radele, nimmt er Haltung an und salutiert zackig. „Hey!“ grölt er anschleimend, „Nachbar!“ Ja, leider, du Arsch. Weils noch ein warmer Abend ist, besteht die Chance, dass er seine Heike erst verprügelt, wenn ich schon schlafe. Sein krakeeltes Lieblingsmantra „Datt daaaf donnich waaaahr sein!“ hat schon manche meiner Nächte grundiert.

Unser frisch verwitweter Ex-Hausbesorger Pitti entwickelt einigermaßen mysteriöse Trauerrituale. Im Hinterhof hat er ein rotes Plastik-Totenlicht aus dem DM-Markt aufgestellt, was ja noch nachvollziehbar ist für gute Katholen, aber er hat auch ein frisch gebügeltes, schneeweißes Feinripp-Unterhemd daneben gehängt! Hemd ist wohl Privat-Mythologie, aber die Kerze zünd ich oft heimlich wieder an, wenn der Regen sie gelöscht hat. Auch als Atheist ist man ja nicht ohne Pietät.

Fortschreitet die optische Aldisierung des Viertels: An jeder Ecke Einkaufswagen vom Discounter. Ist Trick von Roma, wo haben keine Esel-Karren mehr: Discounter-Drahtwagen klauen, Schloss knacken, Euro rauspulen, Wagen nach Hause schieben, dann stehen lassen. Na ja, was geht’s mich an. Bin ja kein Discounter, dafür mein eigener Esel: Fahrradkurier in eigener Sache. Mein Fahrrad hab ich nämlich noch, weil die Roma nicht wissen, wie sie mein hundsteures Super-Fort-Knox-Mega-Security-Steel-Schloss aufkriegen sollen. Schätz, is Frage von Zeit.

Der versemmelte Sommer macht mich moll. Mir regnets ins Hirn. Wenn hier nicht bald Randale aufkommt im Geddo, diese Folklore, die man aus dem Fernseh kennt, wo immer (Spanien, Griechenland, Chile, Syrien, Italien etc.) junge vermummte Leute Steine gegen Wasserwerfer schmeißen, in immer gleicher Choreographie, dann weiß ich auch nicht.

Heute Suizid versucht, indem ich zwei Mongos von den Hells Angels, die nächtens auf ihren voll schwulen Harleys durchs Viertel bretterten und röhrten, hinterherbrüllte, aus vollem Herzen: „Ihr verfickten scheiß Breitreifenärsche, einmal Arsch lecken bitte!“ – Ich leb noch, weil sie’s nicht gehört haben. Mut ist halt auch immer eine Frage des kalkulierten Abstandes.

Also, wie gesagt, im Moment nichts Neues im Geddo. Gute Nacht, Nachbarn…

Trauerarbeit durch Tupperdosen-Archiv

7. Juli 2011

The mad hatter (John Tenniel)

„We`re all as mad as hatters here…“ (Tom Waits)

Im Geddo macht sich eine gewisse sommerlich-schläfrige Ruhe breit. Die meisten Nachbarn sind schon Türkei gegangen. Andere lehnen melancholisch aus dem Fenster und zählen die Tage, bis sie auch los können. Ob sie Türkei gehen, um mal etwas weniger Türkei zu haben als hier, oder aus irgendwie nostalgischen Gründen, ich weiß es nicht. Das mähliche Abebben des Kindergeschreis („Ane! Aaaaaaannne!“), dazu halte ich mich allerdings berechtigt, begrüße ich durchaus als Ohrenlabsal, genauso wie das unfassbare Erlebnis, dass ich des Morgens im Hof erstmals Salsa-Rhythmen hören durfte! Ich musste weinen. Salsa! An meiner tiefen Rührung merkte ich erst, dass mir im Viertel seit zwei Jahren eigentlich ausnahmslos unrhythmisches Oriental-Geschluchze oder Arabesk-Gedudel zu Ohren kommt. Für Nicht-Fachleute: Das ist so, als ob man jeden Tag mit deutscher Musikantenstadl-Polka beschallt würde, nur eben auf Türkisch oder Arabisch. Sommerferien im Geddo, das fühlt sich an, als ob über Nacht der Tinnitus geheilt wäre.

Was mich indes beunruhigt: Seit Tagen ist auch Freund und Nachbar Rombach verschwunden, Walter Rombach, 67, Rentner, gewesener Irgendwas-mit-Bauunternehmung. Unter allen meschuggenen Wurzeldeutschen im Geddo hebt Rombach sich hervor, weil er als einziger wirklich komplett wahnsinnig ist – ohne dass ihn das in seiner Lebensführung irgendwie beeinträchtigen würde. Rombach ist das wandelnde Hauptargument der Anti-Psychiatrie: Man muss Irre nicht internieren, sondern einfach bloß machen lassen. Gefährlich ist das selten, es gibt dem Alltag aber Würze und Tiefenschärfe. Rombachs Vertrauen gewann ich einst, kurz nach dem ich ins Geddo zog, durch das mir vorauseilende Gerücht, ich hätte Abitur. Seither darf ich Rombach gelegentlich mit vertraulichen Schriftsätzen und Übersetzungen in allerlei Weltsprachen zur Hand gehen, um ihn bei seiner großen Leidenschaft zu unterstützen. Rombach widmet seinen Lebensabend nämlich dem Führen von Gerichtsprozessen.

Nicht, dass jemand denkt, Rombach sei ein normaler Querulant! Er führt seine Prozesse methodisch, systematisch und mit akribischer Besessenheit; zumeist haben die den Prozessen zugrunde liegenden Rechtshändel eine jahre-, manchmal jahrzehntelange Geschichte, so komplex und verwickelt, dass sich mehrbändige Kolportage-Romane von Alexandre Dumas oder Karl May daneben ausnehmen wie flache Short-Stories. In den Akten wimmelt es von verlorenen Töchtern, vertauschten Personen und defraudanten Ex-Geliebten, dito Mordanschlägen, Brunnenvergiftungen, Entführungen und Versicherungsskandalen. Doch, bevor das jemand annimmt: Diese Prozesse sind nicht etwa eingebildet, Rombach führt sie tatsächlich und dokumentiert sie penibel in deckenhohen Aktenregalen und meterbreiten Hängeregistraturen, er beschäftigt ein Heer von Anwälten, Gutachtern und Detektiven und gibt dafür Unsummen aus. Die Belege habe ich selbst gesehen! Dabei lebt Rombach – angeblich – von „zweinnertfuffzich Euro Rente“, speist täglich an der Armen-Tafel und leidet überdies, seit Jahren „im Endstadion“  an „beiderseitigem Lungenkrebs“, lässt sich aber Armut, Leid (und Wahnsinn) äußerlich nicht anmerken.

Mein Herz gewann Rombach durch seine Trauerkultur. Ich weiß nicht, ob er schon immer neben der Spur des Gewöhnlichen agierte, aber definitiv aus der Kurve getragen hat ihn wohl der Tod der geliebten Ehefrau vor einigen Jahren. Mitten in seinen Aktenbergen ragen seitdem zwei uralte amerikanische Kühlschränke auf, die vage grollend Unmengen von Strom fressen, aber einen Schatz bergen: etwa zweihundert Mahlzeiten, die ihm die Frau zu Lebzeiten gekocht und vorsorglich eingefroren hat. Selbstredend sind auch die Tupperdosen ordentlich beschriftet, datiert und archivarisch registriert. Jedes Mal, wenn ich auf dem wackligen Drehstühlchen vor den beiden eisigen Grabmonumenten sitze, um verwickelte Rechtsfragen zu diskutieren, beschleicht mich ein erlesenes Gefühlsgemisch aus Rührung und heimlichen Grauen. Aber so ist Rombach, der damit das exakte Gegenteil von mir darstellt – bei ihm kommt nichts weg!

Nun ja, eben außer ihm selbst. Zuletzt wusste ich ihn in einen geradezu haarsträubenden Kriminalfall involviert, der internationale Verwicklungen, auch diplomatischer Natur, bis nach Nordafrika und den Nahen Osten zeitigte. Ich darf mir schmeicheln, ihm als Berater in Sachen arabischer Mentalität und als Schriftführer im Verkehr mit div. Botschaften zur Seite gestanden zu haben. Und jetzt ist er weg, wie vom Erdboden verschluckt! Auch sein Auto, das er mit einer retrospektiven Ausstellung der Hüte seiner Frau dekoriert hatte, wird nicht mehr gesehen. Was soll ich tun? Ich kann nur auf Rombachs mythische Unverwüstlichkeit bauen und darauf, dass er wieder auftaucht, bevor unbezahlte Stromrechnungen den Tupper-Schatz dem Verderben preisgeben…