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Heiliger des Verschwindens

29. Januar 2010

Nun ist er also doch mal gestorben, vorgestern, mit 91 Jahren. Für die Welt war er ja eh schon lange tot: 1965 das letzte Buch, 1980 das letzte Interview, Lebenszeichen danach entweder obskur oder unfreiwillig. Niemand weiß so genau, was er die letzen Jahrzehnte draußen auf seiner Farm in New Hampshire so getrieben hat. Er wollte es so. Er hielt sich bedeckt. Er haßte jede Form von Rummel, und er wollte nicht begafft werden – wie sein cooler, sensibler, verzweifelt sarkastischer Held Holden Caulfield:

„Es dauerte eine ganze Weile, bis ich einschlief – ich war gar nicht mal müde –, aber schließlich schaffte ich es doch. Aber eigentlich war mir eher danach, mich umzubringen. Mir war danach, aus dem Fenster zu springen. Wahrscheinlich hätte ich es sogar getan, wenn ich sicher gewesen wäre, dass mich jemand gleich nach dem Aufprall zugedeckt hätte. Ich wollte nicht, dass mich ein Haufen Gaffer anglotzte, wenn ich ein einziger Blutklumpen war.“

J. D. Salinger hat mit seinem „Catcher in the rye“ (deutsch: „Der Fänger im Roggen“) mal mein Lebensgefühl über Jahre geprägt; durch ihn habe ich erstmals Sinn für Tonfälle im Amerikanischen (und in der Sprache überhaupt) bekommen, und, am wichtigsten, er war ein Meister im Tao des Verschwindens, er demonstrierte ein halbes Jahrhundert lang, daß man ein großer Schreiber sein kann, und sich dennoch nicht zum Tanzbären der Verlage und zum Sklaven der Eigenreklame machen muß. Das letzte Bild, das von ihm kursiert, zeigt den Eremiten, in seinen Sechzigen, wie er wütend gegen das Autofenster eines Papparazzo schlägt, der auf seine Farm vorgedrungen war. Paradox nur auf den ersten Blick: Dieses Foto hat einen Ehrenplatz in meiner Wohnung.

Nun kreisen wieder die Geier über der Salinger-Farm, denn immerhin ist durchgesickert, daß Jerome D. Salinger all die Jahrzehnte seiner Zurückgezogenheit wohl geschrieben hat, für sich, für die Schublade. In den Augen der Verlagsagenten rotieren blinkend die Dollar-Zeichen….

Was soll man ihm nachrufen, diesem großen, leisen, klugen Mann? Jedenfalls nicht „Viel Glück“:

„Als ich die Tür geschlossen hatte…, schrie er mir etwas hinterher, aber ich konnte ihn nicht genau verstehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er mir „Viel Glück!“ hinterschrie. Bloß das nicht. Ich würde keinem „Viel Glück!“ hinterherschreien. Es klingt furchtbar, wenn man’s sich recht überlegt.“

Sollte man erwähnen, daß wir J. D. Salinger nicht nur einen der ergreifendsten Romane des 20. Jahrhunderts verdanken, sondern ihm und seinen Kameraden auch unsere Freiheit? Er war unter den Soldaten, die 1944 in der Normandie landeten und später in der blutigen Ardennenschlacht die Nazis niederrangen.

So long, Sir.