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Über die Sexualität alter Männer. Pinguine im Meerschweinchen-Becken

30. Juli 2010

Alter Sack, noch in Betrieb

Seine biologische, soziale und ökonomische Funktion hat er, na ja, schlecht und recht, erfüllt: undankbare Kinder gezeugt, mickrige Bäume gepflanzt, dickleibige Bücher geschrieben (oder zumindest Bausparverträge verkauft), ferner Alimente gezahlt, in den Grenzen seiner Möglichkeiten Karriere gemacht, Haus gebaut, Haus bei ebay wieder verkauft, um den Erlös auf dem Trümmergrundstück seiner trostlosen patch-work-Vergangenheit vertröpfeln zu lassen. So weit, so na gut. Anstatt sein Lebenswerk aber dann fristgerecht mit einem finalen Herzinfarkt zu krönen, trödelt er immer öfter unschlüssig in seinem überfälligen Leben herum und will par tout nicht abtreten. Gott, wie der anödet, der alte Herr! Er ist übergewichtig, hoffnungslos unattraktiv, ihm wachsen Haare aus Ohren und Nase, er quengelt, nörgelt und bietet an jeder windigen Straßenecke seine überholten Erfahrungen an wie rumänisches  Gammelfleisch. Niemand will ihn, den alten Sack, doch klebt er zäh am Dasein wie altes Kaugummi. Als hätte er noch eine Zukunft, rennt er panisch zu Vorsorgeuntersuchungen, macht alle zwei Wochen Belastungs-EKG und kauft heimlich Viagra® im Internet, wahrscheinlich mit Frührentner-Rabatt. Wofür, bleibt im Dunklen. Kurzum: Der ältere Mann ist ein Lästling! Zunehmend – wie auch sonst, mit dem Abnehmen will es ja doch nicht mehr klappen – wird er zum sozialen Problemfall oder Brennpunkt, im Klartext: zu einem Entsorgungsproblem.

Männer ab sechzig, sofern sie nicht durch irgendwelche dubiose Polit-Macht, gewesene Schlagerprominenz oder sonst eine zwielichtige Windbeutelei ihr verstaubtes Charisma in essigsaurer Tonerde mumifizieren konnten, sind, seien wir offen, eine Zumutung. Dieser Bodensatz der Gesellschaft – es sei denn, er hat talkshow-kompatible Eminenz  aufzuweisen oder steht unter polit-historischem Denkmalschutz –, besitzt nicht die geringste Existenzlizenz mehr! Ehrlich: Männer ab sechzig, an denen man vergessen hat, rechtzeitig den sog. „Vatermord“ (S. Freud) zu vollziehen, verzehren unsere Renten-Ressourcen, belästigen anderswo dringend benötigte Land-Ärzte mit ihren Wehwehchen und besserwissern ansonsten ziellos am Büdchen, in der Kneipe oder am Stammtisch herum. Viele sind dabei sinnlos (!) alkoholisiert, stehen unter Drogen (Beta-Blocker, Cholesterin-Senker) oder geben sich sonstwie als hemmungslose Spießgesellen der Spaßgesellschaft zu erkennen.

Das widerwärtigste an älteren Männern ist ihre sog. Sexualität! Ekelerregend und hart am Rand der Sittlichkeits-Kriminalität. Menschlichen Zeitbomben gleich, umschleichen ältere Männer unentwegt (sie haben ja Zeit ohne Ende, die fitten Vorruheständler!) Kinderspielplätze, obskure Erlebniskinos und miese Striptease-Schuppen. Entweder, unsagbar abgründig: denen ihre Impotenz! Alte Männer, das macht sie sympathisch wie Furzkissen, „kriegen keinen mehr hoch“, also praktisch latte fuccicato, – was sie mit Recht zum verächtlichsten macht, was der reproduktionsorientierte Menschenmarkt an Ladenhütern überhaupt zu bieten hat. Zum Abschuß freigegegeben: der notorische „alte Sack“ und Null-Testosterontoleranz-Zombie. Naturgemäß wird er nach Ersatzbefriedigungen suchen – Senioren-Tanz, regelmäßiger Besuch öffentlicher Gerichtsverhandlungen („da hab ich was Sinnvolles und bin der Frau aus dem Weg!“), sowie GPS-gestützte Fahrradtouren durch die Region. Lachhaft! – Man verzeihe mir meinen zivilcouragierten Mut zur waghalsigen political incorrectness, aber ich bin der Überzeugung: Alte Säcke brauchen wir wie Pinguine im Meerschweinchen-Becken!

Oder, noch monströser und superfieser als der „alte Sack“ – der als „widerlicher, alter geiler Bock“ berüchtigte Hormonkrüppel, der, wie ich gerade in einer elektronisch übermittelten Leserbriefzuschrift las, z. B. gern auf Schützenfesten (die Loveparade-Orgie des alten Sacks) jungen Hüpfern, Backfischen und kellnernden Saaltöchtern – und zwar häufig: glasigen Auges! – auf deren sekundären Geschlechtsmerkmale stiert. Und zwar je ansehnlicher die Jungfer und je hervorstechender besagte Merkmale, desto gieriger! Ein Alarmzeichen: der alte Bock ist zwar mausetot, weiß es aber noch nicht oder will es einfach nicht wahrhaben, denn unseligerweise ist sein Triebleben noch nicht erloschen. Es kaspert einfach immer weiter, das Ge-Triebe, obwohl das Verfallsdatum seines Herrchens längst überschritten ist. Wie beim altbekannten Pawlowschen Hund löst sein vertrocknetes Hirn noch immer automatische Sabber-Reflexe aus, sobald er ranker Weiblichkeit ansichtig wird. Wie widerlich ist DAS denn! Abscheulich! Warum schreitet der Gesetzgeber nicht ein? Der Sozialdienst? Die Pharmaindustrie? Was für Jungspunde absolut legitimerweise als „sexy“ gilt, ins Beuteschema passt und ordnungsgemäße Balz-Rituale initiiert, ist für den alten Sack resp. Bock selbstredend Tabu, verbotenes Früchtchen, no-go-area, Sperrgebiet mit Nato-Draht und Vergrämungsanlage. Der Senioren-Simpel hat seine Triebimpulse, evtl. gleich zusammen mit dem Führerschein, rechtzeitig bei den Behörden abzugeben. Und dann aber ab in die Selbsthilfegruppe!

Moralisch betrachtet, und das ist bei Sexualität der einzig denkbare Gesichtspunkt, hat sich der alte Sack, wenn er schon seine fiesen, unausgelebten Restsehnsüchte nicht gebändigt bekommt, gefälligst auf die inneren Werte gleichaltriger Damen zu fokussieren. Jedem das Seine und ihm, was übrig bleibt. Also alles Mutti – oder Neutrum. Angorapullis und Perlenketten, Stützstrümpfe,  Krampfadern und adrette Faltenröcke seien ihm jetzt erotischer Reiz genug! Verdient er, der bierbäuchige Grauhaar-Wackeldackel, denn etwa anderes? Er hatte seine Zeit, die er hoffentlich genutzt hat, der lüsterne Lackel, – jetzt aber hat er szypko szypko Platz zu machen. Mach Er Sitz, Dackel! Und laß Er das Hecheln! Unverschrumpelte Knackärsche, süß knospende Mädchen-Brüste und blank gleichschenklige Dreiecke (der wüste Traum des geilen alten Pythagoras-Sacks: Arsch-Quadrat mal Brust-Quadrat gleich…) haben ihn ab sofort rundweg kalt zu lassen. Reflektion statt Erektion. Das Gesetz der Euklidischen Geriartrie!

Der lächer-verächtliche „geile Alte“ (früher auch durchaus gern weiblichen Geschlechts –  heute unterbinden das in ihrer Regel die Frauenbeauftragten…) ist eine literarisch allseits beliebte Witzfigur seit zig tausend Jahren, ein Papp-Popanz und Pappenheimer, auf den auch der letzte Erz-Schmand, Dorfidiot oder Pickel-Grind noch, wenn nur unverdientermaßen zufällig etwas jünger, herzhaft draufschlagen durfte, von Aristophanes bis Loriot, in der attischen Komödie der alten Griechen wie in der Comedia dell’Arte und weiter bis zum Ohnesorg-Theater und der heutigen 0/8-15-Fernseh-Comedy. Der Typus des unzeitgemäß geilen Seniorendeppen ist entwicklungsgeschichtlich das erste hominide Rudelmitglied, auf das ausnahmslos alle Neandertaler straflos einkeulen durften, ohne Angst haben zu müssen, revanchehalber eins in die kinnlose Überbissfresse zu kriegen.  Alte Säcke haben seit jeher noch weniger Lobby als Kinderschänder – die sie ja schließlich potentiell auch immer sind, aus rein (geronto-) logischen Gründen. Sie stieren, starren, glotzen und sabbern (interessant, kaum ein Spachklischee kommt ohne dieses „Sabbern“ aus!). Am liebsten würden die Herren Drüsentrieb-Knechte selbstredend nicht nur „sabbern“, sondern vielmehr womöglich gern auch noch „antatschen“, „befummeln“, „begrapschen“. Das wär wohl noch schöner! Wie lange wollen wir das noch mit ansehen, ohne zum Knüppel zu greifen? Zum Elektroschocker oder Bolzenschußgerät?

Warum wir alle den „geilen alten Bock“ so ungemein einhellig verachten, hat zunächst archaisch-soziobiologische Gründe. Um zweierlei kämpft man(n) in der Urhorde: Um Fleisch-Ressourcen und dann um die Weiber, sprich: die Reproduktionsgelegenheit. Schon um des Gen-Pools und der evolutionär effizienten Zuchtwahl willen dürfen die Generationen nicht durcheinander kommen. Verbrauchte Säcke müssen von der Reproduktion ausgeschlossen werden, auch wenn sie noch „können“. Bzw. natürlich gerade dann! Neben dem Inzest-Verbot ist die sexuelle  Generationenbeschränkung eines der grundlegendsten kulturstiftenden Tabus. Die Anarchie des Biologisch-Natürlichen muß eingedämmt werden. Tut mir Leid, Freunde: Evolution is a harsh mistress.

Selbst ausgedörrte Yoga-Damen, verbitterte Spät-Punks, Alt-Rock’n’Roller oder postklimakterielle Besucherinnen des fair gehandelten Häkelkreises von Presbyter-Präses Dr. Schleierhaft, letztere eigentlich zur christl. Nächstenliebe verpflichtet, hassen und verachten schnaubend den „alten geilen Bock“. Widerspruch muß da niemand fürchten. Wer will schon so einen als Nächsten haben!  – Aber andererseits, wir haben heute natürlich auch Zivilisation, Aufklärung, Menschenschutz und alles, weswegen einfaches Lynchen und grobschlächtiger Totschlag (sog. „Keulen“) mit gewissem Recht geächtet sind und leider nicht mehr in Frage kommen.

Und hier komme ich mit meinem Plädoyer bzw. humanen Projekt der psycho-sozialen Entsorgungshilfe: Männer ab 60, über den Daumen, sollten einer – selbstverständlich humanen, also menschlich schon okayen, verständnisvollen und einfühlsamen – Einschläferung zugeführt werden. Entsorgung im Wohlfühlambiente: Ein sedierendes Schnäpschen vorweg, eine kleine blaue Spritze, dazu als Sterbe-Soundtrack Mozart-Sample oder Ennio Morricone, in würdigem, auf Wunsch auch erweitert patch-work-familiären Rahmen, pardauz! –  und allen wäre doch gedient! Im Anschluß, nach der besinnlich gestalteten Feuerbestattung, Kaffee und Käsekuchen, damit die Hinterbliebenen eine schöne Erinnerung gehabt haben werden und gut über den Verblichenen reden. „Ja, gut, vielleicht war er ein alter geiler Bock, aber nun ist er von dem Leiden erlöst, das er uns bereitete“. (Kleiner Tipp: Zuvor das Testament nicht vergessen!) – Und wieder ist die Welt ein bisschen schöner, sauberer, sicherer und bewohnbarer geworden!

– In der nächsten Folge: „Wohin bloß mit Mutti? – Wenn Frauen ihre Jahre bekommen“

Arnold Winterseels Jour Fixe: Der Papst beim Striptease….

11. März 2009
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Traum der Philosophen: Einmal auf Miss Cuties Pyjama-Party eingeladen sein...

…ODER DIE PSYCHOPATHOLOGIE DES VERLESERS

Auf dem Weg, in der U-Bahn, bekam Freund Fredy mal wieder seinen Missionarischen:  Mit vor Eifer erblühenden Wangen teufelte er auf mich mit seinen Lieblingsthesen ein: Nämlich, Autismus sei gar keine Behinderung, sondern ein ebenso anmutiger wie umweltschonender Weg, sich die Zumutungen der Welt vom Halse zu halten und stattdessen sich konzentriert und selbstvergessen der Perzeption und Pflege innerer und äußerer Ordnungen von komplexer, ja unsagbarer Schönheit zu widmen! – Ich blieb aber gelassen. Glasperlenspielsüchtigen wie Fredy Asperger sollte man in diesen Dingen nicht widersprechen. Bei meinem letzten diesbezüglichen Versuch hatte er mir mit vor Konzentration völlig verklärtem Blick und beunruhigend methodisch sämtliche Knöpfe vom Jackett gedreht! – Bin ich mit Fredy unterwegs, trage ich innerlich immer meinen Button mit der Aufschrift: „Freundschaft heißt, das Fremdartige zu akzeptieren, bis es einem aus Gewohnheit lieb wird“.

Die Runde in Arnold Winterseels verqualmten Salon präsentierte sich uns beim Eintritt in schon vorgerückt entspannter Stimmung. Es fehlten diesmal freilich die Aquavitzwillinge, die sich entschuldigen ließen, weil sie, so hatten sie trotzig kundgetan, ihren Junggesellenabschied zu feiern gedachten und deshalb nur eine Grußadresse, einen Topf Fischerbowle und eine Langspielplatte mit Shanti-Songs hatten abgeben lassen. (Trotzig insofern, als weder Hinrich noch Hauke überhaupt über eine Braut verfügten, eine Hochzeit bei keinem der Zwillinge absehbar bevorstand und überdies beide, wie wir sehr wohl wußten, im Alter von jeweilen 34 Jahren noch bei ihrer alleinerziehenden Mutter wohnten. Wir Liberalen tolerieren dies natürlich schmunzelnd.) 

Man war, so stellte sich heraus, bei einem Becherchen Bowle in eine Debatte über die psychoanalytischen Hintergründe von sog. Verlesern verstrickt. Oma Hager hatte leichtsinnigerweise erzählt, sie habe kürzlich einmal statt „Brieffreundin“ das Wort  „Bierfreundin“ gelesen, bestritt dann aber hartleibig, daß dies einen verdrängten Wunsch von ihr offenbare, da sie als Feministin der allerersten Stunde Bier als notorisches Getränk des Patriarchats generell verschmähe; auch einer „frivolen Freundin“, Bier hin oder her, bedürfe sie nicht, da sie, ihrer Erinnerung und ihres damaligen Kenntnisstandes („Wir wußten ja nichts!“) nach, in ihrer aktiven Zeit, bis tief in die 50er Jahre hinein, eindeutig heterosexuell gewesen sei. Magister Blankenvers quitttierte es mit einem unverhohlen diabolischen, ja fast dionysischen Grienen, daß Oma Hager das Wort immer auf der zweiten Silbe betonte („hetérosexuell“), was ihm (dem Wort, nicht Blankenvers) eine gewisse hetären-ähnliche Verruchtheit verlieh.

Sven-Aaron Mangold, unser Einserjurist, aufgrund eines unverhofft gewonnenen Falles schon seit Stunden mit gelockerter Krawatte, steuerte einen weiteren, persönlich erlebten Kasus bei: So habe er in der Zeitung, diese flüchtig durchblätternd, die Headline „Papst erfand Striptease“ gelesen und sich unwillkürlich und zwanghaft, in Sekundenbruchteilen, das Kirchenoberhaupt als Table Dancer in kardinalsroten Strapsen vorstellen müssen; es habe aber dort, bei nochmaliger Lektüre, letztlich doch „Paris“ statt „Papst“ gestanden. Psychonalytisches Nachbohren beantwortete auch Mangold mit striktem Widerstand: Keinesfalls hege er insgeheim die homoerotische Begierde, beim Heiligen Vater (ca. 94) „den Ministranten spielen“ zu wollen! Er weise dieses „in aller Schärfe“, wie er nicht ohne Humor betonte, zurück. – Ich ließ mich dann nicht lumpen, und steuerte meinen eigenen neuesten Verleser bei. Ich hatte kürzlich auf meinem Blog einen Typus porträtiert, den ich den „Eindimensionalen“ nannte. Eine mir persönlich noch unbekannte, nichtsdestoweniger sehr liebe Wienerin schrieb mir daraufhin augenzwinkernd, immerhin aber sei dieser Eindimensionale, dessen Urbild im realen Leben sie vielleicht ebenfalls kenne, „monotaskingfähig“. Da dieser Begriff bis dato weder meinen aktiven, noch meinen passiven Wortschatz bereicherte, las ich stattdessen geläufiger „montagskinofähig“ und versank unmittelbar in jene hypnotische Trance, die Verleser bei mir verursachen können, während ich mir den in Frage stehenden Mann als jemanden vorzustellen versuchte, der nicht nur seine Schuhe allein zuzubinden, sondern evtl. auch des Montags imstande wäre, an der Kinokasse ein verbilligstes Eintrittsbillett für einen ab 6 Jahren freigegebenen Animationsfilm zu erstehen. 

Es war die hinreißende Miss Cutie, die mir noch vor etwaigen Nachfragen beisprang und erklärte, darin könne sie nun „beim besten Willen keinen freudianischen Schweinkram“ erkennen. Ich dankte ihr mit einem knapp angedeuteten Luftküßchen, worauf sie sich mit einem derart himmelblond-schüchternen kleinen Lächeln revanchierte, daß ich es später mit nach Hause nahm und in eine Vase stellte. Ironischerweise war es aber ausgerechnet unsere modisch immer topaktuelle und auf Stylishkeit bedachte Beauty-Queen, deren Verleser dann doch noch eine wenigstens annähernd sexualpsychologische Deutung nahelegte. Sie habe, bekannte Miss Cutie mit einem entzückenden leichten Erröten, kürzlich einen Illustrierten-Report über Schönheits-OPs studiert, worin eine Botox-Heroine als „Stilikone“ apostrophiert worden sei, sie aber, – wohl weil die Lektüre im Wartezimmer ihres Gynäkologen erfolgte, in einer gewissen inneren Flüchtigkeit stattdessen „Silikone“ gelesen habe. Bei diesem Bekenntnis senkte sie keusch den Blick – sodaß wir, sie eingeschlossen, ausnahmslos alle für eine erlesene Sekunde lang meditierend den Blick an ihrer Oberweite verweilen ließen. Dies war ein extraordinär besinnlicher Moment, – als flöge der sprichwörtliche Engel durchs Zimmer!

Es war aber Dr. Winterseel, unser verehrter Traurigkeitslehrer, der unbemerkt durch die Tapetentür getreten war. Leger in das Vorlesesitzmöbel gegossen hielt der Mann im schwarzen Samt-Sakko uns einen Vortrag darüber, wie der Kirchenvater Augustinus einst (in „De Civitate Dei“) die unwillkürliche, willentlich nicht zu beeinflussende Spontan-Erektion des männlichen Geschlechtsgliedes als Bild- und Gleichnis für Adams Aufstand gegen Gottes Willen interpretiert habe. Leider konnte ich mich auf die hermeneutisch-theologischen Weiterungen des Gleichnissses nicht mehr konzentrieren (muß Fredy fragen!), weil ich von Miss Cuties träumerisch verschleierten veilchenfarbenen Augen gefesselt war. Es muß aber Winterseels Vorlesung immerhin zu einer gewissen Beschwingtheit Anlaß gegeben haben, weil Oma Hager, nach mehreren „Chartreuse grün“ einigermaßen entfesselt, noch im Treppenhaus aufgekratzt gekräht haben soll: „Nieder mit dem Phallus! Nieder mit dem gottlosen Rebellen-Schurken! Nieder! Willst du wohl…! Nieder mit dir, sag ich…!“

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Ein Wiener, seinen Phallus niederstarrend (Monotasking)