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Sind die Berliner noch zu retten? (Knut-Verpeilung)

21. März 2011

Knutsch.

 

Hab ich’s nicht schon mehrfach erwähnt? Den größten Teil der Welt kenn ich nur aus den Medien. Ausnahme: Der, die und das Berliner. Diese famose Spezies habe ich schon life kennen lernen dürfen, in Form von Taxi- und Busfahrern, Hausbesetzern, Prenzlberg-Schwaberia, Sado-Kellnern und Muffköppen aller Art. Tolerant konzidierte ich die berühmte „Berliner Schnauze“ als unvermeidliche Folklore usw. und vergab freimütig und generös den exkulpierenden Behinderten-Bonus für alle Berliner.  Das ist mal gut, dieser Reality-Check, denn der lediglich bloß medial vermittelte Berliner nebst seiner Mutti-Form scheint mir ohne Zweifel ganz eindeutig ein mittelschweres Rad ab zu haben. Und zwar, tut mir Leid, Leute, irreversibel.

Schon als es hieß, am dritten oder vierten Tag der japanischen Katastrophe, die Bewohner der Hauptstadt hätten mit einem Konsumenten-Run auf Jod-Tabletten (!) begonnen, dachte ich schmunzelnd: Schau an, die Metropole ist nicht nur arm, aber sexy, sondern auch noch von ausgemachten Kretins, Grenzdebilen und anderen Schwachköpfen besiedelt. So eine Mischung aus Zerebralschwurbel, dumpf-trotzigem Icke-Bewußtsein und penetrantem Hypochondertum steht den Berlinern recht passabel, mit anderen Worten: So sind sie, schätz ich mal, jedenfalls die nativen Ureineinwohner von Westberlin. Da paart sich halt blickdichte Brunzdummheit mit hypertrophem Selbstbewusstsein, Wehleidigkeit mit Schmarotzertum, vermutete ich meinungsfreudig.

Bevor ich an meinem Vorurteil noch Zweifel aufkommen lassen konnte, spülten mir die Eil-Medien per liveticker die neueste „Tragödie“ ins Haus: Erst Japan, dann Libyen, dann nun dies: Knut ist tut, äh, tot. Postklimakterielle Muttis im Angora-Pulli mit Strass-Applikationen und goldfarbener Seiden-Stepp-Joppe liegen sich schluchzend und tsunamihaft tränenüberflutet in den Armen: Ihnen ist „das Herz gebrochen“, sie „wissen nicht, wie weiter leben“, sie finden „die Menschen so grausam“! Nun ja, dachte ich, zwar ein wenig hysterisch, aber angemessen angesichts der geopolitischen Weltkatastrophen. Es war aber wegen dem knuffigen Bärchen! Blumen, Kerzen, Totenlichter, Croissants („die hat er doch so gerne gegessen!“), allgemeine Volkstrauer, wie seit zu Guttenbergs Rücktritt vor drei Wochen nicht mehr. Man bricht zusammen wie der sterbende Schwan, man zittert, tremoliert und hat Delirium tremens: Der Bär ist tot!

Der Magister, durch Alter und Gram herzlos geworden, denkt: Tja, Freunde, der Tod gehört halt zu den Dingen, die Lebewesen gelegentlich unterlaufen. „Aber donnich soo jung noch!“ greint die Berlinerin und schneuzt in ihren Dufflecoat, „det is donnich gerecht, ditte!“. Nun wird der sympathische Knut „obduziert“. Vielleicht wurde er von Ex-Stasis ermordet? Gift? Epilexplexie? Verschwörung? Kann doch sein! Die Berlinerin, nun schon vollkommen entfesselt & entgeistert, verlangt, der Bär solle neben seinem verstorbenen Pfleger beerdigt werden. Geschmackssicher war der Berliner auch schon immer. Schade, dass Schadow nicht mehr lebt. Eine Gips-Statuette, der Berliner Knuddel-Pfleger, seinen Bären umarmend, hätte ich ergreifend gefunden. Zu Tränen hätte mich das gerührt! Nass hätt ich mich gemacht vor Rührung!

Der Bärliner hat seine eigene Prioritäten. Müssen wir sie begreifen, wir Westler? Bei n-tv wird’s schon einen Experten geben, der ihn uns erklärt, den Berliner. Unterm Strich erscheint er uns Medienkonsumenten als sentimentaler Idiot. Als nicht mehr ganz richtig  im Kopf.  Aber das wird ein Vorurteil sein. Bis dahin gehen wir in den Zoo, Croissants niederlegen. Wichtigers gibt es im Moment eh nicht zu tun.  Ach, Knut, du hast es gut.