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Godzilla in der Antitortenschlacht

19. Januar 2010

Mit schweren Beinen: Godzillas Antitortentanz

Am Sonntagnachmittag hatte ich, und wer das als Vergreisungssymptom deuten will, ist dazu herzlich eingeladen, erstmals seit Jahren sog. „Kaffeebesuch“. Eine Dame zwar, aber Damenbesuch wäre dennoch ein Wort, das falsche Assoziationen weckte. Eine alte Freundin aus wüsteren Tagen halt; nennen wir sie, wegen ihrer enormen Hippelichkeit, Ritaline. Als Kind war Ritaline dermaßen hippelig, daß sie schon mit 11 Jahren NRW-Vizelandesjugendmeisterin im Akkordeonschnellspielen wurde. Damals war sie noch nicht der hinreißende „Schwan von Dinslaken“, sondern eine kleine rothaarige Ente mit Zahnspange und glasbausteindicken Brillengläsern. Ihre Tastenraserei ging dessen ungeachtet den ehrlichen Menschen des Reviers ins heiße Blut, oder, je nach Temperament, in die schweren Beine.

Apropos schwere Beine. Ritaline, auch heute, in mittleren Jahren, noch rank wie eine resche, kesse Tscherkessin, brachte ein Riesentablett Sahnetorte mit, zum Teil durchaus auf Eierlikörbasis. Weil wir beide saisonal bedingt deprimiert waren und den Winter-Blues hegten, fraßen wir zum Trost Unmengen Torte in uns hinein, weil, wie Max Goldt sagt, ab und zu auch mal was egal sein muß. Um die viele – und in meinem Fall völlig ungewohnte Torte – zu bewältigen, tranken wir im Anschluß besonnen, aber doch in rascher Folge einige Ouzo hinterher. (Ich hatte nichts besseres im Haus!) Der toxikulinarische Dreiklang Pfefferminztee, Eierlikörsahnetorte plus eisgekühlter Ouzo gab dem Sonntag insgesamt eine extravagant psychedelische Note, die den Winterblues mit einer goldbrokatenen Borte seligsüßer Melancholie umsäumte. Wir verabschiedeten uns tränenreich und unverhohlen blümerant.

Am Abend schrieb ich der grünäugigen Ritaline noch eine E-mail, ihren Besuch nachbereitend und mit Fußnoten-Links versehend. Darauf mailte sie mir eilends zurück, sie könne momentan leider nicht antworten, sie „tanze sich gerade die Torte von den Hüften“, und zwar, wie sie beiläufig anmerkte, „zur Film-Musik von Godzilla“. Ich erinnere mich an diesen Film, nicht aber an die Musik. Den Antitortentanz stelle ich mir daher als einen so breit- wie schwerbeinig dreifach gestampften Häuserzermalmmonstertanz vor, bei dem asthmatisch ächzendes Mobiliar panisch in tausend Stücke springt. In seiner Dramatik untermalt wird der formidable Ausdruckstanz durch gelegentliche gellende Entsetzensschreie, die eine entschiedene und zutiefst menschliche Abneigung gegen scheußliche Häuserzermalmmonster zur Sprache bringen.

Auch wenn ich es nötiger gehabt hätte als Ritaline, verzichtete ich, um meine Restwürde besorgt, auf Antitortentänze. Obschon, so einen breitbeinig aufstampfenden Godzilla hätte ich vielleicht ganz ordentlich hinbekommen. Gleichviel, Ritaline verriet mir, von welchem Dealer sie das locker-lecker-leichte, delikate und versucherische süße Tortengift bezogen hätte: Vom Café Ortjohann! Es sei das beste Haus am Platze und die Torten allemal eine Sünde wert. Das kann ich absolut rückhaltlos bestätigen. In der bevorstehenden Ruhestandszeit, in der gemütliche Tortennachmittage allmählich die Besuche im Swingerclub ersetzen, werde ich die Produkte des Cafés Ortjohann bestimmt öfter wohlwollend in Betracht ziehen. Einen flankierenden Magenbitter, womöglich der Marke „Fernet Branca“, werde ich dann freilich bereit halten.

Winterseels Jour Fixe (9): Tragisches Gassi-Gehen

16. September 2009
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Die Tragödie geht Gassi und nimmt ihren Lauf

Die Stimmung war gut, nämlich voller Schadenfreude: Man hatte Hauke und Hinnerk, den Aquavit-Zwillingen, weisgemacht, nach dem Endspiel der Frauenfußball-EM würde im Sportfernsehen live das Trikottauschen übertragen, und unsere beiden nordfriesischen Dorftrottel hatten tatsächlich volle neunzig Minuten Stillsitzen durchgehalten, in nervöser Ruhigstellung wie Zappelphillip auf Ritalin, nur um sich dann, düpiert und betrogen, unter schallendem Gelächter des Salons mit Erdnüssen bewerfen lassen zu müssen.

Traurigkeitslehrer Arnold Winterseel, mein verehrter Mentor, warf, wie immer leise und melancholisch in sich hineinhorchend, aber doch perfekt artikulierend, eine Frage in den Raum, die uns alle stutzen machte: Ob der Missverstand der Aquavit-Zwillinge denn nun „tragisch“ zu nennen wäre? Hm. Mehrheitlich drehte man den Kopf nach Sven Aaron Mangold, unserem Einserjuristen und Bescheidwisser, der auch sofort aufstand und, als stünde er vor Jörg Pilawa und würde gleich Millionär, herunterschnarrte:

 „Das Tragische ruht daher ebenso wie das Komische auf einem Kontrast desjenigen, was geschieht (des Ungerechten im Tragischen), mit dem, was eigentlich geschehen sollte. Der wesentliche Unterschied zwischen Tragik und Komik ist, dass das, was geschieht, im Tragischen ein Leiden, im Komischen dagegen nur eine Torheit ist. Da nun – nach der Theorie des Aristoteles – Tragik im wesentlichen durch die Einsicht in diesen Kontrast entsteht, so muss ein gemischter Eindruck entstehen. Das unverdiente Leiden und der Untergang der tragischen Person, der Sieg des Geschicks (oder der „neidischen“ Götter), ist ein Triumph der Ungerechtigkeit und bringt als solcher das Gefühl menschlicher Ohnmacht dem „großen, gigantischen Schicksal“ gegenüber hervor.

Die Kategorie des unheilbar Doofen hat Aristoteles leider nicht untersucht. Unmöglich hätte er, so ließ sich Winterseel vernehmen, voraussehen können, daß der Begriff des Tragischen (ebenso wie übrigens etwa der Begriff „Ikone“) im 21. Jahrhundert endgültig unter die analphabetischen Press-Quatschkindsköpfe gefallen und dort inflationär der völligen semantischen Verwahrlosung anheimgefallen sei bzw. wäre, je nachdem. Jeder Unfall nämlich, jedes tödlich endende Mißgeschick, und sei es noch so lachhaft, albern oder bescheuert, so Winterseel, werde heute „tragisch“ genannt. Heute würde man mit Sicherheit selbst den Tod von „Mama Cass“, der dicken Sängerin der 60er-Jahre-Singsang-Gruppe „Mamas & Papas“ („California Dreamin’“), die im Suff an einem Schinkenbrötchen erstickte, „tragisch“ nennen! Wenn einem Menschen heutzutage versehentlich das Sterben unterläuft, gleichviel, auf welche bestürzend triviale Weidse, muß das ja einfach „tragisch“ sein. „Dumm gelaufen“, „idiotisch“, „unnötig“, „selbst schuld!“ – das sind alles Bezeichnungen, die man da nach sterbepolitischen Korrektheitsmaßgaben keinesfalls verwenden darf.

 Obwohl es Dr. Winterseel in der Regel verschmäht, seine apodiktischen Behauptungen zu belegen, raschelte er diesesmal vernehmlich mit seiner online-Zeitung. Hier, bitte, sprach er und rezitierte eine dpa-Meldung:

 „Tod beim Gassi gehen

 Dogge zieht Frauchen vor heranfahrendes Auto

Im luxemburgischen Esch ist eine Hundehalterin auf tragische Weise ums Leben gekommen. Die 54-Jährige führte ihre Dogge aus, als diese plötzlich mit Macht an der Leine zerrte und die Frau direkt vor ein herannahendes Auto riss.

Esch/Alzette – Eine 54-Jährige ist in Esch in Luxemburg von einem Auto überfahren worden, weil ihr angeleinter Hund sie plötzlich auf die Straße gezogen hatte. Das teilte die Polizei mit. Die Dogge hatte einen Hund angebellt, der auf der anderen Straßenseite lief, und war dann losgestürmt. Die Frau konnte das große Tier nicht zurückhalten und wurde mitgerissen. Ein heranfahrendes Auto konnte nicht mehr bremsen. Die 54-Jährige starb noch an der Unfallstelle. Der Hund überlebte, sagte ein Polizeisprecher.“

Ja, eine Tragödie, oder? Eine dumme Kuh, zu schmächtig, einen Pinscher zu halten, kauft sich eine Dogge und wundert sich jetzt, daß sie tot ist! Besonders tragisch, daß der Hund überlebt hat und nicht die dusselige Kuh! Und schade, daß Aischylos, Euripides, Sophokles & Co. diesen Plot nicht gekannt haben! Was hätten sie für erschütternde und unsterbliche  Tragödien daraus gehäkelt oder gestrickt!

Fredi, also mein schweigsamer Autisten-Freund Fred Asperger, und ich sind nachher mit den Aquavit-Zwillingen noch einen trinken gegangen, um sie wieder aufzumuntern. „Aber bloß EINEN Eierlikör!“, hatte Hinnerk sich erst geziert. Na, es wurden denn doch eine ganze Menge Jubiläums-Aquavit. Wir haben schön gequatscht und viel gelacht. Nur – tragischerweise haben wir dadurch dann die letzte S-Bahn verpasst…