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MY PERSONAL JESUS

23. Dezember 2009

Seltenes Originalfoto von Jesus: Geliebt, verehrt und bewundert, aber leider nie wieder erreicht, gilt er heute neben Elvis und Michael Jackson als einer der "drei Unsterblichen"...

Es ist schon ein Weilchen her, daß mir träumte, ich besäße eines der raren authentischen Originalphotos von Jesus von Nazareth, und er hätte auf meine Bitte, es mit einer persönlichen Widmung zu versehen („Für meinen Lieblingsapostaten, Apostel St. Bruno Kraska“), zwar unendlich schwermütig geschaut, aber dann doch schließlich meiner Bitte achselzuckend entsprochen. Sein sanft durchdringender Blick dabei sprach freilich Bände bzw. den Satz (auf hochdeutsch!): „Herr vergib ihm, denn er weiß nicht, was sich tut!“ Mir war das doppelt peinlich, weil mir gerade die Überlegung durch den Kopf schoß, was so ein Autogramm wohl eintrüge, stellte ich es bei eBay ein. Ich schämte mich dafür, denn in meinem Traum konnte Jesus Gedanken lesen und ich spürte deutlich, wie seine Entdeckung, daß er – übrigens genau wie ich! – gar nicht wußte, wie man etwas „bei eBay einstellt“, ihn quälte und irgendwie verunsicherte. Trotzdem behielt ich von diesem Traum das beruhigende Gefühl zurück, daß Jesus und ich gute Freunde hätten sein können, wäre er nicht so ein hohes Tier geworden. Ein Kumpel, dessen Vater GOTT ist, war mir aber doch zu heikel.

In einem anderen Traum erhielt ich mal in der kleinen Druckerei-Klitsche, in der ich arbeitete, Besuch vom damaligen Papst Johannes Paul II., und zwar wollte er fünfhundert Dreifach-Selbstdurchschreibe-Formularsätze bei uns bestellen. Irgend so Zeug für die Steuerklärung des Vatikans oder so. Obwohl er sehr imposant, zeremoniell und in vollem Ornat, mit goldener Tiara, Schärpe, Stola, Umhang sowie Schnabelschuhen aus weinrotem Saffianleder auftrat, erkannte ihn mein Kompagnon, der für die Kundenbetreuung verantwortlich war, nicht nur nicht, sondern nannte ihn auch noch ständig penetrant „Herr Dr. Schmittke“, was zwar respektvoll klang, aber dennoch gegenüber dem Pontifex maximus völlig deplaziert wirkte. Auch dies war mir ungemein peinlich! Mir scheint, Träume mit Religionsbezug sind bei mir immer mit einem Gefühl der schamvollen Verlegenheit verbunden. Moderne Psychoanalytiker mögen das gern mit meiner verstorbenen Frau Mutter in Verbindung bringen.

Obwohl ich dem Christentum (wie jedem -tum, auch dem Brauch-, Volks- und Heimattum!) skeptisch gegenüberstehe, bin ich Jesus-Bewunderer. Jesus war ein echter Frauentyp: Sanft, einfühlsam und sexy, klug, eigensinnig und angenehm unkonventionell. Er sah verdammt gut aus, hatte Charme und bezwingendes Charisma. Gut, er war auch ein Spinner und hat Sachen gesagt, die er, hätte er kritisch-solidarisch diskutierende Berater gehabt, vielleicht noch mal überdacht hätte. Z. B. diesen Quatsch aus der Bergpredigt, daß, wer eine andere Frau begehrlich ansähe, mit ihr bereits die Ehe gebrochen hätte. Daß finde ich weltfremd und humorlos, und auch ein bißchen arg prüde.

Jesus hatte das Glück oder Pech, wie übrigens auch meine Frau Mutter, an Weihnachten geboren zu werden, einer perversen Zeit des Ratenkaufs und der Null-%-Finanzierungen, der Sonderaktionen und Sale-Schnäppchen. An ein Kreuz aus IKEA-Kiefer genagelt, einen Kopfhörer von Saturn oder Mediamarkt als Dornenkrone (Im Player: „Hosiannah! Best of Holy Gospel-Gossip“) über der Stirn, starb der Nazarener bereits drei bis vier Monate später schon wieder, am Karfreitag, war dann aber allerdings auch nur bis Ostersonntag tot. – Eine krasse Biographie! Nebenher wurde Jesus auch bekannt als Erfinder einer gleichnamigen Sandale und als Singer-Songwriter-Composer des Welthits “Always look on the bright sight of life!“ Gäbe es, was Gott verhüten mögen, eine RTL-Show „Deutschland such den Super Religionsstifter“ (Jury: Dieter Bohlen, Bischöfin Margot Käßler sowie Ottfried Fischer), Jesus käme ins Halbfinale, totsicher.

Meine Mutter wäre dieser Tage 85 geworden; Jesus ist bereits 2009 Jahre alt; in meinen Träumen und in meinem Herzen treiben beide ihr Wesen und dürfen ihr Eckchen bewohnen. Ein kleines bißchen froh bin ich aber auch, ihnen entronnen zu sein.

Indianer überfallen Lößnitzdackel!

24. Mai 2009
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Auf unsre roten Brüder ist Verlaß: Keine Langeweile in Radebeul

WISSENSWERTES ÜBER KOMMENDE FEIERTAGE (LANGEWEILE)

Waren das Aufregungen in den letzten Wochen! Die Spannung siedete im mittleren Unerträglichkeitsbereich. Wer wird Deutscher Meister? Wird Sandy, Mandy oder Wendy Germany’s Next Top Moppel? Sterben wir alle an der Schweinegrippe? Schägt einer den Raab? Heißt Fiat bald Opel?  Machen wir wieder den letzten Platz beim Eurovision Song Contest? Welcher neue Super-Stern geht am taubstummblauen Plastik-Himmel Dieter Bohlens auf? Wird Hotte „Boring Old Fart“ Köhler noch einmal diese wuschige Zahnfee aus dem Osten besiegen? – Ein „Herzschlagfinale“ jagte das nächste, Tränen des Glücks, der Enttäuschung und Erleichterung wurden der Öffentlichkeit dargebracht, ganz Deutschland tat, was es ruhig öfter mal machen sollte, es hielt die Luft an. Pokale und Schalen wurden geküsst, Trostpreise vergeben, den Eltern und Sponsoren gedankt, und ganz besonders auch den Fans draußen an den Empfängern. Nun ist alles besiegt, besiegelt und besoffen: Deutschland kann wieder aufatmen, durchpusten, Sauerstoff tanken, die Seele baumeln lassen usw. Wunderbar, diese Ruhe. Oder…? Oder? Manch ein Mitglied der „nationalen Erregungsgemeinschaft“ (Sloterdijk) trommelt schon wieder nervös mit den Fingern: Und jetzt? Was kommt jetzt? Jetzt, so steht wahlweise zu hoffen oder zu befürchten, senkt sich das blöde, bleiern-banale Nichts fädenziehender Langeweile über das Land und erstickt alles menschliche Leben!

Manche nennen es Bundesliga-Pause, andere Sommer oder Regenzeit. Noch andere, deren Freud unser Leid ist, nennens Hauptsaison. Die Kollegen meiner Gattin verwenden noch immer den alten, liebenswerten Ausdruck „Saure-Gurken-Zeit“, der entweder, wie das englische season of the very smallest potatoes eine bedenkliche Ernährungslage meint oder eine Verballhornung des jiddischen Ausdrucks „Zóres-und Jòkresszeit“ für „Not und Teuerung“ darstellt, in jedem Falle aber bedeutet, daß man als Journalist noch kreativer sein muß als sonst, wenn man eine einigermaßen ansehnliche neue Sau durchs Dorf jagen will.

Wenn TV-Magazinen nichts Gescheites einfällt, können sie immerhin eine Straßenumfrage veranstalten und nach dem Sinn der bevorstehenden christlichen Feiertage Finxten und Frohen Leichnam fragen. Was haben wir uns an den Antworten der weitgehend ahnungslosen „Generation Doof“ schon be-ömmelt! Die Dummheit der anderen ist ja immer wieder ein ungetrübter Quell der Freude und Seelenerheiterung! Dabei, ich weiß zwar, warum Pfingsten gefeiert wird ( – wir gedenken des Ereignisses, das sich begab, als die Jünger Jesu plötzlich allesamt einen schweren Hau bekamen und ihren Mist nicht nur aramäisch, sondern auch dänisch, finno-ugrisch, uigurisch und auf Bantu predigen konnten; – Pfingsten ist daher auch bekannt als Tag des Zungenredens vulgo der Dolmetscher – Gruß an Chris nach UK!), aber den katholischen Fronleichnam muß auch ich immer mal wieder nach-googeln, weil es sich dabei um eine schon recht abgefahrene theologische Spinnerei handelt: An diesem auch als „Blutfest“ oder „Corpus Christi“ bekannten Fest feiert man die leibliche Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie.

Wenn Ihr auch das nicht kapiert, müsst Ihr halt mal eine katholische Heilige Messe buchen und Euch anschauen, was da abgeht, Freunde! Wenn der Mann mit dem kostbarsten Gewand da vorne auf der Bühne mit so einer Schelle klingelt, die Schale mit den Hostien-Oblaten hochhebt und dabei murmelt: „Hoc est corpus meus“ („Dies ist mein Leib“), dann meint man in diesen Kreisen, sei eben dieser Leib des Leibhaftigen, Quatsch, des Herrn, bzw. der von seinem Sohn, da irgendwie konkret und krass am Anwesen. Das schlichte Volk, des Kirchenlateinischen kaum mächtig, verstand bei der Priesterformel immer nur „Hokospokus“, womit, letzten Endes, darüber auch schon so ziemlich alles gesagt ist.

Wenn alle Brückentage abgefeiert sind, ist definitiv Sense, dann ist im Lande große Pause, dann sind Nasebohren, Haareraufen und Nägelbeißen angesagt, – eine Periode oder Phase großer Gefahr im übrigen, denn anthropologische Forscher haben herausgefunden, daß der gemeingefährlichste Unfug unter Humanpopulationen zumeist aus Langeweile veranstaltet wird, wofür der katholische Hokuspokus ja nur ein einfaches Beispiel ist. Aus Langeweile werden Rauschmittel eingenommen, Ehen geschlossen oder gebrochen, Kriege geführt, oder es wird wenigstens von den Nachbarn andauernd gegrillt – meine Terrasse ächzt seit Tagen unter den Miasmen verkohlten, innen noch blutigen Schweinefleisches (von wegen saure Gurken!), oder, besonders perfide, es riecht ganz mörderisch nach verschmorten Sardinen! Das ist doch widerlich! Lassen Sie das! Ich will den feinen Aromen frischen Spargels nachschmecken! Gegen Sie weg mit Ihrem blöden Fisch da!

So, da bin ich wieder, mußte nur eben was über die Hecke rufen. – Befreit vom Zwang, sich über Langeweile zu beklagen, sind an diesem Wochenende allein die Bewohner der wunderschönen Karl-May-Stadt Radebeul bei Dresden. Über diese lese ich heute auf der Wikipedia-Startseite: „Die Wein-, Villen- und Gartenstadt mit ihren acht historischen Dorfkernen und zwei Villenquartieren liegt nordwestlich von Dresden zwischen der Elbe im Süden und den Weinhängen der Großlage Lößnitz im Norden“. So weit, so gut, aber jetzt die Frohe Botschaft für alle Blutsbrüder Winnetous und Apanachis: „Die Schmalspurbahn Lößnitzdackel, die durch den tief eingeschnittenen Lößnitzgrund Richtung Moritzburg und von dort weiter nach Radeburg fährt, wird an diesem Wochenende im Rahmen des Fests wieder von Indianern überfallen“! – Wird das vielleicht Schule machen? Nun, wie wir Medienmenschen gerne sagen: Man darf gespannt sein!

PS: Zum Wochenendausklang für meine agnostischen Freunde noch ein hübsches Liedchen: ERDMÖBEL mit „Einer wie wir“ („If God were one of us“)

 

 

 

 

Bloß kein Buch schreiben!

12. Mai 2009
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Nicht wirklich oft, aber hier und da mal werde ich gefragt, ob oder wann es mich als Buch gäbe. Jedesmal bin ich ja nicht wenig geschmeichelt, – obwohl meine Lebensplanung sich heute längst nicht mehr darum dreht, ein „Schriftsteller“ und „berühmt“ zu werden. Ich habe auch ohne schriftstellerischen Ruhm genug Frauen „kennengelernt“, und den Versuch, „sich einen Namen zu machen“, habe ich aufgegeben, als ich merkte, daß meine Ich-Schwäche, die ich damit eigentlich beseitigen oder kompensieren wollte, gar nichts Schlechtes, sondern vielleicht das Beste an mir ist.

Anders gesagt: Einerseits liebe ich Bücher, und mein Arbeitszimmer ist vollgestopft damit (vgl. Foto), andererseits hat sich bei mir in den letzten Jahren die para-taoistische Einstellung durchgesetzt, daß Bücher auch überschätzt werden und es überdies ein wenig unhöflich ist, welche zu veröffentlichen.

Wenn man nicht schon aus dem Fernsehen bekannt ist, macht es unheimlich Arbeit, das Buch zu bewerben, den Autoren zu promoten und allgemein hinreichend Wind zu machen, um das Buch zu verkaufen; ich müßte auf Lesungen in muffige Stadtbüchereien und Kulturkneipen, wo Studienrätinnen und Zahnarztwitwen immer an den falschen Stellen lachen, und womöglich auch noch ins Fernsehen zu allen erdenklichen Talk-Shows, wo ich eine zutiefst klägliche Figur machen würde, da mir richtig gute Antworten mangels Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart immer erst lange nach Sendeschluß einfielen. Man würde mich für einen Autisten halten, für einen Stoffel oder einen medikamenten-bedröhnten desorientierten alten Sack, und das möchte ich nicht! Außerdem wäre ich abends dann nie zuhause, und ich habe das Gefühl, einem gedeihlich-beschaulichen Eheleben wäre das bestimmt abträglich!

Außerdem, wenn man es geschafft hat, einem Verlag das eigene Buch aufzuschwatzen, muß man Ehrgeiz entwickeln und Schamlosigkeit, man muß damit vor jeder verfügbaren Kamera herumfuchteln und sich besser finden als die rund anderthalb tausend anderen guten Schreiber, die es gibt. Ferner muß man ertragen, daß über einen der größte Mist in die Presse kommt, wie etwa kürzlich über die erfolgreiche Schriftstellerien Julia Zeh, in der sie dafür gelobt wurde, die „Doppelbelastung (!) als Feministin (!), Autorin und alleinerziehende Mutter“ zu bewältigen. Wenns weiter nichts ist! Ich meistere täglich die Multibelastung als Stiefvater, Skeptiker, Anarchist, Seinsfrömmler und Humorist, und ich mache doch auch kein Geschrei darum!

Unhöflichkeit droht, wo man so dazu gedrängt wird, andere Menschen zu nötige, das Buch zu kaufen. Bücher kosten relativ viel Geld, und daher würden viele Käufer denken, „jetzt hab ich so viel Geld für den verdammten Wälzer ausgegeben, jetzt muß ich es auch lesen!“, und das wäre kein Lesemotiv, daß mich erfreuen könnte. Bedeutend bescheidener und höflicher scheint es mir, seinem Ausdrucksbedürfnis im Internet per Blog die Zügel schießen zu lassen. Da muß man sich nicht mit Lektoren, PR-Fritzen und Vertriebsschefs herumschlagen, und jeder kann selbst entscheiden, ob er mein Zeug wirklich lesen möchte oder daran lieber kopfschüttelnd oder leise lächelnd seitlich vorbeigehen möchte.

Ja aber, ja aber! sagen jetzt welche: „Dann hast du aber nicht mehr als 78 Leser, und auch nur, wenn das Wetter schlecht ist und die Leute im Büro am PC herumspielen, und Ruhm kannst du dir abschminken!“ Das ist es ja! Früher, als ich mich an Hölderlin und Rilke berauschte, an Tucholski und Alfred Polgar, an Robert Walser und Franz Kafka, an Karl May und Eckard Henscheid, da dachte ich bei mir noch: „Ja, Ruhm! Das wäre etwas extra feines!

Aber im Ernst, Leute, wer ist heute berühmt? Hape Kerkeling ist heute berühmt, Dieter Bohlen oder Mario Barth. Allein um die Auflagenzahlen dieser Hohlgeschosse zu übertreffen, müßte man Milliarden von Lesungen und Talkshowauftritten meistern! Und wofür? Um dann beim Bäcker schüchterne Seitenblicke zu ernten, auf der Buchmesse unzählige Wangen-Küsschen und im Taxi dann Fragen zu hören wie „Sind Sie eigentlich verwandt mit diesem FRANZ Kraska?“

Nein, da liegt kein Segen drauf. Außerdem habe ich keine Botschaft. Man muß ja eine Botschaft zu sagen haben, warum sollte man denn sonst die Leute belästigen? Eine gute Message wäre zum Beispiel, daß moppelige Frauen ihren Körper lieb haben und zu ihren Schwächen stehen sollen; oder daß man ruhig mal eine Auszeit nehmen und nach Santiago de Compostela pilgern sollte, um herauszufinden, ob man evtl. katholisch ist. Eine andere zur Erlangung von Beliebtheit geeignete Botschaft wäre noch die, daß Männer und Frauen sich, aufgrund unüberbrückbarer Differenzen, nur selten verstehen. Doch all diese Botschaften sind bereits hinreichend im Umlauf, und mit Überzeugungen tue ich mich generell schwer. Wozu also Lärm schlagen, wozu Bäume fällen lassen, Papier verbrauchen, seinen Namen in die Welt posuaunen oder gar Frau Ulla Unseld-Berkéwicz vom Suhkamp-Verlag schöne Augen machen, damit ums Verrecken NOCH EIN Buch erscheint, das man sich dann schenken kann?

Am Ende wäre man rätselhafterweise doch berühmt geworden, vertränke, weil der Ruhm zu Kopfe gestiegen, Haus und Hof, müßte schon zu Lebzeiten seinen Nachlass ans Stadtarchiv verkaufen und das würde dann von der Erde verschluckt, abbrennen oder ein Raub der Fluten. Nein, es ist, wie der Prediger im Buch Kohelet, meinem Lieblingsbuch in der Bibel, gesagt hat: „Es ist alles ganz eitel und ein Haschen nach Wind!“.