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Deutsche Vokabeln (II, mit Bonus-Wort)

12. Dezember 2011
Aus meinem Vokabelheft

Eine deutsche Vokabel, die der in das Hiesige hereinschneiende Ausländer häufig hört, schon in der Flughafen-Lounge, wenn er dort evtl. mit einer attraktiven Mitreisenden ein galantes Gespräch anbahnen möchte, dann aber so schwer über die ungeschmeidigen Lippen bringt, dass er am Gelingen jener Anbahnung schier verzweifeln möchte, ist zweifellos: Beckenbodenmuskulaturtraining, ein Wort, mühseliger zu sprechen als zu tun, was es bezeichnet. Obwohl: Bis vor ein paar Jahren wusste ich auch nicht einmal, dass es so etwas gibt und ich das auch habe, diese spezielle Muskelgruppe, die man in der Beckenbodenmuskulaturtrainingsgruppe in Schuss halten kann oder sollte, wenn man später, in hohem Alter, noch Vergnügen an Kontraktionen empfinden möchte; wenn nicht, kann man aber auch Atemübungen machen. Es ist nicht zu fassen, wie viel Menschen 50, 60 Jahre alt werden müssen, bevor sie entdecken: Sie haben noch nie richtig geatmet! Wie? Was? Das sei ein ganz und gar anderes Thema? Ach was! Hier spricht wohl der superschlaue Beckenbodenmuskulaturtrainingsgruppenleiter, oder? Wie mich die Pedanten nerven! Mit der Wüstenrot-Wehrsportgruppe nach Brasilien, aber dann einen Puff nicht von einem Schwimmbad unterscheiden können, so etwas haben wir gerne! Im Alter habe ich gottlob noch besseres zu tun, als in Beckenbodenmuskulaturtrainingsgruppenleiterseminare zu rennen – ich sitz lieber im Hobbykeller und bastele deutsche Wörter mit Sekundenkleber und mache über der Tube schöne Atemübungen. Dum-dum-Delirium, fallera!

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Verrückte Welt, in der man von Leserinnen (na gut, immerhin Profi-Leserinnen) gesagt bekommt, was man schreiben soll. Frau Lakritze empfahl mir, das Wort verdrießlich zu traktieren, was ich ohne Verzug, auch ohne Verdruss in Angriff nehme. Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass man manche Worte nicht aussprechen kann, ohne das passende Gesicht dazu zu schneiden? Bei verdrießlich, besonders wenn man es auf der zweiten Silbe etwas hypochondrisch in die Länge zieht, unterläuft einem unvermeidlich so ein weh-grämliches Zahnschmerz-Gesicht mit Zwischen- bzw. Untertönen von Magendruck und Weltverachtung. Probiert das mal: verdriiiiiiießlich. Man schlüpft in das Wort und, traun, schon mutiert man zum Miesepeter, zur Spaßbremse, zum Nörgelrentner. Einem Schauspieler, der gern in einem skandinavischen Film engagiert werden möchte, von Lars von Trier oder Aki Kaurismääki etwa, dem empföhle ich, vor dem Casting rund achthundert Mal mit Emphase dieses Wort zu deklamieren: verdrießlich.

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Eine hübsche Petitesse fand ich vor Jahren in einer alten Schachtel auf dem Dachboden: mieselsüchtig. Ein Adjektiv, das noch mit Goethe zur Schule gegangen ist. Im Internet von heute wird es als „Fremdwort aus dem Österreichischen“ gehandelt. Ha! Es bedeutet so etwas ähnliches wie nörglerisch, grantelig, von negativen Einstellungen umdüstert. Mieselsucht wird aktuell nicht mehr gern gesehen. Selbst verkrebste Greise in ihren Siechenheimen müssen heute scheinfroh in die Hände klatschen und ganztags kindische Lieder singen, oft unter Anleitung bulgarischer Pflegerinnen mit Damenbart! Die letzten Männer, die der Mieselsucht noch sarkastische Grandezza zu verleihen wussten, waren Waldorf und Stattner, die beiden Opas aus der Muppet-Show. Allein, speziell im Salzburgischen freilich, wo das Wort mieselsüchtig unter den berühmten Salzburger Kropfzwergen noch dieser Tage gebräuchlich sein soll,  hat es die Bedeutung „schwächlich“, „kränklich“. Damit das auch noch gesagt ist und dereinst jenem Unerschrockenen nützen und frommen möge, der sich ins Salzburgische traut. Ist ja auch nicht alles eitel Nockerln dort.

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Als Bonus-Track, Dreingabe für alle Nekromanten, Gastronauten und Spagyriker, Thaumaturgen, Theosophen und Obertoncineasten serviere ich, bevor es endgültig ausstirbt, als Gruß aus der Vokabel-Küche noch dieses Amuse-Gueule: intrikat. Hors de doute ein schmuckes, ja kleidsames Wort, wenn auch etwas abgehangen; der verbale haut goût schmückt aber ungemein. Es macht einen Unterschied von ca. 3,8G (= Guttenberg, intern. Maßeinheit für Blender-Vokabeln) ob man sagt: „Von diesem Gebiet hab ich null Ahnung“, oder wägend das Kinn reibt, um nach angemessener Bedenkzeit zögerlich zuzugeben: „Nun wohl, dies ist eine intrikate Materie, für wahr…“ Die Vokabel ist aber auch von zaubrischer Wirksamkeit, wenn man gar nicht weiß, was sie bedeutet – sie ist aus sich heraus irgendwie delikat, intrigant und intrinsisch undurchsichtig, flirrend und verwirrend, genau wie das, was sie bezeichnet!

Kleist rockt! Annonce

29. April 2011

Heinrich von Kleist, König des Nebensatzes

Es soll dem Vernehmen nach aber in dem neblichten Gaue, wo das Westfälische und das Niederheinische sich zur vagen Vermischung und Durchdringung treffen und in ein konfus hybrides Landschaftsgemenge – nicht sowohl der Hügel und Auen, als vielmehr auch der Herzen und Seelen – sich zur Vereinigung anschicken, einer brav schwarzbrot-kartoffeligen deutschen Region also, die bekanntermaßen, wiewohl gefährdet und angeteufelt durch die bedrohliche Nähe des französischen Erbfeindes und der verderbten Niederlande, durchaus vaterländisch treu und biedertrotzig sich, weiter dem Gerüchte nach, recht wacker als teutsches Grenzrayon durchgeschlagen hat, und zwar in einer von welschem Wein-Genuss noch unangekränkelten Bierbrauerstadt mit dem altholländisch-schollerndem Namen Duisburg, ein entlaufener Magister, Ex-Theolog und Gelehrter der sieben Artes Liberales sich einigermaßen wohl befinden und derohalber dort seine irdische Frist hinbringen, der auf den Namen Bruno Kraska, wenn auch vielleicht nicht recht höret, so doch mittels dieses immerhin amtsbekanntermaßen bestätigten Titulus behördenkundig sein soll, welchselber Skribent, wie das Gerücht will, der seltenen magischen Kunst einigermaßen kundig sei, Sätze zu drechseln, wie komplex, interpunktionsreich und schwurbelig sie sonst nur der berühmte abgebrochene Student der Kameralwissenschaften und altpreußische Adelssproß Heinrich von Kleist hätte hinbekommen, dem in diesem Aufsatze zuvörderst das höhere Andenken mehr und rechtlich gehöret, welchselbes Gedächtniß und frommes Angedenken sich nicht zuletzt aus jener erschröcklichen That ableitet, die sich vor zweihundert Jahren am Ufer des Kleinen Wannsees, dem von den Bauern Stolper Loch genannten Gewässer, zutrug, jedem Christenmenschen zum Grauen,  allwo nämlich besagter Kleist, Sproß einer hochangesehenen Familie, die sonst unzählige Generäle, Majore und gar einen Feldmarschall hervorbringen durfte, im Falle des armen Heinrich aber nur einen zu Lebzeiten erfolglosen Dramatiker und Novellendichter, Projektemacher und Pläne-Zernichter, dem, wie er selbst mit eigener Hand schrieb, „auf Erden nicht zu helfen“ gewesen, sich, in Begleitung einer gewissen Frau Vogel, mit Hilfe eines Pistol selbst entleibt hat. Leider!

Hüte sich aber das verehrte Publikum, diese That für den ganzen Mann zu nehmen, welcher nämlich ein zwar unaufgeräumter, doch überragend heller Kopf gewesen, ein Meister, Magier und Machthaber der deutschen Zunge überdies, dem wir markerschütternde Tragödien, heiterste Lustspiele und atemberaubende (besonders beim Vorlesen!) Novellen verdanken, mit denen füglich das unreife Schulvolk bis zum Abwinken traktiert werden sollte, dergestalt, daß die Jugend einmal merken wolle, wie wenig die deutsche Sprache auf die leichte Schulter genommen werden könne, in Sonderheit zu gegenwärtigen Zeiten, wo das Heilige Idiom Goethens, Schillerns und eben auch und gerade Kleistens in arge Gefahr geraten ist, von den barbarischen Lauten des Englischen oder Osmanischen überflutet, erobert und zuschanden geritten zu werden, sodaß eine finstere, geistferne Zeit einzutreten droht, in der man Kleistens Werk schon kaum noch lesen, geschweige denn verstehen und würdigen dürfte. Dieses am Horizont dräuende Elend zu wehren und zu dessen Prävention beizutragen, indem er des Genius gedenke, hat sich oben bezeichneter Magister nun entschlossen, jenem Kleist einen Vortrag oder eine Vorlesung  zu widmen, einen rühmenden und ehrenden Aufsatz, den er zu gegebener Zeit, so er eben fertig geworden ist, spätestens aber im November dieses Jahres dem geneigten Publico, so es eben gebildet und auch willens ist, zu hören, unterbreiten wird, versprochen und Ehrenwort!

Sollten aber die Gebildeten Anstoß nehmen und in Atemnot geraten ob der naturgewaltigen Hochflut in einander geschachtelter Nebensatzkonstruktionen, dergestalt dass sie dem Überdruß nahe, das Mitdenken einzustellen drohten, wäre, in diesem Falle, weil er auch an die Geneigtheit seiner Mitbürger angewiesen ist, der Autor bereit, sich dazu zu bequemen, gewisse Kürzungen vorzunehmen, ja, sich sogar zu einer preußisch-militärischen Breviloquenz zu verstehen, indem er das Thema seiner Abfassung auf einen spitz gesetzten Punkt bringt: KLEIST ROCKT!