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Deutsche Vokabeln (II, mit Bonus-Wort)

12. Dezember 2011
Aus meinem Vokabelheft

Eine deutsche Vokabel, die der in das Hiesige hereinschneiende Ausländer häufig hört, schon in der Flughafen-Lounge, wenn er dort evtl. mit einer attraktiven Mitreisenden ein galantes Gespräch anbahnen möchte, dann aber so schwer über die ungeschmeidigen Lippen bringt, dass er am Gelingen jener Anbahnung schier verzweifeln möchte, ist zweifellos: Beckenbodenmuskulaturtraining, ein Wort, mühseliger zu sprechen als zu tun, was es bezeichnet. Obwohl: Bis vor ein paar Jahren wusste ich auch nicht einmal, dass es so etwas gibt und ich das auch habe, diese spezielle Muskelgruppe, die man in der Beckenbodenmuskulaturtrainingsgruppe in Schuss halten kann oder sollte, wenn man später, in hohem Alter, noch Vergnügen an Kontraktionen empfinden möchte; wenn nicht, kann man aber auch Atemübungen machen. Es ist nicht zu fassen, wie viel Menschen 50, 60 Jahre alt werden müssen, bevor sie entdecken: Sie haben noch nie richtig geatmet! Wie? Was? Das sei ein ganz und gar anderes Thema? Ach was! Hier spricht wohl der superschlaue Beckenbodenmuskulaturtrainingsgruppenleiter, oder? Wie mich die Pedanten nerven! Mit der Wüstenrot-Wehrsportgruppe nach Brasilien, aber dann einen Puff nicht von einem Schwimmbad unterscheiden können, so etwas haben wir gerne! Im Alter habe ich gottlob noch besseres zu tun, als in Beckenbodenmuskulaturtrainingsgruppenleiterseminare zu rennen – ich sitz lieber im Hobbykeller und bastele deutsche Wörter mit Sekundenkleber und mache über der Tube schöne Atemübungen. Dum-dum-Delirium, fallera!

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Verrückte Welt, in der man von Leserinnen (na gut, immerhin Profi-Leserinnen) gesagt bekommt, was man schreiben soll. Frau Lakritze empfahl mir, das Wort verdrießlich zu traktieren, was ich ohne Verzug, auch ohne Verdruss in Angriff nehme. Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass man manche Worte nicht aussprechen kann, ohne das passende Gesicht dazu zu schneiden? Bei verdrießlich, besonders wenn man es auf der zweiten Silbe etwas hypochondrisch in die Länge zieht, unterläuft einem unvermeidlich so ein weh-grämliches Zahnschmerz-Gesicht mit Zwischen- bzw. Untertönen von Magendruck und Weltverachtung. Probiert das mal: verdriiiiiiießlich. Man schlüpft in das Wort und, traun, schon mutiert man zum Miesepeter, zur Spaßbremse, zum Nörgelrentner. Einem Schauspieler, der gern in einem skandinavischen Film engagiert werden möchte, von Lars von Trier oder Aki Kaurismääki etwa, dem empföhle ich, vor dem Casting rund achthundert Mal mit Emphase dieses Wort zu deklamieren: verdrießlich.

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Eine hübsche Petitesse fand ich vor Jahren in einer alten Schachtel auf dem Dachboden: mieselsüchtig. Ein Adjektiv, das noch mit Goethe zur Schule gegangen ist. Im Internet von heute wird es als „Fremdwort aus dem Österreichischen“ gehandelt. Ha! Es bedeutet so etwas ähnliches wie nörglerisch, grantelig, von negativen Einstellungen umdüstert. Mieselsucht wird aktuell nicht mehr gern gesehen. Selbst verkrebste Greise in ihren Siechenheimen müssen heute scheinfroh in die Hände klatschen und ganztags kindische Lieder singen, oft unter Anleitung bulgarischer Pflegerinnen mit Damenbart! Die letzten Männer, die der Mieselsucht noch sarkastische Grandezza zu verleihen wussten, waren Waldorf und Stattner, die beiden Opas aus der Muppet-Show. Allein, speziell im Salzburgischen freilich, wo das Wort mieselsüchtig unter den berühmten Salzburger Kropfzwergen noch dieser Tage gebräuchlich sein soll,  hat es die Bedeutung „schwächlich“, „kränklich“. Damit das auch noch gesagt ist und dereinst jenem Unerschrockenen nützen und frommen möge, der sich ins Salzburgische traut. Ist ja auch nicht alles eitel Nockerln dort.

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Als Bonus-Track, Dreingabe für alle Nekromanten, Gastronauten und Spagyriker, Thaumaturgen, Theosophen und Obertoncineasten serviere ich, bevor es endgültig ausstirbt, als Gruß aus der Vokabel-Küche noch dieses Amuse-Gueule: intrikat. Hors de doute ein schmuckes, ja kleidsames Wort, wenn auch etwas abgehangen; der verbale haut goût schmückt aber ungemein. Es macht einen Unterschied von ca. 3,8G (= Guttenberg, intern. Maßeinheit für Blender-Vokabeln) ob man sagt: „Von diesem Gebiet hab ich null Ahnung“, oder wägend das Kinn reibt, um nach angemessener Bedenkzeit zögerlich zuzugeben: „Nun wohl, dies ist eine intrikate Materie, für wahr…“ Die Vokabel ist aber auch von zaubrischer Wirksamkeit, wenn man gar nicht weiß, was sie bedeutet – sie ist aus sich heraus irgendwie delikat, intrigant und intrinsisch undurchsichtig, flirrend und verwirrend, genau wie das, was sie bezeichnet!

Deutsche Vokabeln (I)

12. Dezember 2011

Aus meinem Vokabelheft

Es gibt Wörter, die einen, sofort wenn man sie liest, umgehend wissen lassen, dass man auf irgendeine sei es offene, sei es heimtückische Weise betrogen werden soll. Ein solches Wort ist: lichtdurchflutet. Kein normaler Mensch, der seine Groschen beieinander hat, benutzt dieses Wort! Es wurde ausschließlich für Makler, Inneneinrichter und anderes Immobiliengelichter hergestellt, um Bauerntölpel hereinzulegen oder wehrlose Witwen mit Feng-Shui-Spleen zu betören, ein Wort, das seinen windigen Charakter mit Lava-Lampen, Lametta und Lavendel-Raum-Deo teilt. Wozu Inneneinrichter da sind, möchte ich ja auch mal wissen. Wer ist denn zu blöd, sich selber ein paar Möbel und etwas Geraffel ins Zimmer zu stellen? Lichtdurchflutet entstammt jedenfalls, glaub ich, der beschränkten Phantasie von ausgebrannten Herstellern von Margarine-Werbefilmen, wo immer diese intakte blonde Familie unter einem Apfelbaum im Garten sitzt und Margarine frühstückt. Manchmal vielleicht zur Abwechslung unter einer Kastanie oder einem Walnussbaum, auf jeden Fall ist es immer das gleiche pausbäckige Gesundheits-Pack, das sich auf Teufel komm raus Brote schmiert, immer bloß Margarinebrote, mit nichts weiter drauf, weil das gute Laune macht. Die Szene ist generell lichtdurchflutet, weil Margarinestullen im Dunklen nicht schmecken und zu sehr an schlechte Zeiten erinnern. Ansonsten sind die Wartezimmer von Psychotherapeuten natürlich zwangsläufig lichtdurchflutet, weil Ikea-Möbel viel Sonne brauchen, um nicht zu Staub zu zerfallen; hinter der Polstertür lauern indes in dunklen Höhlen gescheiterte Freud-Jünger darauf, dass man zu ihnen eine Übertragungsliebe entwickelt. Deprimierend.

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 Ein Wort mit verblüffender Ausstrahlung ist Klemmbrett. Es spiegelt das irgendwie verklemmte, klamme, ängstlich sich anklammernde Bürokratenseelchen perfekt wieder, das mit einem solchen ängstlicherweise ausgerüstet ist, weil es immer in der Furcht lebt, dass seine Zettelwirtschaft durcheinander kommt; beklemmend verklammert damit das dünne, dennoch kaum zu bohrende verholzte, blickdichte Brett, eine ärmliche, eckige, sperrige Existenz, das Laptop des kleinen Mannes, die Wichtigkeitsattrappe einer verbohrt bestirnten Papier-Existenz: Voilà, un Klemmbrett! Wort, Gegendstand und Wichtigmann bilden eine Einheit, derart fulminant und desaströs zu gleich, dass ich schon lachen muss, wenn ich bloß das Wort höre: Klemmbrett. Außerdem klingt es wie ein preußischer Kasernenhof-Imperativ, schnarrend und herrisch: Klemm, Brett! Und Brett klemmt natürlich aufs Wort.

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 Ein Adjektiv, das mich als Kind auf unklare, vage Weise geängstigt, oder doch merklich beunruhigt hat ist fleischfarben. Ein gleißnerisches, listiges, verschlagenes Transen-Wort, das so sinnlich-konkret herausgeputzt ist, in Wahrheit aber gar nichts besagt, denn Fleisch hat ja gar keine Farbe! Bzw. alle möglichen Farben von dunkelbraun über tiefrot bis fast weiß, je nachdem ob rare, durch oder medium. Wie also nun? Unsere Mütter trugen fleischfarbene Hüfthalter. Heute halten Hüften von alleine oder sie werden ratzfatz durch künstliche ersetzt. Wer sich nicht entblödet, ein fleischfarbenes Trikot zu tragen, offenbart seine heuchlerische Gesamtverfassung – er will nackt aussehen, aber nicht nackt sein. Man stelle sich das vor: Fake-FKK! Ein ganzer Strand mit Leuten, die fleischfarbene Badekleidung tragen (und jeden Tag einen Ton dunkler?). Wer möchte denn so etwas? Wer fleischfarben sagt, meint eigentlich mitteleuropäisch-hautfarben, also so ungefähr käsig-beige-rosa. Warum Frauen früher immer Unterwäsche von solcher Farbe trugen, habe ich nie verstanden. Schwarz war verrucht, lila war nuttig, chamois war mondän: fleischfarben war nur Mutti.

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 Wäre letzteres womöglich eine frivole Behauptung? Frivol, wiewohl und obschon ein sittlich motiviertes, anstandsgeschwängertes Wort der Mahnung und Kritik, wird nicht mehr viel verwendet, ja kaum noch verstanden, weil der dem Wort zugrunde liegende Straftatbestand uns irgendwie abhanden gekommen ist. Das Wörtchen grassierte in der Zeit, als Lieder wie „Püppchen, du bist mein Augenstern“ oder „Ich möchte’ dein Badewasser schlürfen“ die Charts stürmten. Sein Strumpfband zeigen, Champagner aus Pumps trinken, sexualitätsbezogene Songs grölen – das galt mal als frivol. Später, nach dem Krieg, wars mal grade noch frivol, wenn man auf Opas Beerdigung eine flotte Polka auf dem Schifferklavier spielte. Und heute? Im Zeitalter des schwülen Digital-Porno, der schwulen Schwundminister und schwadronierenden Schwindeldoktoren schwand uns der Sinn für das schwierige Wort. Nun ist es fast fort. Wie gern wär ich noch ein bisschen frivol!

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Vielleicht, indem ich hartleibig und uneinsichtig weiterhin die bezaubernde Vokabel Friseuse verwendete? Was für eine brausepulverhafte, süß-selig säuselnde, sirrende, sirenenhafte Sehnsuchtsvokabel! Schon das Wort duftete berauschend, erregend, auf Jugendliche sogar beinahe aufpeitschend. Jetzt ist es schnöde verboten wie Negerschnitzel und Zigeunerkuss; wers noch gebraucht, gilt als uncharmant und altbackener Hagestolz. Friseuse – das reimte sich auf nichts, das war sanft, liebenswürdig und schmiegsam wie, äh, wie…Wie liebte ich das Wort einst und die holden Weiblichkeiten, die es mit Würde trugen! – Friseurinnen? Wie hört sich das denn an! Man sagt doch auch nicht Friteurin, Diseurin oder Chanteurin! Für die Kopfmassage bei einer Dame, die ich noch Friseuse nennen dürfte, zahlte ich voll Aufpreis! Und, um mal etwas frivol zu werden, ich sag zu einer Möse auch nicht Möhrin! Ach, die alten Wörter! – Demnächst möchte ich über die famose Interjektion ach etwas schreiben. Ach!

Über sprachliche Verbringungsarten

13. Oktober 2011

Trotz Orden: Goethe sprach nicht bundeswehrisch!

Meinen Abi-Nachhilfis, die im Migrationshintergrundsumpf stecken geblieben sind, pflege ich immer zu predigen: Leute! Kiddos! Bambini! Çocuglarım! أطفال 

– lernt mit Fleiß fremde Sprachen! Wobei ich mit „fremd“ jetzt durchaus nicht eure Muttersprache sowie die einstweilen hiesige meine, die solltet ihr eh beherrschen, sondern noch ganz andere! Pfingstliche Polyglossalie gehört zu den skills, die ihr bringen müsst, um auf dem Arbeitsmarkt mengenmäßig krass viel unbezahlte Praktika zu ergattern! Wer von Lissabon bis Islamabad an der Rezeption in der jeweiligen Landessprache Beschwerde über das defekte Klo führen kann, oder gar in fließend Einheimisch zu monieren imstande ist, es hänge „da oben anner Decke so’n komisches Tier“, – aus dem wird mal was!

Meine eigene Sprachbiographie widerspricht dem allerdings. Ich musste zunächst Sprachen von Ländern lernen, in die ich entweder nie hin – oder aus denen ich schon immer weg wollte: Latein, Altgriechisch, Plattdeutsch, Urdu. Vorerst lernte ich aber Schulenglisch, leider bei einem ultra-extrem oxfordianischen Oscar-Wilde-Anhänger, mega-sophisticated, aber mit der Folge, dass ich noch Jahre später, in Chicago, Illinois, wo ich vorübergehend kurz Wohnsitz nahm, überall für schwul gehalten wurde. Nicht schlimm eigentlich, es sei denn, man hatte sich vorgenommen, das überaus faszinierende Volk der US-Amerikaner kennenlernmäßig von der weiblichen Seite her aufzurollen.

Zuvor schon hatte ich mich zunächst aufs Italienische gestürzt, wegen einer venezianischen Verlobten namens Luigiella; dann, weil ich als Historik-Student der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, zwecks höherem Verständnis der dänischen Arbeiterbewegung,  einen Schein in der Sprache unserer Erbfeinde machen musste, lernte ich im Chrash-Kurs Dänisch, was mir so lala zu gute kam, als ich mich in Mittelschweden als Strohrum-Schmuggler-Gehilfe  zu orientieren hatte. Eine unausschöpfliche Quelle kindlichen Vergnügens hingegen besteht im Geddo darin, türkisch zu verstehen, es sich aber nicht anmerken zu lassen. Türken sind unglaublich vertrauensselig!

Natürlich kann man sein Leben auch damit zubringen, Deutsch zu lernen. Ich kann Goethe-Deutsch, Geddo-Speak, ein bisschen Ärzte-Sprache (das haben die gar nicht so gern, wenn man mit ihnen in ihr eigenen Kauderwelsch plaudert!) sowie ganz gut juristisch, wenn auch nicht fließend. Jetzt habe ich mir vorgenommen, noch Bundeswehrisch zu lernen, denn das bietet einem völlig neue Perspektiven. Zum Beispiel: Wie heißt es auf bundeswehrisch, wenn einer unserer geheimen KSK-Kämpfer in Afghanistan mit dem Fallschirm abspringt? Das heißt, ehrlich wahr jetzt: „Verbringungsart: vertikal“, und zwar tunlichst unter Verwendung eines „luftbeweglichen Starr- oder Drehflüglers“ (deutsch: Flugzeug oder Hubschrauber), welcher zumeist dem „Eigenbestand“ entnommen wird. Dem Taliban seine Toyata-Pickups zu mopsen nennt man hingegen „Fremdgewinnung einsatzfähiger Transportmittel aus gegenerischen Beständen“.  

Natürlich darf so nur ein Staatsbürger in Uniform sprechen; alle anderen würden wohl in die Klappse gebracht, wobei die Verbringungsart eher horizontal sein dürfte.

Nationalmigräne (Umdenken)

4. Juli 2011

Dynamisches Wachstum mit internationalem Flair

Neulich im Geddo: Einer unserer vorletzten Wurzeldeutschen hat Nationalmigräne und bepöbelt auf der Straße einen der allfällig Maulaffen feilhaltenden Almancılar. In sein Handy, mit dem er angeblich die Polizei ruft, bölkt er empört: „Kommen Sie sofort! Mich belästigt hier ein Ausländer! Ein AUSLÄNDER!!“ – So siehts aus bei uns: Selbst belästigt werden möchte man lieber von seinesgleichen. Ist ja auch ein offenes Geheimnis: Die Belästigungsqualität ist stark gesunken durch den Zuzug von Migranten, die nicht alle die Belästigungsqualifikation von selbstbewussten Anatoliern oder geburtenstarken Roma-Bulgaren besitzen. Schwarzafrikaner, Tamilen, Kroaten, selbst Ägypter sind praktisch gänzlich molestifikationsunfähig!

Ach, na ja, das Geddo! seufze ich wohlig vor Mieselsucht: Hier kriegt man Nörgelgründe, die für ein lang-langes Rentnerleben reichen! Zwielichtiges Gesindel allerorten, chauvinistische Blicke, unverhohlen verhüllte Frauen, gewetzte Messer, gefletschte Zähne. Anarchischer Müll türmt sich an jeder Ecke, halbwilde Kinderhorden terrorisieren die Ruheständler, das Viertel verschlampt, verroht, verwahrlost. Die Toleranzschwellen sind längst überschwemmt, hier hilft nur noch Indolenz und Ignoranz. Wenn nicht sogar Intransigenz. So dachte ich bis her.

Es ist aber alles ganz anders. In einer Immobilienannonce las ich jetzt von meinem einzigartigen Privileg: Ich lebe gar nicht, wie immer gedacht, im multi-ethnisch asozialen Problem-Brennpunkt, sondern in „einem dynamischen multikulturellen Viertel mit internationalem Flair“! Oha, oder wie man in meiner norddeutschen Heimat sagt: Ohauaha! Jetzt geht es mir wie Omid Djalili in seiner Filmkomödie „Alles koscher!“, wo er nach 40 Jahren als pakistanischer Moslembruder in London erfahren muss, dass er bloß adoptiert – und in Wahrheit ein blutsgebürtiger Jude ist: Oi! Ich muss umdenken, unbedingt flexibler werden, möglicherweise sogar, wie es im Medien-Werbe-Gequatsch jetzt immer heißt, „mich neu erfinden“!

Der römische Stoiker Epiktet hatt es schon vor knapp zweitausend Jahren gewusst: „Nicht die Verhältnisse beunruhigen uns, sondern unsere Ansichten über diese!“ Will sagen: Ändere deine Sichtweise und alles wird gut! Diese Kunst kreativer Umdeutung habe ich in letzter Zeit etwas vernachlässigt.

Ich habe das wie Pubertätspickel wuchernde Konglomerat von Spielhöllen, Dealer-Dielen, Nutten-Kaschemmen, Schmierinfektionspizzerien und osmanischen Wärmestuben scheeläugig beargwöhnt, anstatt die Dynamik des agilen Kleingewerbes zu würdigen; anstatt anzuerkennen, dass die südosteuropäischen Zwangsprostituierten hier immerhin völlig unverschleiert ihrem traurigen Gewerbe nachgehen, habe ich mich über Burkassen und Kopftuchmädchen echauffiert; mit finsteren Blicken bedachte ich den bulgarischen Schwarzarbeiter-Strich am Wanheimer Dreieck, anstatt mich über die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes zu freuen. Nicht mal das ultra-babylonische Sprachen-Gewirr, das den LIDL-Einkauf regelmäßig zum UNO-Erlebnis macht, konnte ich gutheißen! Innerlich geflucht sogar habe ich über Bäuerinnen, die nach dreißig Jahren hier noch immer nicht geschnallt haben, dass die Amtssprache vor Ort weder albanisch, bulgarisch, marrokanisch, libanesisch noch serbisch oder tamilisch ist, sondern, verdammt noch mal: deutsch. Stattdessen hätte ich mich schon seit langem am „internationalen Flair“ ergötzen können! Zumindest flair-mäßig steht Duisburg-Hochfeld nämlich Metropolen wie New York in nichts nach!

Seit kurzen trage ich nun zum exotischen Flair des Geddos bei, in dem ich eine deutsche Fahne aus dem Fenster hänge, was ich als galanten Tribut an die Frauen-Fußball-Nationalmannschaft verstanden wissen will. Bei Weltmeisterschaften erleide ich regelmäßig Anfälle von Patriotismus. Wie ein Pawlowscher Hund: Sobald ich durchtrainierte junge Menschen Kaugummi kauend der Nationalhymne („Brüh im Glanze“) lauschen sehe, bügle ich mein kleines Schwarz-Rot-Goldenes auf!

Falls wir das Viertelfinale überstehen, worüber ich mir nicht geringe Sorgen mache, hänge ich wieder, ich bin halt unverbesserlicher Intellektueller, die große schwarze Piratenflagge daneben, um mein nationales Bekenntnis ironisch zu brechen. Ob diese Subtilität von der Nachbarschaft gewürdigt wird, bezweifle ich allerdings. – Das kapieren die doch nicht, die Ausländer!

Konsonantenfrühstück. Zahngold & Adapterschlammassel

26. September 2010

Braucht wer'n A?

Im Geddo werd ich, wenn meine türkischen Nachbarn vielleicht mal bitte für EINEN Moment den Rand halten würden, häufiger mit dem Serbischen konfrontiert, einer Sprache, die zu lernen ich bislang den Mut nicht aufbrachte. Daß der Balkan wirtschaftlich nicht in die Gänge kommt, liegt daran, schätz ich, daß die ihr ganzes Geld in die Aufhäufung von Konsonanten gesteckt haben! Einen geschlagenen Nachmittag verbrachte ich neulich im Café Lipa, um mir von einem Montenegriner, einem Mazedonier und zwei Serben die jeweils von ihnen für richtig gehaltene korrekte Aussprache des simplen Wortes für Rinderschinken („pršuto“) beibringen zu lassen. Hörte sich an wie ein Seminar für Asthmatisches Niesen!

Fairerweise muß man zugeben: Von den Migranten zu verlangen, sich mal gefälligst der deutschen Sprache zu befleißigen, ist ja nun auch nicht ohne! Heute hypnotisierte mich am Frühstückstisch (– immerhin auch schon ein Substantiv mit zwölf Konsonanten, bloß einem Vokal und zwei Umlauten!) ein anderes Wort, dass sogar volle zwanzig Konsonanten einsetzt, davon gleich achtmal „s“ und viermal „f“! Das gibt es, echt! – Das Wort bohrte sich bandwurmartig in mein Hirn, als ich mich die Gattin bitten hörte: „Frau, bringst du aus der Küche noch die … Flüssigkeitssüssstoffflasche mit?“ – Also, läse ich so ein Wort als Ausländer, dächte ich bei mir: Manno, ich glaub, ich versuchs erstmal mit Englisch!

Bei meinem Konsonantenfrühstück (Wortsalat-Delikatessenbrunch, 18 Konsonanten!) fiel mir Schlehmil ein, die Figur aus der Sesamstrasse (im Original: Lefty, the salesman), ein irgendwie schmieriger Schwarzhändler im langen schwarzen Mantel, der Ernie immer Buchstaben verkaufen will („Hey, du! Psst! Brauchst’n A?“). Zumeist handelte es sich um Gebrauchtbuchstaben zwielichtig zweifelhafter Herkunft.

Schlehmil resp. Lefty, the salesman, scheint sich, seit ein paar Jahren schon, bei uns am Rande des Geddos  niedergelassen zu haben. Hier betreibt er „Duisburgs erstes 2. Hand Kaufhaus“, das „ALLES“ verkauft und billig verscherbelt, „was gut ist und teuer war“. In der vollgestopften Räuberhöhle (ich bitte, das Wort rein metaphorisch zu nehmen!) türmt sich auf sich biegenden Regalböden tatsächlich so manches, für das irgendwer schon mal viel (oder, hihi, vielleicht ja auch gar kein) Geld ausgegeben hat: Luxus-Bikes, HiFi-Türme, Staubsauger, Bassgitarren, Telefonanlagen, Langspielplattensammlungen, Spielkonsolen, Kameras, Computerspiele, sowie das übliche (manchmal nicht unbedingt dazu passende) Zubehör an kollateralem Kabelsalat und Adapterschlammassel. Der Laden besitzt den Charme eines leicht verwahrlosten, außer Kontrolle geratenen Pfandleihhauses.

Als gläubiger Mensch (ich glaub unverbrüchlich an das Schlechte im Menschen) argwöhne ich immer, mit der Herkunft des Gebotenen könnte es sich in puncto Seriösität vielleicht verhalten wie mit Schlehmils geheimen Buchstabenladen, aber das wird ein Vorurteil sein, denn das Geschäft erfreut sich einer über die Jahre stabilen und offenbar einwandfrei legalen Existenz. Ich selbst habe bislang hier zwar noch nichts ge- oder verkauft, wurde aber bei subtil verwickelten Akku-Ladegerät-Anschlußkabel-Spezial-Buchsen-Problemen freundlich und kompetent beraten. Der Konsument, dessen Konsumwunsch wider Erwarten unbefriedigt bleibt (weil die gewünschten Buchstaben, etwa XY, gerade ungelöst, quatsch, nicht vorrätig sind) und der auch gerade kein Zahn- oder Bruchgold (was ist das eigentlich? Gold aus’nem Bruch?) zu Markte tragen möchte, erfreut sich dann aber vielleicht an der erwägenswerten Möglichkeit, sich im Hinterzimmer des Kaufhauses ungemein preiswert ein schönes Tattoo oder ein Piercing aus Zahngold verpassen, oder, wie das Plakat lockt, wahlweise ein Nasen- oder Ohrloch „schießen“ zu lassen. – Psst! Hey du! Brauchst’n Nasenloch?