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Immer milder: Kraska hat Klimawandel

14. April 2011

All along the watchtower: Vallah, klar lesisch Bibel!

Ich hab voll Klimawandel! Im Kopf! Die Gattin meint, ich würde immer cholerischer, dabei werde ich langfristig auch milder. Gestern Mittag in der klandestinen Denkstube reißt mich die Türglocke aus dem Denksport-Krafttraining. Verdammter Bengel, denk ich, weil Nachhilfeschüler Milan „kann“ immer noch „nicht Uhr“ und kommt gern, wenn er das Gefühl hat, es wäre vielleicht Zeit. Aber im Treppenhaus steht gar nicht Serbiens Sonnenschein, den hätte ich schon von weitem erkannt, weil er derzeit, wenn er die Stufen hochkommt, immer laut die Monatsnamen deklamiert, weil ich ihm gesagt hab, die nicht zu können sei für einen frisch gebackenen 8-jährigen voll Baby. Wenn nicht sogar Mädchen! Im Pädagogischen bin ich halt Autodidakt.

Vor der Tür steht vielmehr eine verhuschte Dame mittleren Alters, dezent schlammgrau Popeline-ummantelt, ungeschminkt und wetterfest; zwei Schritte hinter ihr ein älterer Herr (also sogar von mir her gesehen „älterer“), der ihr vage besorgt über die Schulter linst und mich präventiv etwas kummervoll betrachtet. Vielleicht handelt es sich um ihren im Dienst gebleichten Schutzengel. Beide wirken hier im tiefsten Geddo so schutzbedürftig deutsch, dass ich spontan brüderliche Instinkte in mir empor perlen fühle. Ob man eventuell, wenn es nicht sehr ungelegen käme, wispert Frau Graumann, mir wohl eine Frage stellen dürfe? Sie wusste ja nicht, dass ich als unterforderter Geistesmagister leidenschaftlich gern Fragen beantworte. Frag mich was, dann bin ich. Nun also, ahem, – ob ich denn die Bibel kennen würde, schon, vielleicht? Was ich nicht so mag, ist, wenn man mich für doof hält.

Dennoch antworte ich milde (!): Gute Frau, in diesem wunderlichen Buch habe ich bereits herumbuchstabiert und nach gewissen „Stellen“ gesucht, als Sie – ich ziehe charmant eine Braue hoch wie der frühe Mickey Rourke – mutmaßlich noch gar nicht auf Erden wandelten! Zudem setze ich Sie ungefragt noch in Kenntnis, dass ich als Religionsphänomenologe selbstredend auch Thora und Kabbala, Koran und Hadithe, tibetanische und ägyptische Totenbücher, ferner das Popul Vuh, das Gilgamesch-Epos, die griechischen Mythen, die buddhistischen Sutren und die taoistischen Schriften des Daodeking mit Fleiß studiert habe. Ferner verfüge ich über Grundkenntnisse der Gnosis, der Plotinischen Metaphysik, der Mystik des Dionysios Areopagita, der Schriften von…

… ich bremse erstmal ab, denn Frau Graumann schaut betreten auf ihre flachen Gesundheitsschuhe, während der ältere Herr Engel die Backen aufbläst und mich mit weit aufgerissenen Augen fixiert, als wäre ihm eben bewusst geworden, bei Dr. Mephisto persönlich geschellt zu haben. Pause. Dann ist das brave Aschenmuttel wohl durch mit der inneren Repitition ihrer Demutsregeln und setzt schüchtern nach: „Ja, aber wissen Sie auch, dass die Bibel praktische Hinweise zur Lebensführung gibt?“ Im Stillen denke ich: Nun ja, doch, schon, und ich bemühe mich zumeist, keinen von diesen Tipps arglos zu befolgen. Ich begehrte allerdings schon mancherlei Nächsten Weib, hatte gelegentlich Lust, meinen Sohn zu schlachten, hätte, gerade jetzt, wo die Steuernachzahlung droht, gegen ein Kalb aus eitel Gold nichts einzuwenden und die sieben ägyptischen Plagen habe ich meinen Mitmenschen auch schon an den Hals gewünscht. – Laut aber verweise ich darauf, als Philosoph und Geisteswissenschaftler leider ohnehin nicht mit praktischen Lebensfragen konfrontiert zu sein, und wenn doch mal, würde ich diese zumeist an die pragmatische Gattin überweisen, die sich mit Praxis auskennt.

Bekümmert bezeugt das verhärmte, sanfte Duo Verständnis für meine vermutlich irreversible Heidenhaftigkeit; mit dem letzten Schimmer verdämmernder Hoffnung fragt die Missionarsdame aber noch, ob man mir wenigstens ein Faltblatt andienen dürfe, als Denkanstoß und zwecks eventuell später noch einsetzender Bekehrung. Höflich unterdrücke ich die patzige Antwort, da trauten sie ihrem mickrigen Flyer aber eine Menge zu, nehme stattdessen das Blatt huldreich entgegen und wünsche noch einen Guten Tag. Schon hab ich die Tür geschlossen, da wird mir die Lage bewusst, weswegen ich sie, die Tür, wieder aufreiße und dem Pärchen hinterher rufe: „Und passen Sie bloß auf sich auf!“ – Mann! wissen die denn nicht, wo sie unterwegs sind? Hier wohnen 75% Muslime! Ich male mir aus, was Izmet, Muhammad, Asiz, Fuat und der dicke Erol antworten, wenn sie an der Tür gefragt werden, ob sie auch schön die Bibel lesen…

Schau an, denke ich, und das ist eben der Klimawandel bei mir, die guten alten „Zeugen Jehovas“! Entweder faszinierend unerschrocken oder echt nicht von dieser Welt! Irgendwie schon wieder rührend. – So milde bin ich geworden. Allerdings, wenn die tausendmal lästigeren, dreimal gottverfluchten Drücker-Ganoven klingeln, die mir zudringlich und schamlos trickbetrügerisch neue Vodafone-, O2- oder Telekom-Verträge   aufschwatzen wollen, dann solltet ihr mich mal hören. Da brülle ich los wie Luzifer, Leviathan und Behemoth zusammen, so dass die kleinkriminellen Nepper und Rentnerfängner glauben, der Tag des Zorns („dies irae“) sei angebrochen. Da bin ich cholerisch wie Jehova!

 

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