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Magister lacrimae

26. April 2012

Schönheit findet sich überall - selbst im Geddo!

Tränenlizenz – Kaum zu glauben: Selbst das stille Studierstubenleben eines eremitierten Rechtsschreibemönches ist noch dermaßen hektisch und unübersichtlich, dass man sich versehentlich abhanden kommen kann, vergesslichkeitshalber. Jetzt fand ich im Kohlenkeller etwa vergilbte Ausbildungsunterlagen, denen zufolge ich, seit neuerdings Geschlechterdiskriminierung verboten ist, praktisch als lizenziertes Klageweib arbeiten dürfte. Stimmt ja, ich habe damals bei der Koryphäe der Fundamentallamentologie, Arnold Winterseel, meinem unvergessenen Mentor und verehrten Traurigkeitslehrer, den magister lacrimae gemacht! Wer sich im Metier nicht auskennt: Ich bin dadurch befugt, nicht nur Kleinigkeiten zu betrauern, verlorene Schlüssel, entlaufene Ehefrauen oder verstorbene Haustiere, – ich darf vielmehr auch in großem Stil die menschliche Existenz beweinen, die sog. condition humaine und alles, bis hin zu Pestilenz, Krebs und Tod! Ich empfehle mich hiermit wärmstens der verehrten Kundschaft.

Was das kostet! –­ Der Sportkommentar wird mehr und mehr zum Gebiet der modernen Physik. „Die Bayern müssten jetzt Tempo machen! Aber das kostet Zeit!“ –  Und die krümmt sich in die Verlängerung.

Landleben – Ein Dorf in Südostwestfalen, in dem ich ermitteln muss. Oder nicht direkt ermitteln, sondern vielleicht bloß etwas mitteilen, so genau habe ich das nicht verstanden (Rauschen im Ohr). Man begegnet mir feindselig, bewirft mich mit Schimpftomaten, verkauft mir kein Bier und klebt mir herabsetzende Spottzettel auf den Rücken. Es herrscht Schützenfest oder Trödelmarkt, ein älterer Wallach wird versteigert und eine Horde angetrunkener Kleinwüchsiger umzingelt mich und versucht mir in die Schuhe zu urinieren. Ich fühle mich etwas unbehaglich, weiß dies jedoch wohl zu verbergen. Nur nichts anmerken lassen. Forsch und energisch trete ich auf wie ein echter Sonderbeauftragter oder Konfliktbereiniger,  beschwichtige, beruhige und schlichte. Allmählich legt sich die Volkswut. Man ignoriert mich jetzt – ein erster Erfolg meiner legendären Anpassungsfähigkeit! Ich mische mich unter die Eingeborenen, es sind ja auch nur Menschen, ich esse mit ihnen Wallachklößchen, kaufe sogar etwas Porzellannippes vom Trödel und verspreche ihnen die baldige Einführung des Fernsehens. Mit einer Pointe konnte der Traum nicht dienen – so ist das halt dort auf dem Land.

Ein Lied ­– Wenn man eine 1,5L-Flasche Cola light nimmt (da weiß ich’s ganz gewiss, aber vielleicht geht’s auch mit Mineralwasser), sie öffnet, sich ein Glas eingießt und hernach aber den Drehverschluss der Flasche nicht mehr gänzlich bis zum Anschlag zudreht, dann kann es sich zutragen, dass man ihm zu lauschen vermag, dem Gesang der Kohlensäure, einer feinlieblichen Musik für Zwerge mit langen Ohren, von erlesener Melismatik und enormer Expression, die reicht vom schüchtern-rhythmischen Wispern und fast tonlos brizzelndem Flüstern bis hin zu lang gezogenem, meditativen Fiepen, Schniefen sowie zart diskantem Pfeifen und Schweifen im Grenzfrequenzbereich des gerade noch Hörbaren: silbrig irisierende Feenklänge aus den Zwischenräumen des Seins, als spielte ein verborgener Persephonograph aus der Welt hinter den Scheuerleisten. Schau an, wie Recht er hatte, der gemütvolle alte Eichendorff: Es schläft ein Lied in allen Dingen! Manchmal wacht es halt auf und nervt.