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Ballade (schiefer gelegt)

2. Mai 2012
 
Ratlos dreht er am Rad, springt im Dreieck, brennt lichterloh,
Der Held auf der Brücke: Unser Chef, Captain Cogito.
Das Körperschiff ächzt, es krängt, läuft leck, manno, verdammt,
Wer hat es denn schiefer gelegt? Hats wer wo gerammt?
Und noch 15 Minuten bis Buffalo!
 
Männer, ruft der Captain, habt ihr die Nieren gefiert?
Lasst die Wirbelwanten raffen,
Der Dampfer ist alt, aber stark, der kann es noch schaffen!
Setzt Herz und Lunge, vollen Kreislauf voraus, up and hey-ho!
Der Captain auf der Brücke tobt und brüllt,
Derweil das Schiff sich zügig mit Wassern füllt.
Die Prognosen sind düster, die Diagnose roh:
Noch 15 Minuten bis Buffalo!
 
Durch sämtliche Luken bricht eisiges Nass,
Der Captain googelt: Was ist denn das, was
Uns da dauernd in die Spanten kracht?
Ist es der Elemente schwer kalkulierbare Pracht?
Wir gehen, so scheint es, stehend k.o.:
Und noch immer ist es halb acht, sinds also:
Knapp 15 Minuten bis Buffalo!
 
Da reißt der Captain die Ruder herum, hart am Wind
Kreuzt er, pfeift im Dunklen, besänftigt das innere Kind  –
Und seht, er siegt: lacht, singt, betet und kriegt
Sich kaum ein:
 
Warum, worumwillen, und vor allem wieso
Frag ich, wollen wir denn nach Buffalo?
Ich bin der Captain! Das Hirn! Ich habs in der Hand!
Leute, Matrosen, alle Mann an Land!
Setzt das sinkende Schiff mit Karacho
In den Sand!

Über Samuel Beckett

26. Mai 2010

Samuel Beckett 1906-1989 (Foto: Jane Brown)

Bestseller waren Becketts Romane gerade nicht, sind es auch zu keiner Zeit geworden. Es sind Romane, wie das Jahrhundert sie verdient. Beim breiteren Publikum eilt ihnen der Ruf voraus, schwierig, langweilig, sogar unlesbar zu sein. Ein Vorurteil, das sich bei der heutigen Lektüre nicht unbedingt bestätigt. Becketts Romane sind voll von abgründigem, rabenschwarzem Humor, sie entfalten eine ganz eigentümliche, bizarre Poesie und der illusionslose Sarkasmus des Autors erlaubt diese ungerührten, hellsichtigen und zwingenden Einblicke in das Groteske, Heillose und Verstörende der menschlichen Existenz, wie sie zuvor nur Dostojewski und Kafka zustande gebracht haben. Beckett ist im Grunde ein großer Realist: seine Helden, Lebensversehrte und Halbkrüppel, sind allesamt so gut wie tot, stammeln eine Menge albernes sinnloses Zeug und begehen kraftlose, konfuse Handlungen, die zu nichts führen – sind sie also nicht wie du und ich? Der Blick auf die condition humaine ist nüchtern und unverstellt, aber immer hochkomisch. »Nichts ist komischer als das Unglück«. Man kann die Welt anders ansehen als Beckett – aber sicher nicht ehrlicher und illusionsloser.

Das Personal des Becketschen Prosawerks besteht aus Virtuosen des Unglücks, seltsam eigensinnigen, gleichmütigen Vergeblichkeitsartisten und Sinnverweigerern, verkrüppelt, von Schmerzen geplagt – Randgänger und komische Heilige, um ihr Ziel gebrachte Sucher und seit Ewigkeiten Wartende. Becketts frühe Romane sind Meisterwerke artistischen Sprachwitzes, abgründige Grotesken von einem Humor, so schwarz – um eine Lieblingssprachfigur von Beckett zu benutzen –, so schwarz also, daß schwarz schon nicht mehr das richtige Wort ist…

JETZT NEU IM „denkfixer„-BLOG (http://reinhardhaneld.wordpress.com):

Ein Vortrags-Text, der die Prosa-Werke Samuel Becketts vorstellt und erläutert – als PDF-Datei zum kostenlosen Downloaden!