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Trost im Schaf (Kurze Haare)

28. September 2011

Schafe "Ursache" und "Wirkung", nach Neutrinos Ausschau haltend (Foto: Wikipedia)

Im Fernsehen war es zu beobachten: Musste der Papst sich in das Goldene Poesiealbum einer Stadt eintragen, krakelte er ein kleinwinziges „Benedict XVI pp“ hinein. Das „pp“ ist hierbei keineswegs dasselbe wie in „etcetera pp“, wo es „perge“, d. i. „und so fort“ bedeutet, sondern will sagen: pastor pastorum, Hirten der Hirten. Ich teile dies mit, um zum Thema „Schaf“ zu gelangen. „Man kann“, sagt, in Thomas Manns nobelpreisgekrönten Roman,  der alte  Konsul Buddenbrook, der seine Tochter gewinnbringend lukrativ verheiraten will und ihr den ungeliebten Mann schmackhaft machen möchte, ja doch „am Ende nicht fünf Beine auf ein Schaf verlangen“, und das ist ja wohl wahr, und gute alte Kaufmannsweisheit dazu! Ein Schaf mit fünf Beinen wäre zwar ökonomisch durchaus wünschenswürdig, weil es eine Lammkeule mehr pro Schafskopf ergäbe, aber nebbich! so Schafe sind halt extrem selten und praktisch unbezahlbar.

Neulich träumte ich von Versuchen, Kühe zu züchten, deren linke bzw. rechte Beine kürzer als die jeweils gegenüberliegenden sind, damit sie stabiler am Hang stehen. Auch dies wäre zweifellos begrüßenswert, ist aber andererseits ebenso schwer zu realisieren. Aber so ist der Mensch –  immer angetreten, die Schöpfung innovativ zu meliorisieren.

So hätte man beispielsweise etwa den nun wieder nach Rom entschneiten Papst gern evangelisch, als homme à femmes, schwulenfreundlich und libertär, was der gute alte Mann etwa so hartleibig verweigert, wie das Schaf, sich fünf Beine wachsen zu lassen. Was hatten wir denn gedacht? Der Schaf bleibt Vierbeiner, das Papst ein Katholik. Und das ist letztlich „auch gut so“, weil, wo fänden wir sonst einen billigen Gegner? Der Papst hat mal kurz durchblitzen lassen, dass er nicht doof ist und spielte ansonsten den bockigen alten Kirchenhampel.

Brillant hat er das gespielt! Ganz am Ende hat er sogar gemurmelt, ihm seien Agnostiker lieber, die noch vergeblich Gott suchen (also praktisch auch ich!), denn „Routiniers im Glauben“. Das war, diplomatisch gesehen, schon ein Hammer, und kam bei mir sehr gut an: Wir sind schließlich die Mehrheit!  Leute, die nichts Ungewisses wissen, darauf aber nicht stolz sind, dennoch indes subtil dandyhafte Ironiker bleiben, die sich stillvergnügt über Seiner Heiligkeit erzreaktionären Starrsinn die Hände reiben, weil sie den Zwergenaufstand dagegen so putzig finden. – Die missliche Erdenwelt bietet wenig Kurzweil, da muss man sich das Vergnügen halt tröpfchenweis zusammensaugen.

Aber nun von etwas anderem! Wieviel Beine noch mal hat ein Schaf? Das kann man sich gerade noch merken, aber was man im Alter immer öfter plötzlich vergisst, ist die eigene PIN! So steht es in einem Zeitungsartikel: Kein Bargeld wegen instantaner PIN-Verschusselung! Gründe hierfür? Kommt drauf an. Ist man eine sog. gPoAe (gesunde Person ohne Alkoholeinfluss), handelt es sich vielleicht nur um stressbedingten Konzentrationsmangel; wer im Wein Vergessen suchte, darf sich allerdings nicht wundern, wenn auch geldwertes Wissen dahinschwindet. Dritte Möglichkeit, doppelplusungut: Demenz. –

Der saudumme Wissenschaftsartikel empfiehlt dann doch tatsächlich, zur Vorbeugung die ersten hunderttausend Stellen nach dem Komma der Zahl π zu memorieren oder eine schöne Primzahl-Tabelle, weil dies mutmaßlich die Durchblutung des Gehirns fördere. Da der Anblick von Zahlenreihen bei mir seit Kindesbeinen eher zu spontaner Blutleere im Gehirn führt, bleibt mir diese Dimension präventiver Demenzkompensationskompetenz verschlossen.

Apropos. Die Abnahme der geistigen Kräfte hat kurzfristig auch positive Effekte: Man wird wieder ein staunendes Weltkind im Garten der Wissenschaften. Mit vor Erregung beschlagener Lesebrille las ich von dem Kuriosum, dass irrgendliche Neutrinos aus dem CERN schneller wieder in Italien waren als der Papst. Bzw. der Papst erlaubt. Jedenfalls überschritten sie das Tempolimit um ein Beträchtliches und stellten damit die Kausalität in Frage. Weltbilder brachen zusammen! Meines auch? Nicht eigentlich. Dass Ursache und Wirkung sich geheimnisvoll schleifenartig verschlingeln können, ist mir seit langem vertraut (hier eigenes Beispiel einfügen: …………………………). Mein Bespiel, aus dem religiösen Bereich, nach Augustinus: Gott gibt es, sofern ich an ihn glaube. Dass ich glaube, ist hinwiederum aber eine Gnade, die mir nur Gott erweist, wenn es ihn gibt, was davon abhängt, dass… usw.  Wer hier die Kausalität festnageln kann, der darf sie behalten und mit nach Hause nehmen.

Ich werde wegen dieser Turbulenzen die Meeresstille der Seele nicht verlieren und womöglich von galoppierenden Neutrino-Schafen träumen, deren Beine ich zähle, um einschlafen zu können. Das ist halt der Vorzug präseniler PIN-Vergessenheit, oder wie es anderersets Konsul Döhlmann in den Buddenbrooks ausdrückt: „Kurze Haare sind bald gekämmt“.

Sorry, hab grad keine Zeit

2. Juni 2011

Zeit - relativ relativ...

Zeit, Zeit. „Wann hast du denn mal Zeit für mich?“ drängen die 2, 3 Leute meines Freundeskreises. Eigentlich habe ich nie Zeit. Betonung auf „eigentlich“, denn im Grunde habe ich Zeit ohne Ende, weil, ich arbeite ja nicht. Ich meine, ich habe schon Arbeit, aber nur als schlecht bezahlter Freiberufler, was bedeutet, ich kann sie mir einteilen. Das wiederum ist schön, aber ganz schlecht, denn meine Aufteilung sieht so aus: Alles aufschieben, bis es gar nicht mehr anders geht. Daraus resultiert: 90% meiner Lebenszeit müsste ich „eigentlich“ arbeiten und hab deswegen keine Zeit; nur, dass ich in dieser Zeit halt zumeist nicht arbeite, sondern meine Arbeit aufschiebe, um traumverloren (natürlich nur metaphorisch!) in der Nase zu bohren, meiner Benjamin-Feige beim Wachsen zuzuschauen oder darüber nach zu grübeln, ob es ein Zeichen von Vergreisung darstellt, dass ich immer seltener Lust zum Onanieren verspüre.

Prokrastination habe ich bis vor zwei Jahren für eine abstoßende Hautkrankheit gehalten, bei der man so grässlichen wie sozialunverträglich schrundige-verkrusteten Hautausschlag bekommt, so dass man sich in klandestinen, hygienisch isolierten vorstädtischen Prokrastinierer-Lagern verstecken muss; heute weiß ich, prokrastinieren ist das heimliche Laster der Kreativen, Phantasievollen und Beinahe-Genies.

Die berühmt-berüchtigte Relativität der Zeit kann man sich daran verdeutlichen, dass astrophysikalisch tätige Forscher im CERN sich verzweifelt die Haare raufen, weil sie es nicht schaffen, sich auf weniger als Zehn hoch minus 47stel Sekunden an den Urknall heranzurechnen. Also als Laie kann ich mir diese Zahl nur mit Mühe vorstellen, glaube aber, dass eine „Zehn-hoch-minus-47stel Sekunde“ eine verdammt knappe Zeit ist, zumindest zu knapp, um aufgeschobene Arbeiten noch zu erledigen.

Warum ich sonst noch so selten Zeit habe, entnahm ich jetzt einem von Schlafforschern zusammengestellten Dossier, das mir die Gattin zu-mailte, um mich über meine chronische Insomnie hinweg zu trösten. In dem Konvolut befindet sich ein simples, aber eindrückliches Spielzeug: ein Schieber nämlich, wo man sein Alter einstellt und dann nachlesen kann, wie viel Zeit seines Daseins man bereits verschlafen hat. Bei mir kam es auf 21,16 Jahre! Das heißt, selbst wenn man die Schlaflosigkeit in Anschlag bringt, andererseits die Phasen des Wahns, der erotischen Obsessionen und drogen-induzierten Absencen wiederum hinzuschlägt, war ich bei einem satten Drittel meines Lebens gar nicht dabei! Kaum auszudenken, was ich alles verpennt habe!

Eine eulenkluge Freundin, der ich meine Bestürzung über meine Schnarchsack-Existenz mitteilte, frug: „Und? Was hättest du in diesen 21 Jahren – wach – gemacht?“ „Noch mehr Unfug?“ schlug ich zagend vor – und erntete ein weise bedächtiges Nicken. Stimmt ja auch. Ich stelle mir das so vor: Gott beugte sich über sein Fehl-Konstrukt „Mensch“ und bekümmerte sich: Dieses Wesen, stellte er fest, treibt allerhand Allotria und wenn es mal was tun soll, schiebt es das ewig auf. Seine Lebensdauer beträgt zwar, wenn es hochkommt, siebzig, achtzig Jahr, aber wir könnten dem Blödsinn abhelfen, wenn wir ein Drittel davon in gnädiger Bewusstlosigkeit versinken lassen! Wie bei Gott, der kein Prokrastinierer ist, üblich: Gesagt, getan.

Trotzdem, Leute: 21,16 Jahre! Was hätte man theoretisch alles verschlafen können: Kennedy-Mord, Mondlandung, Mauerbau und -fall, Modern Talking, den Vokuhila-Haarschnitt, aber eben auch Regine, Hildegard und Ilona! Auf Bewussstseinslücken angesprochen, darf man guten Gewissens die Achseln zucken – tut mir Leid, da hatte ich keine Zeit, da hab ich grad schlafen müssen….

Ich gedenke mir dies in existentiellen Situationen zu nutze zu machen. Klopft dereinst der Tod an meine Wohnbüro-Tür, murmele ich durch diese hindurch, ohne zu öffnen: „Sorry, lieber Freund,  aber im Moment passt es leider überhaupt nicht – ich hab grad GAR KEINE ZEIT!“