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Ganz unten: Die „ZEIT“

9. Januar 2010

„Selber Schuld! Selber Schuld!“ gellt mir der Hohn der Immerschonallesgewußthabenden ins Ohr. „Das kommt vom Daten-Schludern!“ Dabei halte ich vielleicht nur mit dem technologischen und ökonomischen Sauseschritt des Fortschritts nicht mit. Immer öfter beginne ich Sätze oder Anekdoten aus meinem ereignislosen Leben mit „…eigentlich bin ich nicht doof, aber…“ – aber was? Na eben nebbich wohl doch.

Diesmal war es ein besonderes Laster, das mir zum Verhängnis wurde: Meine Schwäche für Umfragen, Fragebogen, Tests usw. Ich habe immer schon leidenschaftlich gern persönliche Fragen beantwortet. Schon als Kind habe ich mir jede Woche die „Brigitte“ von meiner Mutter vorgeknöpft und die „Psycho-Tests“ darin absolviert – selbst wenn das Testergebnis darüber Aufschluß geben sollte, ob ich eine gute Hausfrau oder eine perfekte Liebhaberin sei. Mir ging’s ja nicht ums Ergebnis, mich erfreute es einfach, wenn jemand, und sei es ein anonymer Fragebogen-Entwickler, etwas über meine Einstellungen, Abneigungen, Wünsche und geheimen Träume wissen wollte! Zugegeben, vielleicht eine etwas abgefahrene Obsession, aber ich genoß einfach die Illusion, jemand interessiere sich für mich.

Ich konnte einfach die Finger nicht von diesen Test-Fragebogen lassen. Sogar den IQ-bzw. Eignungstest bei der Bundeswehr habe ich mit Vergnügen absolviert (Ergebnis: bloß Ersatzreserve II, aber nicht wegen doof, sondern weil ich nicht ganz richtig im Kopf war und außerdem im Verdacht stand, Drogen zu konsumieren…).

In den 80ern habe ich sogar Stress mit meinen ultralinken Freunden riskiert, weil ich als einziger FÜR die amtliche Volkszählung war. Die Aussicht, 80 persönliche Fragen beantworten zu dürfen, war einfach ZU reizvoll, auch wenn es bloß der böse Staat war, der alles über mich wissen wollte. Zum Glück fanden wir einen Kompromiß: Ich füllte damals gleich acht oder zehn der dicken Fragekataloge aus, und zwar immer wieder anders – meine Genossen lobten dies als raffinierte Subversion, und mir war es recht, weil es meiner Neigung zu pluralen Identitäten entgegenkam. Noch heute muß ich mich bei facebook zusammenreißen, wenn gefragt wird: „Welcher Drogentyp bist du?“, „Was ist deine Lieblingsperversion?“, „Wenn du ein Auto wärst, dann wärst du ein…“ oder ähnliches. Denn auch dies wird durch Testfragen ermittelt! Das ist die Hauptsache.

Auch im Internet kann ich manchen Umfragen nicht widerstehen. [Alle, die das Bedürfnis haben, zu sagen „Ja, das ist aber nun ganz schön naiv!“ oder „Du hast ja keine Ahnung, was die mit deinen Daten alles anstellen“, tun dies bitte jetzt nach dem Signalton: …piiiiiep: Danke. Das Band ist leider voll!] – Die Gattin nun, meinen Faible für Umfragen – und meinen ständigen Bedarf an Mitteln, zu prokrastinieren – kennend, leitete an mich eine Online–Umfrage des ZEIT-Verlages weiter. Der Fragebogen war – wie die gesamte ZEIT heute – nicht gerade besonders anspruchsvoll. Mit beidem ist man schnell durch. Die ausgelobte Belohnung für die drei Minuten Lebenszeit klang ganz gut (ich weiß, ich wirke naiv): Drei Wochen sollte man kostenlos die ZEIT, zusätzlich auch noch ein Sachgeschenk bekommen, außerdem wurde einem zugesichert – das gab bei mir den Ausschlag, den Sende-Button zu klicken–, daß sich die Lieferung der ZEIT keinesfalls automatisch verlängere; es würde nach Ablauf der drei Wochen NICHT automatisch ein Abonnement eingerichtet, eine Kündigung sei NICHT erforderlich und Kosten fielen NICHT an.

So, und jetzt dürft Ihr mich mal alle geschlossen auslachen: Ich habe das geglaubt! Hahahaaah, ha. Weil die ZEIT früher mal eine seriöse Zeitung war (in der 60ern, 70ern schätz ich), hab ich echt geglaubt, die lügen einem nicht einfach frech ins Gesicht! So dreist sind die nicht! Und die nehmen ihre Versprechungen auch nicht hinterher vom Netz, damit sich kein Geprellter darauf berufen kann! So dachte ich, bzw.  soviel zum Thema „…eigentlich bin ich nicht doof, aber…“.

Die ZEIT, einst Flagschiff einer linksliberalen Diskurs-Kultur mit intellektuellen Anspruch, heute verflacht und versudelt zu einer öden, schnöden adipösen „Bäckerblume“ für opportunistische Schwätzer und Aufschneider, scheint jetzt endgültig in den sumpfigsten Niederungen des Geschäfts angekommen zu sein, dort, wo man sich miesester Drücker-Kolonnen und bauernfängerischer Tricks bedienen muß, um unfreiwillige Abonnenten zu shanghaien und mit vorgehaltener Waffe zum Konsum der ungenießbaren Papierpampe zu zwingen.

Und ich? Habe ich was gelernt? Werde ich in Zukunft nicht mehr bei Umfragen teilnehmen? Hm, wenn Ihr mich SO fragt….