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An Old Fart’s Blues

16. Juni 2012

Es perlt

Na, mal wieder Monsum-Zeit im Zwergenwald. Zartgrau rauchtaubenblaue, total verperlte Dämmerstunden in der Nasszelle, zähflüssig wie Rübenkraut auf warmer Margarine. Gehört das denn auch zum sogenannten Leben? In der Schlafwandergruppe: Die junge Zukunftshoffnung am Nebentisch (mademoiselle donneuse la leçons), monopologisiert wie der Dauerregen und redet dabei wie eine Nähmaschine. Monotones Surren, Sticheln, Nadeln. Kommunikativer Kollateralschaden: Singert und pfafft mir Mund und Ohren zu, mit staubgrauem Zwirn. Nerven nadelstreifendünn und fadenscheinig. Dr. Kimble ertappt sich bei Gedankenflucht, dergestalt, dass er sich fragt, was er in dem klebrigen Hier und Jetzt eigentlich ist, macht und soll, was logisch dann freischwimmend schließlich zu funeral-fundamentalen Gedanken über den Tod überleitet und abschweift, oder auch, beispielsweise, warum nicht, zu Gott. Agnostiker mit Stil gedenken durchaus gelegentlich des HErrn, wenn auch nur schüchtern aus den Augenwinkeln schmollend (plus Flunsch wegen andauernder Offenbarungsknappheit).

Obwohl solch metaphysikverliebtes Denken ja selbstredend auch schnell an seine natürlichen, von Immanuel Kant straff gescheitelten Grenzen stößt: Im Grunde geht es bloß um die Frage, wie man es vermeidet, in einem deutschen, beige-grün karierten Pflegeheim zu landen, in dem das Leben unzumutbar und der Tod unerschwinglich ist. Wenn man schon sterben muss, dann bitte nicht im Stuhlkreis mit anderen Demenz-Exzellenzen, besinnungslos in die Hände klatschend und mit einem einfältigen Kinderlied im zahnlosen Mümmelmund. Durch welche Schuld hat man es eigentlich verdient, alt zu werden?

Der neue bundesdeutsche Gesundheitsreport fällt mir da ein, die jüngste Offenbarung des Hippokrates: Die vier apokalyptischen Reiter, Adipositas, Hypertonias, Osteoporosis und der grimme Demenzius auf dem fahlen Pferd, fahren hin über und gegen die Deutschen, auf dass sie diese verderben und definitiv zuschanden reiten. Ach, das Gezwitscher der Ärzte! Und was empfehlen überraschenderweise diese sogenannten, selbsternannten und erzverdammten Ärzte? – Bewegung! Mehr fällt dem Mediziner-Gesindel nicht ein. Ich freu mich schon auf die erste Dementen-Olympiade (paralytic olympics), Diszplinen: Ausbruch aus dem Heim, Hürdenlauf zum alten Zuhause, Verwandten-Erinnern mit Hindernissen. Künftige Medizinhistoriker werden unsere Epoche als die Ära des abgeschmackten Wahns identifizieren, in der „Bewegung“ das definitive Universalremedium für alle Gebresten gefunden zu haben.

Wer glaubt, das Alter, der angeblich schwer eisweingoldene Herbst des doofen Daseins, winke wenigstens, als Trostpreis für Impotenz, Inkontinenz und Indolenz, mit wachsender Toleranz und Gelassenheit, den muss ich enttäuschen. Ihr verwechselt Toleranz mit Resignation und Schwäche. Vitale Senioren erkennt man daran, dass sie an rein gar nichts mehr glauben und ihnen außerdem immer mehr Leute immer verschärfter auf die Nerven gehen. Toleranz heißt bloß, dass man, wie ich, die Zwille in den Schrank hängt und Passanten nicht mehr mit getrockneten Kichererbsen beschießt, sondern es dabei belässt, ihnen trocken hinterzukichern. Mögen sie denken, dieser Kicherer sei der Tod. Vielleicht bewegen sie sich dann ein bisschen, und zwar gerne erstmal aus meinem Blickfeld.

Aber gut, mal angenommen: Wir bescheuerten Fitness-Idioten, allesamt ausgemergelte Bewegungsmelder mit Bundessportabzeichen in ihren goldenen Neunzigern, sitzen nun im Stuhlkreis. Wir sind, was das Schlimmste am Alter ist, in die Hände jüngerer Leute gefallen. Sie klatschen und singen mit uns und führen uns ihren Golden Retriever zu, Emma, eine ganz liebe! Mit zittrigen, arthritischen Händen betatschen wir das blonde Kind, Quatsch, Tier, und erinnern uns wieder. Zum Beispiel an unsere Ex-Frauen. Wollen wir das? Und haben wir dafür dankbar zu sein? Sind wir dafür geboren, so zu enden?

Schon gut, ich hör auf mit dem Schlechte-Laune-Funk. Man soll selbst den Realismus nicht übertreiben. Außerdem: Dauerregen im Juni, Schlafwandergruppe, Gespräche mit der Nähmaschine: Was soll da schon noch Arges kommen? Und jetzt ein Saxofon-Solo.

Keine Bewegung!

18. März 2012

Bewegungsunschärfe ist kein gutes Versteck vor dem Tod! (Quelle: itwissen.info)

Ich muss mich kurz fassen, denn gleich ist es Zeit: Ich muss zum Vergeblichkeitstraining! Vielleicht ist das erklärungsbedürftig. Das Institut entdeckte ich nämlich gerade noch rechtzeitig, man drohte mir bereits mit Apfeldiäten, Sportspazieren und Altersjubel. Horden von homöopathischen Waldorf-Vorkostern verfolgten mich bis zum Gemüse-Türken, das Haus umstellt von Physio- und Psycho-Terroristen, meine Dauerkarte fürs Phantasialand konfisziert. Trinkverbot. – Also schneller Entschluss: Flucht und Verkleidung! In den Untertauchanzug schlüpfen, Tarnkneifer auf, Nase zu und durch!

Mir kam die Zufallsfee zur Hilfe, es regnete, ich stellte mich in einen Hauseingang, und weil es nicht aufhören wollte, las ich aus Langeweile die Inschrift am Portal: „Institut für Negatives Denken“ stand auf dem polierten Messingschild, und darunter, kursiv: „Es ist alles eitel und ein Haschen nach Wind“. Hier war ich richtig, das wusste ich gleich und drückte die Klingel. Die Tür zu meinem neuen Leben schwang auf.

Am Empfangsdesk saß rauchend eine naturbleiche Mondäne, die sterbensmüde in ihr Sektglas starrte. Ohne mich anzuschauen, murmelte sie: „Keine Bewegung!“ – „Wie? Was?“ – zögernd hob ich die Hände. „Erstes Gesetz hier: Keine Bewegung!“ Ich ließ die Hände wieder sinken. „Also kein Seniorenturnen, kein ‚nordic marching’, kein Gehampel auf futuristischen Fitnessgeräten…“, fuhr die Dame fort, „…schaffen Sie das?“ Ich nickte so heftig, dass sie entnervt aufseufzte. „Wir haben noch einen Platz in der Sitzgruppe frei. Wenn Sie wollen? Bringt aber nicht viel…“ – So kam ich zum Vergeblichkeitstraining im Institut.

Vorkenntnis braucht man keine, nur die Einsicht, dass der Tod einen, entgegen der Propaganda der Ärzteverschwörung, auch dann findet, wenn man sich ständig bewegt. Tut mir leid, Ihr Super-Ultra-Ausdauerlebenden, ich verrate euch was: Bewegungsunschärfe ist kein hinreichendes Versteck! Der Sensenmann holt auch hagere Hungerhaken. Vielleicht, mag sein, wie gesagt, etwas später, so dass sie stolz auf ihr langweiliges Gemüse-Dasein ohne Alkohol, Fleisch, Zigarren und gemütliche Couch-Abende zurückblicken dürfen. Na schön, Glückwunsch. Übrigens, was die Apothekerzeitung verschweigt: Auch Ärzte sterben. Obwohl sie ja verrückt nach Bewegung sind und praktisch im Schweinsgalopp leben. Die sollen mal schön still sein, die Ärzte! Ständig zeigen sie unappetitliche Bilder von menschlichen Innereien vor, schneiden saure Besorgnisgesichter dazu und raten, weil ihnen ja sonst nichts einfällt, natürlich zu viel Bewegung im Hamsterrad makrobiotischer Ertüchtigung. Lachhaft!

Vergeblichkeitstrainiert und tiefenentspannt durchschaut man bald das gauklerische Lügengewebe der Diät-Dealer. Freunde, um euch auch diese Illusion zu nehmen: Dünne alte Männer haben bei der Damenwelt kein Gramm mehr Chancen als dicke alte Männer; eine späte Schnitte machen höchstens reiche alte Männer, aber reich wird man nicht durch Diät, höchstens durch Diäten, haha. Ich sag wie es ist. Es ist alles vergeblich. Junggebliebensein ist eine Illusion besonders starrsinniger Alter. Punk ohne Pogo – was soll das? Jung bleiben ist letztlich wie blöd bleiben, wobei letzteres möglicherweise noch erreichbar sein mag. Und also? Schlussfolgerung? Den Gürtel weiter schnallen, der Kulinarik pflegen, erlesene Drogen konsumieren, gelegentlich krasse Sätze der Altersweisheit raushauen. – Wie etwa die obigen.

Verliebt, verlobt, verpeinlicht: Bonner Knutschfleckchen heiratet Zonen-Urschel

5. Oktober 2009

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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte: Direkt nach der Konfirmation hat der kleine Guido seine Mutti geheiratet. Trauzeuge Horst „Ödipussy“ Seemeier macht, was er als Chefdiplomat aus dem Land des Lächelns gelernt hat:  gute Miene zum blöden Spiel. Mutti hätte es ja auch schlimmer treffen können. Immerhin hat der Bub ja gute Anlagen (in Liechtenstein und der Schweiz, glaub ich) und in seinem Alter schon den schwarzgelben Gürtel im Krisen-Weggrinsen. Ein Lausbub, Laumann und Blaumacher von Format wird aus dem frisch verpartnerten Sympath mal werden, comme il faut und cosi fan tutte, Kameraden! Der seit kurzem onanie-abstinent lebende Jungjurist freit keine blonde Barbie mit Atomhupen, der läßt sich von oberflächlichen Sex-Äußerlichkeiten gar nicht erst geil machen, der greift sich lieber die solide abgehangene Maultrommel aus der Uckermark ab, die Kartoffel mit dem Pokergesicht (Royal Flunsch!), von der er mit Recht erhoffen darf, daß sie ihn samstagabends, wenn regierungsfrei ist, auch mal ordentlich stramm übers Knie legt. Erwartungsfroh strahlt das Arschgesicht schon mal über alle Backen. Wie ein kaputtes, notdürftig mit Tesa geflicktes, noch mal kurz „ans Netz“ gehendes Atomkraftwerk.

Hei, das wird bestimmt dann zünftig, scheint auch der Feld- und Wiesn-Freund Seebeißer zu schmunzeln, dem man eigentlich selbst Absichten auf Mutti nachgesagt hatte, nach dem er der ollen Urschel neulich vom Oktoberfest extra ein Lebkuchenherz mitbrachte bzw. ihr vor die Füße legte, wo draufstand, also auf dem Herz, nicht den Füßen, „Angelika du bist unsere Beste“ oder so ähnlich. Aber Horst Seemann lächelt tapfer. Als Diplomat kann er ja auch schlecht zum Juniorpartner und neuen Hausfreund sagen: „Warum grinst du Blödmann denn so verschwiemelt?!“ So etwas sagt ein Brautführer aus der Hauptstadt der Bewegung nicht. Daher kann der bengelhafte Spitzbub und verliebt in seine Zukunft winkende Außen-Ministrant in spe auch nicht antworten: „Ich freu mich so auf die Kohabitationsverhandlungen! Ich schätz, ich steh ganzganz kurz vorm ersten Koitus!“ Mutti pliert dazu wie gerade selbstbefriedigt in die Kamera und deutet mit den Händen an, wie groß die Welle ist, die der Guido machen kann. Ganz schön groß, oder? Und länger als Zonen-Urschels erste Banane im freien Westen!

(Für diesen unreifen Beitrag bitte ich um Entschuldigung. Ich weiß nicht, so kenne ich mich gar nicht. Was ist mit mir los? Warum mir zu diesen Nasen bloß noch Zoten & mühsam unterdrückte Obzönitäten einfallen, ist mir schleierhaft. Ich schätz, für Politik bin ich zu hohl, unernst, albern und oberflächlich…)