Posted tagged ‘Bettina Wulff’

Schmierblatt „taz“ (Indianer mit kalten Händen)

22. Februar 2012

Indianer mit kalten Händen (Fotoquelle: http://www.pflichtlektuere.com/.../ 12/kalte-haende1.jpg)

Von Philosophen lernen heißt fragen lernen. Mein Idol, der Königsberger Meisterdenker Immanuel Kant, warf einst („Von den verschiedenen Rassen der Menschen“ 1775) die bis heute nicht befriedigend beantwortete Frage auf, warum bloß der Indianer immer kalte Hände hat. Und zwar hereditär und unvermeidlich. Die eventuell aufkeimende Gegenfrage: Woher kannte Kant, bei dem man auch viel über den Neger („faul, weichlich und tändelnd“) lernen kann, denn das kleine Geheimnis des Indianers? Im Königsberg des 18. Jahrhunderts waren Indianer (und selbst Neger) nur extrem selten gesehene Gäste, und das Internet gab es ja noch nicht. Nun, Immanuel Kant bezog seine Weltkenntnis bei durchreisenden Engländern, die ihm beim Punsch allerhand Schnurren erzählten.

Mit Internet wird nun jeder zum Superhirn und birst vor Meinungen. Wahres Wissen verbreitet sich mit Lichtgeschwindigkeit. Man weiß, dass Thomas Gottschalk Alzheimer hat, Bettina Wulf früher Prostituierte war und Präsidenten-Kandidat Gauck ein Antisemit ist. Steht doch alles im Internet! Das heißt, letzteres entnehmen wir der derzeit kognitiv verwahrlosesten, schmierigsten und verkommensten Art von Boulevard-Journaille, die auf dem Markt herumkrakeelt und verzweifelt Abonnenten kobert, die das eigene Dumpfbacken-Ressentiment teilen – der „taz“. Dort darf ein Kolummnen-Kretin namens Deniz Yücel, der das Denunzieren offenbar noch vor dem Schreiben gelernt hat, Gauck-Zitate solange kürzen, verdrehen und sinnentstellend zusammenkleistern, bis das genaue Gegenteil des Gesagten herauskommt. Gesagt hatte Gauck nämlich etwas sehr Kluges:

„Nicht nur aus deutscher oder jüdischer Sicht ist die Erinnerung, Vergegenwärtigung und Darstellung des Holocaust von zentraler Bedeutung. Allerdings wird sich in den kommenden Jahren zeigen, welche Art des Erinnerns und Gedenkens von nachhaltiger Bedeutung sein wird. Nur am Rande sei die Gefahr der Trivialisierung des Holocaustgedenkens erwähnt. Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensystem errichtet werden konnte. Das aber wirkt »tröstlich« angesichts einer verstörend ungeordneten Moderne.

Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasi­religiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben. Wir würden nicht begreifen. »Aber der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hoch entwickelten Zivilisation und im Umfeld außergewöhnlicher kultureller Leistungen; er muss daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden.« Das nicht zu sehen, es aus dem historischen Gedächtnis zu verdrängen oder aber entlastende Erklärungsmuster zu akzeptieren, bedeutet die Gefahr einer »potentiell suizidalen Blindheit«. So sagt es der jüdisch­polnische Soziologe Zygmunt Baumann, dem ich meine gewandelte Sicht auf den Holocaust verdanke.“

Das ist, wie gesagt, überaus klug, sensibel und intelligent formuliert. Der „taz“-Schmierfink macht daraus: Gauck missbilligt es, ’wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird’“, und versucht damit „die Juden in die Schranken zu weisen“. Der Dreck wird sich verbreiten, da darf man sicher sein. Ich aber warte auf durchreisende Engländer, denen ich ins Ohr wispere: „Mr. Deniz Yücel ist ein elender Wichser („wanker“)! Und die „taz“ taugt gerade noch dazu, ein Feuerchen zu machen, damit sich der Indianer die Hände wärmen kann!“

Kleines Glück (Kafka bricht sich das Bein)

13. Januar 2012

Kleines Glück: Ich muss nicht zum Zahnarzt!

Ich glaub, ich google das Wort seit Jahren alle fünf Monate und vergesse doch immer wieder, was das bedeutet: Resilienz. Die Qualität des Stehaufmännchens. Subjektiv sind meine Resilienz-Werte erschütternd niedrig; die Tatsache, dass ich noch immer lebe, spricht freilich eine andere Sprache. Sonderbares Gefühl, ähnlich wie wenn jemand Kaffee gekocht und direkt in meinen Traum gebracht hätte, während ich noch schlief: Schau an! Man ist ja doch ein zäher Hund!

Grund meiner milden Euphorie: Ich besitze zwei Beine! Gerade entdeckte ich dies! Das ist ein Grund zur unverstellten, zügellosen Freude und wahrhaft Anlass, das Leben zu feiern, denn mit zwei Beinen lässt es sich zum Beispiel viel komfortabler und eleganter Fahrrad fahren als sonst. Wie lässig ich mich an der roten Ampel abstütze! Das zweite Bein verleiht mir etwas Weltmännisches, Sportives und Grundsolides. Kein Hut wohl, und säße er noch so verwegen, vermöchte dies. Heute ist es schon so, dass ich mich ohne zweites Bein irgendwie inkomplett fühle und gar nicht aus dem Haus möchte. Generell freut man sich zu wenig über doch nur scheinbar Selbstverständliches. Gestern Nacht geriet ich beispielsweise nächtens im Bett in helle Begeisterung, weil ich mich mühelos von der rechten auf die linke Seite drehen konnte. Tagelang ging das nämlich nicht ohne unmenschliche Tortur, weil ich mir die Halswirbel verrenkt hatte, was sehr viel lustiger und bagatellenhafter klingt, als es tatsächlich ist. Wer je eine dreiviertel Stunde benötigte, sich einen Socken artgerecht auf den Fuß zu stülpen, weiß, wovon ich spreche.

Von Franz Kafka, dem vergleichsweise unbekannten Hochkomiker deutscher Zunge, ist der Text überliefert: „Einmal brach ich mir das (sic! Kraska) Bein, es war das schönste Erlebnis meines Lebens.“ Wie alle Werke des Prager Großmeisters ist auch dieses schwer zu interpretieren. War sein Leben dermaßen mies, dass ein Beinbruch darin schon „das schönste Erlebnis“ war? Oder verbarg sich „das Schöne“ im Erlebnis, immerhin nicht nur „das“, sondern zum Glück noch ein zweites, ein Ersatz-Bein zu besitzen? Oder, noch unheimlicher, war Kafka, als verschlagener Dialektiker, ähnlich wie der von ihm bewunderte Robert Walser, ein solcher Meister des positiven Denkens, dass ihm noch der allerletzte Lebensunbill zum Grund überschäumender Lebensfreude geriet? Schwer zu glauben, denn Kafka trug ja bekanntlich schwer an seiner notorischen Schwermut. Tausende von kafkakundigen Germanisten werden dies gern bestätigen.

Ein Quell seinsfrommer Glückseligkeitsempfindungen, der erstaunlich selten erschlossen wird, besteht in der Tat darin, dass man nicht jeden Tag, und vor allem am heutigen nicht,  zum Zahnarzt muss. Ich möchte Schwermütigen empfehlen, mehrmals am Tag an einer Zahnarztpraxis vorbeizuschlendern und sich, die Tabelle der Sprechzeiten studierend,  aufs wohligste klar zu machen, dass man selbst dental gerade nicht involviert ist. Wie strahlt darauf der Rest  des Tages! Das Leben gibt schulfrei. Die ganze Welt steht einem offen! Man kann Fahrrad fahren, sich im Bett herumdrehen, Socken anziehen, kurz, tun, wozu der Mensch im Eigentlichen gemacht ist! Herrlich!

Im Rausch der Freiheit, der mich vor der Zahnarztpraxis überfiel, ergriff mich dann die plötzliche Einsicht, dass mich, selbst wenn ich ein politischer Mensch wäre, die Frage nicht unbedingt zu interessieren hätte, wer Bettina Wulffs Kleider bezahlt. Selbst die Kausal-Herkunft jenes seltsam entrückten, fast manischen Dauergrinsens, das ihr fest in die Backen gedübelt zu sein scheint, gehört nicht zu den vierhundert Fragen, die mir den Schlaf rauben. Selbst wenn ich, der Unwürdige und sozial Verdienstlose, zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten eingeladen worden wäre, hätte ich die First Lady nicht mit uncharmanten Fragen bedrängt, sondern ihr vielleicht erzählt, dass ich zwei mühelos selbst angezogene Socken trage. Das gewiss konsequent nicht-irritierte Lächeln, das sie mir daraufhin geschenkt hätte, zählte zu den schönsten Erlebnissen meines Lebens!