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Trotzdem. Deprimiert im Paradies

13. März 2011

Manchmal, angesichts gewisser Nachrichtenlagen, schäme ich mich für mein entbehrliches Verbrauchergeschwätz in paradise county. Ich meine, mein Gott! Libyen brennt, der Sudan hungert und in Japan droht der Katastrophen-Overkill – und was mache ich? Mich über die fehlende Aromatisierung eines Kaffees in einem x-beliebigen Frühstückscafé ereifern? Wirke ich nicht wie ein Idiot, ein ignoranter Stoffel? Doch, doch, unvermeidlich. Der Globus fliegt uns gerade um die Ohren, und ich habe nichts Besseres zu tun, als Ciabatta-Beläge zu bewerten! Bin ich noch zu retten? Wahrscheinlich nicht. Ich bin ein Décadent, ein überflüssiger Genussdandy, ein menschenverachtender Zyniker, ein Trivialitäten-Bestauner! Tut mir leid. Nach Menschheitstragödien heißt es immer: Das Leben geht weiter. Und wer ist schuld? Wir Banalitäten-Bastler.

Andererseits hab ich seit früher Kindheit das Gefühl, das Elend der Welt zwänge mich nicht automatisch dazu, alles, was mir widerfährt, gut zu finden, nur weil es allen anderen noch viel schlechter geht. Eine stehende, oft wiederholte Redensart meiner Mutti, wenn ich meine verkochte Spinat-Pampe mal wieder nicht essen wollte, lautete, dass hungernde Kinder in Indien froh wären, wenn sie meinen Spinat essen dürften. Für die Antwort, darüber wäre ich auch froh, bekam ich regelmäßig eine geschallert. Diese nicht restlos gewaltfreie Erziehung hat mich übrigens nicht zu einem besseren Menschen gemacht, ich bin bloß wehleidiger geworden.

Aber mal realistisch: Was genau soll ich machen, um mich nicht wie ein Depp zu fühlen? Ich bin weder Erdbebenhelfer noch TV-„Atom-Experte“, und was eine Kernschmelze ist, musste ich sogar erst googeln. Also geh ich bloß Kaffee trinken, zwänge mir appetitlos ein, zwei Ciabatta rein, puste fassungslos in meinen Milchkaffee und starre auf die Schlagzeilen der ausliegenden Tagespresse. Ich bin deprimiert, aber das ist normal, das kann ich nicht mal auf Erdbeben, Tsunamis und Nuklearkatastrophen schieben. Und auf das Café erst recht nicht, das ist ganz gut. Ich wäre selbst in Xanadu deprimiert oder unter resp. auf 72 Jungfrauen. Apropos: Überfordert bin ich auch. Die Gleichzeitigkeit des Unvergleichbaren macht mich krank. Zehntausende verrecken im Schlamm, Tausende werden vom eigenen Diktator bombardiert, am Nebentisch quatschen eine MILF und drei mittelhohe Töchter über Modekram und ich trink gemütlich Kaffee und überlege, ob ich noch so ein leckeres Ciabatta mit frischem Rührei bestellen soll. It’s a wonderful world. Jetzt bloß nicht larmoyant werden und in die Tasse weinen, denn der Kaffee ist eh schon nicht übermäßig stark. Das Leben geht weiter.

Deswegen ist jetzt auch aus der „Mokka-Bar“ das „Lu-cafe.de“ geworden; die Leitung ist nicht mehr polnisch, sondern italo. Meinetwegen gerne. Es gibt schmackhafte Ciabatta, mittags auch Pasta & Co. Die Karte klingt appetitlich. Die Kaffee-Spezialitäten können mit denen des „Fino“ am Salvatorweg nicht ganz mithalten, sind aber immerhin trinkbar und ziemlich preiswert. Bequeme Sitzgelegenheiten gibt es noch immer keine, aber was zählt das schon angesichts einer halben Million Obdachloser in Japan. Man mahnt sich zu Bescheidenheit. Den neuen Betreibern wünsch ich Glück und Erfolg. Cafés, in denen man ungestört vor sich hin deprimieren darf, kann es nie genug geben.

Oder fast ungestört. Beim Warten am Tresen sagt jemand hinter mir: „Hallo!“ – „Hallo!“ antworte ich reflexhaft. Darauf der Mann hinter mir hochnäselnd: „SIE habe ich nicht gemeint!“ – „Egal“, hör ich mich sagen, „…trotzdem!“ – Ich hoffe, ihm wird das zu denken geben. Den Tag mit einem „trotzdem“ im Frühstückscafé zu beginnen, schien mir im nachhinein eine gute Idee.

 

Bloß kein Buch schreiben!

12. Mai 2009
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Nicht wirklich oft, aber hier und da mal werde ich gefragt, ob oder wann es mich als Buch gäbe. Jedesmal bin ich ja nicht wenig geschmeichelt, – obwohl meine Lebensplanung sich heute längst nicht mehr darum dreht, ein „Schriftsteller“ und „berühmt“ zu werden. Ich habe auch ohne schriftstellerischen Ruhm genug Frauen „kennengelernt“, und den Versuch, „sich einen Namen zu machen“, habe ich aufgegeben, als ich merkte, daß meine Ich-Schwäche, die ich damit eigentlich beseitigen oder kompensieren wollte, gar nichts Schlechtes, sondern vielleicht das Beste an mir ist.

Anders gesagt: Einerseits liebe ich Bücher, und mein Arbeitszimmer ist vollgestopft damit (vgl. Foto), andererseits hat sich bei mir in den letzten Jahren die para-taoistische Einstellung durchgesetzt, daß Bücher auch überschätzt werden und es überdies ein wenig unhöflich ist, welche zu veröffentlichen.

Wenn man nicht schon aus dem Fernsehen bekannt ist, macht es unheimlich Arbeit, das Buch zu bewerben, den Autoren zu promoten und allgemein hinreichend Wind zu machen, um das Buch zu verkaufen; ich müßte auf Lesungen in muffige Stadtbüchereien und Kulturkneipen, wo Studienrätinnen und Zahnarztwitwen immer an den falschen Stellen lachen, und womöglich auch noch ins Fernsehen zu allen erdenklichen Talk-Shows, wo ich eine zutiefst klägliche Figur machen würde, da mir richtig gute Antworten mangels Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart immer erst lange nach Sendeschluß einfielen. Man würde mich für einen Autisten halten, für einen Stoffel oder einen medikamenten-bedröhnten desorientierten alten Sack, und das möchte ich nicht! Außerdem wäre ich abends dann nie zuhause, und ich habe das Gefühl, einem gedeihlich-beschaulichen Eheleben wäre das bestimmt abträglich!

Außerdem, wenn man es geschafft hat, einem Verlag das eigene Buch aufzuschwatzen, muß man Ehrgeiz entwickeln und Schamlosigkeit, man muß damit vor jeder verfügbaren Kamera herumfuchteln und sich besser finden als die rund anderthalb tausend anderen guten Schreiber, die es gibt. Ferner muß man ertragen, daß über einen der größte Mist in die Presse kommt, wie etwa kürzlich über die erfolgreiche Schriftstellerien Julia Zeh, in der sie dafür gelobt wurde, die „Doppelbelastung (!) als Feministin (!), Autorin und alleinerziehende Mutter“ zu bewältigen. Wenns weiter nichts ist! Ich meistere täglich die Multibelastung als Stiefvater, Skeptiker, Anarchist, Seinsfrömmler und Humorist, und ich mache doch auch kein Geschrei darum!

Unhöflichkeit droht, wo man so dazu gedrängt wird, andere Menschen zu nötige, das Buch zu kaufen. Bücher kosten relativ viel Geld, und daher würden viele Käufer denken, „jetzt hab ich so viel Geld für den verdammten Wälzer ausgegeben, jetzt muß ich es auch lesen!“, und das wäre kein Lesemotiv, daß mich erfreuen könnte. Bedeutend bescheidener und höflicher scheint es mir, seinem Ausdrucksbedürfnis im Internet per Blog die Zügel schießen zu lassen. Da muß man sich nicht mit Lektoren, PR-Fritzen und Vertriebsschefs herumschlagen, und jeder kann selbst entscheiden, ob er mein Zeug wirklich lesen möchte oder daran lieber kopfschüttelnd oder leise lächelnd seitlich vorbeigehen möchte.

Ja aber, ja aber! sagen jetzt welche: „Dann hast du aber nicht mehr als 78 Leser, und auch nur, wenn das Wetter schlecht ist und die Leute im Büro am PC herumspielen, und Ruhm kannst du dir abschminken!“ Das ist es ja! Früher, als ich mich an Hölderlin und Rilke berauschte, an Tucholski und Alfred Polgar, an Robert Walser und Franz Kafka, an Karl May und Eckard Henscheid, da dachte ich bei mir noch: „Ja, Ruhm! Das wäre etwas extra feines!

Aber im Ernst, Leute, wer ist heute berühmt? Hape Kerkeling ist heute berühmt, Dieter Bohlen oder Mario Barth. Allein um die Auflagenzahlen dieser Hohlgeschosse zu übertreffen, müßte man Milliarden von Lesungen und Talkshowauftritten meistern! Und wofür? Um dann beim Bäcker schüchterne Seitenblicke zu ernten, auf der Buchmesse unzählige Wangen-Küsschen und im Taxi dann Fragen zu hören wie „Sind Sie eigentlich verwandt mit diesem FRANZ Kraska?“

Nein, da liegt kein Segen drauf. Außerdem habe ich keine Botschaft. Man muß ja eine Botschaft zu sagen haben, warum sollte man denn sonst die Leute belästigen? Eine gute Message wäre zum Beispiel, daß moppelige Frauen ihren Körper lieb haben und zu ihren Schwächen stehen sollen; oder daß man ruhig mal eine Auszeit nehmen und nach Santiago de Compostela pilgern sollte, um herauszufinden, ob man evtl. katholisch ist. Eine andere zur Erlangung von Beliebtheit geeignete Botschaft wäre noch die, daß Männer und Frauen sich, aufgrund unüberbrückbarer Differenzen, nur selten verstehen. Doch all diese Botschaften sind bereits hinreichend im Umlauf, und mit Überzeugungen tue ich mich generell schwer. Wozu also Lärm schlagen, wozu Bäume fällen lassen, Papier verbrauchen, seinen Namen in die Welt posuaunen oder gar Frau Ulla Unseld-Berkéwicz vom Suhkamp-Verlag schöne Augen machen, damit ums Verrecken NOCH EIN Buch erscheint, das man sich dann schenken kann?

Am Ende wäre man rätselhafterweise doch berühmt geworden, vertränke, weil der Ruhm zu Kopfe gestiegen, Haus und Hof, müßte schon zu Lebzeiten seinen Nachlass ans Stadtarchiv verkaufen und das würde dann von der Erde verschluckt, abbrennen oder ein Raub der Fluten. Nein, es ist, wie der Prediger im Buch Kohelet, meinem Lieblingsbuch in der Bibel, gesagt hat: „Es ist alles ganz eitel und ein Haschen nach Wind!“.

Tao des schönen Sterbens

23. April 2009
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Christoph Schlingensief, öffentlich krank

ES MAG VERSTÄNDICH SEIN, ABER IST ES AUCH … SCHÖN?

Heikles Thema heute! Vorab: Ich mag Christoph Schlingensief. Der sympathische Wirrkopf mit dem adrett verwuschelten Schopf und den blanken, lebensvollen Augen, der seine Karriere als Aufnahmeleiter bei der „Lindenstraße“ begann, hatte immer eine so charmante Art, einem auf dem Senkel zu gehen! Auch für den größten Quatsch („Deutsches Kettensägen Massaker“, „Tötet Helmut Kohl“) konnte man ihm nicht böse sein, weil sein ganzes vorlautes theatralisches Getue, Gewürge und Gefrickel immer mal wieder auch überraschend Sinn machte. Außerdem ist er Oberhausener, also praktisch ein Junge aus der Nachbarschaft. Katholisch zwar, aber auf angemessen verquälte, verschwurbelte und mit Gott hadernde Art.  Theater-Leute haben ja oft Sinn fürs Katholische, wg. der visuellen Unterhaltungswerte. [Es mag ein reichlich schlechtes Licht auf mich selbst werfen, wenn ich bekenne: Ich persönlich fands auch gut an ihm, daß ein unangepaßter, schräger Intellektuellenvogel ausnahmsweise mal nicht schwul war…] Außerdem hat er eine unsentimentale, denkwürdige Theater-Arbeit mit Behinderten und Kranken gemacht, ohne diese für seine eigene Reputation auszubeuten. Also weder Zyniker noch affiger Gutmensch: Gar nicht so einfach, sich da hindurchzulavieren! Kurzum: Nervig manchmal, okay, aber unterm Strich für mich sicher einer von den Guten!

Aber nun zum Aber. Schlingensief (47) ist krank, todkrank. Lungenkrebs. Ein Lungenflügel wurde schon entfernt, im anderen gibts Metastasen. Gut möglich, daß Christoph Schlingensief bald stirbt. Nach schwerer OP und Chemo sieht er schon ziemlich scheiße aus, er ist bleich, hat tiefliegende brennende Augen und er weint viel – und zwar häufig und gern vor laufenden Kameras. Der habituelle Selbst-Inszenierer hat es für gut befunden, seine höchst privaten Schmerzen, seine Ängste, seine Verzweiflung und sein Elend vollrohr öffentlich auf alle erreichbaren Bühnen (TV, Print-Medien, Buch) zu kotzen. Schonungslos, ungefiltert, nicht ohne Larmoyanz und Peinlichkeit. Was mich ärgert: Meine Neugier ist noch immer größer als meine Geschmackserziehung zuläßt: Ich habe Christoph Schlingensiefs gestern erschienenes Buch „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ gekauft und gelesen – und ich bin unangenehm berührt.

Natürlich möchte ich niemandem vorschreiben, noch nicht einmal bewerten, wie sich jemand zu Krankheit und Tod stellt, wenn er selbst davon betroffen ist. Nach meinem Eindruck machen es die meisten Menschen mehr oder weniger still ab, mit sich, der Familie, ein paar Freunden, wenns hochkommt. Man zieht sich zurück aus dem Trubel und leckt seine Wunden stilvoll, wie ein kranker Wolf oder ein alter Indianer. Kaum einer, den ich je kannte, rannte, als er erkrankte, laut schreiend durch die Straßen auf den Marktplatz, um dort eine Bühne zu erklimmen, sich in der Raserei hiobsmäßiger Verzweiflung die Haare zu raufen, das Hemd zu zerreißen und mit blutiger Brust hinauf zum Himmel zu schreien: „Gott! Warum nur! Warum ich? Warum jetzt schon?“ Da ich, obwohl ein alter zauseliger Emo, der auf Beerdigungen immer als erster losflennt, dennoch ein etwas herzloses Verhältnis zum Tod habe, ist es mal gut, daß ich nicht Gott bin, – ich würde dem Schreihals und kleinen Häwwelmann nämlich kühl antworten: „Ja – was? Warum nicht du? Und wann, wenn nicht jetzt? Wann wäre es denn genehm?“

Mein Problem mit Schlingensiefs Selbstentblößungen betrifft nicht so sehr die „Tyrannei der Intimität“, also die Tatsache, daß er dem Zeitgeist entsprechend offensiv, ja brutal mit dem herumtratscht, was besser privat bliebe (ich führe auch nicht gern Wartezimmergespräche mit Senioren, die ihre mehr oder weniger fiesen Krankheiten zum Lebensinhalt machen – ich find mich selbst schon eklig genug!), – sondern daß er es offenbar für extrem ungerecht hält, daß er todkrank ist – wo er doch noch so viel vorhatte! Er will, er will, er will! doch noch so viel: Pizza essen gehen, heiraten, Kinder zeugen, im Fiebersumpf von Kamerun ein Opernhaus bauen (echt! im Ernst! Ein Schlingensief muß doch „Spuren hinterlassen“!), nachdenken, herausfinden, wer er ist, und weiß der Teufel noch, was alles. – Ja und? Wessen Problem ist das? Ohne wen hat er denn da seine Rechnungen und Pläne gemacht? Wenn Orientalen muselmanischer Richtung persönliche Zukunftspläne, und sei es nur ein Wirtshausbesuch am nächsten Tag, verabreden, flechten sie immer ein: Inşallah! Was so viel heißt wie: Falls mir nicht Gottes Hand dazwischen funkt und mich arme Eintagsfliege vorher auf die Tischplattte klatscht. Damit ist, Gottesglaube hin oder her, nämlich allezeit und immer zu rechnen, da wir, und zwar wir alle, eben ausnahmslos sterblich sind. Und ziemlich empfindlich. Wir gehen halt leicht kaputt. Auch wir ganz besonderen Menschen, wir Künstler, Gelehrte, Schönheiten und Daseins-Adlige, auch wir Ausnahmebegabungen, Genies und Unverzichtbare … selbst wir, ohne die die Welt kaum noch Grund hat, sich weiterzudrehen, werden sterben, und zwar, wie man so sagt: früher oder später.

Der Tod ist in unserer Geselschaft nahezu das einzige, was gerecht verteilt ist: Er ereilt jeden, und die meisten zur Unzeit. Aber was heißt das, Unzeit? Wer will das beurteilen? Wann ist es genug? Schließlich gibt es auch Menschen, die die Zeit zum Sterben versäumten: Nietzsche, der stolze Verherrlicher der Gesundheit und Souveränität, starb nach elenden, demütigenden Jahren als dementer Pflegefall. Walter Jens, der einst so brilliante, intellektuelle Rhetoriker ist jetzt das, was er auf keinen Fall werden wollte: ein in Windeln liegender, hilfloser greiser Alzheimer-Patient ohne Verstand. 

Die alten Griechen priesen diejenigen glücklich, die im Vollbesitz ihrer Kräfte, in Schönheit und mitten im Kampf aus dem Leben gerissen wurden. So dumm war das nicht. Weder Dummheit noch Fanatismus kann man auch den stillen Betrachtungen nachsagen, die der ehrwürdige Mönch Yoshida Kenkô dem Thema widmete:

„Wie die Ameisen scharen sie sich zusammen, eilen nach Ost und West, laufen nach Nord und Süd. Menschen von hohem und niederen Stande, Alte und Junge haben ein Ziel und haben ein Haus, in das sie heimkehren; abends gehen sie schlafen, und am Morgen stehen sie auf. Aber was treiben sie denn? Sie sehnen sich nach einem langen Leben, und sie streben unaufhörlich nach Gewinn. Welches Glück erwarten sie denn, während sie sich so plagen? Nichts als Alter und Tod stehen ihnen bevor, und sie kommen schnell, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Worüber freuen sie sich etwa, während sie auf Alter und Tod warten? (…) Dumme Leute jammern über Alter und Tod. Sie möchten, daß alles ewig währe, und sie wissen nichts von dem Gesetz der Hinfälligkeit alles Irdischen.“ [Yoshida Kenkô, „Betrachtungen aus der Stille„]

Man kann etwas lernen – ohne sich moralisch über andere erheben zu wollen. Ich tadele Schlingensief nicht. Wir überaus Mitteilungsbedürftige und Ausdruckssüchtige sind alle ein klein wenig narzißtisch gestört. Schlingensief, seit 25 Jahren daran gewöhnt, um sich und seine diversen Drolligkeiten maximalen Medien-Wind zu machen, Provokationen zu säen und öffentiche Aufmerksamkeit zu ernten, mit extra viel Theaterdonner irgendwelches Gekasper und post-Beuys’sches Sozialgemache anzuzetteln; gewöhnt auch daran, 24 Stunden am Tag auf erleuchteten Bühnen, vor laufenden Kameras und offenen Mikrophonen zu leben; begierig danach, den eigenen Namen täglich landauf landab, von Burma bis Bayreuth genannt zu hören; gesalbt, geölt und zu heiß gebadet in den Wassern massenmedialer Aufmerksamkeit – kann wohl gar nicht anders. Er will, wie Jean-Baptiste Molière, unbedingt auf offener Bühne, vor Publikum sterben. Seinen privaten Tod als Schaustück inszenieren. – Mein Gottt, soll er. Wir werden ihm den Applaus nicht verweigern, nur …

… das Tao des guten, bescheidenen Abschieds geht anders. Stiller Rückzug will rechtzeitig geübt werden. Für die Anhänger des Tao im japanischen Mittelalter war das nicht nur eine ethische, vielmehr noch eine ästhetische Frage.

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Zen-Garten: Die Welt ist auch schön, wenn wir weg sind!