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Zurücktreten bitte! Eine deutsche Obsession

12. Februar 2013
herrgott_bg

Hat es satt: Gott will nicht mehr.

Tipp für Einbürgerungskandidaten: Wer wissen will, wie wir ticken und was die Deutschen wirklich scharf macht und anfackelt – es sind Rücktritte. Wir sind besessen davon. Schon am S-Bahngleis schallt es alle zwei Minuten: „Zurücktreten bitte!“  Rücktritte werden gefordert, durchgesetzt, triumphierend beklatscht, dann bekakelt, beklügelt, lange belabert und schließlich im Jahresrückblick abgefrühstückt. Wen trifft es nächste Woche? Wir brauchen den Rücktrittskick in immer kürzeren Abständen. Um zu erklären, woher diese Obsession kommt, müssen wir weit in die Geschichte zurückgehen, nicht gerade bis Adam und Uwe, aber noch hinter Goethe, hinter Luther und sogar noch ein Stück weiter, zurück ins frühbarocke Neokritikum. Deutschland gab es noch nicht, nur ein 16000-Teile-Puzzle aus mikroskopisch kleinen Kaiserpfalzen, Königreichen, Herzog-, Fürsten- und Erzbistümern, die von absolutistischen Herrschern nach Strich und Faden geknechtet wurden.

Manche Reiche waren so klein, dass die Sonne in ihnen nicht unterging, weil gegen Abend war sie ja schon gut fünf, sechs Reiche weiter. Wenn die Könige und Herzöge auf den Turm ihres Schlosses kletterten, konnten sie die Landesgrenzen beobachten und überprüfen, was die Nachbarn im Schilde führten, oder dem eigenen Volk ins offene Maul schauen, bis in den leeren Magen hinein, denn das Volk legte gern den Kopf in den Nacken und gaffte zum Herrscher empor. Niemand verlangte das von ihm, aber so waren sie, die Protodeutschen des hierarchaischen Frühbarock. Ihr König, ein gebürtiger Königsberger namens Ehrenfried Obrigkeit, der sich als Herrscher Obrig der Große nennen ließ, galt zwar als engherzig, bucklig und kleinwüchsig, aber von unten aus sah man das nicht so, denn man war allgemein kurzsichtig und obrigkeitshörig, also stierten alle dienernd nach oben, bis sie steife Stiernacken bekamen. Da wurden sie es aber irgendwann leid, immer nur Maulaffen feilzuhalten und riefen zu Obrigkeit hinauf: „Obrig! Wir hungern und darben! Wirf Brot und Kuchen herunter!“ – „… und noch Bier und gebraten Krammetsvögel!“, schrie ein besonders Kecker.

König Obrig zuckte die Schultern. Was war denn das nun wieder? Ein Königreich ist doch keine Suppenküche! Wenn diese Geschichte als Musical verfilmt wird, wäre es jetzt Zeit für eine Arie oder einen Song. „Friß Ananas, Bürger, und Haselhuhn“, könnte der König beispielsweise singen, „musst bald deinen letzten Seuzer tun!“ Aber das ist von Majakowski, der damals noch nicht lebte, wäre also ein Anachronismus gewesen, warum der König nur herunterpampte: „Nichts gibt’s, Kanaillen!“ Das wollte das aufgeputschte, ja ausgesprochen putschlustige Volk nun nicht auf sich sitzen lassen, ein Murren und Scharren entstand, ein Grummeln und Räuspern, dann ein richtiger Rumor und eine komplette Emeute und schließlich rief der Dreisteste, der vorhin Wildbret verlangt hatte, lauthals das schlimme Wort: „Rücktritt! Nieder mit Obrigkeit! Er soll zurücktreten!“ Das Ende ahnt man. Obrig der Große, eh nicht der schlaueste Keks im Karton, tat aus Mangel an Chuzpe und Schlagfertigkeit, wie ihm geheißen und trat einen Schritt zurück, purzelte von der Schlossmauer und rollte holterdipolter und hastunichgesehn rüber ins Nachbarland, wo er demissionierte und irgendwas bei der Post anfing, glaub ich.

Das Volk jubelte zunächst verhalten, verstummte aber bald, denn die Erwartung, nach dem Rücktritt werde es nun unverzüglich Brot und Kuchen vom Schlossturm hageln, erfüllte sich nicht. Im Gegenteil, nun hatten sie einen leeren Magen und noch dazu keine Obrigkeit mehr, zu der sie den lieben langen Tag aufschauen konnten. Etwas anderes hatten sie aber nicht gelernt, keinen Abschluss, nicht mal Praktikum oder was. Kurz darauf jubelte man erneut – Obrigkeit Junior hatte den Thron bestiegen… – So trug es sich zu, dass der Deutsche bis heute zwei Seelen in seiner Brust trägt, bzw. in seiner einen Seele einen Zwiespalt: Er hat Sehnsucht nach Obrigkeit, hasst sich aber dafür und ruft kompensationshalber, sobald er einen Herren oder eine Eiserne Lady installiert hat, umgehend nach Guillotine, Erschießungspeloton oder, wenigstens: „Rücktritt!

Dies ist eine wahre Geschichte, true history, wie von Guido Knopp gehäkelt; bloß ein Traum hingegen war es, den ich letzte Nacht hatte, wo Gott nämlich kurzfristig eine Pressekonferenz in Paderborn angesetzt hatte und dort erklärte, wenn sein Stellvertreter ginge, wolle er auch nicht mehr; er sei ebenfalls und „ja wohl schon viel länger“ alt und schwach, und, wenn ich es richtig verstanden habe, die Schöpfung sei ohnehin „am Arsch“ und die Menschheit ein „unverbesserlicher Scheißhaufen“.  – Da er es in geschliffenem Latein formulierte, klang es etwas konzilianter. Auf die Frage nach seinem Nachfolger reagierte Gott ungnädig. „Meinetwegen könnt ihr euer scheiß Goldenes Kalb anbeten“ grollte es noch, dann war Zapfenstreich mit Blechbläsern.

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Was trägt man im Herbst als Papst?

27. Juni 2011

Papst im Ausgehanzug

Es ist heute so heiß Geddo, dass das Wetter endlich mal zur Bevölkerung passt. Selbst Dilara, Gülter, Semra und Emine, unsere eisernen Kopftuchmädchen, lockern und lüften heute den Schleier. Die Sonne knallt dermaßen, dass man nur orientalisch im Schatten sitzen und Pfefferminztee trinken kann. Selbst Eiferer legen Anti-Eifer-Eisbeutel auf. Meinungen und Überzeugungen haben heute hitzefrei. Allerdings nicht bei allen. Meine Freunde von der radikalantiklerikalen Fraktion üben schon mal langsam die Empörungs-LaOla: Olala, am 22. September soll der Papst, nein, nicht im Kettenhemd tanzen, sondern im Deutschen Bundestag sprechen!

Weil mir als Nichtchrist und Jünger des Tao der Gelassenheit kirchenfeindliche Beißreflexe abgehen, war mein erster Gedanke, als ich davon hörte, nicht „Skandal!“, sondern: Was trägt er denn da? Ich meine, käme er mit seinem weiß-goldenen Hemd und violetten Mantelkleid, angetan zudem mit dem hohen spitzen Hut des Kirchenfürsten, das wirkte ja doch schon irgendwie bizarr, oder? Das sähe doch aus, als käme der Weihnachtsmann zur Bescherung! Aber andererseits – der Papst im dunkelblauen Zweireiher und mit Krawatte? Und, als Kompromiss, vielleicht eine dezente, nadelgestreifte Tiara auf dem Kopf? Schon modisch also eine Herausforderung. Von anderen Stilfragen ganz abgesehen.

Was sagt man denn so als Papst vor dem Parlament eines säkularen Staates? Wird er vielleicht was singen? Oder was Lateinisches aufsagen? Und lässt er einen Klingelbeutel herumgehen? Nimmt er die Politiker ins Gebet oder wird er sie beweihräuchern? Ruft er den Gottesstaat aus? Überhaupt: Kommt er eigentlich als Stellvertreter Gottes oder als Chef des Vatikan-Zwergstaates? Geht es also vorrangig um faule Kredite? (Immerhin gehört der Vatikan zur Euro-Zone, lese ich bei Wikipedia. Dort steht übrigens auch, dass der Vatikan-Staat rein statistisch die höchste Kriminalitätsrate der Welt hat – jetzt mal ohne Häme: frappierend denkwürdig, oder?)

Generell befürchte ich einen Würde-Konflikt. Entweder bewahrt der Bundestag seine Würde als Hohes Haus, dann macht sich der Papst lächerlich. Huldigt das Parlament dem Heiligen Vater, wird es geschmacklos. Was also tun? PR-Berater würden vorschlagen: Der Papst muss „sich neu erfinden“. Vielleicht lockerer werden, das Publikum mal überraschen. Er könnte versuchen, den Trick mit den drei Broten und fünf Fischen in der Bundestagskantine vorzuführen oder eine Runde Wasser in Wein verwandeln, das käme im Bundestag besonders gut an. Andererseits könnte das als päpstlicher Papa-Populismus bewertet werden.

Wie ich höre, will eine Handvoll hurmorloser SPDler das Event „boykottieren“. Ich finde das ein bisschen unsouverän. Boykott will mir generell als eine Form unfruchtbarer und phantasieloser Nein-Sagerei erscheinen. Solche Ungezogenheiten sind außerdem pure Wichtigtuerei. Wer mehr Laizismus will, der sollte einen neuen Staatsvertrag mit den Religionsgemeinschaften aushandeln und nicht einem alten Herren respektlos auf die saffianledernen Schnabelschuhe treten. Ich empföhle artiges Betragen, wie es sich gehört: In der Fraktionsbank auf die Knie sinken und „Hosiannah!“ rufen. Das heißt „Herr, hilf bitte“, und das kann ja wohl auf keinen Fall schaden.