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Und wer, wir? (Mutter ruft an)

19. Februar 2012

Mutter ruft an!

Wörter, manche Sätze, Beifang in den Flachgewässern der Wachträume. Aber wie rasch auch wieder entglitten. Väter und Söhne sind Zwillinge, fiel mir ein, nur eben einwärts längs in die Zeit gedreht, mit den gleichen schreckgeweiteten Augen, der Vater voran, der Sohn, freilich ohne es zu wissen und erst spät erwachend, ihm nach. Flüchtige clairevoyance, unwiederbringlich schon wieder versunken, bevor notiert werden konnte, was sie für einen Moment zu begreifen gab. Wie können wir uns je verständigen? Das Gehirn erblüht zuweilen verfrüht im ersten Morgenlicht, verschwenderisch zaubernd in seiner Bildermacht und bleibt doch, wiewohl mein eigen, mir fremd, wie ein sehr fernes Tier: wie der Merlan, das Opossum, die Seeanemone – wir ahnen uns kaum! Unter dem Eis tragen die Stimmen nicht. Wie sollen wir uns finden? Und wer, wir?

„Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen,
 / Wenn wir die irdische Verstrickung lösten, / 
Das zwingt uns stillzustehn“, so heißt es im Hamlet. Vielleicht. Aber es wird einem schwer gemacht. Immer um acht, am Morgen, ruft mich meine verstorbene Mutter an, aus Übersee, sie benutzt den batteriebetriebenen Wecker auf meinem Nachttisch dazu. Sprechen will sie nicht eigentlich, macht nur so pickende Geräusche, wie der Warnruf einer Drossel klingt es. Pick-Pick, dann lauter: Pick-Pick-Pick. – „Mutter, jetzt nicht!“ rufe ich stumm, „ich muss noch fertig träumen!“ Zu spät – jäh verblassen die Visionen, wie Polaroids, nur umgekehrt: Was Bild war, wird Schemen, Schleier und Schliere. In jedem Menschen schläft ein Mozart, ein Munch, ein Magritte, ein Musiker oder Malerfürst – und dann verscheucht Mutter die Musen!  Aber sie weiß es ja nicht besser, sie hat es immer gut gemeint, sie hat mich beschränkt gemacht aus edler Absicht.

Im Traum ein Tagesrest: Ich bin wieder Schüler und werde zur Gruppenarbeit verurteilt. Gepeinigt schreie ich: „Niemals! Hier ein ärztliches Attest! Diagnose Autist! Ich habe Asperger! Gruppenarbeit tötet mich!“  Oh das dumme Gelächter der Eltern, der Lehrer! Sie sind heute, vermute ich, alle schon tot, leiden Langeweile und vertreiben sich die Ewigkeit mit Scherzanruf und Klingelstreich. Die Menschen sind ein Maisfeld. Kaum brechen wir durch das Unterholz der Nichtigkeiten, richten uns auf, mit schwerem Atem noch und blutig geschunden, erblicken wir vor uns endlich den Weg, doch, ach – um ihn zu beschreiten gebricht es für heute schon an Kraft. Im Dunst der morgendlichen Dämmerung lächeln am Horizont die Hänge des Vergeblichkeitsgebirges, unbezwungen und entrückt.

Ist das Leben nur Mühsal und Last? Nicht nur. In der Küche waltet ja schon die Gattin und bereitet das Frühstück, die liebe, und grüßt mich mit linder Sorge: „Hat Mutter wieder angerufen?“ Ich tauche auf, schüttele mir das Fruchtwasser aus den Ohren, sammle mich und nicke, aber schon besänftigt, getröstet fast. Es riecht nach Realität und frischem Kaffee und in der Sonntagszeitung eingefaltet wartet die Weltlage.