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Die Märchen-Muhme schnitt den Faden…

2. Juni 2010

Geliebte Gegenmutter: Louise Bourgeois (1912-2010)

Daß es seltene Menschen gibt, die rückwärts geboren und mit dem Alter immer jünger werden, ist ein Topos der Literatur und des Films. Manchmal existieren sie aber auch tatsächlich. Ich fand jedenfalls, zum Schluß wirkte sie schon fast gespenstisch in ihrer Vitalität und unermüdlichen, rumpelstilzchen-haften Schaffenskraft, wie ein in Unwirklichkeit gebadetes, sehr junges Mädchen aus einem Carollschen Wunderland, immer am Spinnrad der Kunst, der arachnoide weibliche Archetyp der Sinn- und Schicksalsspinnerin, immer wie leise kichernd, im klamm stummen Fingerspiel haspelnd und spinnend, versponnen verhäkelte Botschaften wispernd, gespenstisch, aber auf anheimelnde, vertraute Art gespenstisch, wie Frau Holle oder meinetwegen auch des Teufels Großmutter, als wäre sie, die alte Muhme Louise, eine zaubrische, als Greisin verkleidete Elfe: Verwundet, aber davongekommen, schweigsam, aber beredt: Ihre schüchtern-obzönen Schwellkörper, die dezent-grausamen Püppchen und Strickfiguren, ihre arachnoiden Monstermütter, ihre verstörenden „Zellen“ und verwunschenen, im kranken Licht fröstelnden Kram-Kammern kündeten, sozusagen in hundert Jahren Schlaflosigkeit zusammengeklöppelt, von einem rastlosen, arbeitsamen Geist, der hinter dem Gespinsten der Sprache und der Konventionen nach der ursprünglichen Wunde suchte, dem unhörbaren Schrei auf dem Grund der eigenen Existenz lauschte,  dem Untergrund der Dinge nachforschte, dem wurzelhaft-biotischen Wuchern und Wachsen des Unheimlichen, das uns trägt, der nie verwundenen Kindheit nachtrauernd. – Künstler wird, so sagte sie, wer es es nie schafft, erwachsen zu werden.

Louise, auch ein Idol: ein böses, verstoßenes, nicht gewolltes Kind, ein unverstandenes Kind, ein Kind mit einem bösen, glasklaren Blick. Immer draußen, immer am Rande, und immer im Bilde. Hexen, Parzen, Muhmen: „Weise Frauen“, Behüterinnen eines unerträglichen, aber doch unverzichtbaren Wissens – Louise Bourgeois war für mich eine von ihnen. Ihr Werk berührte mich, unangenehm intensiv wie ein schlimmer grippaler Infekt, ein erlkönighaftes Fieber, eine physische Beängstigung und Lockung zugleich, ganz unmittelbar, ohne Vermittlung durch Kunstlehrer und Interpreten. Sie machte Angst und in sich verliebt, wie sonst nur Kafka. Sie ging mir unter die Haut. Louise Bourgeois war meine (heilsame) Gegenmutter.  Außerdem, um sachlich zu bleiben, bewies sie, daß Feminismus nicht dumm, geistlos und ideologisch sein MUSS. Wenn ich je eine Frau jenseits des Geschlechtes rückhaltlos verehrt habe, dann sie: Weil sie Verehrung abstieß.

Halb und halb hatte ich schon gehofft, sie sei eventuell unsterblich, dezent-papiernen entrückt, zum Mythos sublimiert. Aber dazu war sie wohl zu bescheiden.

Nun starb sie also doch – am Montag, den 31. Mai 2010, im Alter von 98 Jahren, in New York an einem Herzinfarkt.  – Geliebte, verehrte Louise. – Endlich Schlaf!

Chemo für alle: Aromamafia schlägt zu!

19. Mai 2009
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Moderne Obstplantage

Diejenigen Senioren, die regelmäßig Gehirnjogging von Dr. Soundso machen und deshalb über ein blitzblankes Gedächtnis verfügen, werden sich vielleicht genauer erinnern als ich: Es muß so Ende der 70er oder Anfang der 80er Jahre gewesen sein, da erfanden Tüftler von irgendeinem Chemie-Konzern das künstlicher Apfelaroma. Ich nehme jedenfalls an, daß es von verrückten Wissenschaftlern aus der Retorte gezaubert wurde, denn um aus richtigen Früchten zu sein, roch es einfach zu sehr nach Apfel. Zuerst taten sie dieses Aroma in Haarshampoo, daß sie passend zum Geruch giftgrün einfärbten, und für eine ganze Weile dufteten wir damals noch mit Heavy-Metal-Mähnen ausgestatteten Jungmänner wie frisch von der Obstbaumschule. Vielleicht war in dem Kunstduft auch noch irgendetwas „drin“, denn die weißbekittelten Dr. Mabuses begannen bald, am Rad zu drehen.

Es ging ihnen wie mir Weihnachten ’65, als ich einen Bio-Baukasten geschenkt bekam, der ein kleines Mikroskop enthielt, und ich dann wochenlang meine Umwelt damit nervte, alles, was nicht niet- und nagelfest war und auf den Objektträger passte, mikroskopieren zu wollen. Meine Mutter nahm mir das Gerät wieder weg, als sie mich beim Versuch erwischte, mein präpubertäres Ejakulat auf Samenfädchen zu testen, denen ich nämlich beim Wuseln zuschauen wollte. Jugend forscht halt. Jedenfalls, die Kunstäpfelaromatiker begannen hektisch nach Dingen zu fahnden, die sie noch mit ihrem neuen Wunder-Zeug aromatisieren konnten – Seife, Spülmittel, Waschpulver, Klo-Steine, Räucherstäbchen, Bettwäsche, Bügelhilfespray und Papiertaschentücher hatten sie schon mit dem penetranten Duft imprägniert, aber sie bekamen einfach nicht genug. Bald gab es, für Süchtige, nehme ich an, die Apfel-Miasmen schon pur, als Raumspray,  mit dem die adrette Hausfrau dem aus dem Büromief heimkehrenden Gatten ein gepflegtes Heim bereitete.

Ich habe das damals nicht intensiv verfolgt, aber für mich war der Gipfel des heimlichen Aroma-Wahns erreicht, als auf dem Markt apfelaromatisiertes Toilettenpapier feilgeboten wurde. Das muß man sich einmal vorstellen! Zur Sicherheit, für den Duftanalphabeten, war das Papier auch noch mit kleinen Äpfelchen bedruckt, sodaß eine gewisse Redundanz, so sagt der Fachmann, der Botschaft erzielt wurde. Aber was war jetzt noch mal genau die Botschaft? Nun, die Message war, daß man so etwas „heutzutage“ machen kann. Man kann zum Mond fliegen, man kann Naß-Abspiel-Vorrichtungen für Schallplatten entwickeln, Druckaschenbecher, Lava-Lampen und Plateauschuhe bauen, und man kann, in den wissenschaftlich fortgeschrittenen Ländern der westlichen Hemisphäre, Toiletten-Papier mit Apfelgeschmack produzieren! Das ist ja bis heute so, daß viele Dinge aus dem einzigen Grund gemacht werden, weil man das eben kann! Wir leben in Zeiten des Käse-Imitats und der Silikon-Implantate! – Irgendwann hörte der Irrsinn vorerst wieder auf, wahrscheinlich, als man beim Versuch, Bananen mit Apfelaroma zu veredeln, an die Grenzen des Kundeninteresses stieß, vielleicht aber auch, weil sich die Retorten-Virtuosen schon mit der Entwicklung neuer künstlicher Düfte befassten.

Heute lächeln wir über die ersten Gehversuche der Chemo-Nasen, denn erstmals stehen wir jetzt vor der endgültigen Voll-Parfümierung des Alltags. Auf dem Gebiet der Körperpflege gibt es Parfümfreies nur noch selten oder, was ich noch weniger begreife, gegen heftigen Aufpreis. Das ist doch so, als ob in einem Kaffeehaus der Kaffee mit Zucker 2,20, der ohne Zucker aber 2,90 Euro kosten würde. Für den Verzicht auf die Chemoduft-Therapie lassen die Shampoo- und Seifen-Barone sich fürstlich bezahlen! Das geht doch nicht! Wer nicht auf dem polnischen oder vietnamesischen Schwarzmarkt abgelaufenes Alt-Shampoo kaufen will, riecht heute unweigerlich nach Kokos, Mango-Maracuja, Erdbeer-Papaja oder wenigstens nach Honig-Joghurt-Vanille, andernfalls würde ihm ein Hygiene-Defizit unterstellt, was ihn eventuell mit sozialer Ächtung bekannt machte. Auf Chemo-Duft-Allergien hinzuweisen ist da keine Entschuldigung! Unfrisch, d. h. nicht nach der Exotica-Abteilung des Feinkostsupermarktes zu duften, kann zu einer Ausgrenzung, ja Stigmatisierung führen, die in weitgehende Chancenlosigkeit beim anderen Geschlecht mündet. Beim eigenen womöglich noch mehr!

Ich hielt es für einen kleinen verzeihlichen Exzeß des an Modenarreteien nicht eben armen fin de siècle, aber heuer ist Retro wohl die neue Avantgarde: Gestern erstand die Gattin im Supermarkt Toilettenpapier: mit Kamille-Aroma und mit so kleinen Blüten bedruckt. Die Aromamafia hat wieder zugeschlagen!