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Die Angstmütze (Zur Geschichte der Kindheit)

11. Mai 2012

Unbillfisch

Der kleine Bromian hatte ein großes Geheimnis, und das war noch nicht mal die Sache mit dem Jesukind – er mimte nämlich manchmal insgeheim ganz gerne das bittersüße, arme Jesukind voll Blut und Wunden, und auch davon erzählte er natürlich niemandem – , aber das richtig große Geheimnis war, dass er eine funktionierende echte Angstmütze besaß. Ferienbruder Arnold aus Wuppertal hatte sie ihm vermacht, als er nämlich schon wieder weg musste, der Austausch- und Durchreisefreund, weil er von seinen neuen Eltern plötzlich „adorpiert“ worden war und nach Hause musste und da wohnen, wegen Eigenfleisch und -blutbedarf usw. Jedenfalls: Normale Kappe aus falschem Bibersamt, oben im Zenit Knopf drauf, aber drei Klappen dran aus naturwildem Tierpelz, links, rechts und vorne auch. Links und rechts konnte man damit die Ohren abdecken, und wenn man vorne den Schirm ganz herunterklappte und dann alles unterm Kinn zusammen band, war man praktisch auf Nummer Sicher. Hatte Arnold gesagt, und es stimmte genau. Allerdings, wenn die Angst lange dauerte, schwitzte man an den Haaren, das ja.

Wenn was war, und es war ja fast immer was (Arnold nannte es: „Unbill droht jederzeit und mögliche Verzweiflung“), kauerte Bromian sich in eine dunkle Zimmerecke, schlang die Arme um die zitternden Knie, bezog seine Angstmütze, kniff zur Sicherheit noch die Augen zusammen und atmete kaum. Manchmal spürte er, wie Unbill und mögliche Verzweiflung wüst in der Stube herumschnaufte und nach ihm suchte; zuweilen kam es auch vor, dass der Schrecken ausblieb, dann hatte man umsonst Angst gehabt, aber was besagte das schon? Arnold hätte die feinen Brauen gehoben und vielsagend geflüstert: „Ja, dieses mal vielleicht, aber…“ Und das war der Punkt.

Eine Theologie hatte er nicht gerade, aber Weltwissen. Die Welt war voller Lärm, Gestank und gefährlichem Gemache; sie war, wie Arnold, das Katholikenkind, es gesagt hätte, „ein Jammertal“. Weinen durfte man freilich nicht, wenn man im Dunkel der Angstmütze saß und an den Haaren schwitzte, höchstens ab und zu vorsichtig einen ganz leisen, hauchfeinen Seufzer  ausstoßen, damit die jederzeit mögliche Verzweiflung einen nicht zu packen bekam. Am besten war man ein sehr kleines, unscheinbares Tier, denn, so wusste es Arnold aus seiner Lebenserfahrung, eine „bescheidene Kreatur“ zu schlagen hätte das Schicksal „keine große Freude“.

Die Nacht aber war ein klaffendes Loch wie der lauernde Meeresgrund, denn die Hausmutter verbot es, im Bett eine Mütze zu tragen. Ohne Begründung. Die Ahnungslose! Nachts war man bettelarm und einsam wie das süße, blutende Jesukind in der Krippen und kein Nothelfer weit und breit in Sicht. Ein Kind darf ja noch nicht beim Zeitvergehen mitmachen, es lebt noch in der stummen Mutterblase, wie ein traumblinder Fötus im Gurkenglas, an dem sich der Unbillfisch die Nase wetzt, das arme Kind, den Zähflüssigkeiten des Seins hilflos ausgeliefert und gezwungen, den bitterdicken Brei zu löffeln, den die Eltern einem gekocht haben!

Elefantenbeerdigung. Schweigen oder Schreien?

25. Juli 2011

Musik: Gustav Mahler

Ist dies ein retrograder, die Vergangenheit verklärender Wunschtraum, oder gab es das in meiner Kindheit tatsächlich einmal? Dass das Radio – Fernsehen spielte noch kaum eine Rolle –, bei wirklich erschütternden Welt-Ereignissen, stundenlang bloß getragene Musik spielte? Knapp und beherrscht, sozusagen mit schwarzer Krawatte in der Stimme, wurden die Nachrichten verlesen, dann gab es Chopin und Brahms zum Nachdenken und In-Ruhe-Traurigsein. Wer nicht traurig war oder keine Lust auf Nachdenken hatte, schaltete das Radio halt aus oder er konnte Radio Moskau einstellen, wo eine Dame mittleren Alters jeden Abend gleichmütig kryptische Zahlenkolonnen in den Äther murmelte, welche von Spionen draußen an den Weltempfängern beflissen mit unsichtbarer Geheimtinte auf spezielle Spickzettel notiert wurden.

Als älteres und etwas verschrobenes Kind pflegte ich meine Weltverzweiflung – Gothic, Grunge und TripHop gab es ja noch nicht – gern z. B. mit dem Trauermarsch aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie in cis-moll zu untermalen bzw. zu bestätigen. Freilich, dieses Sahnestück trauermusikalischer Monumentalsymphonik ist so pastos-pompös und Pathos-gesättigt, dass ich mich beim Anhören immer unwillkürlich auf einer Elefanten-Beerdigung wähnte, auf der endlose Reihen solcher imposanten Rüsseltiere in traumverloren retardiertem, tonnenschweren Trampeltrott zu Paukenwirbeln, wienerischem Geigen-Weinen und gelegentlichen, herzzerreißend dissonanten Posaunenstößen aus ihren anklagend hoch geschlenzten Rüsseln zum Friedhof walzten, und dann musste ich fast schon wieder ein bisschen lächeln.

Die tägliche Medienmahlzeit war noch frugal und der Seelenhaushalt dementsprechend schlank und beweglich. Heute wird von Print, TV und Internet auch jede noch so winzige Denkpause mit einem übel riechenden, klebrigen, hirnzersetzenden Geschwätz vollgekübelt. Voll aufgedreht sind die Phrasophone und Trivialtrompeten und ergießen routiniert und gnadenlos ihre Plapperkaskaden, in Livetickern und Leid-Artikeln, ihren würgenden Brei aus Tränensülze und zähem Worthülsenstroh, der nichts offenbart als die sinistre Geistesferne, Gemütskälte und Herzensleere eines sich um sich selbst drehenden  Apparates. Getrieben von der Logik des Sensationellen und ausgepumpt von der Inflation der Superlative, ist alles, vom Tsunami über das Loveparde-Desaster bis zum Massaker in Norwegen selbstredend eine „unfassbare Tragödie“ und eine „unermessliche Katastrophe“, nach der „das Land sich verändern wird“ und, natürlich, dumpfes Orakel, vor allem „nichts mehr so sein wird wie zuvor“.

Die Redundanz dieser Phraseologie entspringt nicht so sehr – wenn auch im Einzelfall evtl. schon –  der lähmenden Denkfaulheit von Redakteuren, Leitartiklern und Reden-Schreibern, sie ist dem System der Massenmedien inhärent wie ein unausrottbarer Herpes-Virus. Dessen Grundfluch liegt in dem Zwang, keine Minute innehalten zu dürfen; selbst während mühsam aufgebrachter Schweigeminuten läuten wenigstens die Kirchenglocken oder werden notfalls Bilder von Schweigenden gezeigt, vielleicht, damit man sich daran erinnert, was es eigentlich noch mal hieß, die Klappe zu halten. Neben dem horror vacui, aus dem heraus gegen das erschütterte Schweigen, gegen die Angst vor dem Sterben und das Vordringen des Nichts angelabert wird, hat das Elend mit der Armut der Sprache zu tun. Es gibt ein Entsetzen oder eine Erschütterung, dessen Gewalt sich nicht in Worten ausdrücken lässt. Dafür brauchte man ein Saxofon, eine E-Gitarre, einen Schrei, so unartikuliert und seelengepeinigt, dass alles Gerede daneben verstummt.

So einen Schrei oder so ein Schweigen für ein paar Stunden zu übertragen wird sich gewiss kein Redakteur überreden lassen, schon klar. Das Innehalten ist unwiederbringlich dahin. Wie eine palavernde Affenherde müssen wir alles bis zum Überdruss beschwatzen, solange, bis wir knöchelhoch in leeren Worthülsen waten, bis uns das Geröll, der Müll, das Gerede bis zum Hals steht.

Die alten Griechen, unter denen ich, gymnasial bedingt, aufgewachsen bin, führten einmal im Jahr, zum Dionysos-Fest, Tragödien auf. Sie waren zwar wuchtig und aufwühlend, aber durchaus nicht „unfassbar“, sondern dienten im Gegensatz gerade dazu, das Grauen und die Tragik des Existierens fassbar zu machen. Tragödie, das heißt wörtlich „Bocksgesang“ und war der Beschwörung des doppelgesichtigen (und bocksgestaltigen) Fruchtbarkeits- und Todes-Gottes Dionysos gewidmet, dem fremden Gott aus dem Osten, der zügellos zeugte und zertrat, was sich ihm in den Weg stellte. Ich stelle mir vor, die Zuschauer im Theatron haben dabei geweint, geschrieen und Sonnenblumenkerne gegessen, deren Schalen sie zwischen die Sitzreihen spuckten. „πολλ τ δειν κοδν νθρώπου δεινότερον„, sang der Chor die Worte des Sophokles: „Ungeheuer ist vieles, doch nichts ungeheurer als der Mensch“. Die Athener nickten ergriffen, seufzten vier Tage lang, dann wandten sie sich wieder ihrem Tagwerk zu – der Beraubung, Plünderung, Schändung und Ermordung ihrer Nachbarn.

– Und jetzt Musik.