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BLUES IN HARTZ IV

14. Oktober 2009

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Armutsberuhigter Blues in Hartz IV (Fies-moll)

 Arm? Geht so? Oder reich? Manchmal weiß ich gar nicht so genau, was ich eigentlich bin. Kommt halt drauf an, von wo man grad guckt. (Vielleicht sollte ich mich mal wieder trauen, einen Blick in meine Konto-Auszüge zu werfen?) Ich schätze, die meiste Zeit meines Lebens bisher war ich total arm. Man ist doch arm, wenn man  dauernd Geldsorgen hat, oder?

Aber dann les ich wieder, die multi-millliardäre Karstadt-Oberschnepfe Frau Schickedanz von Arcandor hinter den sieben Goldbergen hätte noch vieltausendmal mehr Geldsorgen als ich! Die kann schon nicht mehr schlafen vor Geldsorgen! Die lebt in ihrem Schloß von 600,00 Euro im Monat und weiß gar nicht mehr ein noch aus, bzw. wie sie das Personal und den Fuhrpark bezahlen soll! Also so arm wie die möchte ich nie werden! Denn ich kenn das verflucht gut, wenn am Ende vom Geld noch soviel Monat übrig ist. Da heißt’s dann schon mal, seine geliebte Sammlung seltener Pfandflaschen vom Balkon holen, das Leergut einlösen, wieder auffüllen und ansonsten zwei Wochen von Spaghetti-Nudeln mit Tomatenpampe leben. Geht schon. Und sonntags ausnahmsweise  Schachtel Ölsardinen! Ist auch mal lecker!

Wer ist denn nun arm? Der ewig klamme Donald, weil er kein Geld hat oder Onkel Dagobert, der zwar Phantastilliarden Entenhausener Taler zum Drin-Baden  sein eigen nennt, aber auch einen mittelschweren Hau hat und eine finanzbezogene Zwangsneurose? Es heißt ja immer, selbst wenn einem die halbe Welt gehörte, hätte man doch nur Scherereien, – z. B. mit dem, der die andere Hälfte hat und nicht hergeben will. Geld, so hört man außerdem ständig, regiere die Welt. Aber wo denn? Geld fehlt doch überall? Jeden Tag liest man, daß wo das Geld nicht mehr da ist! Unsere Regierung ist flüchtig. Wir werden, glaub ich manchmal eher, von einem Netz aus Haushaltslöchern und Finanzierungslücken regiert.

Meine Straße in meinem Viertel ist gewissermaßen armutsberuhigt. Morgens um 6.00 Uhr herrscht himmlische Kurortsruhe, weil niemand mehr zur Schicht muß. Hier arbeitet praktisch keiner mehr, und wenn doch, dann schwarz und ganz woanders. In meiner Nachbarschaft lebt man entweder von Kindergeld oder man hat das große Arbeitslos der Staatslotterie gezogen. Das Leben wird einem pünktlich überwiesen. Man läßt sich von der alten Frau Merkel aushalten, die mit dem Stopfen der Sparstrümpfe kaum noch nachkommt. Opa hatte einen Beruf, Vati wenigstens einen festen Job. Heute ist man, was nicht jeder als lebensausfüllend betrachtet, HartzIV-Empfänger.

Bundesbank-Vorstand Sarrazin hat sich unbeliebt gemacht, weil er dreist ausgesprach, was hier eh jeder weiß. Er hat gesagt, in Neukölln wollen sich 70% der Türken und 80% der Araber nicht integrieren. Frau Süßmuth hat protestiert: Das sei eine Beleidigung der bestimmt  wenigstens 30% Türken und 20% Araber, die sich sehr wohl integrieren! Frau Süßmuth sollte mal den Nobelpreis für angewandte Statistik kriegen! – Sarrazin hat noch gesagt, 20% der Berliner Bevölkerung seien unproduktive, ökonomisch „unbrauchbare“ Empfänger von Transfer-Leistungen. Bei uns liegt der Prozentsatz noch höher, glaube ich. Von 455.000 Einwohnern in Duisburg erhalten 70.000 Leute Geld von der ARGE.

Trotzdem sind viele HartzIVler bei uns im Viertel ökonomisch nicht völlig unnütz. Auch sie bilden einen Markt! Einen Markt, dem sich mit entschlossenem Willen zum Erfolg ein Büdchen widmet: Die „Hartz IV-Ecke“ (s. Foto!). Dieses Büdchen ist zielgruppentechnisch auf die Mehrheit in der Hood fokussiert. Die größte Gruppe bei uns sind nämlich, heißt es unter vorgehaltener Hand, weder Türken noch Deutsche, sondern die Alkoholiker. Sinnigerweise kommt hier der Markt zum Anbieter. Solange die Temperaturen es zulassen, versammelt sich der Markt am kleinen Rondell vorm Büdchen und zapft, was die ARGE hergibt. Das Leben eben. Das Leben hat hier 40%, in der Regel, und es  dauert von Sonnenauf- bis -untergang. Die Nacht dann ist lang, melancholisch und zähtränig-quälend wie ein Leonard-Cohen-Song.

Nichts ist ohne Schönheit: Was treue Begleithunde und Mitsäufer gemeinsam haben: Sie verurteilen dich nicht. Sie leben heute, von Schluck zu Schluck. Weil man ihnen das Futter ja hinstellt. Beide fragen nicht nach morgen. Man dämmert, mehr oder minder ohne Zuversicht, aber voller Überlebenswillen, in eine Zukunft, für die man kein Wort hat.

 Nachtrag: Wer schon immer einmal in einem verzweifelt komischen, absurd ni-hihi-listischen Theaterstück von Samuel Beckett mitspielen wollte, aber nie engagiert wurde, der komme zum kleinen Platz vor der „HartzIV-Ecke, im Spätsommer, und frage die dort versammelten ca.15 stark angetrunkenen Niederrheiner nach dem Weg zu irgendwas, das direkt um die Ecke liegt…

Ich wollte eigentlich, sorry, lustig sein, aber dann wurde es ein Blues in Hartz IV. Geld macht blöd, wenig Geld macht traurig, gar kein Geld macht philosophisch. Wir treffen uns, weil jetzt wird es Herbst und kalt, im nächsten Frühling: In der Hartz IV-Ecke. Besser eine vage Verabredung, als gar keine Zukunft.

Arnold Winterseels Jour Fixe (IV): Zwei, drei Flaschen Wein gegen die Gottesferne

20. März 2009
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Maulana Dschelaleddin Rumi: Wein der Unsterblichkeit?

ÜBER GOTT NUR IN DER ICH-FORM!

Freund Fredy Asperger  tüftelte zuhause an einer kniffligen Fern-Mikado-Aufgabe und erklärte sich am Telefon „mit freundlichen Grüßen“ (!)  für „derzeit unabkömmlich“. Die charmante Miß Cutie indes war angeblich kellnern – sie trachtete seit Frühlingsausbruch das Geld zusammenzubekommen, um sich „endlich mal die Nase machen zu lassen“. Hauke und Hinrich, die Aquavitzwillinge, waren zur alljährlichen Windjammerparade nach Kiel, glaub ich, und Oma Hager ließ sich von Sven-Aaron Mangold, unserem Einserjuristen und Gelegenheitsgigolo, zum Frisör kutschieren, um sich eine frische silberfuchsblaue Haarhaube verpassen zu lassen. Ich machte mir also gewisse Hoffnungen auf ein Privatissimum bei meinem Traurigkeitslehrer Dr. Winterseel. 

Tatsächlich waren im Salon außer einigen mir unerheblich dünkenden Komparsen nur Nachbarschaftsmystiker Enver Konopke und Literaturpapst Blankenvers zugegen. Man diskutierte über die These des Sufi-Süffels, der tägliche Konsum „von etwa zwei, drei Fläschchen Wein“ sei in der Lage, die allenthalben beklagte und und ja auch durchaus  beklagenswerte moderne Gottesferne zu mindern. Er stütze sich, so Konopke, da im wesentlichen auf den mittelalterlichen Derwisch Maulana Dschelaleddin Rumi – die Aussprache des Namens meisterte er wie ein gefährliches Abenteuer sowie unter Aufbietung einiger entbehrlicher La-le-las –, und rezitierte dessen unsterblichen Vers: „Bevor es Garten, Weinstock oder Traube gab in dieser Welt / War unsere Seele bereits trunken vom Wein der Unsterblichkeit“.  – Die bereits pränatale Betrunkenheit Konopkes wollte Blankenvers nun zwar gern konzedieren, bezweifelte das mit der Unsterblichkeit aber energisch. Als Vertreter des medizinischen Materialismus, so der Magister, halte er Konopkes des öfteren vermeldete mystische Visionen eher für „Anzeichen eines handfesten Korsakow-Syndroms“, wie es für chronische Alkoholiker typisch sei; auch werde er, bevor er „Gott sähe“, es wohl erst einmal mit ekligen kleinen Tieren an der Krankenhauszimmerdecke zu tun bekommen, prophezeite er gallig. Weitere herzlose Gehässigkeiten des Magisters, Leberzirrhose und Delirium tremens u. ä. m. thematisierend, induzierten bei Enver Konopke ein derart vernichtend intensives, anfallartiges Erlebnis der Gottferne, ja untröstlichen Gottlosigkeit, daß er vor metaphysischer Erschütterung einen Weinkrampf (!) erlitt. Dieses Schauspiel erreichte bereits das Stadium der definitiven Unerfreulichkeit, als mir der wohlgefüllte silberne Flachmann in meiner Jackentasche einfiel, den ich dem in Tränen aufgelösten Gottsucher Konopke umgehend anbot. Er nahm einen tiefen, langen Schluck vom Scotch, stutzte kurz über den ungewohnt rauen Geschmack, entspannte sich dann aber, sah mich mit noch tränenblinden, aber glutvoll verliebten Augen an, stürzte auf mich zu und verabreichte mir unversehens einen nassen, durch den borstigen Schnauzbart in seinem Gesicht noch unausweichlicher ausfallenden Kuß auf den Mund, wandte sich dann um, mit ausgestrecktem Arm und vor Erregung zitterndem Finger auf den Lyrik-Lektor weisend, indem er mit fürchterlicher Stimme schrie: „Da sehen Sie es! Da sehen Sie es!“ Mit diesen Worten stürzte der kleine kugelige Mann – unter Mitnahme meines Flachmannes –  aus dem Zimmer, um, so vermute ich, die neu gewonnene Gottesverbindung nicht gleich wieder abreißen zu lassen.

An diesem Abend, Blankenvers empfahl sich, von dem Zusammenstoß mit Konopke noch konsterniert, schon früh, sprach ich dann in der Tat lange allein mit Arnold Winterseel. Er sagte mir ungemein Kluges, Trostreiches und Beherzigenswertes über die Anmut des Scheiterns, die Blindheit der Gewinner und über die hellsichtigen Untergeher und Wandler am Abgrund; er sprach von den herrlichen Dichtern, die es verschmäht hätten, auch nur eine Zeile zu veröffentlichen, und erzählte von helläugigen Mystikern, die von Gott nur in der Ich-Form gesprochen hätten, weil „sowieso alles Eins“ wäre und Gott in der dritten Person zu nennen schon den Frevel des Dualismus heraufbeschwöre. 

Zum Schluß verriet er mir noch das gnostische Geheimnis, wie man es durch Autosuggestion und Atemkontrolle  vermeiden könne, zu wirken, als sei man von allen guten Geistern verlassen; leider, zu meiner nicht geringen Ernüchterung schloß Winterseel jedoch mit den Worten: „Aber, mein lieber Bruno, das bleibt unter uns, nicht wahr?“  – Tut mir leid, Freunde!