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Im Café ohne Hörsturzhelm

18. September 2010

Den Finger am Abzug: Der Musik-Terrorist (Foto-Quelle: Wikipedia)

Wie jeder halbwegs weltläufige Genussmensch liebe ich Straßencafés. Gepflegt herumhängen, geistvoll mit der charmanten Begleitung plaudern, dabei en passant das flanierende Passantengewimmel begutachten, über Modetorheiten und wandelnde Ernährungsfehler (na, ich hab’s grad nötig!) lästern, dabei einen Eis-Kaffee, einen Cappuccino oder schon, falls der Sonnenuntergang naht, also ab mittags ein Weinchen genießen – das sind Urbanitätskultiviertheiten, die ich auf dem platten niederdeutschen Dorf mit Sicherheit vermissen würde! – Worauf ich dabei allerdings gut und gerne verzichten könnte, ist unfreiwillige Musik-Begleitung.

Nebenbei, weil ich nie weiß, was man „noch sagen darf“: Darf man noch „Zigeunermusiker“ sagen? Oder sind das jetzt „freiberufliche Roma-und-Sinti-Instrumentalisten“? Wahrscheinlich, nehme ich an, spricht man korrekt und besser von: „ambulanten, besonders mobilen Laien-Musik-Kulturschaffenden mit südosteuropäischem Migrationshintergrund“? In meinem politisch unkorrekten Alltag heißt es freilich schon mal herzloser: „Boah, ich glaubs wohl, da sind schon wieder so scheiß Akkordeon-Bettler im Anmarsch!

Kaum sitzt man nämlich am zierlichen Marmortischchen über seinem Getränk und möchte vielleicht gerade mit gebrochener Moll-Stimme ein herbstliches Sonett von Rilke rezitieren, eine süßsäuerlich-scharfe Sottise von Karl Kraus zum Besten geben oder gar bescheiden ein selbst ad hoc geschliffenes Scherzwort zu Gehör bringen,  da braatzt, dudelt, quäkt, quaackeliert, schrillt, klimpert, kinkeliert, faucht, pfeift und näselt einem auch schon mit rücksichtsloser Brachiallautstäke eine ambulante Quetschkommode um die Ohren resp. ins Gespräch, um dieses komplett und gnadenlos zu verunmöglichen. An manchen Tagen verstärkt man den Terrorangriff noch mit Waffen, die sich besonders verheerend gegen die Zivilbevölkerung richten: verstimmte Geige, Balkan-Klarinette (Zurna) und Tambourin. Ohne Hörsturzhelm ist man dem Zwangs-Lauschangriff praktisch wehrlos ausgeliefert.

Nicht, dass ich den elegischen Walzer aus „Der Pate“ nicht schätzen würde; zu späterer Stunden schunkele ich schon mal „Auf der Reee-perbahn nachts um halb eins (dingelingeding)“ mit, und wenn eine glutäugige Romamama ihrem dreijährigen Knirps beigebracht hat, sich auf der Quetsche im ICE-Tempo durch den „Flohwalzer“ zu fingern, ohne sich was zu brechen, bin ich bei guter Laune durchaus bereit, entzückt ein paar Münzen zu zücken. Nur, wenn es recht ist, ich würde verdammt noch mal gern selber und frei entscheiden, ob und wann ich das will! Aber nein: Da kann ich ein Gesicht ziehen, derart genervt und sauer, dass im Umkreis von drei Metern die Fliegen tot von der Wand fallen und die Wespen an ihrem Pflaumenkuchen ersticken – debil grinsend arbeitet der Akkord-Akkordeonist erbarmungslos die Terrasse ab, baut sich breitbeinig vor Selbstbewusstsein an jedem Tisch eigens und extra auf, um das dort keimende, zart knusprig Gesprächsgebäck mit dicker Dudel-Sauce zu überkippen. Das ist doch eine Unart! Ich möchte das nicht!

Richtig ärgerlich wird es dann aber erst, wenn das Drei-Stücke-Repertoire lieblos-routiniert heruntergenudelt ist und der Zieh- und Vielharmoniker nun von Tisch zu Tisch schlawinert, um dir aggressiv-herausfordernd oder unangenehm servil den Hut unter die Nase zu halten. Schmallippig hält sich mein Portemonnaie geschlossen und meine Stirn ziert eine scharf gebügelte Unmutsfalte – oft genug hat mir dies bereits dreiste, bruch-deutsche Verbalinjurien eingetragen, was mir dann wiederum deutlich die Laune verdüsterte. Ich hab es im Guten & Lustigen versucht („Haste auch eine Weiter-Ziehharmonika?“) oder unter Aufbietung angestrengter Humorlosigkeit dargelegt, ich sei weder bereit, dafür zu bezahlen, dass man mich lärmbelästigt, noch auch nur dafür, dass man damit wieder aufhört. Da kann ich richtig bockig werden. Genutzt hat es noch nie.

Natürlich wird man als artiger, toleranter, korrekt auf links gescheitelter Deutscher nicht laut oder handgreiflich, aber das Loblied auf die migrationsbedingte Vielfalt kultureller Bereicherungen in der City hört man mich dann auch nicht unbedingt anstimmen. – Ich möchte ja niemanden belästigen.

Godzilla in der Antitortenschlacht

19. Januar 2010

Mit schweren Beinen: Godzillas Antitortentanz

Am Sonntagnachmittag hatte ich, und wer das als Vergreisungssymptom deuten will, ist dazu herzlich eingeladen, erstmals seit Jahren sog. „Kaffeebesuch“. Eine Dame zwar, aber Damenbesuch wäre dennoch ein Wort, das falsche Assoziationen weckte. Eine alte Freundin aus wüsteren Tagen halt; nennen wir sie, wegen ihrer enormen Hippelichkeit, Ritaline. Als Kind war Ritaline dermaßen hippelig, daß sie schon mit 11 Jahren NRW-Vizelandesjugendmeisterin im Akkordeonschnellspielen wurde. Damals war sie noch nicht der hinreißende „Schwan von Dinslaken“, sondern eine kleine rothaarige Ente mit Zahnspange und glasbausteindicken Brillengläsern. Ihre Tastenraserei ging dessen ungeachtet den ehrlichen Menschen des Reviers ins heiße Blut, oder, je nach Temperament, in die schweren Beine.

Apropos schwere Beine. Ritaline, auch heute, in mittleren Jahren, noch rank wie eine resche, kesse Tscherkessin, brachte ein Riesentablett Sahnetorte mit, zum Teil durchaus auf Eierlikörbasis. Weil wir beide saisonal bedingt deprimiert waren und den Winter-Blues hegten, fraßen wir zum Trost Unmengen Torte in uns hinein, weil, wie Max Goldt sagt, ab und zu auch mal was egal sein muß. Um die viele – und in meinem Fall völlig ungewohnte Torte – zu bewältigen, tranken wir im Anschluß besonnen, aber doch in rascher Folge einige Ouzo hinterher. (Ich hatte nichts besseres im Haus!) Der toxikulinarische Dreiklang Pfefferminztee, Eierlikörsahnetorte plus eisgekühlter Ouzo gab dem Sonntag insgesamt eine extravagant psychedelische Note, die den Winterblues mit einer goldbrokatenen Borte seligsüßer Melancholie umsäumte. Wir verabschiedeten uns tränenreich und unverhohlen blümerant.

Am Abend schrieb ich der grünäugigen Ritaline noch eine E-mail, ihren Besuch nachbereitend und mit Fußnoten-Links versehend. Darauf mailte sie mir eilends zurück, sie könne momentan leider nicht antworten, sie „tanze sich gerade die Torte von den Hüften“, und zwar, wie sie beiläufig anmerkte, „zur Film-Musik von Godzilla“. Ich erinnere mich an diesen Film, nicht aber an die Musik. Den Antitortentanz stelle ich mir daher als einen so breit- wie schwerbeinig dreifach gestampften Häuserzermalmmonstertanz vor, bei dem asthmatisch ächzendes Mobiliar panisch in tausend Stücke springt. In seiner Dramatik untermalt wird der formidable Ausdruckstanz durch gelegentliche gellende Entsetzensschreie, die eine entschiedene und zutiefst menschliche Abneigung gegen scheußliche Häuserzermalmmonster zur Sprache bringen.

Auch wenn ich es nötiger gehabt hätte als Ritaline, verzichtete ich, um meine Restwürde besorgt, auf Antitortentänze. Obschon, so einen breitbeinig aufstampfenden Godzilla hätte ich vielleicht ganz ordentlich hinbekommen. Gleichviel, Ritaline verriet mir, von welchem Dealer sie das locker-lecker-leichte, delikate und versucherische süße Tortengift bezogen hätte: Vom Café Ortjohann! Es sei das beste Haus am Platze und die Torten allemal eine Sünde wert. Das kann ich absolut rückhaltlos bestätigen. In der bevorstehenden Ruhestandszeit, in der gemütliche Tortennachmittage allmählich die Besuche im Swingerclub ersetzen, werde ich die Produkte des Cafés Ortjohann bestimmt öfter wohlwollend in Betracht ziehen. Einen flankierenden Magenbitter, womöglich der Marke „Fernet Branca“, werde ich dann freilich bereit halten.