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Das Würstchen als soziale Skulptur betrachtet

13. Juli 2011

Das Gesicht unserer Stadt? (Foto-Quelle: http://www.rosenheim24.de/bilder)

Wir sind eine Pleite-Kommune. Also sparen! Zum Beispiel durch das Zusammenlegen von Funktionen. Andere Großstädte haben einen OB, wir leisten uns Adolf Sauerland. Er hat Duisburg weltberühmt gemacht hat. Von den üblichen Amtspflichten (Kinder tätscheln, Plätze taufen, Schützenfeste eröffnen) ist er weitgehend suspendiert, dafür arbeitet er als Kunstwerk im öffentlichen Raum, als soziale Skulptur sozusagen.

Wie bei modernen Kunstwerken üblich provoziert er, eckt er an, erregt er Abscheu und Faszination. Moderne Kunst muss wehtun, sie muss geschmacklos sein, ein juckender Stachel im Fleische, und all das kann Herr Sauerland gut. Die berühmte Scherz-Frage: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ stellt sich bei ihm nicht. Nie mehr, wahrscheinlich. Wie einen hässlichen Denkmal-Brunnen aus Beton kriegt man ihn nicht mehr aus dem Stadtbild. Nicht für Geld und böse Worte. Fest hockt er uns im Nacken, klebt wie Pest an der Backe, lastet feist und bleiern auf unserer Seele, nämlich als Mahnmal: Er verkörpert die schlimmstmögliche Antwort auf Immanuel Kants Frage „Was ist der Mensch?“ – der Mensch ist ein monströses Würstchen, eine fade, traurige Erbärmlichkeit, ein peinliches und peinigendes Nichts.

Immerhin ein modernes Würstchen, mag sein, ein Würstchen mit Lotus-Effekt: An ihm prallt und perlt alles ab, Wut, Zorn und Verachtung der Bürger, das Kopfschütteln der Nation, die bohrenden Fragen der Medien; selbst Ketchup, mit dem er bei einem der seltenen Augenblicke, in denen er sich nach dem Loveparade-Desaster zu zeigen wagte, schon mal bekleckert wurde, haftet an der Pelle nicht, genau so wenig Schmach und Schande. Mit wehem, vor Selbstmitleid triefenden Dackelblick hält er seinen Mitbürgern den Spiegel vor: So feige, instinktlos, ohne Haltung, Anstand und Mitgefühl, so bar jeden Sinnes für Stil und menschliche Größe kann einer sein – und trotzdem ihr oberster Repräsentant bleiben! Seit einem Jahr sehen wir zu, wie diese infektiöse Mischung aus Weinerlichkeit und Kälte, Selbstmitleid und Dickfelligkeit. Impertinenz und Indolenz ausweicht, abtaucht, um den Brei herumschleicht, sich wegduckt und jedes Fettnäpfen voll faselt, kurzum, nahezu alles tut, nur das nicht, was jeder Mensch mit Sinn für symbolische Politik für das Naheliegendste hält. Nein, er tritt nicht zurück,  er nicht, sozusagen und buchstäblich ums Verrecken nicht.

Ein Jahr seit der Katastrophe, bei der 21 junge Menschen ihr Leben verloren, – und noch immer hat ihm keiner erklären, aufmalen oder beipulen können, was Verantwortung heißt. Erst dachte er  immer, so hieße die repräsentative Aufgabe, sich im Glanze gelungener Investoren-Aquise und bei der Einweihung protzkotziger Shopping malls zu sonnen; dann, einen Tag nach dem Desaster, glaubte er, Verantwortung sei das, was man auf die Opfer abwälzt, um seine Haut zu retten. Und jetzt? Jetzt hat er eine papierne Floskelgirlande abgehaspelt, der zufolge er „moralische Verantwortung“ für die Katastrophe übernähme. (Kaum waren die Kameras aus, hat er dann gleich wieder „die Medien“ bepöbelt, die angeblich eine „Hetzjagd“ gegen ihn betrieben…) Worin die Übernahme der „moralischen Verantwortung“ denn nun de facto besteht, bleibt rätselhaft.

Das hintergründig Komische dabei: Ob er moralische Verantwortung trägt, ist ja noch nicht mal gesichert; als OB trägt er jedoch die politische Verantwortung als oberster Repräsentant einer Stadtverwaltung, die auf ganzer Linie komplett und desaströs versagt hat; als solcher zurückzutreten, wäre das Minimum an politischer Kultiviertheit gewesen, das selbst einer Beamtenseele zuzumuten ist.

Nun, immerhin, jetzt ist Herr Sauerland ein wahrhafter Repräsentant: Er ist das Gesicht eines juristisch kaum greifbaren Systems aus Dilettantismus und Gier, Verlogenheit, Inkompetenz und Unbelehrbarkeit, Opportunismus, Duckmäusertum und Korruptibilität, Egoismus, Kälte und Instinktlosigkeit, eines Systems, das letztlich, trotz aller verdrucksten, schmierigen Verheucheltheit seiner Vertreter, eine unfassbare Brutalität und Menschenverachtung an den Tag legt, – kurz, Herr Sauerland ist das Gesicht unserer Stadt. Wenn man sich in ihm spiegelt, empfindet man Scham. Sind wir wirklich so hässlich?

Der Mensch Sauerland läuft Gefahr, sich das schlimmste anzutun, was denkbar ist: den sozialen Tod. Irgendwann wird das geduckte Häufchen Aussitzfleisch, ich wage diese Prophezeiung, noch nicht mal mehr Hass auf sich ziehen – sondern nur noch stille, aber grenzenlose Verachtung. Wie man damit leben kann, ist mir ein Rätsel. Aber so ist das mit moderner Kunst. Sie gibt uns Fragen, nicht Antworten.

Der Magister erklärt: „Dialektik“

15. August 2010

Der Dorfrichter Adolf

Immer wieder einmal werde ich zum Beispiel, das ist halt mein Job, gefragt: „Sag, Magister, was ist eigentlich noch mal genau Dialektik?“ – „Ganz einfach“, antworte ich dann keck (schon mal ein guter Anfang, oder?), „Dialektik ist, wenn sich Eines gerade durch sein innewohnendes Anderes, also durch Widerspruch oder Widerlegung, bestätigt und damit letztlich in seinem Sein, auf höherer Ebene hinwiederum, eben gerade durch sein Gegenteil also, bekräftigt, dabei andererseits sich aber auch ganz schön gewandelt hat.“ Manche Wissbegierige murmeln dann rasch: „Ach so, ja, na klar!“ Die meisten aber sagen: „Hä?“ – Ein Mutiger wirft sogar in dem Raum: „Kannze dat vlleich ma annem Beispiel klar machen?“ Kann ich natürlich – ist ja, wie gesagt, mein Job.

Die Veranschaulichung habe ich von unserem Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland, dem, na ja, zumindest dafür, Dank gebührt, nicht wahr? Also, Dialektik ganz einfach. Der moralisch-politisch Verantwortliche des Loveparade-Desasters erklärt heute im Interview: „Ich lehne einen Rücktritt ab, weil das hieße, keine Verantwortung übernehmen zu wollen.“ Nein, das ist nicht, wie der unbelehrte Volksmund glaubt, ein typischer Fall von „vom Schicksal gefickt“, und auch nicht eine simple Zwickmühle, sondern ein Beispiel echter höherer Dialektik. Mit anderen Worten beweist der Kommunal-Dialektiker damit seine höhere moralische Qualität als Nobelmensch erster Klasse, indem er gerade nicht tut, was in der Politik seine ureigene Rollenpflicht wäre, nämlich als federführendes und politisches Stadtoberhaupt zurückzutreten, um den Angehörigen der 21 Todesopfer und der Bevölkerung wenigstens symbolische Genugtuung und Erleichterung zu verschaffen. Er ist ein besserer Mensch, weil er es verschmäht, seiner moralischen Pflicht nachzukommen, weil, das wäre bloß gut, aber eben nicht das Gegenteil von gut, nämlich noch besser.

Oder, für die Lümmel in der letzten Bank, die nie was kapieren: „Ich bin vielleicht ein vernageltes Arschloch. Kann ja sein. Aber das muß erst bewiesen werden. Und damit ich dieser wichtigen Frage auf Grund gehen kann, muß ich widerstrebend im Amt bleiben, damit mir kein vernageltes Arschloch mir in die Untersuchung pfuscht!

In Heinrich von Kleists „Zerbrochenem Krug“ ist es der Dorfrichter Adam, der seine eigene Missetat aufklären will. Das Stück ist eine Komödie, denn es geht ja nur um eine versuchte Vergewaltigung und ein zerschmettertes Gefäß. Wie soll man nennen, was der Duisbu rger Oberbürgermeister mit seinen CDU-Schranzen aufführt? Eine … dialektische Farce? Ein Bubenstück? Eine Schule der Erbärmlichkeit?